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. 2022 Mar 22;84(4):310–318. [Article in German] doi: 10.1055/a-1773-0786

Stigmatisierungserfahrungen bei beruflich Pflegenden im Kontext von Covid-19 – eine Qualitative Studie

Experiences of Stigmatization Among Professional Caregivers in the Context of Covid-19 – a Qualitative Study

Gudrun Faller 1, Maria Zeiser 2, Laura Geiger 1, Martin Schieron 1, Noemi Skarabis 1, Lea Scheuvens 2, Melanie Schubert 2, Marlen Melzer 3, Uta Wegewitz 4, Andreas Seidler 2, Maria Girbig 2
PMCID: PMC11248541  PMID: 35318623

Abstract

Objective Healthcare workers seem to be more affected by stigma due to the Covid-19 pandemic compared to other occupational groups. However, there is very little research on this topic. The aims of the present study were to investigate pandemic-related stigmatization experiences among nursing and medical staff in Germany and determine the type and effects of stigmatization as well as appropriate prevention and intervention measures.

Methods The interviews were conducted by a semi-structured interview guide and evaluated using qualitative content analysis.

Results Sixteen nurses participated in the interviews. Sources of stigmatization were friends and acquaintances, family members, executives, colleagues, patients and their relatives, strangers and public media. Some of the interviewed persons reported self-stigmatization. A common cause of stigma in the private environment was the fear of infection. In the context of the work, illness-related absence was also named as one of the causes of stigma. The interviewees reported about distancing and avoiding contact, as well as allegations they were faced with. As a result, they suffered from negative feelings and partially from psychosomatic complaints. Some interviewees tried to avoid stigmatization by concealing their own profession or place of work. Help was offered in private and professional context in form of conversations and encouragement.

Conclusion Stigmatization of healthcare professionals during the pandemic has hardly been explored in Germany. There is a particular need for research to quantify the extent, manifestations and effects of work-related stigmatization and to develop suitable preventive measures at workplace and outside of work.

Key words: Stigma, discrimination, covid-19, nurses, work-related stress

Hintergrund und Fragestellung

Infolge der Covid-19-Pandemie waren und sind Beschäftigte im Gesundheitswesen besonderen Arbeitsbelastungen ausgesetzt. Vielfach erreichten sie ihre Beanspruchungsgrenzen oder überschritten diese [u. a. 1–3]. Gleichzeitig zeigten die Ergebnisse eines systematischen Reviews mit Metaanalyse zum Stigmatisierungsgeschehen im Kontext von übertragbaren Erkrankungen, dass VertreterInnen der Gesundheitsberufe wie ÄrztInnen und beruflich Pflegende häufig berufsbedingte Stigmatisierung im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie wahrnehmen 4 5 . Die dort einbezogenen Studien machten zudem deutlich, dass Stigmatisierungserfahrungen mit einer Risikoerhöhung für Depressionen und Angst einhergehen 4 .

Die hier vorgestellte Studie verfolgte das Ziel, Einblick in das durch Covid-19 bedingte Stigmatisierungsgeschehen gegenüber ÄrztInnen und beruflich Pflegenden in Deutschland zu erhalten. Aufgrund des geringen Rücklaufs bei den ärztlichen Berufsgruppen werden vorliegend lediglich die Ergebnisse für die beruflich Pflegenden dargestellt. Bei der Studie stand besonders die Ermittlung spezifischer Details hinsichtlich Art und Auswirkung der Stigmatisierungserfahrungen sowie bezüglich geeigneter Maßnahmen der Prävention und Intervention im Vordergrund.

Im Rahmen der folgenden Darstellungen wurde Stigmatisierung in Anlehnung an Böhm und Seichter 2018 6 als „die Zuordnung von Individuen zu einer Randgruppe aufgrund von bestimmten, negativ bewerteten Attributen“ verstanden. Sie verbindet sich mit der Erwartung an abweichendes Verhalten, führt zu Interaktions- und Kommunikationsstörungen und in der Folge zur Diskriminierung der Betroffenen.

Methodik

Es wurden leitfadengestützte, teilstandardisierte Interviews mit beruflich Pflegenden und Ärztinnen durchgeführt, die im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie Stigmatisierung wahrgenommen haben.

Das zunächst geplante Vorgehen, über einschlägige Einrichtungen des Gesundheitswesens betroffene Interviewpersonen (IP) zu gewinnen, erwies sich als wenig erfolgreich (n=1). Dagegen erzielte die Rekrutierung über Aufrufe in Fachmedien/über Verbände (n=8) sowie die Aktivierung von Privatkontakten (n=9) eine höhere Beteiligung. Es wurden nur Personen der interessierenden Professionen angesprochen und in die Studie eingeschlossen, die aus eigener Sicht im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie Stigmatisierung aufgrund ihrer Berufstätigkeit erfahren haben. Zeigte sich im Interviewverlauf, dass entsprechende Erfahrungen doch nicht vorlagen, wurde das Gespräch nicht in die Auswertung einbezogen.

Das Stigmatisierungsverständnis richtete sich dabei nach dem, was die interviewten Personen als Stigmatisierung beschrieben, unabhängig davon, ob dies von Außenstehenden ebenfalls als Stigmatisierung eingeschätzt worden wäre. Die Leitfadenerstellung basierte auf dem zu Projektbeginn aktuellen Stand der internationalen Forschung zum Thema 4 .

Um ein umfassendes Bild zu erhalten, sollte in die Interviews ärztliches und pflegerisches Personal aus einem breiten Spektrum verschiedener Arbeitsbereiche einbezogen werden. Ebenso war es das Ziel, eine Heterogenität der Stichprobe in Bezug auf Geschlecht, Alter und Migrationshintergrund zu erreichen. Die Rekrutierung der Befragten erfolgte über Institutionen im Gesundheitswesen, Medien und persönliche Kontakte.

Bei der Erstellung des Interviewleitfadens sowie bei der Durchführung der Interviews orientierte sich das Forschungsteam an den Qualitätsanforderungen nach Helfferich 2011 7 . Inhaltlich erfasste der Leitfaden die Themen ‚Art der Berührung mit Covid-19‘, ‚Art der Stigmatisierungserfahrung‘, ‚Gefühle und Bewältigungsversuche im Umgang mit der Stigmatisierungserfahrung‘, ‚Reaktionen aus dem sozialen Umfeld und dem Arbeitskontext‘, ‚erwünschte Präventionsansätze‘.

Die Teilnehmenden wurden über Ziel, Inhalt, Zeitumfang, Freiwilligkeit und Datenschutz/Anonymität der Befragung vorab aufgeklärt.

Die Interviews wurden telefonisch bzw. digital geführt, aufgezeichnet und transkribiert. Die Auswertung erfolgte mittels qualitativer Inhaltsanalyse 8 unter Nutzung der Analysesoftware MAXQDA (Version: 20.0.0) anhand der anonymisierten Transkripte. Alle Transkripte wurden, um die intersubjektive Übereinstimmung zu erhöhen, durch jeweils zwei Personen unabhängig voneinander analysiert und anschließend bei Unstimmigkeiten diskutiert 7 . Dabei wurde ein deduktiv-induktives Vorgehen zugrunde gelegt. Zunächst wurde das Kategoriensystem mit Hilfe der theoretischen Grundlagen sowie des Interviewleitfadens entwickelt und auf Basis der geführten Interviews sukzessiv induktiv erweitert und angepasst 8 9 . Das endgültige Kategoriensystem fand anschließend systematisch auf alle Transkripte Anwendung.

Ergebnisse

Stichprobe

Insgesamt nahmen sechzehn beruflich Pflegende, die berufsbedingte Stigmatisierung im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie wahrgenommen haben, an den 20- bis 60-minütigen Interviews teil. Die zunächst vorrangig geplante Rekrutierung der ProbandInnen über ausgewählte ambulante und stationäre Einrichtungen erwies sich nur in einem Fall als erfolgreich. Die Rekrutierung der übrigen Interviewten erfolgte über die Aktivierung privater Verbindungen (n=9) sowie über Aufrufe in Medien (n=8).

Die Teilnehmenden waren zwischen 23 und 57 Jahre alt (Frauen: n=12; Männer: n=4). Drei Personen berichteten von einem Migrationshintergrund 1 . Neun IP gehörten der Berufsgruppe der Gesundheits- und Krankenpflege an. Ebenfalls nahmen vier Altenpflegefachpersonen, zwei Pflegehelferinnen und eine Heilerziehungspflegerin an den Interviews teil.

Zehn IP waren vorwiegend in Krankenhäusern bzw. Universitätskliniken, fünf in Alten- und Pflegeheimen und eine IP in den beiden letztgenannten Einrichtungsarten im Wechsel tätig.

Ein Großteil der Tätigkeitsbereiche der IP (n=15) erstreckte sich auf die direkte Pflege von Erkrankten oder Pflegebedürftigen sowie auf organisatorische Aufgaben. Als fachbezogene Einsatzbereiche wurden die Altenpflege, Intermediate Care (IMC) Stationen, Intensivstationen, chirurgische, geriatrische und internistische Stationen sowie eine Kinder- und Jugendpsychiatrie genannt.

Von sechzehn Befragten waren zwei Personen in mittleren Führungspositionen tätig (Schichtleitung und Wohnbereichsleitung). Zwei weitere IP hatten Aufgaben inne, die sich mit der Ausbildung neuer Mitarbeitender und Auszubildender befassten (Pflegetraining, Praxisanleitung).

Elf der IP waren im Rahmen ihrer Berufstätigkeit mit SARS-CoV-2-infizierten Patientinnen und Patienten im direkten Kontakt, zehn von diesen häufig und intensiv (vorwiegend patientennahe Pflegetätigkeiten ohne Mindestabstand). Fünf IP hatten im Rahmen ihrer Berufstätigkeit keinerlei Umgang mit entsprechend infizierten oder erkrankten Personen.

Stigmatisierungsquellen

Als Personengruppen, von denen berufsbedingte Stigmatisierung gegenüber den teilnehmenden Befragten ausging, wurden Freunde und/oder Bekannte (n=12) sowie Familienangehörige (n=5) und fremde Personen (n=7) genannt. Außerdem nahmen die IP Stigmatisierung auch im Arbeitskontext wahr (n=7), d. h. durch Vorgesetzte, KollegInnen oder PatientInnen sowie deren Angehörige. Vier der Befragten vertraten die Meinung, dass auch die öffentliche Berichterstattung durch die Medien diffamierende Darstellungen enthielt. In Aussagen von drei Interviewten ließ sich zudem das Phänomen der Selbststigmatisierung erkennen.

Zur Veranschaulichung der Ergebnisdarstellung wird im nachfolgenden Text – wenn vorhanden – auf die nummerierten Ankerbeispiele in den Tabs. 1 2 3 4 verwiesen.

Tab. 1 Anlässe für Stigmatisierung, mit Stigmatisierungsquelle(n) und Ankerbeispielen.

Anlass für Stigmatisierung Stigmatisierungsquelle(n) Ankerbeispiel
I a Angst vor Ansteckung – aufgrund der Arbeit im Krankenhaus Freunde und Bekannte, Patientinnen und Patienten „Ich glaube, bei den Personen hat natürlich auch noch mitgespielt, selbst wenn sie es nicht bekommen, können sie es ja weitertragen und dass eine allgemeine Angst umging: ‚Okay, ich möchte selber meine Eltern, meine Oma, meinen Opa nicht anstecken‘. (Interview 6, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Intensivstation)
I b Wissensmängel und Unsicherheit Freunde und Bekannte „[…] habe ich tatsächlich festgestellt, die Infos, die die [Menschen] haben, sind – wenn überhaupt – maximal mangelhaft.“ (Interview 14, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Wahlleistungsstation)
I c Krankheitsbedingter Ausfall Vorgesetzte, Kollegium „Ich habe jetzt schon häufiger die Erfahrung gemacht, dass es auch nach wie vor unter dem Pflegepersonal fast schon Corona-Leugner gibt, die dann sagen: ‚Dass du so lange krank warst, das kann ja gar nicht von Corona kommen, denn alle anderen waren ja schnell wieder gesund.‘ Gut, ich kann jetzt auch nichts dafür, dass ich da eine von hundert bin.“ (Interview 9, Gesundheits- und Krankenpflegerin, geriatrische Station)
I d Impfskepsis Freunde und Bekannte, Vorgesetzte „Also entweder man hat gesagt ‚Ja, ich lass mich impfen‘ dann war es okay oder es wurde gesagt: ,Ja, es ist ja auch deine Pflicht.‘ Nein, ist nicht meine Pflicht. Ich habe immer noch die Wahlmöglichkeit.“ (Interview 14, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Wahlleistungsstation)

Tab. 2 Formen von Stigmatisierung, mit Stigmatisierungsquelle(n) und Ankerbeispielen.

Form von Stigmatisierung Stigmatisierungsquelle(n) Ankerbeispiel(e)
II a Distanzierung und Kontaktvermeidung Freunde und Bekannte, Familienangehörige, Kollegium, Angehörige von Patientinnen und Patienten, fremde Personen „[Die Tochter] hat die erste Zeit mich wirklich auch gemieden, dass sie wirklich bewusst früher oder später gegessen hat, also von den Mahlzeiten, wo man sich direkt gegenübersitzt, schon von mir ferngehalten hat, auf Grund dessen: ‚Du arbeitest im Krankenhaus, bist jeden Tag in der Höhle des Löwen und schleppst das hier mit nach Hause‘. Also, bei ihr habe ich das ganz deutlich gemerkt. Mein Sohn ist auch weniger nach Hause gekommen.“ (Interview 16, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Covid-19-Station)
„Außerhalb des Teams, auch von anderen Stationen, mit denen man so befreundet ist, ist die Meinung [über die Covid-Ansteckungsgefahr] immer noch relativ hoch. Also zusammen frühstücken in der Cafeteria oder so ist da gar nicht mehr.“ (Interview 7, Altenpfleger, Covid-19-Station)
II b Vorwürfe und verbale Angriffe Freunde und Bekannte, Vorgesetzte, Kollegium, fremde Personen „Ja, als es hieß, ich wechsle das Haus […] wurde mir direkt gesagt: ‚wie kannst du nur auf eine Covid-Station gehen? Das Risiko ist doch viel zu hoch und die ganzen hochinfektiösen Patienten, da steckst du dich doch nur an!‘“ (Interview 7, Altenpfleger, Covid-19-Station)
„Telefonisch sehr viel Vorwürfe gemacht, was man nicht alles falsch macht. […] Es waren sehr viele Telefonate, die mit unserer PDL stattgefunden haben, aber auch E-Mail-Kontakt. Und da war schon sehr klar und deutlich, unser Aus-bruchgeschehen ist hausgemacht, wir sind selbst schuld, dass so viele sich anstecken, weil wir nicht richtig arbeiten. […] Und selbst zu Hause, haben Sie gesagt, wurden sie noch terrorisiert vom Gesundheitsamt und angerufen […], hatte das Gefühl, wir hatten so diesen schwarzen Peter zugesteckt bekommen.“ (Interview 18, Altenpflegerin und Wohnbereichsleiterin, stationäre Altenpflege)
II c Unterstellungen und vermehrte Nachfragen Vorgesetzte, Freunde und Bekannte „Es wurde schon mehr gefragt: ‚Was genau war denn das jetzt für eine Infektion?‘ Es wurde diese Hemmschwelle, die man hat, wenn jemand krank war, nachzufragen, was es jetzt wirklich war. Oder ‚Warum warst du denn jetzt krank?‘ oder so, das wurde schon gefragt: ‚Hattest du Corona?‘ oder ‚Wie fühlst du dich jetzt? Hast du noch irgendwelche Symptome?‘ Es wurde einfach vermehrt nachgefragt, eine Aufmerksamkeit geschenkt und ja, ich sag mal so, der Spruch von wegen: ‚Du hattest es bestimmt‘ kam auch sehr oft.“ (Interview 4, Gesundheits- und Krankenpflegerin, neurochirurgische Station)
II d Unerwünschte Aufmerksamkeit, bloßgestellt werden fremde Personen, Vorgesetzte „Das Vorgehen von dem Ordnungsamt und von diesem mobilen Abstrichteam hätte deutlich diskreter funktionieren können. Also wenn man draußen, vor dem Haus aussteigt und sich dann entsprechend umzieht, inklusive Schutzhaube, Mundschutz, Kittel, Schutzbrille, Handschuhe und das draußen am Auto macht und dann zu jemanden reingeht, ähm dann sorgt das schon für Stigmatisierung und eigentlich für die Datenfreigabe, die nicht wirklich normal ist.“ (Interview 15, Pflegetrainer und Seelsorger)
„Und die Pflegedirektion hat mehrmals auf der Station angerufen, bei meiner Stationsleitung und die hat mir das Telefon immer auf dem Flur in die Hand gedrückt, und dann musste ich mich auf dem Flur rechtfertigen, dass ich mich nicht impfen lassen möchte.“ (Interview 14, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Wahlleistungsstation)
II e Missgunst Freunde und Bekannte „Ich glaube, das fing so über den Sommer letzten Jahres schon an, da ging es los, dass das Pflegepersonal und Ärzte eine Corona-Prämie kriegen sollten. […] Es wurde jeden Tag gefragt: ‚Wie viele [Patient*innen] habt ihr denn auf Intensivstation liegen? Ja, das ist ja gar nicht schlimm, da gibt es ja Berufszweige, die viel mehr betroffen sind.‘ Da war so ein bisschen Neid. Ihr könnt jeden Tag [zur Arbeit] gehen, ihr verdient weiterhin euer Geld, für euch ändert sich ja nichts und ihr kriegt immer noch eine Schippe obendrauf.“ (Interview 16, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Covid-19-Station)
II f belastende Stimmung Freunde und Bekannte „Nicht in der ersten Welle, das war eher in der zweiten Welle oder auch dritten Welle, wo auch der Corona-Ausbruch auf meiner Station war, dass ich gemerkt habe, dass es dann doch vor allem mit meinen Mitbewohnern zu einer anderen Wahrnehmung kam. Also dass es einfach zu einer Belastung wurde. […] Ich habe einfach gemerkt, wie die Stimmung schwieriger war als sonst.“ (Interview 4, Gesundheits- und Krankenpflegerin, neurochirurgische Station)
II g Verhöhnung fremde Personen „Es war schon so, wenn ich welche beim Einkaufen getroffen habe, die gesagt haben: ‚Habt ihr wieder eine Corona-Party im Heim gefeiert?‘ Wo ich sage: es ist nicht lustig. Also, finde ich jetzt nicht nett so etwas. Keiner wollte Corona im Heim haben.“ (Interview 18, Altenpflegerin und Wohnbereichsleiterin, stationäre Altenpflege)
II h Diffamierung Medien „Sie haben immer nur Horrorszenarien im Fernsehen dargestellt, was uns auch so geärgert hat. Es wird immer berichtet, wie viele Pfleger sich angesteckt haben oder wie viele Pfleger erkrankt sind, aber von unserer Station hat sich niemand angesteckt und solche Berichte kamen halt nicht durch. […] Wir dachten so: wir arbeiten hier so gut und professionell. Unsere Hände waren zerfressen von Desinfektionsmittel, weil wir uns ständig die Hände desinfiziert haben. Wir haben uns auch ständig die Klamotten gewechselt. Wir hatten Abdrücke überall von den Masken. Wir haben so safe gearbeitet!“ (Interview 3, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Covid-19-Station)
„Ich glaube, hätte man das anders gestaltet, wäre die Stigmatisierung deutlich geringer und dann hätte man ein bisschen mehr über den Umgang mit [Covid-19]-positiven Menschen, mit Menschen in Isolation beschreiben können und nicht nur die Angst, die damit verbunden ist. Käme das in Medien, wäre das etwas öffentlicher, hätten Menschen weniger Angst davor.“ (Interview 15, Pflegetrainer und Seelsorger)

Tab. 3 Folgen für die von Stigmatisierung Betroffenen, mit Stigmatisierungsquelle(n) und Ankerbeispielen.

Folgen der Stigmatisierungserfahrung(en) Stigmatisierungsquelle(n) Ankerbeispiel(e)
III a Verletzung und Exklusion Freunde und Bekannte, Familienmitglieder, Kollegium „Ich habe zu dem Zeitpunkt für die Patienten gekämpft, ich habe dafür gekämpft, dass das alles weiterläuft. Ich habe, man kann sagen, meine eigene Gesundheit aufs Spiel gesetzt. Und dann so etwas zu hören wie: ‚Ja, ich möchte dich nicht sehen‘ oder ‚Wir wollen dich nicht hier haben, weil du uns in der Hinsicht ein zu hohes Gefahrenpotential birgst‘, das war schon so ein Schlag ins Gesicht.“ (Interview 6, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Intensivstation)
„Also ich kam an dem Tag heulend nach Hause, ich habe mich auch drei Tage nicht beruhigt.“ (Interview 9, Gesundheits- und Krankenpflegerin, geriatrische Station)
III b Psychosomatische Beschwerden Freunde, Kollegium, Vorgesetzte „Ich hatte die ganze Zeit über so eine bleierne Müdigkeit und auch sobald ich eine Maske angezogen habe, habe ich Atemnot gekriegt.“ (Interview 9, Gesundheits- und Krankenpflegerin, geriatrische Station)
III c Sich unter Druck gesetzt fühlen Vorgesetzte, Kollegium, Freunde und Bekannte, fremde Personen „Ich weiß von anderen Kollegen, die sich nicht impfen lassen wollten, auch immer noch nicht impfen lassen möchten, dass die permanent immer noch angerufen werden. […] Die versuchen es immer wieder, nochmal und nochmal und nochmal und setzen die Leute unter Druck. […] Also, das ist nicht in Ordnung.“ (Interview 14, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Wahlleistungsstation)

Tab. 4 Umgang mit Stigmatisierungserfahrungen, mit Stigmatisierungsquelle(n) und Ankerbeispielen.

Umgang mit Stigmatisierungserfahrung(en) Stigmatisierungsquelle(n) Ankerbeispiel(e)
IV a Vermeidungsverhalten Freunde und Bekannte, Familienmitglieder, fremde Personen, Kollegium „Im Öffentlichen hat man das nicht an die große Glocke gehängt: ,ich bin Gesundheits- und Krankheitspflegerin‘.“ (Interview 6, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Intensivstation)
„Ich versuche, das Thema [Impfung], so gut, wie es irgendwie geht, zu umgehen oder sage dann einfach: Ja, ich bin geimpft. Gefällt mir zwar nicht, wenn ich den Leuten einfach irgendwas erzähle, was eventuell noch gar nicht stimmt […] aus dem Druck heraus irgendwas zu erzählen, was eventuell nicht der Wahrheit entspricht oder entsprach, gefällt mir nicht, nee, das ist nicht in Ordnung, eigentlich.“ (Interview 14, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Wahlleistungsstation)
IV b Kontaktabbruch und Rückzug Freunde und Bekannte, Kollegium „Mein Weg mit dieser Erfahrung klarzukommen war erstmal, dass ich mich komplett abgeschottet habe. Ich habe auch mit den Kollegen, mit denen ich mich eigentlich immer sehr gut verstanden habe […] hatte ich dann auch keinen Kontakt mehr, habe mich also erstmal komplett abgeschottet.“ (Interview 9, Gesundheits- und Krankenpflegerin, geriatrische Station)
IV c Kontaktpflege und Gespräche Freunde und Bekannte, Familienmitglieder, fremde Personen, Kollegium „Wo ich wirklich dann wieder geschaut habe, dass ich im Prinzip privat wieder einen gewissen Ausgleich finde, mich auch wieder zwei-, dreimal mit Leuten getroffen habe, die mir wichtig waren und mit denen ich etwas unternommen habe.“ (Interview 5, Gesundheits- und Krankenpfleger, chirurgische Intensivstation)
IV d Konfrontation Freunde und Bekannte, Familienmitglieder „Ich bin dann immer in Konfrontation gegangen und habe gesagt: „Sagt mal, habt ihr sie noch alle? Ihr könnt doch hierherkommen!‘“ (Interview 16, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Covid-19-Station)
IV e Aufklärung, Umdenken erreichen Freunde und Bekannte, Familienmitglieder „Natürlich versucht man mit Aufklärung, halt auch erklären, wie das momentan abläuft auf der Arbeit, welche Vorsichtsmaßnahmen man trifft.“ (Interview 10, Altenpflegerin, Demenzstation)
IV f Verständnis für die Ängste der stigmatisierenden Personen Freunde und Bekannte, Familienangehörige, Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörige „Die Leute sind absolut null informiert, wie Corona funktioniert, was das bedeutet, welche Ansteckungswege es gibt. Da habe ich mir gedacht: Gut, okay, die können da eigentlich gar nichts für, weil sie wirklich null Ahnung haben anscheinend. Also [die Pflegekräfte] sind da ja tatsächlich davon betroffen und werden auch permanent gebrieft, wenn es was Neues gibt, worauf man achten muss. Aber die Leute, die gar keine Kontakte [zum Gesundheitssystem] haben, sind anscheinend völlig ahnungslos und dementsprechend kann ich auch nachvollziehen, dass die Angst haben und dementsprechend reagieren.“ (Interview 14, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Wahlleistungsstation)

Anlässe für Stigmatisierung

Die Anlässe für wahrgenommene Stigmatisierung unterschieden sich in Abhängigkeit von der Stigmatisierungsquelle. So wurde Stigmatisierung durch Freunde und Bekannte sowie durch PatientInnen häufig auf Ängste vor Ansteckung der eigenen Person und Angehöriger zurückgeführt (I a). Als weitere Gründe für stigmatisierendes Verhalten im Freundes- und Bekanntenkreis wurden von den Befragten Unsicherheiten sowie mangelndes Wissen über die Erkrankung und die Arbeitsweise in der jeweiligen Institution (I b) vermutet. Im Arbeitskontext berichteten die IP von Vorwürfen aufgrund langer Krankheitsdauer (I c), Schuldzuweisungen für den Covid-19-Ausbruch auf der eigenen Station und Bloßstellung aufgrund der eigenen Impfskepsis (I d).

Stigmatisierungsformen

Im Rahmen der Interviewstudie wurden als häufigste Formen von Stigmatisierung verschiedene Ausprägungen von Distanzierung und Kontaktvermeidung bis hin zu Ausgrenzung (II a) beschrieben. Stigmatisierungserfahrungen, die in diese Kategorie fallen, erlebten die IP sowohl von Seiten ihrer Freunde und Bekannten, als auch seitens Familienangehöriger, im Kollegium, durch Angehörige von Patientinnen und Patienten sowie fremde Personen. Einigen Berichten zufolge waren ebenfalls Familienmitglieder – insbesondere Kinder der Befragten – von Distanzierung und Kontaktvermeidung betroffen, die mit der beruflichen Tätigkeit der IP begründet wurden (assoziatives Stigma).

Weiterhin als stigmatisierend beschriebene Vorwürfe und Vorhaltungen (II b) traten vor allem im Freundes- und Bekanntenkreis, von Seiten Vorgesetzter und KollegInnen sowie durch Dritte auf. Vermutete Gründe dafür waren zum Beispiel ein als zu „locker“ eingeschätzter Umgang mit der Pandemie-Situation sowie der berufliche Wechsel auf eine Covid-19-Station. Vorwürfe in der Arbeitsstelle erlebte eine der Befragten aufgrund der vermuteten Ansteckung von KollegInnen mit Covid-19 durch die Betroffene sowie deren als außergewöhnlich lang angesehener Krankheitsdauer (SARS-CoV-2-Infektion). Einer weiteren IP zufolge haben Besucherinnen und Besucher der Pflegeeinrichtung, in der sie tätig war, dort Beschäftigte für den Coronavirus-Ausbruch in der Einrichtung verantwortlich gemacht. Zudem schilderte diese die Konfrontation mit einer ihr fremden Person, welche die Existenz der Corona-Pandemie leugnete und der IP vorwarf, Lügen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie zu unterstützen und aufrechtzuerhalten. In einem weiteren Fall fühlte sich die Betroffene durch die direkte Führungskraft mit Unterstellungen und vermehrte Nachfragen (II c) im Zusammenhang mit einer Atemwegsinfektion stigmatisiert. Dabei wurde die IP aus ihrer Sicht übermäßig häufig gefragt, woran sie denn erkrankt sei.

In einem Fall fühlte sich eine IP beobachtet, kontrolliert und in ihren Datenschutzrechten verletzt, als die Kontrollbesuche des Ordnungsamtes während der Quarantänezeit auf eine so indiskrete Weise durchgeführt worden seien, dass die Nachbarn darauf aufmerksam wurden. Eine andere Befragte fühlte sich aufgrund ihrer Impfskepsis von Seiten der Vorgesetzten bloßgestellt (II d).

In weiteren Einzelfallberichten schilderten die IP: Missgunst (II e) seitens anderer Berufsgruppen gegenüber pflegerischem und ärztlichem Personal aufgrund der Gewährung eines Corona-Bonus; belastende Stimmung (II f) in der Wohngemeinschaft nach einem Corona-Ausbruch auf der Station und Verhöhnung durch fremde Personen (II g) im Zusammenhang mit einem Coronavirus-Ausbruch in der eigenen Pflegeeinrichtung.

Einige IP vertraten die Meinung, dass der öffentlichen Berichterstattung eine erhebliche Verantwortung für die mangelnde Aufklärung und die dadurch entstandenen Ängste in der Bevölkerung zukomme, und beschrieben den Eindruck, durch die Medien diffamiert (II h) worden zu sein.

Selbststigmatisierung

Als eine weitere Form der Stigmatisierung wird nach Corrigan et al. (2010) 10 Selbststigmatisierung dahingehend verstanden, dass Betroffene Stereotype und Vorurteile übernehmen, auf sich beziehen sich so selbst stigmatisieren. In einigen Interviews deuteten sich entsprechende Erfahrungen an. Eine IP berichtete, sich „giftig“ und „schuldig“ aufgrund des Kontaktes zu SARS-CoV-2-Infizierten und der eigenen Atemwegserkrankung (keine SARS-CoV-2-Infektion) gefühlt zu haben. Wegen der Verschlechterung ihres eigenen Gesundheitszustandes begab sich die IP in eine selbstauferlegte 14-tägige Quarantäne. Sie empfand eine starke Belastung durch die eigene Infektiosität. Außerdem fühlte sie sich im Hinblick auf die selbstauferlegte Quarantäne unsicher und zweifelte an ihrer Entscheidung, da die Quarantäne nicht offiziell angeordnet war. Das Thema der eigenen Infektiosität beschäftigte ebenfalls einen interviewten Pfleger. Er berichtete, sich selbst „verseucht“ vorgekommen zu sein, als er den Kontaktpersonen mitteilen musste, dass sein PCR-Test positiv war. Im Interview erklärte er, dass auch in der Nachbarschaft bekannt sei, dass er aus einem „verseuchten Gebiet komme“, womit er die eigene Tätigkeit im Krankenhaus umschrieb.

Folgen für die Betroffenen

Unabhängig davon, von wem die wahrgenommene Stigmatisierung ausging, wurden von den befragten Pflegenden Gefühle wie Enttäuschung und Verletzung , aber auch des Ausgeschlossen- und Allein-Seins (III a) beschrieben. In einigen Fällen wurde über Verärgerung und Wut berichtet, die dadurch ausgelöst wurden, dass die IP trotz großer Sorgfalt und Beachtung der Hygieneanforderungen im beruflichen Kontext und auf privater Ebene gemieden wurden. Eine IP fühlte sich durch die Stigmatisierungserfahrungen emotional so stark angegriffen, dass sie sich mehrere Tage nicht beruhigen konnte und Angst vor einer Kündigung infolge der Vorwürfe hatte, die man ihr aufgrund einer möglichen Ansteckung ihrer KollegInnen mit Covid-19 machte. Sie berichtete zudem von psychosomatischen Beschwerden (III b) aufgrund der Stigmatisierungserfahrungen im Sinne von Schlaflosigkeit, einer „bleiernen Müdigkeit“ und Atemnot beim Tragen der Maske. Darüber hinaus fühlte sich eine IP unter Druck gesetzt (III c) aufgrund ihrer Impfskepsis.

Umgang mit der Stigmatisierungserfahrung

In den Interviews zeigte sich teilweise Vermeidungsverhalten (IV a) als Versuch, die Stigmatisierung zu unterbinden, indem im Familien- und Freundeskreis nicht über den Beruf und die Arbeitstätigkeit gesprochen, die Berufszugehörigkeit in der Öffentlichkeit nicht gezeigt sowie die eigene Meinung zu gesundheitsbezogenen Themen zurückgehalten wurde. Mehrere IP führten aus, dass sie infolge der wahrgenommenen Stigmatisierung Freundschaften abgebrochen oder den Kontakt zu anderen Menschen vermieden hätten (IV b). In einem Fall bestand der Umgang mit der Stigmatisierungserfahrung im Kollegium darin, dass die Betroffene einen Versetzungsantrag stellte. Nach dessen zeitnaher Genehmigung und der Versetzung der IP auf eine andere Station gab sie an, sich von ihrem alten Arbeitsumfeld sozial komplett abgeschottet zu haben.

Im Gegensatz dazu führten andere Befragte aus, dass sie den Kontakt zu Freunden gezielt auf digitalem und telefonischem Weg aufrechtzuerhalten versuchten. Ein Gesundheits- und Krankenpfleger, der eine Kontaktvermeidung u. a. durch die Mitglieder seines Vereins erlebt hatte, versuchte, dies durch Kontaktpflege (IV c) zu anderen nahestehenden Personen zu kompensieren. Weitere IP beschrieben, dass sie den Austausch mit dem Ehepartner/der Ehepartnerin, im Freundeskreis, im Kollegium bzw. mit einer Psychotherapeutin gesucht haben. Von diesen – an der wahrgenommenen Stigmatisierung Unbeteiligten – erhielten interviewte beruflich Pflegende zumeist emotionale Unterstützung und Zuspruch. Einige Befragte konfrontierten (IV d) die stigmatisierenden Personen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, um eine Erklärung für das distanzierte Verhalten zu erhalten. Teilweise versuchten die IP bei Freunden und Bekannten bzw. Familienangehörigen ein Umdenken zu erreichen (IV e), indem sie die Vorsichtsmaßnahmen, die in ihrer Arbeitsstätte getroffen worden seien, erläuterten.

Einige der von Stigmatisierung betroffenen IP schilderten Verständnis für die Ängste der stigmatisierenden Personen (IV f). Dies galt insbesondere bei Stigmatisierung durch Familienangehörige, Freunde und Bekannte sowie PatientInnen bzw. Angehörige, da deren Verhalten auf mangelndes Wissen über das Coronavirus sowie das Pandemiegeschehen zurückgeführt wurde. Eine IP machte diesbezüglich Unterschiede: Während sie das stigmatisierende Verhalten von Personen, die keine Berührungspunkte zu medizinischen Berufen hatten, eher nachvollziehen konnte, äußerte sie Unverständnis für das stigmatisierende Verhalten anderer Krankenhausbeschäftigter, die die Situation vor Ort kannten.

Teilweise berichteten die Befragten, dass sie in Folge der Stigmatisierungserfahrung versucht hätten, besondere Rücksicht zu nehmen, um künftige Konfliktsituationen zu vermeiden. So fragte beispielsweise eine IP bei Gruppentreffen vorab immer nach, ob ihre Anwesenheit erwünscht sei.

Weitere Formen des Umgangs der Befragten mit der belastenden Situation aufgrund von Stigmatisierungserfahrungen waren: Vermehrtes Sport treiben bzw. Rauchen, gezielte Aufmerksamkeitsfokussierung auf positive Dinge zur Ablenkung sowie der Versuch, die erlebte Stigmatisierung „nicht persönlich zu nehmen“. Eine von Stigmatisierung durch Vorgesetzte betroffene Impfskeptikerin gab nach und ließ sich impfen. Zudem gab es Einzelberichte zum Umgang mit der wahrgenommenen Stigmatisierung in Form von Akzeptanz, Resignation, ein Sich-Einstellen auf Meinungsdifferenzen oder Verdrängen der unangenehmen Erfahrungen.

Diskussion

In die hier dargestellte Interviewstudie konnten sechzehn beruflich Pflegende, welche berufsbedingte Stigmatisierung wahrgenommen haben, einbezogen werden. Die Ergebnisse der Interviews zeigen ein breites Spektrum im Hinblick auf die Stigmatisierungsquellen sowie Anlässe und Formen der wahrgenommenen Stigmatisierung der Teilnehmenden. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass Stigmatisierung gegenüber beruflich Pflegenden in allen sozialen Zusammenhängen auftreten kann. Im Umkehrschluss bedeutet dies auch, dass die Prävention von Stigmatisierung breit angelegt sein und alle gesellschaftlichen Bereiche betreffen sollte. Zudem beschrieben die Befragten infolge ihrer Erfahrungen eine Vielfalt negativer Gefühlsqualitäten sowie teilweise auch resultierende psychosomatische Beschwerden. Dies deckt sich mit Erkenntnissen internationaler Studien zum Thema, in denen Stigmatisierung die Störung verschiedener Lebensbereiche sowie eine nachteilige Wirkung auf die Gesundheit zugeschrieben wird, was sie zu einer wichtigen sozialen Determinante der Gesundheit macht 11 .

Die vorliegende Studie lässt zudem erkennen, dass sich – hinter der am häufigsten als Anlass für Stigmatisierung beschriebenen vordergründigen Sorge vor Ansteckung – unterschiedliche Ursachen differenzieren lassen. Im privaten Umfeld der Betroffenen fungierte eher die Abwehr von – der pflegerischen Tätigkeit zugeschriebenen – Gefährdungen als auslösender Faktor für Stigmatisierung. Im Arbeitskontext war Stigmatisierung tendenziell stärker von der Sorge getragen, infolge krankheitsbedingter Personalausfälle vor dem Hintergrund eines ohnehin immensen Arbeitspensums weitere Mehrarbeit übernehmen zu müssen. Beide Konstellationen verweisen auf Defizite, die die Situation der Pflege unabhängig von Corona prägen, die aber durch die Covid-19-Pandemie verschärft worden sind 1 2 3 . So ist das in der Öffentlichkeit vorhandene, ambivalente Image der Pflege einerseits von hoher Wertschätzung gegenüber einer von immensen Belastungen und hohem Engagement getragenen Berufswahl geprägt. Gleichzeitig leidet der Beruf aufgrund schlechter Bezahlung und eines verbesserungsfähigen Sozialstatus unter erheblichen Nachwuchs- und Fluktuationsproblemen 12 13 14 . Somit ist denkbar, dass die wahrgenommene Stigmatisierung von Pflegenden im Rahmen der Covid-19-Pandemie außerhalb des Arbeitssettings daraus resultiert, dass sich die Stigmatisierung gegenüber der Berufsgruppe aufgrund des negativen Berufsimages und die pandemiebedingte Stigmatisierung überlagern. Ein weiteres Forschungsdesiderat gründet daher auf der These, dass sich ohne eine generelle – auch finanzielle – Aufwertung des Pflegeberufs das Problem der Stigmatisierung von beruflich Pflegenden nicht ursächlich bearbeiten lässt. Die erhöhte Aufmerksamkeit von Politik und Allgemeinbevölkerung für den Berufsstand der Pflege in der Covid-19-Pandemie, scheint diesbezüglich einen Anstoß gegeben zu haben. Diese Steigerung von Ansehen und Wertschätzung gegenüber Berufen des Gesundheitswesens nahm auch der Großteil der Interviewpartner:innen dieser Studie wahr. Als erste Konsequenz wurden im Rahmen des Anfang 2022 in Kraft getretenen Gesetzes zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung (GVWG) verbesserte Konditionen für Pflegekräfte (Tarifpflicht und mehr Verantwortung) beschlossen.

Eine weitere Erkenntnis der vorliegenden Studie verweist auf das hohe kompensatorische Potenzial sozialer Unterstützung im Umgang mit erfahrener Stigmatisierung. In mehreren Interviews wurde die hohe Bedeutung von Gesprächen in Form von Zuspruch und Verständnis, aber auch der Möglichkeit, sich von den Stigmatisierungserfahrungen zu distanzieren, hervorgehoben. Dies gilt gleichermaßen für das private wie auch das Arbeitsumfeld. Gerade mit Blick auf die Gestaltung von Arbeitszusammenhängen kommt daher den Möglichkeiten der Förderung einer unterstützenden Unternehmenskultur, der Teamentwicklung sowie der Führungskräftequalifizierung erhebliche Bedeutung zu. Um geeignete Präventionsmaßnahmen ermitteln und implementieren zu können, ist es notwendig, Stigmatisierung bei der Beurteilung der Arbeitsbedingungen nach § 5 ArbSchG im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung zu berücksichtigen.

Fazit und Ausblick

Die vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass Stigmatisierung gegenüber beruflich Pflegenden in verschiedenen Kontexten und unterschiedlichen Formen wahrgenommen wird und zum Teil deutliche Auswirkungen auf das psychische und physische Wohlbefinden der Betroffenen hat.

Generell ist zu konstatieren, dass der Forschungstand zur Verbreitung, Phänomenologie, den Folgen sowie zur Prävention und Bewältigung von Stigmatisierung im Kontext von Pandemien in Deutschland derzeit noch am Anfang steht. Hier sind weitere Forschungsaktivitäten notwendig. Dies gilt insbesondere für Studien, die Ausmaß, Erscheinungsformen und Folgen der berufsbedingten Gefährdung durch Stigmatisierung quantifizieren. Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, das Phänomen der pandemiebedingten Stigmatisierung nicht isoliert zu betrachten, sondern dieses in den Kontext eines weitergehenden gesellschaftlichen Diskurses zu stellen, der auch die Themen Berufsstatus, Anerkennung und Gratifikation sowie soziale Unterstützung reflektiert.

Limitationen

Allgemeine Einschränkungen der qualitativen Forschung, die auch auf die vorliegende Studie zutreffen, liegen zum einen darin, dass das gesammelte Wissen nicht ohne Weiteres für andere Personen oder Umgebungen verallgemeinert werden kann sowie in der Möglichkeit, dass die Ergebnisse durch die Forschenden unabsichtlich verzerrt wurden (Datenerfassung und Kategorisierung).

Eine weitere Schwierigkeit besteht in der Frage, inwieweit das, was Betroffene als Stigmatisierung beschreiben, auch von Außenstehenden als solche eingeschätzt wird, bzw. ob nicht subjektiv wahrgenommenes Stigmatisierungserleben aus externer Perspektive teilweise als sinnvolle Einhaltung von Abständen im Rahmen der gebotenen Infektionsprophylaxe zu charakterisieren ist. Da es nicht Aufgabe der vorliegenden Studie war, hierzu eine Bewertung vorzunehmen, orientieren sich die Ausführungen dieses Beitrags an dem, was die Befragten als Stigmatisierung wahrnahmen und äußerten.

Erklärung

Alle Autorinnen/Autoren tragen Verantwortung für den gesamten Inhalt dieses Artikels und haben der Einreichung des Manuskripts zugestimmt. Das Forschungsprojekt wurde von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin finanziell gefördert. Die Autorinnen/Autoren erklären, dass keine wirtschaftlichen oder persönlichen Interessenskonflikte bestehen. Vor der Durchführung der Interviews wurde ein Ethikvotum bei der Ethikkommission der Technischen Universität Dresden eingeholt.

Danksagung

Die Autoren danken allen Interviewteilnehmenden für die Unterstützung und Ermöglichung der Studie.

Funding Statement

Förderung Das Forschungsprojekt wurde finanziell von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin gefördert.

Interessenkonflikt Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1

Ein Migrationshintergrund wurde dann als gegeben erachtet, wenn die interviewte Person oder ein Elternteil nicht in Deutschland geboren war.

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