Zusammenfassung
Ziel In dem Artikel werden die Ergebnisse von zwei Erhebungen der Gesundheitskompetenz (GK) der Bevölkerung in Deutschland im Zeitvergleich analysiert. Die erste Erhebung erfolgte 2014, die zweite 2020. Untersucht werden die Veränderungen der GK, gemessen über den Grad der subjektiv eingeschätzten Schwierigkeiten bei einzelnen Informationsaufgaben in den drei Bereichen Krankheitsbewältigung/Versorgung, Prävention, Gesundheitsförderung, in der Gesamtbevölkerung und in einzelnen Teilgruppen.
Methodik Die Analysen basieren auf bevölkerungsrepräsentativen Querschnittsdaten, die 2014 im HLS-GER 1 und 2020 im HLS-GER 1‘ erhoben wurden. Dabei kam das international abgestimmte Instrument HLS-EU-Q47 zur Messung der GK zum Einsatz. Veränderungen in den Bevölkerungsgruppen wurden in einer Trendanalyse sowohl uni- und bivariat als auch multivariat analysiert.
Ergebnisse Die GK der Bevölkerung in Deutschland hat sich im Zeitvergleich innerhalb von sechs Jahren statistisch signifikant verschlechtert. Dies lässt sich in allen drei untersuchten Handlungsbereichen beobachten. Der Effekt zeigt sich besonders bei Menschen mit niedrigem Sozialstatus und finanzieller Deprivation.
Schlussfolgerung Im Zeitverlauf ist der Umgang mit gesundheits- und krankheitsbezogenen Informationen schwieriger geworden. Diese Entwicklung ist besonders stark bei sozioökonomisch benachteiligten Bevölkerungsgruppen zu beobachten, was die soziale Ungleichheit im Gesundheitsbereich verstärkt. Die Förderung der GK ist – wie diese und andere Studien zeigen – gesellschaftlich wichtiger denn je und sollte den genannten Bevölkerungsgruppen besondere Beachtung schenken.
Schlüsselwörter: Gesundheitskompetenz, Monitoring, Gesundheitsinformation, HLS-EUQ47, sozioökonomisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen
Abstract
Aim This article compares the results of two health literacy (HL) surveys of the population in Germany over time. The first survey was conducted in 2014, the second in 2020. The changes in GK, measured by the degree of subjectively assessed difficulties in individual information tasks in the three areas of health care, prevention, health promotion, in the total population and in subgroups are examined.
Methodology The analyses were based on population-representative cross-sectional data collected in 2014 and 2020. An internationally coordinated questionnaire (HLS-EU-Q47) was used to measure GK. Changes in the population groups were analysed uni- and bivariately as well as multivariately in a trend analysis.
Results The HL of the German population has worsened statistically significantly within six years. This can be observed in all three overall domains. This effect was particularly evident among people with low social status and financial deprivation.
Conclusion Over time, dealing with health and disease-related information has become more difficult. As this development is mainly driven by socioeconomically disadvantaged population groups, it has apparently increased social inequality in the health sector. Promoting HL – as this and other studies show – is more important for the society than ever and should be given special attention in relation to the above-mentioned population groups.
Key words: Health literacy, monitoring, health information, HLS-EU-Q47, socioeconomically disadvantaged population groups
Einleitung
Gesundheitskompetenz (GK) stellt international seit langem ein bedeutendes Forschungsgebiet dar. Verstanden wird darunter die Fähigkeit, mit gesundheitsrelevanten Informationen umzugehen: sie finden und erschließen, verstehen, beurteilen und konstruktiv für die Entscheidungsfindung bei Gesundheitsfragen nutzen zu können:
„Gesundheitskompetenz basiert auf allgemeiner Literalität und umfasst das Wissen, die Motivation und die Fähigkeiten von Menschen, relevante Gesundheitsinformationen in unterschiedlicher Form zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden, um im Alltag in den Bereichen der Krankheitsbewältigung, Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung Urteile fällen und Entscheidungen treffen zu können […].“1,2 .
In vielen Ländern liegen bereits erste Studien zur GK vor. Durchgängig zeigen sie, dass die GK verbesserungsbedürftig ist, sie einem sozialen Gradienten unterliegt und geringe GK mit zahlreichen negativen Folgen für die Gesundheit und das Gesundheitssystem verbunden ist 3 4 5 . Auch in Deutschland existieren seit knapp zehn Jahren erste Studien, die zu ähnlichen Ergebnissen gelangt sind 5 6 7 8 . Seit längerem wird jedoch betont, dass punktuelle Messungen der GK nur bedingt aussagefähig sind. Gefordert wird daher, die GK wiederholt und sogar regelmäßig zu messen, um so Veränderungen beobachten zu können, Trendaussagen zu ermöglichen und genaue Informationen darüber zu erlangen, von welchen historischen, politischen und soziodemografischen Faktoren die Entstehung und Veränderung der GK abhängig sind 9 10 11 . Solche wiederholten Befragungen existieren bislang unseres Wissens nach nicht. Aktuell ist mit dem Health Literacy Survey 19 (HLS 19 ) des WHO Action Network on Measuring Population and Organizational Health Literacy (M-POHL/WHO Europa) intendiert, ein solches regelmäßiges Monitoring zu beginnen 12 . An ihm sind insgesamt 17 Länder beteiligt, darunter auch Deutschland mit dem HLS-GER 2 13 . Die Erhebungsergebnisse sollen die Baseline für ein Monitoring bilden; eine erste Wiederholungsbefragung ist für 2024 geplant.
Für Deutschland liegen bereits jetzt Ergebnisse einer 2020 durchgeführten Wiederholungsbefragung vor, die erstmals einen Zeitvergleich der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland nach sechs Jahren ermöglicht. Die erste Befragung, der Health Literacy Survey Germany/HLS-GER 1 , wurde im Jahr 2014 mit Unterstützung des Bundesministeriums für Justiz und für den Verbraucherschutz durchgeführt 7 14 . Die zweite Befragung, der Health Literacy Survey Germany/HLS-GER 1‘ , erfolgte 2020 mit Unterstützung des Bundesministeriums für Gesundheit 1 15 . Die Erhebung 2020 erfolgte mit dem gleichen Fragebogen und derselben Methodik wie die Erhebung 2014. Beide Befragungen sind damit direkt vergleichbar.
Ziel des Beitrags ist es, die Ergebnisse dieses Zeitvergleichs darzustellen und die Entwicklung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland zu analysieren. Dabei liegt der Akzent auf der Verteilung der Gesundheitskompetenz in einzelnen Bevölkerungsgruppen, insbesondere mit niedrigem sozioökonomischem Status, und wird gefragt, wie sich die in der ersten Befragung sichtbar gewordene soziale Ungleichheit entwickelt hat.
Methodisches Vorgehen
Zur Messung der GK wurde in beiden Erhebungen das 2012 im Rahmen des europäischen Health Literacy Survey Consortium entwickelte Instrument (HLS-EU-Q47) verwendet 16 . Es besteht aus 47 Items zur Selbsteinschätzung bei der Bewältigung der Anforderungen, gesundheitsrelevante Informationen von Relevanz für die eigene Gesunderhaltung und Krankheitsbewältigung angemessen zu verarbeiten. Die Formulierung der Fragen ist so angelegt, dass vor allem die persönlichen Fähigkeiten bei den einzelnen Schritten der Informationsverarbeitung, zugleich aber auch strukturelle Faktoren wie zum Beispiel die Verständlichkeit von Informationen erfasst werden.
Die Fragen wurden mithilfe einer vierstufigen Skala beantwortet. Für die Kalkulation von Indexwerten wurden den Antwortkategorien Ziffern zugewiesen: sehr schwierig=1, ziemlich schwierig=2, ziemlich einfach=3, sehr einfach=4. Bei Personen, die mindestens 80% der Items beantwortet hatten, wurde ein Indexscore durch Mittelwertberechnung erstellt. Um Vergleiche zwischen den einzelnen Bereichen und Informationsverarbeitungsschritten zu ermöglichen, wurden die Indices in eine gemeinsame Metrik mit Werten zwischen 0 und 50 transformiert und damit für die weitere Berechnung standardisiert. Je höher die Punktzahl, desto höher ist das Niveau der GK. Für eine bessere Veranschaulichung wurden die so ermittelten Indexwerte in unterschiedliche Kategorien gruppiert. Es wurden vier Niveaus von GK unterschieden, die in zwei Kategorien zusammengefasst werden können: 0–25 Punkte=inadäquate GK,>25–33 Punkte=problematische GK (beides zusammen=geringe GK),>33–42 Punkte=ausreichende GK und>42–50 Punkte=exzellente GK (beides zusammen=hohe GK).
Folgende Einflussfaktoren wurden erhoben: Neben Alter (in beiden Studien ab 18 Jahren) und Geschlecht wurde das Bildungsniveau mit Hilfe der internationalen Standardklassifikation ISCED 1997 bzw. 2011 klassifiziert (0–8) und für Vergleiche von Bevölkerungsgruppen kategorisiert (niedrig: 0–2, mittel: 3–4, hoch: 5–8). Der Sozialstatus wurde auf der Basis der Selbsteinschätzung auf einer Skala von zehn Stufen erfasst (gruppiert in niedrig: 1–4, mittel: 5–7, hoch: 8–10) 17 . Die finanzielle Deprivation wurde als Summenscore (0–6) aus drei Variablen berechnet, die ebenfalls auf einer Selbsteinschätzung beruhen („Können Sie bei Bedarf Geld für Medikamente aufbringen, die Sie aus gesundheitlichen Gründen benötigen?“ und „Können Sie es sich leisten, zum Arzt zu gehen?“ jeweils beantwortet mit sehr einfach, ziemlich einfach, ziemlich schwierig und sehr schwierig, sowie „Hatten Sie in den letzten 12 Monaten am Ende des Monats Schwierigkeiten beim Bezahlen Ihrer Rechnungen?“ beantwortet mit nahezu nie/nie, gelegentlich und meistens). Ein höherer Wert steht für eine stärkere finanzielle Deprivation. Um für Vergleiche eine Gruppe mit finanzieller Deprivation zu bilden, wurden diejenigen ausgewählt, die auf die ersten beiden Fragen mit „ziemlich oder sehr schwierig“ oder diejenigen, die auf die dritte mit „meistens“ geantwortet haben. Der Migrationshintergrund wurde danach bestimmt, ob die Person selbst oder mindestens einer ihrer Elternteile in einem anderen Land als Deutschland geboren sind. Für die Angabe zum Vorliegen von chronischer Krankheit wurde gefragt, ob eine oder mehrere Krankheiten oder gesundheitliche Probleme vorliegen, die seit mindestens 6 Monaten andauern oder voraussichtlich andauern werden.
Im Rahmen der Studie HLS-GER 1 erfolgte im Juli/August 2014 eine quantitative Befragung von 2.000 deutschsprachigen Personen ab 15 Jahren in ganz Deutschland mittels computer-assistierter persönlicher Interviews (CAPI). Die Stichprobe wurde über ein zufallsbasiertes Verfahren (Random Route Methode) gebildet [7: S. 31]. Die zweite Studie HLS-GER 1‘ umfasste eine Stichprobe von 504 deutschsprachigen Personen ab 18 Jahren. Der Erhebungszeitraum lag im August/September 2020. Die Befragung wurde anhand papier-assistierter persönlicher Interviews (PAPI) durchgeführt. Die Stichprobenziehung basierte auf einem Quotenverfahren. Beide Stichproben wurden mittels Gewichtung an die Bevölkerungsstruktur laut Mikrozensus angeglichen (nähere Informationen dazu in 15 ). Für eine bessere Vergleichbarkeit wurden die Daten der Personen unter 18 Jahren aus dem HLS-GER 1 für die vorliegenden Analysen ausgeschlossen. Tab. 1 zeigt die Verteilung der für die vorliegende Analyse relevanten Merkmale beider Stichproben. Geschlecht und Alter sind dem Mikrozensus entsprechend bevölkerungsrepräsentativ verteilt; für Sozialstatus und finanzielle Deprivation liegen keine amtlichen Statistiken zum Vergleich vor, und Personen mit Migrationshintergrund sind deutlich unterrepräsentiert, da der Anteil in der Gesamtbevölkerung bei rund 25% liegt. Der stärkste Unterschied zwischen beiden Stichproben liegt im Anteil der Personen mit chronischer Erkrankung. Der wesentlich höhere Anteil im HLS-GER 1‘ liegt nah an dem im Gesundheitsmonitoring des Robert-Koch-Instituts ermittelten Wert 18 und wird daher als bevölkerungsrepräsentativ erachtet. Bei den Analysen sind die geringen Fallzahlen einiger Teilgruppen der Stichprobe von 2020 zu berücksichtigen, die mit statistischen Unschärfen bei den Ergebnissen einhergehen können.
Tab. 1 Stichprobenbeschreibung.
| 2014 (GER 1)° | 2020 (GER 1‘) | |||
|---|---|---|---|---|
| n | %* | n | %* | |
| Gesamt | 1940 | 100 | 504 | 100 |
| Geschlecht | ||||
| Männlich | 909 | 48,7 | 246 | 49,1 |
| Weiblich | 1031 | 51,3 | 256 | 50,9 |
| Fehlend | / | / | 2 | 0,3 |
| Alter | ||||
| 18–29 Jahre | 272 | 16,7 | 79 | 18,0 |
| 30–45 Jahre | 504 | 25,9 | 117 | 22,6 |
| 46–64 Jahre | 707 | 32,7 | 164 | 32,2 |
| ab 65 Jahren | 457 | 24,7 | 141 | 27,2 |
| Fehlend | / | / | 3 | 0,6 |
| Selbsteingeschätzter Sozialstatus | ||||
| Niedrig | 280 | 13,0 | 65 | 15,7 |
| Mittel | 1299 | 69,0 | 307 | 63,6 |
| Hoch | 315 | 18,0 | 101 | 20,7 |
| Fehlend | 46 | 2,5 | 31 | 6,1 |
| Selbsteingeschätzte finanzielle Deprivation | ||||
| Ja | 162 | 7,1 | 35 | 8,2 |
| Nein | 1760 | 92,9 | 443 | 91,8 |
| Fehlend | 18 | 1,0 | 26 | 6,5 |
| Migrationshintergrund | ||||
| Ja | 145 | 7,8 | 46 | 9,8 |
| Nein | 1790 | 92,2 | 454 | 90,2 |
| Fehlend | 5 | 0,3 | 4 | 0,7 |
| Chronische Erkrankung | ||||
| Nein | 524 | 74,3 | 265 | 53,3 |
| Ja | 1409 | 25,7 | 233 | 46,7 |
| Fehlend | 7 | 0,3 | 6 | 1,2 |
°Zu Vergleichszwecken sind Befragte unter 18 Jahren ausgeschlossen; *Gewichtet; Gültige Prozente, außer jeweils bei Kategorie „Fehlend“.
Für die Analysen wurde IBM SPSS Statistics 26 verwendet. Die uni- und bivariaten Analysen wurden mittels Z- und t-Tests vorgenommen, für die multivariaten Analysen wurden lineare Regressionen verwendet. Bei fehlenden Werten wurde ein listenweiser Fallausschluss vorgenommen. Das statistische Signifikanzniveau wurde auf p≤0,05 festgelegt.
Ergebnisse
Gesundheitskompetenz der Bevölkerung im Zeitvergleich
Abb. 1 zeigt, dass im Zeitvergleich zwischen 2014 und 2020 der Anteil der Befragten, die den Umgang mit gesundheitsbezogenen Informationen als schwierig oder sehr schwierig einschätzen, signifikant gestiegen ist: Im Jahr 2014 wiesen 54,3% der volljährigen Bevölkerung in Deutschland eine geringe allgemeine GK auf 7 14 ; im Jahr 2020 sind es 64,2% 15 19 .
Abb. 1.

Niveaus der Gesundheitskompetenz im Zeitvergleich in Prozent.
Wie Abb. 1 weiter dokumentiert, ist in allen drei untersuchten Handlungsbereichen – Krankheitsbewältigung/Versorgung, Prävention, Gesundheitsförderung – eine Verschlechterung eingetreten. In den Bereichen Krankheitsbewältigung/Versorgung und Gesundheitsförderung ist diese Verschlechterung besonders stark ausgeprägt. Der Anteil der Befragten mit inadäquater Kompetenz im Bereich Krankheitsbewältigung hat sich von 10,1% auf 20,3% statistisch signifikant verdoppelt. Im Bereich Gesundheitsförderung war der Anteil geringer GK schon 2014 am höchsten. 2020 haben sich die Werte noch einmal verschlechtert: Über 69% der Befragten weisen hier 2020 eine inadäquate oder problematische GK auf, bei der ersten Befragung 2014 waren es über 60%. Die Verschlechterungen im Bereich Prävention fallen geringer aus. Hier liegen die Anteile von geringer und hoher GK zu beiden Erhebungszeitpunkten etwa gleichauf. Nur der Anteil Personen mit inadäquater GK hat sich statistisch signifikant von 11,5% auf 17,3% erhöht.
Um die Veränderungen statistisch genauer zu analysieren, wird nachfolgend der GK-Score statt der Niveaus verwendet. In Tab. 2 sind die Scores der allgemeinen und bereichsspezifischen GK aus den Daten von 2014 und 2020 aufgeführt. Auch hier ist ein Rückgang der GK zu erkennen. Wie in der dritten Zeile zu sehen, liegt 2020 der Score in fast allen Bereichen rund zwei Scorepunkte niedriger. Bei der Prävention ist die Differenz mit nur rund einem Punkt am kleinsten, bei der Gesundheitsförderung am größten. Um auszuschließen, dass diese Unterschiede mit den unterschiedlichen Verteilungen der assoziierten Faktoren in den beiden Datensätzen zusammenhängen, wurden diese gepoolt und multivariate lineare Regressionen mit den Kontrollvariablen Geschlecht, Alter, Bildung, selbsteingeschätzter Sozialstatus, subjektive finanzielle Deprivation, Migrationshintergrund und chronische Krankheit berechnet. Die so adjustierten Differenzen der Scorewerte sind in der unteren Zeile von Tab. 2 zu sehen. Von einem Rückgang der GK in der Bevölkerung ist weiterhin auszugehen, im Mittel beträgt er rund einen Scorepunkt. Die Differenzen sind statistisch signifikant.
Tab. 2 Scores der Gesundheitskompetenz (0–50) im Zeitvergleich.
| Allgemeine GK | Krankheitsbewältigung/Versorgung | Prävention | Gesundheitsförderung | |
|---|---|---|---|---|
| GK-Score 2014, gewichtet | 32,76 | 34,07 | 33,23 | 30,99 |
| GK-Score 2020, gewichtet | 30,86 | 32,02 | 32,12 | 28,82 |
| Differenz 2020–2014 | −1,9 | −2,05 | −1,11 | −2,17 |
| Differenz adjustiert, ungewichtet Β-Koeffizient (p-Wert) | −1,11 (0,001) | −0,99 (0,007) | −0,92 (0,018) | −1,41 (0,000) |
Im Folgenden sollen Veränderungen der GK in einzelnen Bevölkerungsgruppen anhand der gruppenbezogenen Mittelwerte der GK-Scores von 2014 und 2020 betrachtet werden. Dieser Vergleich ist – zur Verdeutlichung nur für den Scorebereich von 20 bis 40 – in Abb. 2 dargestellt. Die Balken stellen die Mittelwerte der gewichteten Stichproben dar, in denen auch die 95%-Konfidenzintervalle eingezeichnet sind, um Aussagen über die Übertragbarkeit auf die Gesamtpopulation zu ermöglichen. Wenn sich die Intervalle nicht überschneiden, kann mit hoher Wahrscheinlichkeit (p<0,05) auch von einem Unterschied ausgegangen werden. Das erste Balkenpaar entspricht den Werten aus Tab. 2 .
Abb. 2.

Scores der Gesundheitskompetenz in Bevölkerungsgruppen im Zeitvergleich.
Bei Männern und Frauen lassen sich bis auf eine Ausnahme bei allen Scores etwa gleich große Unterschiede zwischen den Erhebungsjahren feststellen. Im Bereich Krankheitsbewältigung/Versorgung ist der Score der Frauen stärker gesunken als der Score der Männer. Im Vergleich der Altersgruppen tritt die Gruppe der 30- bis 45-Jährigen bei fast allen Scores mit der größten durchschnittlichen Abweichung hervor. Auch hier liegt die Ausnahme im Bereich Krankheitsbewältigung/Versorgung: Der größte Rückgang ist bei diesem Score bei den ältesten Befragten zu erkennen. Für diese Gruppe zeigt sich im Bereich Prävention jedoch fast kein Unterschied zwischen 2014 und 2020. Hinsichtlich des Bildungsniveaus kann die größte Abweichung bei der Gruppe mit niedrigem Bildungsniveau ausgemacht werden, was wohl vorrangig auf den starken Rückgang im Bereich der Krankheitsbewältigung/Versorgung zurückzuführen ist, denn in den anderen Bereichen tritt die Gruppe mit mittlerem Bildungsniveau hervor.
In der Gruppe der Personen, die laut eigener Einschätzung einen niedrigen Sozialstatus aufweisen, können bei allen Scores im Durchschnitt die größten Abweichungen beobachtet werden. In der statushohen Gruppe lassen sich hingegen keine substanziellen Unterschiede zwischen den beiden Erhebungsjahren feststellen. Wie zu sehen ist, vergrößern sich dadurch die Abstände zwischen den Gruppen. Eine stärkere negative Entwicklung aller 4 Scores ist auch in der Gruppe der Personen, die in unseren Analysen als finanziell depriviert eingestuft werden, zu erkennen. Diese Abweichungen sind aber nicht statistisch signifikant, was wohl auf die zumindest in unseren Stichproben eher kleine Gruppengröße zurückzuführen ist (s. Tab. 1 ), was die Standardfehler erhöht und zu größerer statistischer Unsicherheit führt.
In der Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund sind bei allen Scores vergleichsweise geringe und auch nicht statistisch signifikante Unterschiede zwischen den Erhebungsjahren feststellbar. Dies gilt ebenso für die Gruppe der Menschen mit mindestens einer chronischen Krankheit.
Im nächsten Schritt wird untersucht, ob es Veränderungen der mit der GK assoziierten Faktoren gibt. Dafür wurden für beide Datensätze getrennte lineare Regressionen mit den bereits benannten Faktoren wieder jeweils für die allgemeine und bereichsspezifischen GK berechnet. Die Ergebnisse sind in Tab. 3 aufgelistet.
Tab. 3 Assoziierte Faktoren mit Gesundheitskompetenz 2014 und 2020 – Ergebnisse linearer Regressionen.
| 2014 (n=1763) | 2020 (n=361) | ||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| B-Koeffizient | Signifikanzniveau | Stand. Koeffizient β | B-Koeffizient | Signifikanzniveau | Stand. Koeffizient β | ||
| AV: Score Allgemeine GK | Konstante | 32,58 | 0,000 | 29,14 | 0,000 | ||
| Geschlecht | 0,49 | 0,068 | 0,04 | −0,01 | 0,990 | 0,00 | |
| Alter | −0,04* | 0,000 | −0,10 | −0,05* | 0,015 | −0,12 | |
| Bildungsniveau | 0,42* | 0,000 | 0,10 | 0,35 | 0,077 | 0,09 | |
| Selbstein. Sozialstatus | 0,38* | 0,000 | 0,09 | 1,02* | 0,000 | 0,22 | |
| Finanzielle Deprivation | −1,07* | 0,000 | −0,26 | −1,46* | 0,000 | −0,31 | |
| Migrationshintergrund | −1,58* | 0,002 | −0,07 | −0,11 | 0,929 | 0,00 | |
| Chronische Krankheit | −2,13* | 0,000 | −0,15 | −1,33 | 0,058 | −0,09 | |
| Korrigiertes R² | 0,198 | 0,273 | |||||
| AV: Score GK Krankheitsbewältigung/Versorgung | Konstante | 35,61 | 0,000 | 31,84 | 0,000 | ||
| Geschlecht | 0,05 | 0,855 | 0,00 | −1,09 | 0,108 | −0,07 | |
| Alter | −0,06* | 0,000 | −0,15 | −0,08* | 0,000 | −0,19 | |
| Bildungsniveau | 0,38* | 0,000 | 0,08 | 0,31 | 0,147 | 0,07 | |
| Selbstein. Sozialstatus | 0,43* | 0,000 | 0,10 | 1,27* | 0,000 | 0,26 | |
| Finanzielle Deprivation | −1,09* | 0,000 | −0,24 | −1,12* | 0,000 | −0,22 | |
| Migrationshintergrund | −1,42* | 0,011 | −0,05 | 0,86 | 0,498 | 0,03 | |
| Chronische Krankheit | −2,74* | 0,000 | −0,18 | −1,46 | 0,05 | −0,10 | |
| Korrigiertes R² | 0,213 | 0,27 | |||||
| AV: Score GK Prävention | Konstante | 31,06 | 0,000 | 27,48 | 0,000 | ||
| Geschlecht | 1,03* | 0,001 | 0,07 | 0,82 | 0,281 | 0,05 | |
| Alter | −0,01 | 0,177 | −0,03 | −0,01 | 0,809 | −0,01 | |
| Bildungsniveau | 0,48* | 0,000 | 0,10 | 0,37 | 0,123 | 0,08 | |
| Selbstein. Sozialstatus | 0,29* | 0,02 | 0,06 | 0,88* | 0,002 | 0,17 | |
| Finanzielle Deprivation | −1,03* | 0,000 | −0,23 | −1,51* | 0,000 | −0,29 | |
| Migrationshintergrund | −1,48* | 0,015 | −0,06 | −0,18 | 0,900 | −0,01 | |
| Chronische Krankheit | −0,90* | 0,022 | −0,06 | −1,12 | 0,178 | −0,07 | |
| Korrigiertes R² | 0,103 | 0,18 | |||||
| AV: Score GK Gesundheitsförderung | Konstante | 31,00 | 0,000 | 27,83 | 0,000 | ||
| Geschlecht | 0,41 | 0,198 | 0,03 | 0,35 | 0,643 | 0,02 | |
| Alter | −0,04* | 0,000 | −0,09 | −0,05* | 0,018 | −0,12 | |
| Bildungsniveau | 0,42* | 0,000 | 0,08 | 0,41 | 0,083 | 0,09 | |
| Selbstein. Sozialstatus | 0,42* | 0,001 | 0,09 | 0,90* | 0,001 | 0,17 | |
| Finanzielle Deprivation | −1,08* | 0,000 | −0,23 | −1,73* | 0,000 | −0,32 | |
| Migrationshintergrund | −1,83* | 0,003 | −0,07 | −1,03 | 0,46 | −0,03 | |
| Chronische Krankheit | −2,68* | 0,000 | −0,16 | −1,39 | 0,091 | −0,09 | |
| Korrigiertes R² | 0,167 | 0,239 | |||||
Variablenbeschreibung: GK-Scores (0–50), Geschlecht (0 männlich, 1 weiblich), Alter in Jahren (18–91), Bildungsniveau (ISCED-Klassifikation 0–8), Sozialstatus (1–10), finanzielle Deprivation (0–6), Migrationshintergrund (0 nein, 1 ja), chronische Erkrankung (0 nein, 1 ja); *statistisch signifikant bei p<0,05.
In den Daten aus dem Jahr 2014 hängen sowohl die allgemeine als auch die bereichsspezifischen GK statistisch signifikant mit Bildungsniveau, selbsteingeschätztem Sozialstatus, finanzieller Deprivation, Migrationshintergrund und chronischer Krankheit zusammen. Eine höhere GK ging den Ergebnissen folgend mit höherer formaler Bildung und höherem Sozialstatus einher, während bei finanzieller Deprivation, einem Migrationshintergrund oder dem Vorliegen chronischer Krankheit eine geringere GK zu beobachten war. Zudem zeigt sich bei allgemeiner GK sowie in den Bereichen Krankheitsbewältigung und Gesundheitsförderung ein negativer Alterseffekt, also eine abnehmende GK bei zunehmendem Alter.
In den aktuellen Daten aus der Befragung von 2020 stehen ausschließlich Alter (auch hier nicht bei Prävention), selbsteingeschätzter Sozialstatus und finanzielle Deprivation in Verbindung mit der GK. Der Sozialstatus und die finanzielle Deprivation sind hier jedoch sehr starke Prädiktoren. Ihr Einfluss hat also zugenommen, was sich nicht nur anhand der größeren Koeffizienten, sondern auch dem größeren Anteil erklärter Varianz erkennen lässt, die der R²-Wert widerspiegelt. Die restlichen Faktoren weisen in der Tendenz die gleichen Zusammenhangsrichtungen auf wie 2014. Ihre Koeffizienten sind aber schwächer und nicht statistisch signifikant, was gegen einen systematischen Zusammenhang spricht.
Eine zusätzliche Analyse mit dem gepoolten Datensatz und Erhebungsjahr-Interaktionsvariablen (unabhängige Variablen multipliziert mit Dummyvariable für das Erhebungsjahr) zeigt, dass der subjektive Sozialstatus und die finanzielle Deprivation in ihrer Zusammenhangsstärke tatsächlich statistisch signifikant (p<0,1) zugenommen haben (hier nicht dargestellt, Bereitstellung auf Anfrage).
Einzelne gesundheitsbezogene Informationsaufgaben im Zeitvergleich
Um die Veränderungen im Detail besser nachvollziehen zu können, wird im Folgenden eine Auswertung einzelner Informationsaufgaben vorgenommen, aus denen sich die GK-Indizes zusammensetzen. Dabei werden aus den drei untersuchten Bereichen jeweils die Informationsaufgaben betrachtet, bei denen die stärkste Veränderung zwischen 2014 und 2020 zu verzeichnen ist (weitere Informationsaufgaben in 15 ). Als Kriterium für die Auswahl wird eine Zunahme im Gesamtdurchschnitt von mindestens 15 Prozentpunkten bei den Antwortkategorien „sehr schwierig“ und „ziemlich schwierig“ zugrunde gelegt.
Krankheitsbewältigung/Versorgung:
Beurteilen, ob Informationen über eine Krankheit in den Medien vertrauenswürdig sind*
Vor- und Nachteile von verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten beurteilen
Beurteilen, inwieweit Informationen ihres Arztes auf Sie zutreffen*
Beurteilen, wann Sie eine zweite Meinung von einem anderen Arzt einholen sollten*
Vor allem die Schwierigkeiten bei der Beurteilung und Einschätzung von Informationen aus den Medien scheinen sich von 2014 bis 2020 erheblich vergrößert zu haben. Die Befragten sehen sich außerdem vor mehr Schwierigkeiten bei der Beurteilung von Informationen über Behandlungsalternativen und generell bei der Information durch Ärztinnen und Ärzte gestellt. Das ist deshalb bemerkenswert, weil sie nach wie vor am häufigsten als wichtigste Informationsquelle genannt werden, 2020 sogar noch einmal signifikant mehr, von fast jeder neunten befragten Person 15 .
Prävention:
Beurteilen ob die Informationen über Gesundheitsrisiken in den Medien vertrauenswürdig sind*
Aufgrund von Informationen aus den Medien entscheiden, wie Sie sich vor Krankheiten schützen können*
Aufgrund von Ratschlägen von Familie und Freunden entscheiden, wie sie sich vor Krankheiten schützen können*
Auffällig ist, dass auch im Bereich der Prävention zwei Medieninformationsaufgaben an erster Stelle stehen. Dies weist erneut darauf, dass der Umgang mit Informationen aus den Medien, seien es konventionelle oder digitale Medien, 2020 aus Sicht der Bevölkerung mit größeren Anforderungen und Verunsicherungen als 2014 verbunden ist. Das private Umfeld kann hier offenbar keine ausreichende Unterstützung leisten, auch nicht bei der Entscheidung über Fragen der Krankheitsvorbeugung, wie die dritte aufgeführte Informationsaufgabe zeigt.
Gesundheitsförderung:
Etwas über politische Veränderungen herauszufinden, die Auswirkungen auf die Gesundheit haben könnten
Entscheidungen zu treffen, die ihre Gesundheit verbessern*
Ihre Lebensverhältnisse zu beeinflussen, die Auswirkungen auf ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden haben*
Vor allem das Nachverfolgen von Entscheidungen im politischen Raum ist zunehmend mit Problemen behaftet: Die Befragten finden es schwieriger als zuvor, Informationen darüber zu finden, wie die Relevanz politischer Veränderungen für sie und ihre Gesundheit einzuschätzen ist. Für schwieriger halten sie auch, informierte Entscheidungen zur eigenen Gesundheitsförderung zu treffen oder dazu Einfluss auf ihre Lebensverhältnisse zu nehmen. Daraus lässt sich ableiten, dass die heutigen Formen und Formate der Gesundheitskommunikation in der Bevölkerung zu weiten Teilen auf Irritationen und Unverständnis stoßen.
Unter den Bevölkerungsgruppen, bei denen die aufgezeigten Verschlechterungen der einzelnen Informationsaufgaben jeweils besonders stark auftreten, ragt die mit einem niedrigen selbsteingeschätzten Sozialstatus heraus. Obwohl Personen, die dieser Gruppe zugeordnet werden, bereits 2014 überdurchschnittlich häufig Schwierigkeiten angegeben hatten, kann bei ihnen im Zeitvergleich zusätzlich ein überdurchschnittlicher Anstieg der Antworten „sehr/ziemlich schwierig“ beobachtet werden. In dieser Gruppe ist die Liste der Informationsaufgaben, bei denen 2020 häufiger Schwierigkeiten bei der Informationsverarbeitung angegeben wurden, am längsten. Diese sind oben mit Stern markiert. Im Vergleich dazu sind in der statushohen Gruppe bei neun der zehn gelisteten Informationsaufgaben unterdurchschnittliche Anstiege zu beobachten. Dies führt zu einer größeren Kluft zwischen diesen beiden Gruppen und steht im Einklang mit der oben gezeigten zugenommenen Relevanz des Sozialstatus auf Ebene der GK-Scores. Im Vergleich dazu hat sich nur bei wenigen der aufgeführten Informationsaufgaben der Anteil angegebener Schwierigkeiten unter Personen mit niedrigem Bildungsniveau, Personen zwischen 18 und 29 sowie ab 65 Jahren und Personen mit finanzieller Deprivation im Zeitverlauf überdurchschnittlich stark erhöht.
Diskussion
Mit den beiden Studien HLS-GER 1 und HLS GER 1‘ liegen erstmals empirische Erkenntnisse zur Veränderung der GK der Bevölkerung in Deutschland im Zeitvergleich vor, denn beide aufeinander aufbauenden Studien erfolgten mit der gleichen Methodik und dem gleichen Messinstrument.
Die Ergebnisse zeigen, dass im Verlauf der letzten sechs Jahre eine Verschlechterung der GK der Bevölkerung eingetreten ist, es den Befragten also deutlich schwerer als im Jahr 2014 fällt, mit gesundheitsrelevanten Informationen umzugehen und sie zu verarbeiten. Dabei haben sich Tendenzen, die auch 2014 zu beobachten waren, verstärkt: Schon vor sechs Jahren wies die Mehrheit der Bevölkerung, nämlich 54,3%, eine geringe GK auf. Dieser Anteil ist in der Zwischenzeit noch weiter angewachsen: konkret auf 64,2%. Ein Anstieg ist in allen drei erfragten Handlungsbereichen (Krankheitsbewältigung/Versorgung, Prävention und Gesundheitsförderung) zu verzeichnen.
Sowohl die Regressionsanalysen zur Erklärung der Varianz der GK-Scores als auch die Analysen für einzelne Informationsaufgaben zeigen, wie stark die Verschlechterung der GK im Zeitverlauf auf sozioökonomische Variablen zurückzuführen ist: Ganz offensichtlich spielen ein niedriger Sozialstatus und ein hohes Ausmaß von finanzieller Deprivation eine Schlüsselrolle. Mit geringerer Wirkung ist auch ein niedriger Bildungsgrad anzuführen. Gesundheitskompetenz ist somit im Jahr 2020 noch stärker als im Jahr 2014 eine Frage des sozialen und finanziellen Status geworden. Offenbar bedarf es heute noch mehr als vor sechs Jahren eines gut abgesicherten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Status, um ausreichend gesundheitskompetent zu sein, also die Fähigkeit zu besitzen, angemessen mit für die eigene Lebenssituation relevanten Gesundheitsinformationen umgehen zu können und daraus Konsequenzen für das eigene Verhalten abzuleiten. Das gilt sowohl für Informationen, die sich auf die Krankheitsbewältigung beziehen, als auch für solche, mit denen der Eintritt von Krankheiten vorhindert bzw. die Gesundheit erhalten und gefördert werden kann.
Im Zeitvergleich hat sich damit die soziale Ungleichheit bei der Gesundheitskompetenz verstärkt, was andeutet, wie anspruchsvoll der Umgang mit Gesundheitsinformationen geworden ist. Aufgrund der komplexer und anspruchsvoller gewordenen Gesundheitsinformationslandschaft sind offenbar vor allem Personen mit geringen sozioökonomischen Ressourcen überfordert und können weder die komplexen kognitiven und literalen Fähigkeiten noch die vielfältigen technischen und zeitlichen Ressourcen aufbringen, um sich angemessen mit Gesundheitsinformationen auseinanderzusetzen und sie auf die eigene Lebenssituation zu beziehen. In Anbetracht der negativen gesundheitlichen Konsequenzen geringer Gesundheitskompetenz 13 20 21 die laut neueren Erkenntnissen insbesondere bei sozioökonomisch benachteiligten Personen zum Tragen kommt 22 23 24 ist daher auch von einer Verstärkung sozialer Ungleichheit in der Gesellschaft auszugehen. Daraus ergeben sich große Herausforderungen für das Gesundheitssystem und die Gesundheitspolitik in Deutschland.
Ähnliche Tendenzen werden bei der Analyse der Schwierigkeiten deutlich, die bei den einzelnen Informationsaufgaben angegeben werden. Denn auch hier fallen Personen mit niedrigem Sozialstatus als diejenigen auf, bei denen ein überdurchschnittlich hoher Anstieg an Schwierigkeiten bei einzelnen Informationsaufgaben zu verzeichnen ist. Bei der Förderung von GK sind sie daher besonders zu beachten.
Inhaltlich betrachtet ist bemerkenswert, dass vor allem die Beurteilung von Informationen als schwierig angesehen wird. Dies weist darauf, dass die Vertrauenswürdigkeit und Zuverlässigkeit von Informationen verbesserungsbedürftig ist und Informationen einfacher einschätzbar werden müssen, wie es seit langem gefordert wird 25 . Zudem sticht hervor, dass der Umgang mit Informationen in den Medien, der schon 2014 von einem großen Teil der Bevölkerung als schwierig eingeschätzt wurde, 2020 noch einmal von mehr Personen für schwierig befunden werden. Anzunehmen ist, dass die Zunahme digitaler Informationen und der Bedeutungszuwachs digitaler Medien dabei eine große Rolle spielen 15 26 . Doch auch Aufgaben, die sich auf den Wandel der Patientenrolle hin zu aktiver Mitwirkung und Ko-Produktion und die damit gestiegenen Ansprüche an das Informationsverhalten beziehen, werden für schwieriger gehalten. Einmal mehr deutet dies auf die zahlreichen Herausforderungen und Hürden hin, die sich auf dem Weg zur Veränderung der Patientenrolle stellen und unterstreicht, wie wichtig es ist, geeignete Rahmenbedingungen für einen solchen Wandel und ebenso für eine informations- und nutzerfreundliche Gestaltung des Gesundheitssystems zu schaffen.
Die HLS GER 1/GER 1‘ Studie ist – wie erwähnt – eine der ersten, die die Entwicklung der Gesundheitskompetenz analysiert und einen Zeitvergleich vornimmt. Wir gehen davon aus, dass in Zukunft neben der bereits recht gut etablierten wiederholten Messung des Gesundheitsstatus der Bevölkerung auch die Messung der Gesundheitskompetenz zu einer Routineaktivität werden muss. Nicht nur der tatsächlich erreichte Stand von Gesundheit und Krankheit, sondern auch die Fähigkeit der Bevölkerung, angemessen mit Gesundheitsinformationen umzugehen, ermöglichen eine Aussage darüber, wie erfolgreich die Gesundheitspolitik eines Landes ist. In diesem Sinne plädieren wir dafür, in ein regelmäßiges Monitoring der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung einzutreten und dabei auf den Erfahrungen dieser Pionierstudie aufzubauen.
Limitationen: Die zweite Befragung HLS-GER 1‘ fand im Spätsommer 2020 statt und dürfte durch die Erfahrungen der Bevölkerung mit der Corona-Pandemie mitgeprägt sein 13 27 28 . Dafür spricht, dass in einer aktuellen Studie gezeigt werden konnte, dass die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland – und insbesondere in einigen Teilgruppen – zu diesem Zeitpunkt besser war als vor der Pandemie 13 29 . Auch in einer sehr ähnlich angelegten norwegischen Studie zur Gesundheitskompetenz gab rund ein Viertel der Befragten an, dass ihre Antworten durch die Pandemie beeinflusst seien 30 : S. 25].
Zudem ist für die zweite Befragung eine vergleichsweise kleine Stichprobe verwendet worden, was mit einer erhöhten statistischen Unsicherheit einhergeht. Auch wurde bei fehlenden Werten ein listenweiser Fallausschluss vorgenommen, was die Stichprobengröße weiter verringert und die Gefahr eines item non-response bias birgt 31 . Des Weiteren ist zu erwähnen, dass es sich sowohl bei dem Instrument zur Messung der Gesundheitskompetenz als auch bei der Operationalisierung zentraler Determinanten um Selbsteinschätzungen der Befragten handelt, die Verzerrungen unterliegen können.
Interessenkonflikt Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Die inzwischen ebenfalls abgeschlossene Erhebung Health Literacy Survey Germany/HLS-GER 2, die Teil der international vergleichenden Studie HLS 19 ist, verwendet den überarbeiteten Fragebogen. Aus diesem Grund ist ein Direktvergleich der Studien HLS-GER 1 und HLS-GER 2 nicht möglich.
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