Die COVID-19-Pandemie macht deutlich, dass medizinisches Personal Extrembelastungen ausgesetzt ist. Bilder entkräfteter Ärzte und Pflegekräfte, die bis zur Erschöpfungsgrenze und darüber hinaus arbeiten, beherrschten die Berichterstattung und lassen auch die psychischen Folgen ihres Einsatzes erahnen. Zahlreiche weitere Berufsgruppen wie Polizisten, Erstretter oder Feuerwehrleute sind durch ihre Arbeitstätigkeit wiederholt mit extrem belastenden Ereignissen konfrontiert, die langfristig ein Risiko für ihre psychische Gesundheit darstellen. Ein Verständnis von Risiko- und Schutzfaktoren sowie ihrer Wirkung im zeitlichen Verlauf ist essenziell für die Vorhersage und Prävention stress- und belastungsinduzierter Erkrankungen.
Etwa 70 % der Weltbevölkerung erlebt im Laufe ihres Lebens mindestens ein traumatisches Ereignis [1]. Diese Zahl erhöht sich in Risikoberufsgruppen auf 84 % [2]. Studien zeigen, dass die Rate psychischer Erkrankungen hier im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung deutlich erhöht ist [3, 4]. Dabei spielen direkte oder indirekte Traumafolgestörungen eine zentrale Rolle [5]. Im beruflichen Kontext relevante direkte Trauma- oder Belastungsfolgestörungen sind die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), die komplexe PTBS sowie die Anpassungsstörung. Indirekte Folgeerkrankungen sind jedoch ebenso häufig, zum Beispiel treten depressive Erkrankungen und Substanzabhängigkeiten [6] nicht selten komorbid auf und führen so zu einer kumulierten Belastung [7].
Risiko- und Schutzfaktoren
Die besondere Belastungssituation von Risikoberufsgruppen macht es essenziell, Faktoren zu identifizieren, die die Entstehung einer psychischen Erkrankung wahrscheinlicher machen (Risikofaktoren) oder einen protektiven Einfluss haben (Schutzfaktoren). Für eine orientierende Darstellung dieser Faktoren wird im Folgenden das Rahmenmodell der Risiko- und Schutzfaktoren der PTBS von Pielmeier und Maercker [8] auf stress- und belastungsreiche Situationen übertragen und schließlich um weitere Aspekte ergänzt (Abb. 1 [8]), weil nicht alle stressreichen und belastenden Situationen Traumakriterien entsprechen.
Wechselseitige Beeinflussung
Risikofaktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit, eine bestimmte Erkrankung zu entwickeln, wenn bestimmte psychische oder physiologische Eigenschaften, genetische Dispositionen oder Umweltbedingungen vorliegen.
Schutzfaktoren (auch protektive Faktoren) reduzieren beim Vorliegen spezifischer psychischer und physiologischer Eigenschaften, genetischer Dispositionen oder Umweltbedingungen die Wahrscheinlichkeit, eine bestimmte Erkrankung zu entwickeln.
Risiko- und Schutzfaktoren können sich wechselseitig beeinflussen und/oder kompensieren.
Oftmals ist es schwierig, zwischen Risiko- und Schutzfaktoren zu unterscheiden, und nicht in jedem Fall muss das Fehlen eines Risikofaktors gleichzeitig schützend wirken. So zeigt sich zum Beispiel bezüglich sozialer Interaktionen, dass negative Interaktionen einen größeren Risikofaktor darstellen als dass positive schützend wirken [9].
Stand der Forschung
Im Folgenden wird die Evidenzlage für zentrale Risiko- und Schutzfaktoren mit besonderem Fokus auf Risikoberufsgruppen beschrieben. Dabei stehen vor allem Befunde zur PTBS im Fokus, da diese als direkt traumaassoziierte Erkrankung bei Einsatzkräften von besonderer Bedeutung ist. Jedoch sind auch indirekte Folgeerkrankungen (z. B. Depression) nicht zu vernachlässigen, auch wenn spezifische Risikofaktoren an dieser Stelle nicht dargestellt werden.
Es liegen einige Metaanalysen zu Risikofaktoren einer PTBS vor, allerdings bezieht sich bis dato keine dieser Arbeiten auf Risikoberufsgruppen. Eine Metaanalyse von Brewin et al. identifizierte vor allem drei Faktoren, die stark mit der Schwere der PTBS-Symptomatik zusammenhängen [10]: mangelnde soziale Unterstützung, das (Fort-) Bestehen belastender Lebensbedingungen nach dem traumatischen Ereignis sowie die Traumaschwere. Dabei sind schwere traumatische Erfahrungen (z. B. interpersonelle Traumatisierungen) mit einer stärkeren Symptombelastung assoziiert. Eine weitere Metaanalyse [11] identifizierte neben mangelnder sozialer Unterstützung auch eine stärkere peritraumatische Dissoziation als Risikofaktor. Darüber hinaus berichtet eine aktuelle Metaanalyse von Shalev et al. (k = 10 Längsschnittstudien) weibliches Geschlecht, geringeres Bildungsniveau und frühere interpersonelle Traumatisierung als relevante Faktoren [12]. Während frühere Metaanalysen übereinstimmend fanden [10, 11], dass peri- und posttraumatische Faktoren eine größere Relevanz zur Vorhersage einer PTBS hatten, zeigte eine jüngere Übersichtsarbeit, dass besonders prätraumatische Faktoren von Bedeutung sind [13], wobei diese für die Aufrechterhaltung der Symptomatik weniger maßgebend scheinen [14].
Prätraumatische Faktoren
Geschlecht
Verschiedene Studien belegen übereinstimmend, dass Frauen ein höheres Risiko haben, eine PTBS zu entwickeln [15]. Dies lässt sich unter anderem dadurch erklären, dass Frauen wahrscheinlicher schwere Traumatisierungen (z. B. sexuelle Gewalt) erleben, die mit höheren PTBS-Raten assoziiert sind [16]. Bei der Betrachtung "extremer" Traumatisierungen (z. B. Bürgerkriegserleben) finden sich hingegen keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern [17]. Dies legt nahe, dass Geschlechtereffekte auch bei berufsbedingten Traumatisierungen von geringerer Relevanz sein könnten. Befunde hierzu sind jedoch heterogen und zeigen teilweise erhöhte PTBS-Raten bei Frauen [18], andere Studien finden wiederum vergleichbare Prävalenzen [19].
Alter
Die Metaanalyse von Brewin et al. identifizierte ein jüngeres Alter als Risikofaktor für die Entwicklung einer PTBS [10]. Bei Einsatzkräften zeigt sich hingegen ein differenzierteres Bild: Auch wenn ältere Einsatzkräfte (aufgrund über die Berufsdauer kumulierter belastender Ereignisse) insgesamt eine höhere Wahrscheinlichkeit aufweisen, PTBS-Symptome zu zeigen, scheinen jüngere Einsatzkräfte bei einzelnen, stark belastenden Ereignissen stärker gefährdet [20, 21].
Intelligenz
Der ursprünglich vor allem in Militärstichproben beschriebene Befund, dass ein geringeres Begabungsniveau mit einem erhöhten PTBS-Risiko assoziiert ist, konnte auch in der Allgemeinbevölkerung repliziert werden [22]. Der Zusammenhang scheint unabhängig von der Traumaschwere jedoch eher gering zu sein. Darüber hinaus ist ein geringeres Begabungsniveau auch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit assoziiert, ein Trauma zu erleben [23]. Umfangreichere Forschung zum prädiktiven Wert von Intelligenz in spezifischen Risikoberufsgruppen fehlt bislang.
Frühere Traumatisierungen und stressreiche Lebensereignisse
Zahlreiche Studien zeigen, dass frühere Traumatisierungen mit einem erhöhten Risiko einhergehen, bei nachfolgenden traumatischen Ereignissen eine PTBS zu entwickeln [13]. Dabei scheinen sowohl die Art der früheren Traumatisierung als auch ihre gesundheitlichen Folgen relevant. So zeigte sich, dass frühere interpersonelle Traumatisierung - nicht jedoch akzidentelle - das Risiko für eine PTBS erhöht [12]. Insbesondere gilt dies für Betroffene, die infolge der ersten Traumatisierung eine PTBS entwickelten [24]. Die kumulative Wirkung stressreicher Ereignisse ist für Risikoberufsgruppen von besonderer Relevanz, da diese überdauernd belastenden Ereignissen ausgesetzt sind: Für polizeiliche und medizinische Einsatzkräfte zeigt sich folglich ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Anzahl belastender Ereignisse und der Wahrscheinlichkeit, PTBS-Symptome zu entwickeln [20, 25].
Peritraumatische Faktoren
Subjektive Traumaschwere
Ein Trauma ist per Definition ein Ereignis "katastrophalen Ausmaßes", das bei nahezu jedem "tiefe Verzweiflung" auslöst [26]. Jedoch haben nicht nur objektive Charakteristika eines Ereignisses [27, 28], sondern auch seine subjektive Verarbeitung Einfluss darauf, ob ein Trauma zur Entwicklung klinisch relevanter PTBS-Symptome führt [29]. Dabei ist die Traumaschwere einer der wichtigsten Prädiktoren [23], auch bei Einsatzkräften [30]. Studien an Polizisten zeigen, dass es zur Einschätzung der Gesamtbelastung von großer Bedeutung ist, Schwere und Frequenz zu betrachten [31].
Kognitive Verarbeitung
Das Ausmaß der subjektiven Belastung durch das Trauma hängt mit seiner Interpretation zusammen [32, 33]. Wird die Traumatisierung als vollkommener Autonomieverlust (mental defeat) [34] erlebt, führt diese oftmals zu Schuldzuweisungen gegenüber der eigenen Person (z. B. "Wie konnte ich das zulassen?"). Häufig kommt es außerdem dazu, dass die Sicht auf die Welt sich in negativer Weise verändert [35]. Eine solche Entwicklung ist mit einem besonders hohen PTBS-Risiko assoziiert [36].
Von zentraler Bedeutung bei Risikoberufsgruppen ist auf kognitiver Ebene die wahrgenommene Kontrolle. Dabei scheint vor allem der peritraumatisch wahrgenommene Kontrollverlust relevant zu sein. Eine Studie an israelischen Soldaten konnte beispielsweise zeigen, dass eine stärkere internale Kontrollüberzeugung, die kurz nach dem Belastungsereignis erfasst wurde, die Entwicklung von PTBS-Symptomen über einen Zeitraum von 20 Jahren vorhersagen konnte [37].
Peritraumatische Dissoziation
Ein ebenso relevanter Faktor ist peritraumatische Dissoziation. Retrospektive Studien und Querschnittstudien - unter anderem an Polizisten [20] - zeigten einen substanziellen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der peritraumatischen Dissoziation und der Schwere von PTBS-Symptomen [38]. Prospektive Studien legen wiederum nahe, dass der Vorhersagewert peritraumatischer Dissoziation für PTBS-Symptomatik geringer ausfällt [39].
Posttraumatische Faktoren
Soziale Unterstützung
Unter den posttraumatischen Einflussfaktoren ist das Ausmaß sozialer Unterstützung der am stärksten beforschte Faktor [36]. Die wahrgenommene soziale Unterstützung scheint dabei die Stärke des Zusammenhangs zwischen Traumaschwere und PTBS-Symptomen zu beeinflussen [40]. Dies zeigen auch Quer- und Längsschnittstudien an Einsatzkräften, wobei teilweise negative soziale Interaktionen den größeren Einflussfaktor darstellen [20, 41]. Jedoch scheint die wahrgenommene potenziell verfügbare soziale Unterstützung (perceived social support) relevanter zu sein als die tatsächlich in Anspruch genommene Unterstützung (received social support).
Offenlegung der traumatischen Erfahrung
Eine wesentliche Voraussetzung zur Nutzung positiver Aspekte sozialer Unterstützung ist die wahrgenommene Möglichkeit, traumatische Erfahrungen (disclosure) mitzuteilen [42]. Studien, die die Auswirkungen der Offenlegung des Traumas untersuchen, liefern allerdings ein heterogenes Bild und finden sowohl positive als auch negative Effekte im Hinblick auf PTBS-Symptome [43], wobei wiederum negative soziale Reaktionen die größere Relevanz aufweisen [44]. Eine Studie mit Personal einer Notaufnahme zeigt außerdem, dass auch die wahrgenommene eigene Fähigkeit zur Offenlegung belastender Erfahrungen von großer Bedeutung ist [42].
Stigmatisierung
Insbesondere bei berufsbedingten Traumatisierungen spielt die Wahrnehmung von Stigmatisierung eine große Rolle. Eine Metaanalyse zeigt, dass bei Ersthelfern oftmals Ängste vor Stigmatisierung relevant sind, wenn es darum geht, bei bestehender Belastung professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen [45]. So befürchten Betroffene, Informationen könnten nicht vertraulich behandelt werden oder ihnen könnten berufliche Nachteile entstehen, wenn sie ihre psychische Belastung preisgeben. Eine aktuelle Studie an Polizisten zeigt außerdem, dass besonders diejenigen, die von einer psychischen Erkrankung betroffen sind, eine Stigmatisierung für wahrscheinlich halten [46].
Mögliche Konsequenzen von Traumatisierung
Komorbide Erkrankungen
Vor allem bei einer chronifizierten PTBS sind komorbide psychische Erkrankungen häufig. Während die Forschungslage klar zeigt, dass prätraumatische psychische Erkrankungen einen Risikofaktor für PTBS darstellen [23], ist unklar, welche Faktoren das Auftreten komorbider Störungen im Verlauf einer PTBS wahrscheinlicher machen [36]. So liegen sowohl Befunde vor, die eine wechselseitige Kausalbeziehung zwischen einer PTBS und einer komorbiden Erkrankung nahelegen, als auch solche, die vermuten lassen, dass beide Erkrankungen nur Ausdruck geteilter Risikofaktoren sind [47]. Viele der beschriebenen Risiko- und Schutzfaktoren sind nicht nur relevant für die PTBS, sondern ebenso für depressive Erkrankungen [48, 49]. Dies gilt in gleicher Weise für Risikoberufsgruppen. Deswegen ist es unerlässlich, beim Vorliegen einer PTBS weitere psychische Erkrankungen diagnostisch abzuklären.
Posttraumatische Reifung
Neben aversiven und pathologischen Konsequenzen können traumatische Ereignisse auch zu positiv wahrgenommenen Veränderungen im Leben der Betroffenen führen, einer "posttraumatischen Reifung" [50]. Trotz der zunächst naheliegenden Vermutung, dass stärkere PTBS-Symptome mit einem geringeren Erleben von Reifung einhergehen, zeigen metaanalytische Auswertungen, dass beide Traumakonsequenzen koexistieren können und sogar positiv oder kurvilinear zusammenhängen [51]. Dabei ist erlebte Reifung allerdings nicht zwangsläufig mit einer Reduktion von Symptomen assoziiert [52]. Ein günstigerer Verlauf im Sinne geringer PTBS-Symptome bei gleichzeitig hoher posttraumatischer Reifung wird desto wahrscheinlicher, je stärker die verfügbare soziale Unterstützung erlebt wird [53].
Wichtige Faktoren
Risiko- und Schutzfaktoren wirken sich nicht nur in spezifischen Zeitfenstern, sondern kontinuierlich auf die Möglichkeiten eines Individuums aus, mit Belastung adaptiv umzugehen. Hierdurch sind sie zentrale Anknüpfungspunkte für primäre und sekundäre Präventionsmaßnahmen sowie spätere Behandlungsansätze. Die wichtigsten Faktoren sind die Schwere des traumatischen Ereignisses, dessen Interpretation sowie die im Anschluss an das Ereignis wahrgenommene verfügbare soziale Unterstützung. Zudem sind insbesondere Individuen mit belastenden, bis dato nicht verarbeiteten Vorerfahrungen gefährdet. Zentral ist es, ein breites Spektrum möglicher Konsequenzen von Extrembelastungen zu berücksichtigen: Dabei sind belastungsinduzierte Störungen von Bedeutung, jedoch auch Reifungs- und Wachstumsprozesse.
Organisationale Faktoren
Vor dem Hintergrund der beschriebenen Risiko- und Schutzfaktoren wird deutlich, dass einige Charakteristika des Individuums sind, die nicht von außen beeinflusst oder gar verändert werden können (z. B. Alter oder Geschlecht). Andere Faktoren eröffnen wiederum die Möglichkeit, durch organisationale Strukturen protektiven Einfluss zu nehmen. So zeigen Studien, dass eine starke internale Kontrollüberzeugung mit einer geringeren Symptombelastung assoziiert ist. Arbeitsplätze sollten folglich dahingehend weiterentwickelt werden, dass ein Gefühl subjektiver Kontrolle erhalten bleibt. Evaluiert werden kann dies durch die deutsche Version der Work Locus of Control Scale [54].
Ein Aspekt, der vielleicht in noch stärkerer Weise durch Organisationen zu beeinflussen ist, sind Stigmatisierungen. Entstehen Arbeitnehmern beispielsweise strukturell (z. B. durch ausbleibende Beförderungen) Nachteile durch die Diagnose einer psychischen Erkrankung, kann dies dazu führen, dass Betroffene keine oder erst zu spät professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Eine Möglichkeit, auf organisationaler Ebene zu intervenieren, stellen beispielsweise Anti-Stigmatisierungsprogramme dar [55]. Derartige Programme können dazu beitragen, dass Betroffene ein großes Maß an potenziell verfügbarer Unterstützung wahrnehmen [41].
Eine weitere Möglichkeit zur Förderung psychischer Gesundheit nach Extrembelastungen bieten auch sekundäre PTBS-Präventionsangebote, wobei Wirksamkeitsnachweise bislang nur bei bestehender Belastung für traumafokussierte Methoden vorliegen [56].
Zusammenhang mit Resilienz
Im Zusammenhang mit Risiko- und Schutzfaktoren wird auch immer wieder von Resilienz gesprochen, der Widerstandsfähigkeit gegenüber Stressoren mit Schädigungspotenzial [57]. In diesem Zusammenhang spielt der Salutogenese-Ansatz nach Antonovsky eine wichtige Rolle [58, 59]. Dieser geht davon aus, dass sich der Zustand eines Individuums auf einem Kontinuum zwischen "ease"' (Zustand vollkommener Gesundheit) und "disease"' (Zustand von Krankheit) bewegt. Moduliert wird die Position eines Individuums auf diesem Kontinuum durch Kohärenzerleben (sense of coherence). Kohärenzerleben ist dabei eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß ein Individuum ein Gefühl des Vertrauens hat, dass Situationen strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind. Damit ist ein hohes Kohärenzerleben auch mit einer als stärker wahrgenommenen internalen Kontrolle assoziiert [60]. Verglichen mit ähnlichen resilienzassoziierten Konzepten, identifizierten einige Studien Kohärenzerleben als stärkeres Korrelat allgemeiner Symptombelastung sowie posttraumatischer Belastung [60, 61].
Zukünftige Untersuchungen zu Resilienz sind unerlässlich, um diejenigen Faktoren zu identifizieren, die es Personen ermöglichen, auf eine günstige Art mit belastenden Ereignissen umzugehen. Dies ist insbesondere dann wichtig, wenn Personen wie zum Beispiel Einsatzkräfte regelhaft stressreichen, belastenden oder auch traumatischen Ereignissen ausgesetzt sind. Auf Basis dieser Befunde könnten beispielsweise in Organisationen regelmäßig Resilienztrainings durchgeführt werden. Für spezielle Berufsgruppen gibt es diese bereits [62, 63]. Eine erste Metaanalyse fand hierzu einen mittleren Effekt [64], wobei die Resilienztrainings im deutschsprachigen Raum bis dato nicht prinzipiell stattfinden. Doch sind für alle Risikoberufsgruppen dieselben Faktoren relevant? Diese Frage lässt sich bis dato nicht abschließend beantworten, wobei eine aktuelle Studie, die den Zusammenhang verschiedener resilienzassoziierter Konzepte mit psychopathologischen Symptomen zwischen medizinischem Personal, Polizisten und Feuerwehrleuten verglich, nur sehr geringe Unterschiede zwischen den Gruppen fand. Über alle Berufsgruppen hinweg war allerdings Kohärenzerleben das stärkste Korrelat psychischer Belastung [65].
Forschungsbedarf und Ausblick
Forschung zu Risiko- und Schutzfaktoren sowie zu resilienz-assoziierten Konzepten ist bisher oftmals auf querschnittliche Untersuchungen beschränkt. Studien, die den Längsschnitt - das heißt die Entwicklung von Risiko- und Schutzfaktoren sowie psychopathologischer Belastung über einen längeren Beobachtungszeitraum in den Blick nehmen - sind daher unverzichtbar, um diejenigen Faktoren zu identifizieren, die auch im Vorfeld, im Verlauf oder in zeitlicher Nähe eines belastenden Ereignisses einen prädiktiven Wert aufweisen.
Darüber hinaus ist es von großer Bedeutung, die Forschung im Bereich der Risikoberufsgruppen in stärkerer Weise nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ zusammenzufassen und so eine fundierte Grundlage für Prävention und Intervention zu liefern.
Nicht unerwähnt bleiben sollte jedoch, dass durchaus das Risiko besteht, dass derartige Forschung auch zur Selektion anhand "harter" und damit nicht zu verändernder Kriterien (z. B. Geschlecht) beitragen könnte. Es ist deswegen von großer ethischer Relevanz, Diskriminierung vorzubeugen und Forschungsergebnisse so zu nutzen, dass sie den Einzelnen besser schützen und ihn nicht in seiner Freiheit und Selbstbestimmung beschneiden.
Fazit für die Praxis
Ein Verständnis von Risiko- und Schutzfaktoren sowie ihrer Wirkung im zeitlichen Verlauf ist essenziell für die Vorhersage und Prävention von stress- und belastungsinduzierten Erkrankungen, insbesondere in Risikogruppen. Hierzu zählen Einsatzkräfte, die regelhaft sehr belastenden Ereignissen ausgesetzt sind.
Das Modell der Risiko- und Schutzfaktoren der PTBS von Pielmeier und Maercker [8] sowie der Salutogenese-Ansatz von Antonovsky [58, 59] liefern eine theoretische Grundlage für die Früherkennung von Personen mit erhöhtem Risiko und die Entwicklung von Präventions- und Interventionsstrategien. Eine weitere empirische Absicherung ist jedoch unerlässlich, um Hochrisikogruppen effektiv zu schützen.
Sarah K. Schäfer M.Sc.
Klinische Psychologie und Psychotherapie Psychotherapeutische Hochschulambulanz Universität des Saarlandes
Christian G. Schanz M. Sc.
Klinische Psychologie und Psychotherapie Psychotherapeutische Hochschulambulanz Universität des Saarlandes
Prof. Dr. med. Dr. rer. pol. Dipl.-Psych. Niels Bergemann.
Ärztlicher Direktor und Chefarzt Kitzberg-Kliniken Erlenbachweg 22/24, 97980 Bad Mergentheim
E-Mail: n.bergemann@ptz.de
Prof. Dr. Tanja Michael.
Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie, Psychotherapeutische Hochschulambulanz Universität des Saarlandes, 66123 Saarbrücken
E-Mail: t.michael@mx.uni-saarland.de
CME-Fragebogen.
Risiko- und Schutzfaktoren psychischer Gesundheit bei Einsatzkräften
Wie viel Prozent der Personen in Risikoberufsgruppen erleben in ihrem Leben mindestens ein traumatisches Ereignis?
Zirka 9 %
Zirka 24 %
Zirka 59 %
Zirka 84 %
Zirka 99 %
Welche dieser Erkrankungen ist eine im beruflichen Kontext relevante direkte Trauma- oder Belastungsfolgestörung?
Depression
Alkoholabhängigkeit
Agoraphobie
Anpassungsstörung
Anorexia nervosa
Wie nennt man Faktoren, die bei Vorliegen spezifischer Dispositionen oder Umwelteinflüssen die Wahrscheinlichkeit reduzieren, eine bestimmte Erkrankung zu entwickeln?
Risikofaktoren
Vulnerabilitäten
Grundkonflikte
Abwehrmechanismen
Schutzfaktoren
Welche Faktoren sind laut einer aktuellen Überblicksarbeit für die Vorhersage von posttraumatischen Belastungsstörung(PTBS)-Symptomen besonders relevant?
Prätraumatische Faktoren
Prä- und peritraumatische Faktoren
Peritraumatische Faktoren
Peri- und posttraumatische Faktoren
Posttraumatische Faktoren
Welche dieser Aussagen bezüglich prätraumatischer Risiko- und Schutzfaktoren ist zutreffend (PTBS = posttraumatische Belastungsstörung)?
Männer haben im Vergleich zu Frauen ein höheres Risiko, nach einer Traumatisierung eine PTBS zu entwickeln.
Ältere Personen haben bezogen auf Einzelereignisse eine höhere Wahrscheinlichkeit als jüngere, eine PTBS zu entwickeln.
Ein höheres Begabungsniveau ist mit einer höheren Wahrscheinlichkeit assoziiert, ein Trauma zu erleben.
Besonders frühere akzidentielle Traumatisierung erhöht die Wahrscheinlichkeit, bei erneuter Traumatisierung eine PTBS zu entwickeln.
Für Einsatzkräfte zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Anzahl belastender Ereignisse und der Wahrscheinlichkeit, eine PTBS zu entwickeln.
Welche dieser Aussagen bezüglich peritraumatischer Risiko- und Schutzfaktoren ist zutreffend (PTBS = posttraumatische Belastungsstörung)?
Im Gegensatz zur objektiven Traumaschwere hat die subjektive Traumaschwere keinen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, eine PTBS zu entwickeln.
Bei der Einschätzung der Gesamtbelastung ist nur die Frequenz, nicht aber die Schwere der Ereignisse zu betrachten.
Wird die Traumatisierung als vollkommener Autonomieverlust erlebt (mental defeat), führt dies zu Schuldzuweisungen gegenüber anderen Personen.
Führt ein Trauma dazu, dass die Sicht auf die Welt sich in negativer Weise verändert, ist dies mit einem besonders hohen PTBS-Risiko assoziiert.
Es gibt keinen Zusammenhang zwischen peritraumatischer Dissoziation und der Schwere von PTBS-Symptomen nach einer Traumatisierung.
Welche dieser Aussagen bezüglich posttraumatischer Risiko- und Schutzfaktoren ist zutreffend (PTBS = posttraumatische Belastungsstörung)?
Die wahrgenommene soziale Unterstützung scheint die Stärke des Zusammenhangs zwischen Traumaschwere und PTBS-Symptomen zu beeinflussen.
Das Geschlecht einer Person ist ein bedeutsamer posttraumatischer Risikofaktor für die Entstehung von PTBS-Symptomen.
Studien zeigen homogen einen positiven Effekt der Offenlegung einer Traumatisierung durch die betroffenen Personen.
Bei berufsbedingten Traumatisierungen spielt die Wahrnehmung von Stigmatisierung keine Rolle.
Personen mit psychischen Erkrankungen schätzen die Wahrscheinlichkeit einer Stigmatisierung durch Offenlegung eines Traumas geringer ein als gesunde Personen.
Auf welche Weise können organisationale Faktoren zur Prävention gegenüber Traumafolgestörungen beitragen?
Organisationale Faktoren haben keinen Einfluss auf die Auswirkungen von Traumatisierung auf Individuen.
Arbeitsplätze sollten dahingehend weiterentwickelt werden, dass das Gefühl subjektiver Kontrolle minimiert wird.
Personen, die berufliche Traumatisierungen erfahren haben, sollten von Beförderungen und Leitungsfunktionen ausgeschlossen werden.
Anti-Stigmatisierungsprogramme erhöhen das Ausmaß der wahrgenom- menen potenziell verfügbaren Unterstützung.
Sekundäre PTBS(posttraumatische Belastungsstörung)-Präventionsprogramme sollten auf den Einsatz traumafokussierter Methoden verzichten.
Bezüglich welcher Art von Untersuchungen zu Risiko- und Schutzfaktoren besteht besonderer Forschungsbedarf?
Es besteht ein besonders hoher Bedarf an querschnittlichen Untersuchungen zu Risiko- und Schutzfaktoren.
Es besteht ein besonders hoher Bedarf an qualitativen Überblicksarbeiten zu Risiko- und Schutzfaktoren.
Es besteht ein besonders hoher Bedarf an längsschnittlichen Untersuchungen zu Risiko- und Schutzfaktoren.
Es besteht ein besonders hoher Bedarf an Analogstudien zu Risiko- und Schutzfaktoren.
Es besteht ein besonders hoher Bedarf an experimentellen Untersuchungen zu Risiko- und Schutzfaktoren.
Inwiefern liegt bis dato Forschung zur Förderung von Resilienz im beruflichen Kontext vor?
Es gibt bereits empirische Daten zu Resilienztrainings mit mittlerer Effektstärke in spezifischen Berufsgruppen.
Es gibt noch keine empirischen Daten zu Resilienztrainings, die Grundlagenforschung ist jedoch vielversprechend.
Es gibt bereits empirische Daten zu Resilienztrainings, diese konnten deren Effektivität aber nicht nachweisen.
Es gibt noch keine empirischen Daten zu Resilienztrainings, da eine Förderung von Resilienz im Erwachsenenalter nicht möglich scheint.
Es gibt bereits empirische Daten zu Resilienztrainings mit berufsgruppen-übergreifend großen Effekten.
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Interessenkonflikt
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Niels Bergemann, Email: n.bergemann@ptz.de.
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