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. 2021 Aug 9:1–9. [Article in German] Online ahead of print. doi: 10.1007/s40407-021-00012-z

Klinische Bedeutung und Erfassung von Frailty

Clinical significance and assessment of frailty

Petra Benzinger 1,, Annette Eidam 2, Jürgen M Bauer 2
PMCID: PMC8350925

Lernziele

Nach Bearbeitung dieses Kurses …

  • sind Ihnen die beiden wichtigsten Frailty-Konzepte bekannt,

  • können Sie den Nutzen der Identifikation von Patient*innen mit Frailty einschätzen,

  • kennen Sie verschiedene Instrumente zur Erfassung von Frailty,

  • sind Sie in der Lage, für verschiedene klinische Einsatzgebiete ein geeignetes Frailty-Instrument auszuwählen.

Einleitung

Der medizinisch-wissenschaftliche Begriff „Frailty“ beschreibt ein multidimensionales geriatrisches Syndrom, das gekennzeichnet ist durch:

  • den Verlust von individuellen Reserven,

  • eine erhöhte Vulnerabilität gegenüber internen und externen belastenden Einflussfaktoren [1].

Frailty entspricht demnach nicht der deutschen Übersetzung „Gebrechlichkeit“, die durch körperliche Schwäche, geringe Belastbarkeit, Hinfälligkeit und Fragilität charakterisiert ist.

Frailty kann auch in Abwesenheit von Multimorbidität und Behinderung auftreten und als reines Altersphänomen verstanden werden. Es stellt damit den Versuch dar, das biologische Alter einer Person zu erfassen. Frailty ist nicht mit dem Vorliegen von Behinderung gleichzusetzen.

Merke

Die Definition von Frailty ist Gegenstand anhaltender Diskussionen und umfasst in unterschiedlichem Ausmaß körperliche, geistige und soziale Aspekte.

Frailty korreliert nachweislich mit der zu erwartenden Morbidität und Mortalität von älteren Personen [1].

Verschiedene Einflussfaktoren begünstigen die Entwicklung einer Frailty (Abb. 1). Dabei spielen individuelle Lebensstilfaktoren wie Ernährung, Bewegungsverhalten und Genussmittelkonsum eine wesentliche Rolle. In späteren Lebensjahren wird die Entwicklung einer Frailty durch individuelle Begleiterkrankungen akzentuiert.

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Prognostische Bedeutung

Ältere Menschen mit Frailty weisen ein erhöhtes Risiko für Stürze, Krankenhaus- und Pflegeheimaufnahmen sowie eine erhöhte Mortalität auf [2, 3]. Daher ist das Erkennen von Frailty von prognostischer Relevanz und ermöglicht die Identifikation von älteren Personen, die einer weiteren diagnostischen Abklärung zugeführt werden sollten.

Interaktive Frage

Was denken Sie?

Die Erfassung von Frailty1 …

  • sollte nur dann erfolgen, wenn Patient*innen geriatrisch mitbetreut werden können.

  • kann ein umfassendes geriatrisches Assessment ersetzen.

  • kann Therapieentscheidungen beeinflussen.

Frailty-Konzepte

Trotz der wachsenden Bedeutung von Frailty in Klinik und Forschung besteht bisher noch kein internationaler Konsens hinsichtlich einer einheitlichen Definition und Erfassung [2].

Das derzeit am weitesten verbreitete Konzept stammt von Fried et al. [4, 5] und beschreibt den sog. physischen Frailty-Phänotyp („physical phenotype of frailty“). Ihm liegt die Vorstellung zugrunde, dass Frailty als Folge einer Dysregulation in mehreren physiologischen Regelkreisen entsteht, u. a. in folgenden Bereichen [5]:

  • endokrines System,

  • Immunsystem,

  • hämatologisches System,

  • muskuloskeletales System.

Die Identifikation erfolgt anhand von 5 Kriterien (Kriterien gemäß der Cardiovascular Health Study [CHS]; Abb. 2; [6]).

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Rockwood und Mitnitski entwickelten einen Ansatz, bei dem Frailty als eine Akkumulation von Defiziten aufgefasst wird [7]. In einem sog. Frailty-Index wird eine große Zahl (in der ersten Version 70) von geriatrischen Syndromen, funktionellen Einschränkungen und sozialen Defiziten erfasst und in einem Score zusammengeführt [8]. Der Frailty-Index nach Rockwood und Mitnitski ist daher im Vergleich zu den Fried-Kriterien wesentlich umfassender angelegt und beschränkt sich nicht auf die Erfassung funktioneller Aspekte aus den Bereichen Kraft, Mobilität und Aktivität. Er wurde wiederholt adaptiert [4, 9]. Dabei werden Informationen des geriatrischen Assessments berücksichtigt.

In den letzten Jahren wurden zahlreiche weitere Frailty-Konzepte veröffentlicht.

Merke

Es existieren zwei dominierende Frailty-Konzepte:

  • Das Konzept der physischen Frailty nach Fried, das eine verminderte objektive und subjektive Leistungsfähigkeit sowie einen Gewichtsverlust erfasst.

  • Das Konzept der Defizit-Akkumulation nach Rockwood und Mitnitski, das neben funktionellen Komponenten auch soziale und kognitive Aspekte sowie die Morbidität stärker berücksichtigt.

Verlauf

Frailty entwickelt sich über längere Zeiträume, wobei die individuellen Verläufe sehr unterschiedlich sein können und z. B. durch aktuelle oder chronische Erkrankungen beschleunigt werden [10].

Das Vollbild der Frailty ist als Endpunkt eines dynamischen Kontinuums zu betrachten, an dessen Anfang die funktionelle Unversehrtheit steht und dessen Verlauf als prinzipiell reversibel betrachtet werden kann. Allerdings ist eine Verschlechterung des Frailty-Grades wesentlich häufiger zu beobachten als eine Verbesserung.

Zwischen „non-frail“ („robust“) und „frail“ steht der Übergangsbereich des „pre-frail“ [11].

Frailty gefährdet Selbstständigkeit, Teilhabe und Lebensqualität im Alter, begünstigt das Auftreten von sozialer Isolation und führt häufig zu Hilfs- und Pflegebedürftigkeit [1].

Klinische und wissenschaftliche Aussagekraft von Frailty

Instrumente zur Erfassung von Frailty kommen sowohl in der klinischen Routine als auch im wissenschaftlichen Kontext zur Anwendung.

Frailty als Risikofaktor für das Eintreten eines negativen gesundheitsbezogenen Ereignisses

Zahlreiche Studien analysierten die Vorhersagekraft von Frailty-Instrumenten für Outcomes wie funktionellen Abbau, Krankenhauseinweisungen, Pflegebedürftigkeit und Mortalität in verschiedenen Populationen. Die Ermittlung des Frailty-Status diente der Identifikation von Risikogruppen unter älteren Patient*innen, unabhängig von einem definierten Behandlungsanlass. So erlaubt der Frailty-Status bei vorliegender COVID-19-Erkrankung valide Aussagen zum zu erwartenden Verlauf [12].

Frailty als Merkmal, das Diagnose- und Therapieentscheidungen unterstützt

Verfahren zum Erkennen von Frailty werden auch in zahlreichen Fächern außerhalb der Geriatrie bereits eingesetzt und leisten dort einen Beitrag zur individuellen Nutzen-Risiko-Bewertung.

Derzeit wird nach möglichst einfachen Instrumenten gesucht, die von nichtgeriatrischem Fachpersonal oder via Selbstauskunft angewandt werden können und die eine statistische Vorhersage über den Behandlungserfolg ermöglichen. Aktuelles Beispiel ist die Empfehlung der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), im Fall einer Ressourcenknappheit im Kontext der COVID-19-Pandemie Frailty als eines der Kriterien heranzuziehen, um über die Ressourcen-Allokation zu entscheiden [13].

Keinesfalls darf jedoch das Merkmal Frailty als alleiniges Kriterium für die Vorenthaltung einer Behandlung dienen [14], so auch nicht im vorliegenden Fallbeispiel (s. unten).

Frailty als Merkmal, das ein umfassendes geriatrisches Assessment triggert

Hier dient die Anwendung entsprechender Instrumente dem „case finding“ im Sinne eines Screenings, beispielsweise im ambulanten Bereich. Dieses Screening sollte möglichst einfach durchführbar sein, wenig Zeit und keine komplexen technischen Hilfsmittel erfordern.

Bereiche, die sich im Screening als auffällig erweisen, können dann in einem geriatrischen Assessment vertieft betrachtet bzw. Aspekte, die durch das Screening-Instrument nicht erfasst werden können, im Rahmen eines umfassenden geriatrischen Assessments beleuchtet werden.

Frailty als Zielparameter entsprechender Interventionen

Hierbei ist zwischen einer präventiven Ausrichtung und der Therapie einer bereits vorliegenden Frailty zu unterscheiden. Mehrere Übersichtsarbeiten kamen zu dem Schluss, dass für eine Reihe von Interventionen Hinweise auf eine Wirksamkeit vorliegen, die Datenlage aber noch nicht befriedigend ist [15].

Am schlüssigsten ist die gegenwärtige Evidenz für den Nutzen eines körperlichen Trainings sowie für die Kombination von Training plus proteinreicher Ernährung. Dies gilt sowohl für die Prävention als auch für die Therapie einer Frailty.

Merke

Frailty identifizieren – wozu?

  • Die Ermittlung von Frailty ist in verschiedenen Situationen hilfreich. Denn Frailty-Patient*innen zeigen in unterschiedlichen Settings einen ungünstigeren Behandlungs- und Krankheitsverlauf.

  • Ältere Patient*innen mit Frailty sind als Risikogruppe zu identifizieren und profitieren u. U. von einer Anpassung der Therapie.

  • Das Erkennen von Frailty bietet die Möglichkeit, im Rahmen eines umfassenden geriatrischen Assessments Aspekte zu identifizieren, die durch eine Intervention gezielt beeinflusst werden können.

Interaktive Frage

Was meinen Sie?

Welche der folgenden Parameter zählt zu den Cardiovascular-Health-Study(CHS)-Kriterien nach Fried2:

  • Demenz

  • Gehgeschwindigkeit

  • Harninkontinenz

  • Kardiovaskuläre Erkrankung

Instrumente zur Erfassung von Frailty

Es gibt viele unterschiedliche Instrumente zur Erfassung von Frailty [9]. Für den Einsatz im ambulanten und/oder stationären Kontext ist vor allem die pragmatische Anwendbarkeit von entscheidender Bedeutung.

Nur wenige Instrumente liegen bisher in einer deutschsprachigen Version vor. Auf diese konzentrieren sich die folgenden Ausführungen.

Assessmentbasierte Einschätzung

Gehgeschwindigkeit

Zwischen Frailty und Gehgeschwindigkeit besteht ein enger Zusammenhang. In einer Übersichtsarbeit hatte die Gehgeschwindigkeit bei selbstständig lebenden älteren Personen eine Sensitivität von 99 % für das Vorliegen einer Frailty, jedoch nur eine Spezifität von 64 % [16]. Eine Gehgeschwindigkeit ≤ 0,8 m/s ist zudem mit einer erhöhten Mortalität verbunden [17]. Somit eignet sich dieser Parameter im hausärztlichen Setting durchaus, um Risikopatienten zu identifizieren.

Es gibt jedoch gewisse praktische Hürden:

  • In der Praxis scheitert die Bestimmung der Gehgeschwindigkeit oft an den begrenzten räumlichen Möglichkeiten zur Durchführung des Tests. Möglicherweise lässt sich jedoch in absehbarer Zeit durch Sensoren (evtl. in Smartphones) die Gehgeschwindigkeit unter Alltagsbedingungen mit akzeptabler Genauigkeit messen.

  • Unter stationären Bedingungen gibt es die Einschränkung, dass viele Patienten zum Zeitpunkt der Aufnahme für eine Messung der Gehgeschwindigkeit nicht mobil genug sind.

Cardiovascular-Health-Study(CHS)-Kriterien nach Fried et al.

Wie erwähnt, beinhaltet die Erfassung des Frailty-Phänotyps nach Fried 5 Merkmale, deren Vorliegen zur Kategorisierung als robust, pre-frail oder frail führt:

  • Gehgeschwindigkeit

  • Handkraft

  • Erschöpfung (subjektiv)

  • Gewichtsverlust

  • Körperliche Aktivität

Diese Kriterien und die dazugehörigen Schwellenwerte wurden basierend auf einem Datensatz der CHS entwickelt [5]. Der diagnostische Aufwand zur Erfassung des Frailty-Phänotyps nach Fried ist erheblich.

Hinzu kommt, dass diese Frailty-Diagnostik lediglich den aktuellen Zustand erfasst, der möglicherweise durch die akute Erkrankung vorübergehend verschlechtert ist. Rückschlüsse auf den Ausgangszustand sind nur bedingt möglich.

Dennoch ist das Frailty-Konzept nach Fried am weitesten verbreitet und gilt als Goldstandard zur Erfassung des physischen Frailty-Phänotyps, da Validierungsstudien für alle geriatrischen Settings und für unterschiedliche Outcomes vorliegen [4]. Aus den o. g. Gründen spielen die Fried-Kriterien im klinischen Alltag jedoch nur eine untergeordnete Rolle.

Fremdeinschätzung

Clinical Frailty Scale (CFS)

Während der Frailty-Index als Goldstandard für das Frailty-Konzept nach Rockwood kaum Eingang in die klinische Praxis gefunden hat, ist die daran angelehnte Clinical Frailty Scale (CFS) inzwischen in zahlreichen klinischen Settings verbreitet.

Die ursprünglich 7‑teilige Skala wurde zu einer 9‑teiligen Skala weiterentwickelt. Die CFS ermöglicht es einer Gesundheitsfachkraft, die Graduierung einer Frailty einzuschätzen [18]. Hierbei finden Krankheitssymptome, Funktionsverlust, Alltagskompetenz, kognitive Einschränkungen sowie Lebenserwartung Berücksichtigung.

Mit diesem Instrument wird Frailty nicht als dichotomer Zustand angegeben. Vielmehr werden Patient*innen auf einer Skala von 1 (sehr fit) bis 9 (Sterbephase) eingeteilt (Abb. 3). Höhere Werte sind mit negativen Outcomes (Stürze, Pflegeheimaufnahme, Mortalität etc.) assoziiert [19]. Da die Einschätzung auch auf anamnestischen Angaben beruht, hängt jedoch die Zuverlässigkeit der Einstufung von der Qualität der diesbezüglichen Informationen ab.

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Interaktive Frage

Was meinen Sie?

Ältere Menschen mit Frailty haben ein erhöhtes Risiko für3

  • Krankenhaus- und Pflegeheimaufnahmen

  • Kolorektale Karzinome

  • M. Parkinson

Selbst- und Fremdeinschätzung

FRAIL Scale

Die Einschränkungen bei der Erhebung von Frailty anhand der Fried-Kriterien haben zur Entwicklung eines vereinfachten Fragebogeninstruments geführt, das vergleichbare Kriterien abfragt.

Die FRAIL Scale („fatigue, resistance, ambulation, illness and loss of weight“) wurde von der International Academy of Nutrition and Aging mit dem Ziel vorgeschlagen, Frailty mithilfe von Selbstauskünften und ohne klinische Untersuchung identifizieren zu können [21]. Vier der 5 Fragen sind den Fried-Kriterien entlehnt. Ergänzend wird Multimorbidität anhand von 11 vorgegebenen Erkrankungen erfasst. Höhere Punktewerte in der FRAIL Scale sind mit einem ungünstigeren Verlauf assoziiert (Abb. 4).

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Die FRAIL Scale kann über Selbstauskunft oder durch Fremdbeurteilung erhoben werden. Dieses Instrument wurde für selbstständig lebende ältere Personen entwickelt, findet aber zunehmend auch im klinischen Kontext Anwendung.

Groningen Frailty Indicator

In Anlehnung an das Konzept der Defizitakkumulation liegen eine Reihe weiterer Erhebungsinstrumente vor, die auf Selbstauskünften beruhen und neben physischen Parametern auch emotionale, kognitive und soziale Aspekte berücksichtigen.

Exemplarisch soll der Groningen Frailty Indicator (GFI) genannt sein. Der GFI ist ein aus 15 Fragen zusammengesetztes Instrument (Tab. 1). Abgedeckt werden 4 Domänen der Funktionalität, wobei neben physischen und kognitiven Einschränkungen auch psychosoziale Aspekte Berücksichtigung finden. Die 15 Einzel-Items werden dichotom bewertet. Ab einem Gesamtscore ≥ 4 wird von einer moderaten Frailty gesprochen [6].

Die folgenden Fragen befassen sich mit Ihrer Lebenssituation im vergangenen Monat (evtl. … Ihrer Lebenssituation, bevor Sie [akut] erkrankt sind) Ja Manchmal Nein
Sind Sie in der Lage, völlig selbstständig einkaufen zu gehen? 0 1
Sind Sie in der Lage, sich völlig selbstständig außerhalb des Hauses zu bewegen (in der näheren Umgebung des Hauses oder zu Nachbarn)? 0 1
Sind Sie in der Lage, sich völlig selbstständig an- und auszukleiden? 0 1
Sind Sie in der Lage, völlig selbstständig zur Toilette zu gehen? 0 1
Wenn Sie Ihre körperliche Fitness mit Punkten von 0 bis 10 bewerten müssten, wobei 0 „sehr schlecht“ bedeutet und 10 „ausgezeichnet“, welche Punktzahl würden Sie sich geben? (0–6 = 1; 7–10 = 0)
Haben Sie aufgrund schlechten Sehens Probleme im Alltag? 1 0
Haben Sie aufgrund schlechten Hörens Probleme im Alltag? 1 0
Haben Sie in den letzten 6 Monaten unbeabsichtigt viel Gewicht verloren? 1 0
Nehmen Sie derzeit 4 oder mehr verschiedene Medikamente ein? 1 0
Haben Sie Probleme mit Ihrem Gedächtnis? 1 0 0
Fühlen Sie eine allgemeine Leere? 1 1 0
Vermissen Sie die Gesellschaft anderer Menschen? 1 1 0
Fühlen Sie sich im Stich gelassen? 1 1 0
Haben Sie sich in letzter Zeit trübselig oder niedergeschlagen gefühlt? 1 1 0
Waren Sie in letzter Zeit nervös oder ängstlich? 1 1 0

0 Punkte = robust, > 4 Punkte = frail

Mit „selbstständig“ ist gemeint ohne jegliche Form von Hilfe einer anderen Person. Die Nutzung von Hilfsmitteln, wie Gehstock, Rollator, Rollstuhl gilt als selbstständig

Machbarkeit, Reliabilität und Konstruktvalidität des GFI wurden sowohl im häuslichen Umfeld als auch in einer Pflegeeinrichtung geprüft [22]. Dabei ist die Sensitivität akzeptabel, die Spezifität jedoch gering [23]. Daher eignet sich dieses Instrument vor allem zum „case finding“, um ein ausführliches geriatrisches Assessment anzuschließen.

Frailty Assessments für spezifische Patientengruppen

Die meisten medizinischen Fachrichtungen sind mit einer wachsenden Anzahl älterer Patient*innen konfrontiert, die neben verschiedenen Begleiterkrankungen motorische und kognitive Einschränkungen aufweisen. Diese Komplexität hat das Interesse am Frailty-Konzept auch außerhalb der Geriatrie geweckt.

So steigt in der Onkologie die Zahl betagter und multimorbider Patient*innen rasch an. Dabei erlaubt das chronologische Alter nur bedingt verlässliche Prognosen zu Nutzen und Verträglichkeit therapeutischer Optionen. Daher möchten Onkolog*innen jene Patient*innen identifizieren, die aufgrund einer Frailty ein erhöhtes Risiko für einen ungünstigen Krankheits- und Behandlungsverlauf aufweisen [24].

Zu diesem Zweck werden mehrere Screening-Instrumente verwendet [25]. Spezifisch für den Einsatz in der Onkologie wurde der „Geriatric 8 frailty questionnaire for oncology“ (G8) entwickelt (Tab. 2; [26]). Ab einem Wert kleiner als 15 Punkte ist von einer erhöhten Vulnerabilität auszugehen und sollte eine geriatrische Mitbeurteilung erwogen werden.

Hat die Nahrungsaufnahme in den letzten 3 Monaten aufgrund von Appetitverlust, Verdauungsproblemen, Kau- oder Schluck-Problemen abgenommen? 0: Schwere Einschränkung der Nahrungsaufnahme
1: Mäßige Einschränkung der Nahrungsaufnahme
2: Normale Nahrungsaufnahme
Gewichtsverlust in den letzten 3 Monaten 0: Gewichtsverlust > 3 kg
1: Unbekannt
2: Gewichtsverlust zwischen 1 und 3 kg
3: Kein Gewichtsverlust
Mobilität 0: Gewichtsverlust > 3 kg
1: Kann aus Bett/Stuhl aufstehen, aber geht nicht nach draußen
2: Geht nach draußen
Neuropsychologische Probleme 0: Bett oder Stuhl
1: Milde Demenz oder Depression
2: Keine psychologischen Probleme
Body-Mass-Index 0: < 19 kg/m2
1: 19-21 kg/m2
2: 21 bis < 23 kg/m2
3: ab 23 kg/m2
Nimmt > 3 Medikamente/Tag 0: Ja
1: Nein
Verglichen mit Gleichaltrigen, wie schätzt der Patient seinen Zustand ein? 0: Nicht so gut
0,5: Weiß nicht
1: Gleich gut
2: Besser
Alter 0: > 85 Jahre
1: 80–85 Jahre

Durch ein Frailty-Instrument können einerseits Therapieentscheidungen beeinflusst und andererseits jene Patient*innen identifiziert werden, die von einer geriatrischen Mitbeurteilung und ggf. Mitbetreuung profitieren. Hieraus kann sich für einen Teil dieser Patient*innen die Chance ergeben, durch eine geriatrische Prehabilitation die Verträglichkeit intensiver Therapieschemata zu verbessern und Risikofaktoren für einen ungünstigen Therapieverlauf zu minimieren [28].

Merke

Es gibt eine Vielzahl von Instrumenten zur Erfassung von Frailty. Die Auswahl richtet sich stark nach dem klinischen Setting und nach pragmatischen Aspekten.

Fallbeispiel

Der 87-jährige Norbert K. wird mit leichtem Fieber und akuter Verwirrtheit in die Notaufnahme eingewiesen.

Befunde

Bei der Aufnahme weist der Patient folgende Befunde auf:

  • Atemfrequenz 25/min

  • Pulsoxymetrisch gemessene Sauerstoffsättigung 87 % unter Raumluft

  • Körpertemperatur: 38,3 °C

  • Hämodynamisch stabil

  • Lungen-CT: Infiltrate beidseits

  • Abstrich: positiv für das „severe acute respiratory syndrome coronavirus type 2“ (SARS-CoV-2), ermittelt mithilfe der Polymerase-Kettenreaktion (PCR)

Vorerkrankungen

  • Chronische Niereninsuffizienz Stadium 3a

  • Arterielle Hypertonie

  • Herzinsuffizienz (diuretikapflichtig)

  • Altersassoziierte Makuladegeneration

Soziale Situation

  • Der Patient lebte bisher mit Unterstützung eines ambulanten Pflegedienstes im betreuten Wohnen.

  • Es liegt eine Vollmacht vor.

Wie würden Sie weiter vorgehen?

  • Die Clinical Frailty Scale (CFS) wird anhand anamnestischer Angaben der den Patienten begleitenden Tochter erhoben (Bezugszeitraum 3 Wochen vor der stationären Aufnahme) und ein CFS-Wert von 6 ermittelt.

  • Die verantwortliche Ärztin auf der COVID-19-Station diskutiert mit der Tochter die aufgrund von Frailty-Score, Multimorbidität und des Vorliegens eines Delirs anzunehmende schlechte Prognose des Patienten.

  • Nach ausführlicher Erörterung unter Einbeziehung des mutmaßlichen Patientenwillens wird der Verzicht auf intensivmedizinische Maßnahmen protokolliert und der Patient auf der Normalstation medizinisch versorgt.

Fazit für die Praxis

  • Die Definition von Frailty ist Gegenstand anhaltender Diskussionen; derzeit liegt noch kein Konsens hinsichtlich eines einheitlichen Frailty-Konzepts vor.

  • Es gibt zahlreiche Instrumente zur Erfassung von Frailty, deren Einsatz an das Ziel der Frailty-Bestimmung angepasst werden sollte.

  • Die FRAIL Scale mit den Komponenten „fatigue, resistance, ambulation, illness and loss of weight“ und die Clinical Frailty Scale (CFS) sind Instrumente, die eine Erfassung des Frailty-Status in Situationen erlauben, in denen eine einfache Risikostratifizierung angestrebt wird wie z. B. Notaufnahmen und Intensivmedizin.

  • Die Gehgeschwindigkeit, Kriterien nach Fried gemäß der Cardiovascular Health Study (CHS) sowie die FRAIL Scale berücksichtigen ausschließlich physische Aspekte.

  • Komplexere Instrumente wie der Frailty-Index oder der Groningen Frailty Indicator erfassen neben physischen auch kognitive, emotionale und soziale Dimensionen.

Quiz

1) Eine 87-jährige Patientin wird in einer geriatrischen Institutsambulanz vorgestellt. Im Rahmen der Eingangsuntersuchung soll ihre aktuelle physische Verfassung eingeschätzt werden. Welches der folgenden Frailty-Instrumente wird für diese Fragestellung aktuell als Goldstandard angesehen?

A Frailty Index nach Rockwood und Mitnitski

B Cardiovascular-Health-Study(CHS)-Kriterien nach Fried

C Groningen Frailty Indicator

D Gehgeschwindigkeit

E Clinical Frailty Scale

2) Welches Merkmal gilt als Risikofaktor für die Entstehung und den Progress von Frailty?

A Body-Mass-Index (BMI) zwischen 20,5 und 25 kg/m2

B Eiweißreiche Kost

C Weibliches Geschlecht

D Kohlenhydratreiche Ernährung

E Diabetes mellitus

3) Bei einer 78-jährigen Patientin mit bekannter Depression wird im Rahmen der präoperativen Abklärung bei Aortenklappenstenose die Gehgeschwindigkeit ermittelt. Sie beträgt 0,8 m/s. Welche Aussage lässt sich daraus für den geplanten Eingriff ableiten?

A Er ist mit erhöhter Mortalität assoziiert.

B Der Eingriff ist kontraindiziert.

C Um eine Aussage treffen zu können, muss zusätzlich die Handkraft bestimmt werden.

D In Bezug auf die Mobilität der Patientin bestehen keine Bedenken, den Eingriff durchzuführen.

E Bei Depression ist der Test nicht aussagekräftig.

4) Welches der folgenden Frailty-Instrumente beruht ausschließlich auf der Fremdeinschätzung durch geschulte Gesundheitsfachkräfte?

A Frailty-Index nach Rockwood

B Cardiovascular-Health-Study-Kriterien nach Fried

C Groningen Frailty Indicator

D Gehgeschwindigkeit

E Clinical Frailty Scale

5) Welches Instrument wurde für das Screening auf Frailty in der Onkologie entwickelt?

A G8

B Clinical Frailty Scale

C Groningen Frailty Indicator

D FRAIL Scale („fatigue, resistance, ambulation, illness and loss of weight“)

E Gehgeschwindigkeit

6) Der Groningen Frailty Indicator (GFI) zur Erfassung von Frailty …

A beruht auf einer Fremdeinschätzung.

B erfordert ein funktionelles Assessment.

C eignet sich für die Anwendung in der Notaufnahme.

D kann auch bei Personen mit mittelschwerer Demenz erhoben werden.

E erfasst medizinische, psychische, kognitive und soziale Aspekte.

7) Welche Aussage über das Frailty-Konzept nach Rockwood und Mitnitski trifft zu?

A Das Konzept von Frailty nach Rockwood und Mitnitski beruht auf der Idee einer Defizitakkumulation.

B Der Frailty-Index nach Rockwood und Mitnitski wird mithilfe eines kurzen Fragebogens erhoben.

C Für das Konzept wird der Begriff physikalische Frailty verwendet.

D Das Konzept von Rockwood und Mitnitski ist eindimensional.

E Zur Ermittlung der Frailty nach Rockwood und Mitnitski sind funktionelle Messungen erforderlich.

Lösungen: 1B; 2C; 3A; 4E; 5A; 6E; 7A

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

P. Benzinger, A. Eidam und J. M. Bauer geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Für diesen Beitrag wurden von den Autoren keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.

Footnotes

1

Das Erkennen von Frailty kann vor einer Therapieentscheidung dazu beitragen, die individuelle Nutzen-Risiko-Relation darzustellen. Allerdings darf das Merkmal Frailty nicht als alleiniges Kriterium für die Vorenthaltung einer Behandlung dienen.

2

In den physischen Frailty-Phänotyp nach Fried fließen 5 Kriterien gemäß der CHS ein: Ungewollter Gewichtsverlust, Erschöpfung, körperliche Aktivität, Gehgeschwindigkeit und Handkraft.

3

Ältere Personen mit Frailty weisen ein erhöhtes Risiko für Stürze, Krankenhaus- und Pflegeheimaufnahmen sowie eine erhöhte Mortalität auf.

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