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. 2020 Oct 12;42(10):37–39. [Article in German] doi: 10.1007/s35114-020-0292-2

Innovationsforschung für die öffentliche Verwaltung

Rubina Zern-Breuer 1,, Michael Hölscher 1
PMCID: PMC7548136

Mit WITI-Lab hat die Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer ein in der Wissenschaft verankertes Innovationslabor für die öffentliche Verwaltung gegründet. In insgesamt fünf Projekten - ein Zentralprojekt und vier Teilprojekte - werden innovative Verfahren, Strategien und Organisationsformen für den Wissens- und Ideentransfer zwischen Wissenschaft, Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft entwickelt.

Digitaler Kompetenzdruck, Probleme beim Wissenstransfer innerhalb der Organisationen, drückende Schuldenberge in den Kommunen, zunehmende Einforderung von Bürgerinnen- und Bürger-Partizipation und nun auch noch die Covid-19-Krise - die öffentlichen Verwaltungen sind derzeit um ihre zahlreichen Herausforderungen nicht zu beneiden. Gleichzeitig sind die Erwartungen an die Leistungsfähigkeit der öffentlichen Verwaltung, an Transparenz, Flexibilität und ganzheitliches Vorgehen stark angestiegen. In der aktuellen Covid-19-Krise werden zudem soziale und politische Disparitäten größer. Dadurch steigt der Druck auf die Verwaltungen, passende Antworten auf aktuell drängende Fragen zu finden.

Labs in der öffentlichen Verwaltung

Öffentliche Verwaltungen sind ihrer Natur nach eher darauf ausgelegt, im Sinne der Pflicht zur Daseinsvorsorge stabil und eher risikoavers gegenüber (radikalen) Veränderungen zu sein. Es ist für sie oftmals schwierig, mit knappen finanziellen und personellen Ressourcen den Weg für Reformen oder Innovationen zu bereiten. Allerdings erweisen sich die etablierten Instrumente zur Bewältigung der vielfältigen Herausforderungen zunehmend als ungenügend.

Vor diesem Hintergrund steigt die Bedeutung von experimentellen Strukturen wie Innovationslaboren, die die Möglichkeit haben, neue Ideen und Innovationen in einem geschützten Rahmen zu testen. Diese finden sich aktuell in immer mehr Verwaltungen, wobei die Ziele so unterschiedlich sind wie die Labore selbst: Von der Bearbeitung ganz konkreter Probleme bis zur Unterstützung einer Transformation der gesamten öffentlichen Verwaltung ist alles dabei. Auf Bundesebene richteten beispielsweise verschiedene Ministerien Innovationseinheiten ein. Bayern initiierte regionale Digitalisierungslabore und im Staatsministerium Baden-Württemberg entsteht derzeit das erste ressortübergreifende Innovationslabor auf Länderebene - neben der bereits existierenden "Digitalakademie", einem Partner-Netzwerk für die Digitalisierung der Verwaltung. Auch auf der kommunalen Ebene haben solche Labore derzeit Hochkonjunktur.

Eine designorientierte Ausrichtung hat etwa das GovLab der Bezirksregierung Arnsberg, das mit einem digitalen Labor zur Modernisierung von Bürgerservices arbeitet. Zudem werden immer mehr Stadtlabore gegründet, die als partizipative Anlaufstelle von Zivilgesellschaft und Beschäftigen der Stadtverwaltung genutzt werden, um gemeinsam die digitale Transformation zu erforschen und erlebbar zu machen: Beispiele sind das 2016 gegründete Ulmer "Verschwörhaus" oder das Stadtlabor Soest, das Anfang Februar 2020 eröffnet wurde mit dem Ziel, der "Digitalen Modellregion Soest" einen zusätzlichen Push zu geben. In Berlin wurde 2019 das CityLab vom Berliner Senat eingerichtet, ein Innovationslabor für die Hauptstadt, das sich an der Schnittstelle von Verwaltung und Stadtgesellschaft unter anderem mit Beteiligung und Digitalisierung auseinandersetzt.

Das Projekt WITI

Was bislang jedoch bei diesen Entwicklungen fehlt, ist ein in der Wissenschaft verankertes Innovationslabor für die Verwaltung in Deutschland. Diese Lücke will die Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer nun schließen: Das hier aufgebaute Innovationslabor für die öffentliche Verwaltung hat es sich zur Aufgabe gesetzt, die Transformation der öffentlichen Verwaltung wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig methodisch vielfältig zu unterstützen - der offizielle Spatenstich hierfür fand Ende Juni 2019 statt.

Das Labor entstand im Rahmen des Projektes "Wissens- und Ideentransfer für Innovation in der Verwaltung" (WITI). Es wurde durch die Bund-Länder-Förderinitiative "Innovative Hochschule" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) gefördert und von einer Reihe namhafter Kooperationspartnerinnen und -partner seit Anfang 2018 unterstützt. In insgesamt fünf Projekten - ein Zentralprojekt und vier Teilprojekte - werden innovative Verfahren, Strategien und Organisationsformen für den Wissens- und Ideentransfer zwischen Wissenschaft, Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft entwickelt. Basis dafür ist das Konzept der Triple beziehungsweise Quadruple Helix. Dieses geht davon aus, dass für gelingende Innovation und Transfer das Zusammenspiel von drei beziehungsweise vier Akteurinnen und Akteuren (Staat, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft) notwendig ist.

Als wissenschaftliches Innovationslabor bietet das WITI-Lab den Vorteil, Herausforderungen für die Verwaltung anders zu lösen als Labore in der Verwaltung selbst. Da Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gelernt haben, sich mit komplexen Fragestellungen auseinanderzusetzen und langfristigere Perspektiven einzunehmen, suchen sie nicht die nächstbeste, oft technisch orientierte Lösung, sondern differenzieren die einzelnen Herausforderungen stärker. Zudem sind sie unabhängig vom "Auftraggeber Verwaltung", sodass es hier zu wenig Zielkonflikten kommt. Durch die Unabhängigkeit kann mehr Vertrauen in die Qualität der Ergebnisse entstehen. Das WITI-Labor ist zudem durch eigene Netzwerke und die Universität gut vernetzt und kann auf dieser Basis die wichtigen Akteurinnen und Akteure an einen Tisch bringen, wodurch die Praxisnähe gesichert ist.

Teilprojekte

Der Anstoß zu einem organisatorischen Wandel funktioniert nicht ohne konkrete Anwendungsprojekte, die den Wert und den potenziellen Impact eines Ansatzes demonstrieren. In WITI gibt es neben dem Zentralprojekt/Innovationslabor vier weitere Teilprojekte, die sich jeweils mit spezifischen Herausforderungen für die Verwaltungen beschäftigen: Im Teilprojekt "Town & Gown" werden innovative Formen der Kooperation zwischen Stadtverwaltung und lokalen Wissenschaftseinrichtungen in Rheinland-Pfalz und auf der anderen Rheinseite in Heidelberg erprobt und implementiert, um die Städte fit für die Wissensgesellschaft zu machen. Im Teilprojekt "Fugatus" geht es um die Entwicklung eines erfolgreichen Flüchtlingsmanagements mit beteiligten Kommunen (Frankenthal, Frankfurt am Main und Speyer) und den allgemeinen Umgang mit Krisen.

Die Stadt Speyer ist auch Kooperationspartner im Teilprojekt "Digital Smart City Speyer". Hier wird ein innovatives, digital-urbanes Dienstleistungskonzept für die Stadt Speyer in Kooperation mit der Zivilgesellschaft und Partnerkommunen entwickelt. Um kooperative Zusammenarbeit geht es im Teilprojekt "Kooperation Vorderpfalz". Das Projekt untersucht die Kooperationsmöglichkeiten - einschließlich ihrer Institutionalisierung - der drei kreisfreien Städte Frankenthal, Ludwigshafen, Speyer und des Rhein-Pfalz-Kreises anstelle einer Fusionslösung.

Nutzerzentrierung, Partizipation und Co-Design

Die meisten Labs werden als Instrumente zur Durchsetzung von Innovationen, internen Veränderungen und vor allem zum Wandel der Verwaltungskultur und -mentalität aufgebaut. Es handelt sich also um eine neue Form der Wissensproduktion und der zukunftsorientierten Gestaltung mit unterschiedlichen Gruppen von Akteurinnen und Akteuren, bei denen das gegenseitige Lernen im Experiment im Vordergrund steht. Und obwohl sie sich in ihren Zielsetzungen, Anforderungen und Methoden teilweise stark unterscheiden, lässt sich als Gemeinsamkeit festhalten, dass die Labs Nutzerzentrierung und Anwendung von Designmethoden vereinen, die Partizipation und Teilhabe der Zivilgesellschaft fördern.

So ist auch für das Innovationslabor in Speyer die konsequente Nutzerzentrierung ein wichtiger Baustein, der auf alle Ebenen der Verwaltung angewendet wird. Im kommunalen Bereich unterstützt WITI derzeit im Rahmen eines durch den Stifterverband geförderten Projekts die Stadtverwaltung Speyer bei der Erstellung eines städtischen Partizipationsleitfadens. Um alle Stadtakteurinnen und -akteure mitzunehmen und zu erfahren, welche Themen und Ideen den betreffenden Personen in Bezug auf Beteiligung am Herzen liegt, gehören Bürger- und Kreativworkshops hier genauso zum Programm wie interne Methodenveranstaltungen für Verwaltungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter.

Auch auf Länderebene setzt WITI dieses Konzept um: Gemeinsam mit dem Forschungsinstitut für die Öffentliche Verwaltung (FÖV) und der Metropolregion Rhein-Neckar (MRN) begleitete das Innovationslabor für das rheinland-pfälzische Innenministerium die wissenschaftliche Voruntersuchung eines Projekts zu einheitlichem Geodatenmanagement. Gemeinsam mit vielen Nutzerinnen und Nutzern aus verschiedenen Ministerien wurde analysiert, wie ein zukünftiges modernes Geodatenmanagement in Rheinland-Pfalz aussehen kann.

Das Projekt des Innovationsrekorders weist in eine ähnliche Richtung: Hier wurde zusammen mit Partnerinnen und Partnern wie Politics for Tomorrow, dem Govlab Austria, Fraunhofer Fokus/Öfit sowie dem Schweizer Staatslabor, dem CityLab Berlin und DIT/BMI unter dem Eindruck von Covid-19 eine Art Längsschnittstudie zum Lernen aus der Umbruch- und Krisenphase in den Verwaltungen initiiert. Die Teilnahme aller Verwaltungsebenen wird hierbei begrüßt. Aus dem Input aus den Verwaltungen sollen neue Ideen für eine Veränderung der öffentlichen Verwaltung und für gemeinsamen Wandel entstehen.

Zudem fungiert WITI in einem dreijährigen Projekt als wissenschaftlicher Partner für die Stadt Soest, die nicht nur "Digitale Modellkommune" ist, sondern darüber hinaus gerade in der Verwaltung ein partizipatives Stadtlabor zum Thema Digitalisierung errichtet hat. Gemeinsam haben WITI und das Team des Stadtlabors Soest eine Befragung der Verwaltungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter in den Städten Speyer und Soest durchgeführt, die sich damit beschäftigt, welche Arbeitsbedingungen in den Verwaltungen unter der Covid-19-Pandemie herrschen und welche Bedarfe die Verwaltungen derzeit haben.

Fazit

Das WITI-Team setzt bei allen Projekten auf die Kombination verschiedener Elemente, die je nach Bedarf der Kooperationspartnerinnen und -partner konzipiert werden: So kann es in einem Fall sinnvoll sein, einen kreativ angelegten Workshop zur Bürgerbeteiligung in der Stadtverwaltung anzubieten, in einem anderen Fall ist eher eine langfristige, agile Projektbegleitung oder eine sozialwissenschaftliche Analyse das Mittel der Wahl. Dabei arbeitet WITI sowohl in kommunalen Projekten, um konkrete Herausforderungen anzugehen, als auch bundesweit, um Lösungen zu skalieren und systemischen Wandel zu unterstützen.

Als Labor an der Universität Speyer kombiniert WITI design- und nutzerorientierte Ansätze mit wissenschaftlichen Methoden und will spätestens 2023 als permanente Einrichtung den Verwaltungen aller Ebenen zur Verfügung stehen - über Ihr Interesse freuen wir uns aber natürlich auch bereits aktuell und stehen gerne für Rückfragen zur Verfügung.

Literatur

Bason, C. (2018): Leading Public Sector Innovation 2E: Co-Creating for a Better Society. Bristol: Policy Press.

Gerhard, U., Marquardt, E. (2017): Reallabore als innovatives Forschungsformat zur Untersuchung nachhaltiger Stadtentwicklung - eine kritische Reflexion. Berichte. Geographie und Landeskunde, 91 (1), S. 97-111.

Jarke, J., Kubicek. H. (2019): Co-Creation von digitalen öffentlichen Dienstleistungen, in: Klenk, T., Nullmeier, F., Wewer, G. (Hrsg.): Handbuch Digitalisierung in Staat und Verwaltung. Wiesbaden, S. 1-13.

Kieboom, M. (2014): Lab Matters: Challenging the practice of social innovation laboratories. Amsterdam, Licensed under CC-BY.

Majewski Anderson, M., Domanski, D., Howaldt, J. (2018): Social Innovation as a Change and a Challenge for Higher Education Institutions. Why Higher Education Institutions are important for social innovation and how they can promote social innovation initiatives and projects. [Online]: https://www.socialinnovationatlas.net/fileadmin/PDF/einzeln/01_SI-Landscape_Global_Trends/01_10_SI-as-a-Chance-and-a-Challenge_Anderson-Domanski-Howaldt.pdf

Tõnurist, P., Kattel, R., Lember, V. (2017): Innovation Labs in the public sector: what they are and what they do, in: Public Management Review, 19, 10, S. 1455-1479.

Kompakt.

  • Das WITI-Projekt ist forschungsbasiert und arbeitet gleichzeitig lösungs- und anwendungsorientiert.

  • Gemeinsam werden Lösungen durch Co-Design und Wissenstransfer mit Akteurinnen und Akteuren aus Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft erarbeitet.

  • Der Ansatz kombiniert wissenschaftliche und designorientierte Methoden.

  • WITI arbeitet sowohl lokal als auch bundesweit, um Lösungen zu skalieren und systemischen Wandel zu unterstützen.

Biographies

Dr. Rubina Zern-Breuer

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Hochschul- und Wissenschaftsmanagement der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer und koordiniert das Zentralprojekt zu "Wissens- und Ideentransfer für Innovation in der Verwaltung" (WITI).graphic file with name 35114_2020_292_Figb_HTML.jpg

Prof. Dr. Michael Hölscher

ist Inhaber des Lehrstuhls für Hochschul- und Wissenschaftsmanagement an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer.graphic file with name 35114_2020_292_Figc_HTML.jpg


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