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. 2024 Dec 2;87(1):21–26. [Article in German] doi: 10.1055/a-2448-3968

Auswirkungen kritischer Ereignisse bei Auslandseinsätzen auf die psychische Gesundheit von Militärpersonal

Impact of Critical Events During Deployments on the Mental Health of Military Personnel

Lucas Konhäuser 1,, Karl-Heinz Renner 2, Hubertus Himmerich 3, Gerd Willmund 1, Peter Lutz Zimmermann 1, Jan Philipp Krüger 4, Ulrich Wesemann 1
PMCID: PMC11740220  PMID: 39442552

Abstract

Introduction Deployments abroad pose an occupational risk for mental disorders and reduced quality of life among military personnel. This study examines the question of whether a relevant predictor for the frequency of mental disorders after deployments abroad can be found. It is postulated that soldiers who experience a military-specific critical event develop more symptoms and their quality of life decreases.

Methods This study included n=370 combat troops deployed to Afghanistan as part of the International Security Assistance Force (ISAF) operation. Using questionnaires, data on psychological symptoms and quality of life were collected before and after deployment. The discriminator was whether a critical military-specific event, defined as a type A criterion of PTSD according to ICD-10 (F43.1), was experienced during the deployment.

Results It was shown that soldiers who experienced a critical event (n=81; 21.9%) developed significantly more depressive, somatic and stress symptoms. When evaluating the questionnaires on the quality of life, significant deteriorations were found in all areas, apart from environmental quality of life. In the study group without a critical event, there were significant improvements in stress experience and environmental quality of life after deployment. When the entire group was included, a time x group interaction effect was found with deterioration in soldiers with critical events in all of the above-mentioned areas, apart from the environmental quality of life.

Conclusion In summary, it can be postulated that critical events during a deployment abroad have a significant impact on the mental health and quality of life of soldiers. This can be used for more specific pre- and post-operation measures as well as for de-stigmatization programs.

Keywords: Mental health, military personnel, deployment abroad, depression, stress, quality of life

Einleitung

In Deutschland stellen Personen mit psychischer Erkrankung keine Seltenheit dar. Eine Untersuchung der deutschen Allgemeinbevölkerung ergab, dass die 12-Monats-Prävalenz psychiatrischer Erkrankungen in der gewählten Studienpopulation 27,7% betrug. Davon wiesen 44% zwei oder mehr Diagnosen auf. Zu den Erkrankungs- und Störungsbildern mit der höchsten Prävalenz zählten Störungen durch Substanzgebrauch (16,6%), Angststörungen (15,3%) und affektive Störungen (9,3%). Für die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ergab sich eine Prävalenz von 2,3% 1 . Ähnliche Ergebnisse finden sich auch im internationalen Bereich 2 .

Relevanz psychischer Erkrankungen beim Militär

Vergleicht man die 1-Jahres-Prävalenz einzelner psychischer Störungsbilder der Allgemeinbevölkerung mit denen bei Soldat*innen der Bundeswehr, so zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den beiden Populationen. Stellt man die Prävalenzen der Allgemeinbevölkerung denen der Bundeswehrsoldaten gegenüber, so zeigen sich deutlich geringere Werte zu Gunsten der Soldat*innen. Eine aktuelle Arbeit berichtet, dass bei 19,5% der untersuchten Bundeswehrsoldat*innen mindestens eine psychische Störung mit Krankheitswert vorlag. Bei 5,7% konnte mehr als eine psychische Störung diagnostiziert werden. Die am häufigsten gestellten Diagnosen waren spezifische Phobien (8,9%), mittelgradige depressive Episoden (6,8%) und Alkoholabhängigkeit (2,7%) 3 .

In einem systematischen Review wurde zusätzlich der Effekt des Auslandseinsatzes auf die Lebensqualität der Einsatzkräfte untersucht. Es zeigte sich, dass die Betroffenen häufig an einem Gefühl der Bedeutungslosigkeit und Unsicherheit litten 4 .

Neben den aufgeführten psychischen Erkrankungen spielt auch der Suizid eine relevante Rolle bei militärischem Personal 5 . So ist eine der häufigsten Todesursache aktiver Soldat*innen der Bundeswehr nach einer Analyse aus dem Jahr 2019 der Suizid. Eine Aufschlüsselung der Todesfälle nach Inland und Ausland wurde nicht durchgeführt. Sowohl bei den US-amerikanischen wie auch bei den deutschen Streitkräften werden etwa 25–30% der Todesfälle durch Suizid verursacht 6 .

Das Ziel der vorliegenden Studie ist es, Soldat*innen mit und ohne ein kritisches militärspezifisches Ereignis während des ISAF-Einsatzes auf Veränderungen in Bezug auf ihre Lebensqualität wie auch auf psychische Symptomatik hin zu vergleich. Es wird erwartet, dass Soldat*innen mit einem solchen Ereignis mehr Symptomatik entwickeln und die Lebensqualität sinkt.

PTBS als Störung der psychischen Gesundheit ist in dieser Arbeit nicht gesondert untersucht worden. Dennoch ist davon auszugehen, dass Auslandseinsätze und die Konfrontation mit kritischen Ereignissen die Rate an PTBS erhöht. Die kritischen Ereignisse können als Auslöser verstanden werden, die neben einer PTBS auch andere psychische Störungen verursachen, mitbedingen oder deren Verlauf beeinflussen können 7 .

Methode

Diese Arbeit stellt eine Sekundäranalyse von Daten dar, die im Rahmen der Studie „Erhalt und Steigerung der psychischen Fitness“ vom Bundesministerium der Verteidigung in Auftrag gegeben wurde 8 . Für die Arbeit liegt ein positives Ethikvotum (EK UniBw M 23–01) der Universität der Bundeswehr München vor.

In die Untersuchung wurden Soldat*innen eingeschlossen, die Teil einer Kampftruppe im International Security Assistance Force-(ISAF)-Einsatzes in Afghanistan waren. Während der ersten Datenerhebung Ende 2013 nahmen 496 der 511 Soldat*innen (97%) teil. Zum 2. Messzeitpunkt, der bis Januar 2015 lief, konnten N =370 (75%) der Teilnehmenden des ersten Messzeitpunktes erneut untersucht werden. Die zweite Datenerhebung wurde ein Jahr nach der Basismessung durchgeführt. In wenigen Fällen lagen aus logistischen Gründen 13 Monate dazwischen. Da insgesamt nur drei Soldat*innen eingeschlossen werden konnten, wurde auf eine geschlechterspezifische Auswertung verzichtet. Insgesamt erlebten n =81 (21,9%) ein kritisches militärspezifisches Ereignis (wie Kampfhandlungen, Beschuss aus der Ferne, Minen, etc.) während des Einsatzes. Für weitere methodische Details siehe 8 .

Psychometrische Testung

Mit Hilfe des Patient-Health-Questionnaires (PHQ-D) konnte die psychometrische Untersuchung durchgeführt werden. Hierfür wurde das Depressionsmodul PHQ-9 sowie der PHQ-15 und das PHQ-Stressmodul eingesetzt. Der PHQ-9 besteht aus 9 Fragen und erlaubt eine Einteilung der Depressivität nach den DSM-IV-Kriterien in folgende Kategorien: 0=„Überhaupt nicht“, 1=„An einzelnen Tagen“, 2=„An mehr als der Hälfte der Tage“ und 3=„Beinahe jeden Tag“ 9 . Die Summe der Einzelwerte lässt eine kategorielle Einteilung in 0 („keine depressive Symptomatik), 1–4 („minimale depressive Symptomatik“), 5–9 („milde depressive Symptomatik“), 10–14 („mittelgradige depressive Symptomatik“) und 15–27 („schwere depressive Symptomatik“) zu.

Mit Hilfe der 15 Fragen des PHQ-15 lassen sich somatische Symptome screenen 10 . Beispielsweise werden Symptome wie Bauch-, Kopf- oder Rückenschmerzen, Schwindel oder Ohnmachtsanfälle abgefragt. Für die Selbsteinschätzung der Symptome kann zwischen 0=„Nicht beeinträchtigt“, 1=„wenig beeinträchtigt“ und 2=„stark beeinträchtigt“ gewählt werden. Für die Symptome Müdigkeit und Schlafschwierigkeiten kommt eine Aufschlüsselung nach 0=„Überhaupt nicht“, 1=„An einzelnen Tagen“, 2=„An mehr als der Hälfte der Tage“ oder 3=„Beinahe jeden Tag“ zum Einsatz. Auch hier wird die Gesamtsumme berechnet, welche Werte von 0 bis 30 annehmen kann.

Das PHQ-Stressmodul beinhaltet 10 Fragen, welche im Zusammenhang mit psychosozialem Stress stehen 11 . Es werden unter anderem „Sorgen über Ihre Gesundheit“ oder „Stress bei der Arbeit oder in der Schule“ abgefragt. Die Einschätzung und Auswertung erfolgt identisch zum PHQ-15.

Zudem wurden Module aus dem Fragebogen „Quality of life BREF“ der WHO (WHO QOL) bearbeitet 12 . Diese können in die vier Felder „psychische Gesundheit“ und „physische Gesundheit“, „zwischenmenschliche Beziehung“ und „Umweltfaktoren“ unterteilt werden. Beispielsweise finden sich Fragen nach der Zufriedenheit mit der Wohnsituation oder der Unterstützung durch Freunde, ob das eigene Leben als sinnvoll erachtet wird und nach der Zufriedenheit mit der eigenen Gesundheit. Es können fünf Antwortmöglichkeiten gegeben werden. Hierbei wird für den schlechtesten Zustand der Wert „1“ vergeben, für den besten Zustand kann die „5“ gegeben werden. Für die Auswertung muss bei den drei Fragen „Wie stark werden sie durch Schmerzen beeinträchtigt", „Wie sehr sind sie von medizinischer Versorgung abhängig“ und „Wie oft haben sie negative Gefühle“ die Skala invertiert werden. Nach der Berechnung eines Domänenwertes für jede der vier Kategorien kann jeweils eine Skala von 0–100 erstellt werden. Je höher die Ergebnisse einer untersuchten Person auf dieser Skala eingestuft werden, desto höher ist die Lebensqualität.

Kritische Einsatzereignisse wurden zum zweiten Messzeitpunkt per Interview durch geschulte Truppenpsychologen erfasst.

Statistische Auswertung

Die untersuchten Soldat*innen wurden in Gruppen mit bzw. ohne kritisches Ereignis während des ISAF-Einsatzes unterteilt. Zur Testung, ob sich die Gruppen in den soziodemographischen Daten unterscheiden, wurde ein t-Test für unabhängige Stichproben für metrische und ein χ²-Test für kategoriale Variablen durchgeführt. Vor den Berechnungen wurden die Daten mittels Levene-Test auf Homoskedastizität geprüft. Bei signifikanten Ergebnissen wurden die Freiheitsgrade entsprechend nach unten korrigiert. Dies wird jeweils durch eine Nachkommastelle der Nenner Freiheitsgrade kenntlich gemacht.

Anschließend wurde geprüft, ob sich die beiden Gruppen bezüglich ihrer psychischen Symptome und der Lebensqualität unterschiedlich entwickelt haben. Hierfür wurde eine ANOVA mit Messwiederholung durchgeführt. Die Ergebnisse wurden mittels Bonferroni-Korrektur adjustiert. Zusätzlich wurden Veränderungen über die Zeit für beide Gruppen separat mittels t-Test für verbundene Stichproben getestet. Für die Auswertung wurde ein Signifikanzniveau von 0,05 zu Grunde gelegt. Die Berechnungen erfolgten mittels SPSS für Windows, Version 28.0 (IBM, Armonk, New York).

Ergebnisse

Es wurde getestet, ob sich die Soldat*innen vor dem Einsatz mit und ohne kritische militärspezifische Einsatzereignisse (erhoben nach Einsatz) in den soziodemographischen Daten voneinander unterscheiden. Die Gruppe mit kritischem Ereignis umfasst n= 81 Soldat*innen (21,9% der Studienpopulation), die Gruppe ohne Ereignis n= 289 (78,1% der Studienpopulation).

Es gibt mit χ²(1, N=357)=3,53; p=0,060 weder für Familienstand, noch mit χ²(1, N=352)=0,25; p=0,875 für den militärischen Status (Berufs- vs. Zeitsoldat) oder den Dienstgrad (Mannschaften, Unteroffiziere und Offiziere): χ²(2, N=353)=0,40; p=0,818 signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen. Weitere Ergebnisse finden sich in Tab. 1 . Die deskriptiven Daten zu Familienstand, Soldatenstatus sowie dem Dienstgrad der untersuchten Soldat*innen lassen sich der Tab. 2 entnehmen.

Tab. 1 t-Test zur Prüfung demografischer Unterschiede zwischen den Gruppen mit und ohne kritische Ereignisse.

Variable Median (Range) okE Median (Range) mkE t-Wert Df Sig.
Alter 25 (18–49) 25 (19–40) 0,47 353 0,637
Dienstalter 5 (0–29) 5 (0–21) 0,44 353 0,660
Anzahl Einsätze 1 (0–7) 1 (0–4) 1,11 242 0,274

okE: ohne kritisches Ereignis; mkE: mit kritischem Ereignis; Df: Freiheitsgrade (Abweichungen ergeben sich aus fehlenden Werten); Sig.: Signifikanzniveau.

Tab. 2 Deskriptive Statistik zu Familienstand, Soldatenstatus und Dienstgrad der Population.

Variable Anzahl (absolut) okE Anzahl (realtiv) okE Anzahl (absolut) mkE Anzahl (relativ) mkE
Familienstand
Verheiratet 52 18,8% 23 28,8%
Nicht verheiratet 225 81,2% 57 71,2%
Soldatenstatus
Soldat auf Zeit 237 86,5% 68 87,2%
Berufssoldat 37 13,5% 10 12,8%
Dienstgrad
Mannschaft 165 60% 45 57,7%
Unteroffizier 88 32% 25 32,0%
Offizier 22 8% 8 10,3%

okE: ohne kritisches Ereignis; mkE: mit kritischem Ereignis.

Zur Prüfung, ob sich die Zielvariablen bereits vor dem Einsatz unterscheiden, wurde eine t-Test für nicht verbundene Stichproben durchgeführt. Dabei ergab sich für den PHQ in den Modulen „Depression“ (T=2,0; df=107,5; p=0,138) und „somatische Symptome“ (T=2,1; df=110,0; p=0,123) kein signifikanter Unterschied. Bei dem Stressmodul gab es einen signifikanten Unterschied zu Ungunsten der Gruppe mit kritischen Ereignissen: T=2,5, df=358, p=0,036.

Die gleiche Berechnung wurde für die Lebensqualität durchgeführt. Hier zeigten sich in den Bereichen „Sozial“ (T=1,3; df=358, p=0,597) und „Gesamt“ (T=2,5; df=357, p=0,060) keine Unterschiede. In den anderen Bereichen zeigten sich jedoch Unterschiede zu Ungunsten der Gruppe mit kritischen Ereignissen: Physisch (T=3,9; df=356; p<0,001), Psychisch (T=2,7; df=356; p=0,035) und Umwelt (T=3,2; df=357; p=0,008).

Zur Beurteilung, ob sich die Einzelgruppen mit bzw. ohne kritisches Ereignis zum 2. Messzeitpunkte verändern, wurde jeweils ein t-Test für verbundene Stichproben durchgeführt. Bei der Gruppe mit kritischen Ereignissen finden sich in allen Bereichen des PHQ (t(78)=-3,44 bis -2,44; p=0,001 bis 0,17) und der Lebensqualität (t(78)=2,79 bis 4,75; p<0,001 bis ,003), abgesehen von umweltbezogener Lebensqualität (t(78)=0,60; p=0,548) signifikante Einbußen. Bei der Gruppe ohne diese Ereignisse gab es eine Verbesserung im Stresserleben (t(277)=2,83; p=0,015) und in der umweltbezogenen Lebensqualität (t(275)=-4,27; p<0,001).

Zur weiteren Differenzierung, ob sich die beiden Gruppen mit bzw. ohne kritisches Ereignis während des Einsatzes über die 2 Messzeitpunkte unterscheiden, wurde eine ANOVA mit Messwiederholung durchgeführt.

Es zeigte sich für alle drei Fragebögen des PHQ-D ein signifikanter Zeit x Gruppen-Interaktionseffekt. Die Gruppe mit kritischen Ereignissen hat dabei im Vergleich zur Gruppe ohne diese Ereignisse signifikant mehr Symptomatik mit kleinen Effekten entwickelt. Die genauen Werte können der Tab. 3 entnommen werden. Das gleiche statistische Verfahren wurde für die Lebensqualität durchgeführt und in Tab. 4 wiedergegeben. Auch hier zeigten sich nach Bonferroni-Korrektur signifikante Unterschiede mit kleinen Effekten. Soldat*innen mit kritischem Ereignis im Rahmen des Einsatzes entwickelten, mit Ausnahme der umweltbezogenen Lebensqualität, eine signifikant schlechtere Lebensqualität.

Tab. 3 ANOVA mit Messwiederholung zur Testung auf Gruppenunterschiede bei PHQ-9, PHQ-15 und PHQ-Stressmodul.

MW t1 okE (SD) MW t1 mkE (SD) MW t2 okE (SD) MW t2 mkE (SD) F Df Sig. η²
Depression 2,9 (2,7) 3,8 (3,5) 2,6 (2,6) 4,9 (4,0) 12,3 368 <0,001 0,032
Som. Sym. 2,8 (2,8) 3,7 (3,4) 3,2 (3,0) 5,0 (4,0) 5,0 368 0,015 0,016
Stress 2,0 (2,3) 2,8 (2,5) 1,6 (1,9) 3,8 (3,0) 22,0 368 <0,001 0,056

MW=Mittelwert; t1=1. Messzeitpunkt vor Einsatz; t2=2. Messzeitpunkt nach Einsatz; okE=ohne kritisches Ereignis; mkE=mitkritischem Ereignis; df=Freiheitsgrade; Sig.=Signifikanzniveau; 5% Signifikanzniveau nach Bonferroni-Adjustisierung bei p<0,016; η²=partielles Eta-Quadrat; Som. Sym.=somatische Symptome.

Tab. 4 ANOVA mit Messwiederholung zur Testung auf Gruppenunterschiede der Lebensqualität.

MW t1 okE (SD MW t1 mkE (SD) MW t2 okE (SD) MW t2 mkE (SD) F Df Sig. η²
Physisch 84,8 (10,1) 79,6 (10,4) 84,2 (11,0) 72,8 (13,6) 18,1 364 <0,001 0,047
Psychisch 79,8 (11,3) 75,5 (12,3) 80,3 (11,7) 69,6 (15,1) 20,5 364 <0,001 0,053
Sozial 78,0 (18,0) 74,8 (17,4) 80,2 (16,4) 66,6 (24,3) 19,0 365 <0,001 0,050
Umwelt 76,3 (12,2) 71,3 (10,6) 79,5 (11,7) 70,6 (13,5) 6,3 365 0,012 0,017
Gesamt 76,4 (14,7) 71,5 (15,0) 77,9 (16,1) 66,4 (19,3) 10,0 365 0,002 0,027

MW=Mittelwert; t1=1. Messzeitpunkt vor Einsatz; t2=2. Messzeitpunkt nach Einsatz; okE=ohne kritisches Ereignis; mkE=mitkritischem Ereignis; df=Freiheitsgrade; Sig.=Signifikanzniveau; 5% Signifikanzniveau nach Bonferroni-Adjustisierung bei p<0,010; η²=partielles Eta-Quadrat.

Diskussion

Die kritischen Einsatzereignisse scheinen, wie in der Hypothese postuliert, einen signifikanten Einfluss auf die Entwicklung der depressiven-, somatischen- sowie der Stresssymptome zu haben. Ähnliche Ergebnisse nach Auslandseinsätzen zeigten sich bereits in früheren Studien 13 und werden in dieser Arbeit repliziert. Dies ist nicht überraschend, da kritische Ereignisse auch im Zivilen häufig Auslöser depressiver Episoden sind. Daher sollte der Fokus bei Militärpersonal, aber auch anderen Einsatzkräften, nicht nur auf PTBS gelegt werden, sondern auch andere Störungsbilder stärker berücksichtigen 14 15 . Dies hat vor allem für die Diagnostik eine hohe Relevanz, da kritische Einsatzereignisse in der Exploration durch den truppenärztlichen- und psychologischen Bereich schnell abgefragt werden können. Eine Verbesserung im Stresserleben bei der Gruppe ohne kritische Ereignisse könnte auf die positive Bewältigung des Auslandseinsatzes und damit auf gestärkte Selbstwirksamkeit und Kontrollüberzeugungen zurückzuführen sein 16 .

Bei der Lebensqualität der Soldat*innen mit kritischen Ereignissen verschlechterten sich alle Bereiche, abgesehen der umweltbezogenen Lebensqualität. Eine ähnliche Untersuchung bei Einsatzkräften nach Terroranschlägen ergab ein ähnliches Ergebnis bei Polizeikräften. Dagegen konnte hier gezeigt werden, dass Einsatzkräfte der Feuerwehr bezüglich ihrer umweltbezogenen Lebensqualität deutlich eingeschränkt waren. Dieser Unterschied zwischen waffentragenden und anderen Einsatzkräften wurde durch die unterschiedlichen Aufgabengebiete und damit auf den Fokus des „kritischen Umfelds“ erklärt 17 . Eine Verbesserung der umweltbezogenen Lebensqualität bei Soldat*innen ohne diese Ereignisse könnte auf Vergleichsprozesse zwischen Einsatzgebiet und Wohnort zurückzuführen sein. Da sich an den „tatsächlichen“ Gegebenheiten kaum etwas verändert haben dürften, spielt hier die adaptierte Wahrnehmung und eine neue „Wertschätzung“ vermutlich die entscheidende Rolle. Diese Neubewertung scheint bei Soldat*innen mit kritischen Ereignissen auszubleiben.

In früheren Untersuchungen konnte bereits gezeigt werden, dass die Belastung nach kritischen Ereignissen unter anderem durch Einflussgrößen wie der Dauer der Exposition oder der räumlichen Nähe relevant beeinflusst werden kann 18 19 . Auch Parameter wie persönliche Ausrüstung oder Feindseligkeit sind relevant 20 21 . Daneben spielen bei Soldat*innen nach der Rückkehr moralische Verletzungen, wie Beobachten von Gräueltaten an der Bevölkerung ohne eigene Handlungsmöglichkeiten, eine relevante Rolle 22 . Daten hierfür wurden in dieser Studie nicht explizit erhoben. Es muss jedoch davon ausgegangen werden, dass ein solcher Eingriff in die individuellen Wertevorstellungen auch nach dem auslösenden Ereignis einen relevanten Einfluss auf das Wohlbefinden der Person haben kann. Hier lässt sich ein negativer Effekt auf die Lebensqualität postulieren, der unter anderem für die Verschlechterung der Ergebnisse in der Gruppe mit kritischem Ereignis mitverantwortlich sein kann.

Limitationen

Aufgrund der nahezu rein männlichen Zusammensetzung der Stichprobe ist die Studie zwar für Kampftruppen aber nicht für die gesamte Bundeswehr repräsentativ. Die psychometrische Testung wurde mittels Fragebögen durchgeführt. Eine Selbsteinschätzung führt aber aufgrund der Spezifität der Tests im Vergleich zu Interviews häufig zu einer Überschätzung der Symptomatik. Ein direkter Rückschluss auf eine Erkrankung lässt sich damit nicht ziehen.

Die Daten sind etwa 10 Jahre alt (T1 erhoben in 2013, T2 erhoben 12–13 Monate nach T1). Die Bedingungen und Herausforderungen, denen sich die Soldat*innen im Rahmen ihres Auslandseinsatzes konfrontiert sehen, lassen sich nicht unbedingt direkt miteinander vergleichen. Somit sind die Ergebnisse dieser Studie auch nicht vollständig auf andere Einsätze übertragbar. Andererseits ermöglicht das Studiendesigne, welches zwei Gruppen desselben Einsatzes im gleichen Zeitraum miteinander vergleicht, eine Übertragbarkeit auf viele andere Einsätze. So ist selbst eine Übertragung auf internationale Streitkräfte denkbar, da die „Grundbelastung“ der Grundbelastung mit einem zurätzlichen militärspezifischen lebensbedrohlichen Ereignis gegenübergestellt wird. Dadurch wird die Gefährdungslage des jeweiligen Einsatzes berücksichtigt.

Die kritischen Einsatzereignisse wurden mittels teilstrukturiertem Interview von geschulten Truppenpsychologen erfasst. Dennoch lässt sich nicht ausschließen, dass Soldatinnen und Soldaten, die bereits im Vorfeld belasteter waren, hier eine stärkere Fokussierung auf diese Ereignisse hatten. Zumindest scheinen die höheren Werte vor Einsatz einen Hinweis darauf zu geben.

Wie den Baseline-Messungen zu entnehmen ist, war die Gruppe mit kritischen Ereignissen bereits vor dem Einsatz in einigen Zielvariablen belasteter. Dies wurde durch die statistischen Testverfahren berücksichtigt. Die durchgeführte ANOVA mit Messwiederholung bezieht diese Unterschiede mit ein. Es lässt sich jedoch nicht ausschließen, dass die Unterschiede einen Einfluss auf die Wahrnehmung kritischer Ereignisse und deren Verarbeitung hatten.

Es gibt Baseline-Unterschiede zu Ungunsten der Gruppe mit kritischem Ereignis. Eventuell liegt dies daran, dass vorbelastete Personen Ereignisse schneller als kritisch einschätzen. Gegen diese Theorie spricht jedoch, dass die Erhebung anhand von strukturierten Interviews durchgeführt wurde. Unterschiedliche Wahrnehmungen werde in diesen Interviews berücksichtigt. Für eine abschließende Klärung wäre eine konfirmatorische Studie notwendig.

Unterschiede im Führungsstil und der Art der Einsatznachbereitung der einzelnen Führungskräfte können nicht ausgeschlossen werden. Dies könnte sich auf die Verarbeitung des Erlebten und die psychische Symptomatik auswirken. Große Unterschiede sind hier jedoch nicht zu erwarten, da die spezifischen Kriseninterventionsmaßnahmen durch geschulte Truppenpsychologen und Psychologinnen durchgeführt werden.

Schlussfolgerungen

Die Ergebnisse der Studiendaten legen nahe, dass kritische Ereignisse in Auslandseinsätzen einen direkten Einfluss auf die Lebensqualität und die psychische Belastung von Soldat*innen haben könnten. Das Studiendesigne, welches die Einsatzkräfte mit Personen der gleichen Einheit ohne kritisches Ereignis vergleicht, weißt auf einen solchen Zusammenhang hin. Ein kausaler Zusammenhang zwischen traumatischen Ereignissen und der Lebensqualität lässt sich mit den vorliegenden Daten jedoch nicht mit Sicherheit nachweisen, da die Einsatzkräfte bereits bei der Baseline-Erhebung Unterschiede aufwiesen. Ein kausaler Zusammenhang wäre von Bedeutung für die Versorgungsträger. Eine solche Kausalität ist bereits seit langem im Verständnis die Genese der PTBS verankert. Die aus den Daten gewonnenen Erkenntnisse zeigen jedoch auch einen Effekt für somatische Beschwerden, Stresssymptomatik und verringerte Lebensqualität. Dies könnte es Betroffenen künftig weiter erleichtern, ihre Symptomatik als Einsatzschädigung und somit als Berufskrankheit anerkennen zu lassen. Ebenfalls eignen sich diese Ergebnisse für De-Stigmatisierungsprogramme, da sich diese Einbußen auf die Arbeitsbedingungen zurückführen lassen.

Soldat*innen, welche im Rahmen ihres Auslandseinsatzes eine berufsbezogene Erkrankung erleiden, können über das „Weiterverwendungsgesetz“ weiterhin als Soldat*innen beschäftigt werden. Damit ändert sich der Versorgungsträger für die Beschäftigten nicht. Für die Familien der bertroffenen Soldat*innen könnte eine Anerkennung als Berufserkrankung jedoch eine Rolle spielen. Es konnte gezeigt werden, das Partner*innen von belasteten Soldat*innen ebenfalls eine Verschlechterung der Lebensqualität und der psychischen Gesundheit zeigten 23 . Die Versorgung dieser Gruppe wird derzeit noch von den Krankenkassen übernommen. Wenn hier zukünftig ein kausaler Zusammenhang nachgewiesen werden kann, könnte dies zu einer Prüfung der Zuständigkeiten führen.

Desweiteren zeigen die gewonnenen Befunde, wie wichtig eine gezielte Ausbildung sowie Einsatzvorbereitung in Bezug auf das Erleben kritischer Ereignisse ist. Dasselbe gilt für die Einsatznachbereitung besonders bei Soldat*innen mit kritischen Erlebnissen in ihrem Einsatz.

Footnotes

Interessenkonflikt Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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Articles from Gesundheitswesen (Bundesverband Der Arzte Des Offentlichen Gesundheitsdienstes (Germany) are provided here courtesy of Thieme Medical Publishers

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