Nicht jeder, der an Mikrochips im Impfstoff und an Echsenmenschen glaubt, hat Wahnvorstellungen. Aber es gibt einige Gemeinsamkeiten zwischen Verschwörungstheoretikern und Psychosekranken.
Bill Gates hat das Coronavirus entwickelt, um über den Impfstoff Mikrochips in den Köpfen zu installieren und unser Verhalten zu steuern - solche bizarren Vorstellungen haben in der Coronapandemie Hochkonjunktur. Die Idee, jemand wolle die eigenen Gedanken fernsteuern, dürfte gerade Psychiatern nicht ganz fremd sein. Nun hat sicher nicht jeder Verschwörungstheoretiker pathologische Wahnvorstellungen, aber die Übergänge könnten fließend sein. Brauchen manche mit schrägem Realitätsverständnis also eher eine Psychotherapie oder eine Neuroleptikabehandlung als überzeugende Argumente? Auf dem DGPPN-Kongress schilderte Philosoph und Psychiater Prof. Dr. Thomas Fuchs, Universität Heidelberg, einige Gemeinsamkeiten zwischen Psychosekranken und Verschwörungstheoretikern, aber auch klare Unterschiede.
Nichts ist, wie es scheint
Gemeinsam im Denken sind beiden einige Grundannahmen über die Wirklichkeit: Nichts geschieht durch Zufall, nichts ist, wie es scheint, alles hängt mit allem zusammen. Selbst die Raute der Kanzlerin ist ein geheimes Zeichen. Der Ausschluss des Zufalls, das Gefühl, alles habe eine bestimmte Bedeutung, sowie die subjektive Gewissheit, dass die Dinge anders sind als sie scheinen, all das ist auch typisch für Psychosekranke. Und manche bizarre Theorie, wie die Vorstellung, Papst und Kanzlerin seien Echsenmenschen und wollten die Welt versklaven, kann es durchaus mit den Gedankengängen von Paranoikern aufnehmen.
Verschwörungstheorien scheinen einen ähnlichen Zweck wie der Wahn zu erfüllen: Sie reduzieren die Komplexität der nicht verstandenen Realität, deuten diese um und erzeugen dadurch ein kohärenteres Weltbild. "Die Erfahrung von Ohnmacht kehrt sich dann um in die Gewissheit, die geheimen Machenschaften der Mächtigen durchschaut zu haben." Diese "Einsicht", so Fuchs, biete Möglichkeiten zur Gegenwehr und stelle die eigene Handlungsfähigkeit und Kontrolle teils wieder her.
Pathologischer Wahn isoliert
Neben diesen Gemeinsamkeiten sieht der Psychiater auch deutliche Unterschiede. So ist der pathologische Wahn eine isolierende, keine gemeinschaftliche Erfahrung: Der Paranoiker glaubt, alle sind gezielt hinter ihm her, der Verschwörungstheoretiker ist überzeugt, einige wenige sind hinter allen her. Der Paranoiker sieht sich im Zentrum der Manipulation und Verfolgung - der Nachbar, der so seltsam schaut, ist Teil der Verschwörung. Der Verschwörungstheoretiker sieht dagegen die ganze Gesellschaft als Opfer von Manipulationen - der ungläubige Nachbar ist nur eines dieser Opfer. Verschwörungstheorien sind als Gemeinschaftserlebnis daher auch anschluss- und verbreitungsfähig: Es lassen sich leicht Gruppenidentitäten bilden und andere Menschen infizieren.
Den Verschwörungstheoretiker treiben oft Geltungssucht und narzisstische Bedürfnisse, er strebt mitunter nach Prominenz und Anhängerschaft, will andere überzeugen. Der Paranoiker meidet eher die Aufmerksamkeit. Fuchs lehnt daher Begriffe wie "kollektive Psychose" für Verschwörungstheorien ab. "Damit psychiatrisieren wir nur die Soziologie." Psychose solle als Begriff psychisch Kranken vorbehalten bleiben.
Entkörperung der Wahrnehmung
Dass Verschwörungstheorien im digitalen Zeitalter wie Pilze aus dem Boden schießen, ist für den Psychiater kein Zufall. "Digitale Medien erzeugen grundsätzlich ambivalente - also halb reale, halb virtuelle - Erfahrungsräume: Unterschiede zwischen Sein und Schein, Original und Simulation, realer und virtueller Präsenz lösen sich immer mehr auf." Fuchs spricht von einer "Entkörperung" oder "Virtualisierung" der Wahrnehmung und Kommunikation mit Zwittergebilden zwischen Realem und Fiktivem. "Das führt dazu, dass der Realitätsbezug in technologisch vermittelten Umwelten grundsätzlich labiler wird." Fuchs nannte als Beispiel eine Geburt in der Fernsehserie "Lindenstraße". Der Sender sei danach mit Babyklamotten und Spielzeug überschüttet worden. Letztlich führe der Rückgang körperlicher Realitätserfahrungen zu einer Nivellierung von Realität und Virtualität.
Noch schwieriger lässt sich Reales und Fiktives in den unzähligen digitalen Parallelwelten unterscheiden. Hier treffen Menschen zudem auf verzerrte oder fingierte "alternative" Realitäten, produziert im Sinne bestimmter politischer Gruppen und Machthaber. Dazu gehört etwa das Narrativ, der "Deep State" habe die US-Wahl manipuliert und Donald Trump die Wahl gestohlen, was dann in den Echokammern sozialer Medien endlos widerhallt. Die in vielen Medien präsentierten "Fakten-Checks" sieht der Psychiater als Ausdruck des Kampfes um die Realitätsdeutung.
Zu den Echonetzwerken, in denen Meinungen durch Wiederholungen bestätigt und verstärkt werden, kommen Filterblasen - Algorithmen-erzeugte Spiegelungen des Erwarteten, basierend auf dem eigenen Nutzungsverhalten. Das Ergebnis, so Fuchs, sei eine zunehmende Fragmentierung der alten, klassischen Öffentlichkeit, in der man sich über eine gemeinsame Realität noch prinzipiell einig war. Nun entstünden "Überzeugungsgemeinschaften für ganz heterogene Interpretationen der Wirklichkeit".
Verschwörungstheorien sieht Fuchs als Ausdruck einer "Überforderung von der Hyperkomplexität medial vermittelter Welten". Dem begegnen viele mit einem Rückzug in Echokammern voller Gleichgesinnter, um ihre infrage gestellte Identität zu stabilisieren.
DGPPN-Kongress; Symposium S-085: Verschwörungstheorien, paranoides Denken und Wahn. Thomas Fuchs: Virtualisierung und Verschwörungsdenken; Berlin, 24.-27.11.2021
