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. 2022 Dec 9;33(12):38–45. [Article in German] doi: 10.1007/s15016-022-2974-9

Tics bei Erwachsenen

Tina Rawish 1501684039001, Gesine Sallandt 1501684039002, Alexander Münchau 1501684039003,
PMCID: PMC9735045

Tics können im Kindesalter häufig beobachtet werden und sind für Betroffene meist keine große Belastung, vorausgesetzt, sie selbst sowie das Umfeld sind über die neurobiologischen Grundlagen von Tics und den zu erwartenden, meist günstigen Verlauf, aufgeklärt und verständnisvoll. Eine gezielte medizinische Behandlung ist bei Kindern in der Regel nicht erforderlich. Sollten Tics jedoch über Jahre oder sogar bis ins Erwachsenenalter fortbestehen und Betroffene belasten oder einschränken, ist klinisch eine Abwägung unterschiedlicher Behandlungsmöglichkeiten geboten. Die diagnostische Zuordnung von Tics und Abgrenzung von anderen Störungsbildern ist meist unproblematisch, die Behandlung von Tics mit medikamentösen oder verhaltenstherapeutischen Methoden ist mittlerweile gut etabliert.

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Tics sind kurze, plötzlich und repetitiv auftretende Bewegungen oder Laute, die nicht zum Kontext passen und keinen ersichtlichen Zweck haben [1]. Sie werden in motorische und vokale Tics unterteilt [2]. Bei einem Erkrankten sind sehr unterschiedliche Tics möglich. Meist treten zunächst einfache motorische Tics, vorrangig im Gesicht, an Nacken und an der Schulter auf, Tics an den Extremitäten sind seltener [3]. Es werden einfache und komplexe motorische Tics unterschieden [4], wobei einfache Tics einen oder wenige Muskeln (z. B. Blinzeln, Zwinkern, Naserümpfen) betreffen, komplexe Tics dagegen mehrere Muskelgruppen (z. B. konzertierte Kopf- und Schulterbewegungen). Vokale Tics sind beispielsweise Tiergeräusche, Husten, Fiepen oder Piepsen.

Viele Patientinnen und Patienten berichten, in der Lage zu sein, Tics zumindest zeitweise zu unterdrücken, was jedoch meist als anstrengend empfunden wird. Anschließend an eine Phase der Unterdrückung werden die Tics manchmal als verstärkt wahrgenommen, wobei das empirisch bislang nicht gezeigt werden konnte [5].

Zusätzlich zu Tics berichten Betroffene häufig ein Tic-assoziiertes Vorgefühl, das sehr unterschiedlich beschrieben wird, etwa als Hitzegefühl, Kribbeln oder Druck [6]. Das Vorgefühl kann im ganzen Körper vorkommen, tritt aber gehäuft in der Körperregion auf, in der der Tic folgt [7]. Es gibt Studien, die belegen, dass die Intensität des Vorgefühls im Zusammenhang mit der Tic-Schwere steht [8]. Ein Vorgefühl ist bei Jugendlichen und Erwachsenen weiter verbreitet als bei Kindern [6]. Häufig nimmt das Vorgefühl durch die Ausführung der Tics ab, während es beim Unterdrücken der Tics zunimmt [9]. Tics und Vorgefühl stehen also in Verbindung. Was einen kausalen Zusammenhang angeht, ist die Studienlage aber uneinheitlich [8, 9].

Bei einigen Betroffenen kann es zu Echophänomenen (Echopraxie und Echolalie) kommen, das heißt Nachahmung beobachteter beziehungsweise gehörter Bewegungen oder Geräusche/Äußerungen [10]. Auch gibt es Paliphänomene, bei denen eigene Bewegungen oder Äußerungen wiederholt werden. Bei etwa 20 % treten Koprophänomene auf, das heißt Koprolalie (Aussprechen von Schimpfwörtern) oder Kopropraxie (Zeigen von obszönen Gesten) [11]. Diese Phänomene sind in der öffentlichen Darstellung, da aufmerksamkeitswirksam, oft überbetont oder überrepräsentiert. Klassische Koprophänomene bestehen bei Menschen mit Tics selten aus ganzen Sätzen, vielmehr aus einzelnen Wörtern oder auch nur Anteilen von Schimpfwörtern.

Klassifikation von Tics

Tics und Ticstörungen lassen sich nach Komplexität und der Zeitspanne seit Beginn der Beschwerden unterscheiden. Halten die Tics für weniger als ein Jahr an, ist nach ICD-10 und DSM-5 von einer vorübergehenden Ticstörung auszugehen [12]. Bestehen ausschließlich motorische oder vokale Tics, die jedoch länger als ein Jahr anhalten, wird von einer chronischen motorischen (wenn vokale Tics fehlen) oder vokalen (in Abwesenheit motorischer Tics) Ticstörung gesprochen. Beim gleichzeitigen Vorhandensein von sowohl motorischen als auch mindestens eines vokalen Tics, die über mindestens ein Jahr bestehen und vor dem 18. Lebensjahr erstmalig aufgetreten sind, kann die Diagnose eines Tourette-Syndroms gestellt werden [13]. Das Tourette-Syndrom ist tendenziell mit einem höheren Schweregrad der Tics sowie mit häufigeren komorbiden psychiatrischen Erkrankungen assoziiert [14]. Allerdings weisen jüngere Arbeiten darauf hin, dass das Tourette-Syndrom keine eigenständige Entität ist, sondern dass es vielmehr fließende Übergänge zwischen chronisch motorischen Ticstörungen und dem Tourette-Syndrom gibt [15].

Epidemiologie und Verlauf

Für das Tourette-Syndrom wird eine Prävalenz von zirka 1 % in der Gesamtbevölkerung berichtet, die Prävalenz für Ticstörungen ist insgesamt deutlich höher, wobei die Angaben hier mit 1-25 % je nach Studie sehr unterschiedlich sind [14].

Häufig können bei Kindern vor allem einfache motorische Tics beobachtet werden, die meist im Alter von sechs bis acht Jahren beginnen und dabei oft vorübergehend und nicht behandlungsbedürftig sind. Vokale Tics treten in der Regel etwa zwei Jahre nach Einsetzen der motorischen Tics auf. Jungen haben ungefähr drei- bis viermal häufiger Tics als Mädchen. Typisch ist ein schwankender Verlauf mit Phasen verminderter und deutlich verstärkter Tics [2]. Obwohl es im Verlauf der Jugend und des jungen Erwachsenenalters meist zu einer Voll- oder Teilremission kommt, persistiert die Symptomatik in einer klinisch bedeutsamen Weise bei zirka 20 % der Betroffenen bis ins Erwachsenenalter [2].

Differenzialdiagnosen

Tics werden nach Anamnese und Befund klinisch diagnostiziert. Die derzeit wichtigste und häufigste Differenzialdiagnose sind funktionelle Tic-ähnliche Bewegungsstörungen (FTB). Sie bilden sich typischerweise bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen aus, aber nicht, oder nur sehr selten bei Kindern unter zehn Jahren. Meist kommt es zu einem plötzlichen Symptombeginn innerhalb von Stunden oder Tagen, mit multiplen und teils hochkomplexen Bewegungen, die oft einen kommunikativen Charakter haben und personenbezogen sein können. So kann es etwa zu kommentierenden Ausrufen oder Anfassen anderer kommen. Symptome bei FTB verstärken sich meist, wenn Betroffene anderen Menschen begegnen und flauen ab, wenn sie alleine sind. Bei dem Tourette-Syndrom ist das genau umgekehrt. Bei FTB sind Kopropraxie und Koprolalie häufiger als beim Tourette-Syndrom und stehen stärker im Vordergrund [16]. Während Tourette-Syndrom-Tics gehäuft im Gesicht, an Hals und Kopf auftreten, sind bei Patientinnen und Patienten mit FTB öfter die Extremitäten und der Rumpf betroffen. Ein Unterdrücken der Bewegungen bei FTB ist oft nicht möglich. Auch sind bei FTB Komorbiditäten wie generalisierte Angststörung, Panikstörung oder Depression häufiger als beim Tourette-Syndrom [17]. Bei manchen Patientinnen und Patienten treten sowohl klassische Tics (mit Beginn meist in der Grundschulzeit) als auch FTB auf (später im Verlauf).

Wie auch bei anderen funktionellen Bewegungsstörungen ist die präzise frühzeitige Diagnose sehr wichtig, um rasch eine adäquate Therapie einzuleiten. Neben umfassender Aufklärung bieten sich verhaltenstherapeutischen Behandlungen an.

Während der ersten beiden Jahre der COVID-19-Pandemie war eine Zunahme von FTB zu beobachten. Parallel, jedoch auch schon in den Jahren davor, traten FTB gelegentlich infolge des Konsums von Social-Media-Beiträgen (z. B. bei YouTube) auf, in denen unter dem Label "Tourette-Syndrom" nicht Tourette-typisches bizarres, obszönes, grenzüberschreitendes Fehlverhalten gezeigt wurde [18, 19]. Teilweise hatten diese Patientinnen und Patienten sogar die gleichen Verhaltensweisen, die auf den Videos zu sehen waren [20].

Eine weitere Differenzialdiagnose von Tics sind Stereotypien. Sie treten hauptsächlich bei jüngeren Kindern auf, sind ebenfalls repetitiv, jedoch komplexer und ähneln Handlungsroutinen, zum Beispiel wiederholt ablaufende dirigentenartige, wedelnde Armbewegungen. Üblicherweise treten sie in Phasen der Versunkenheit in bestimmte Aktivitäten auf, zum Beispiel beim Spielen. Häufig sind die motorischen Abläufe gleich. Wird das betroffene Kind währenddessen angesprochen, sistiert die Bewegung meist prompt. Ein Vorgefühl ist bei Stereotypien untypisch. Meist fühlen sich Kinder durch Stereotypien nicht belastet, sie können aber anderen auffallen, werden dann nicht selten fragend oder abwertend kommentiert und können den Tagesablauf beeinträchtigen.

Tics lassen sich meist problemlos von Chorea abgrenzen, charakterisiert durch rasche, fließende, unvorhersagbare regellose Extrabewegungen und Myoklonus, blitzartige Bewegungen, die meist wenige Muskelgruppen betreffen. Chorea und Myoklonus lassen sich üblicherweise nicht unterdrücken und sind auch nicht mit einem Vorgefühl assoziiert. Im Zweifel kann ein EMG bei der Unterscheidung helfen: Myoklonien sind meist durch kurze Bursts (50-150 ms) gekennzeichnet, während Tics länger anhalten (> 150 ms) [21]. Länger anhaltende dystone Tics können einer Dystonie ähneln.

Weiterhin sind Tics von Zwängen oder zwanghaftem Verhalten zu differenzieren, besonders, wenn dieses Verhalten kurze oder repetitive Bewegungen beinhaltet. Im Gegensatz zu Tics sind für Zwänge Befürchtungen oder Ängste normal, die mit dem Nichtausführen von Zwangshandlungen verbunden sind. Teilweise sind zwanghafte Bewegungen jedoch nicht oder nur schwer von Tics zu trennen, vor allem da Empfindungen im Zusammenhang mit Zwängen den mit Tics assoziierten Vorgefühlen ähneln können.

Eine seltene Differenzialdiagnose stellen außerdem fokale motorische epileptische Anfälle dar. Sie können mittels simultaner EEG-Aufzeichnungen bestätigt werden.

Differenzialdiagnosen von Tics zeigt Tab. 1.

— funktionelle Tic-ähnliche Bewegungsstörung (FTB)

— Stereotypien

— Chorea

— Zwänge/zwanghaftes Verhalten

— fokale motorische epileptische Anfälle

Tourette-Syndrom: Komorbiditäten

Die meisten Patientinnen und Patienten mit Tourette-Syndrom haben eine oder mehrere Komorbiditäten. Eine häufige Komorbidität ist die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), die 50-60 % der Kinder mit Gilles-de-la-Tourette-Syndrom aufweisen [2]. Zum Teil besteht die ADHS-Symptomatik auch im Erwachsenenalter fort und verursacht in einigen Fällen einen nennenswerten Leidensdruck, insbesondere in verschiedenen Bereichen des Alltags und des psychosozialen Funktionierens. Weiterhin gehen Ticstörungen in zirka 50 % der Fälle mit komorbiden Zwangsstörungen einher [22], wobei diese im Gegensatz zu einer ADHS, die der Ticstörung für gewöhnlich vorausgeht, sich meist erst einige Jahre nach Beginn der Ticstörung entwickeln. Darüber hinaus sind auch Angststörungen und Depressionen häufig mit Ticstörungen vergesellschaftet [2].

Anamnese und Untersuchung

Die Diagnose der Ticstörung kann in der Sprechstunde gestellt werden. Eine ausführliche Anamnese und Untersuchung sind Grundlage der Diagnose.

Wichtige Aspekte sind hier vor allem der klinische Verlauf, der meist bereits in der Kindheit der Betroffenen begonnen hat. Zusätzlich sind die unterschiedlichen Charakteristika der Tics sowie die verstärkenden und erleichternden Faktoren wichtig. Außerdem sollte gezielt nach einem Vorgefühl gefragt werden.

Ein besonderer Fokus sollte auch auf der Sozial- und Familienanamnese liegen. Hierbei sind vor allem Bildungsstand, Berufstätigkeit, soziales Netzwerk und Ressourcen zu beachten. Weiterhin sind Symptome von möglichen Komorbiditäten, insbesondere Zwängen und ADHS zu erfragen. Ebenso sollte die Einnahme von Medikamenten und alternativmedizinischen Präparaten erfragt werden.

Die neurologische Untersuchung zeigt in der Regel bis auf Tics keine weiteren Auffälligkeiten. Eine Zusatzdiagnostik, insbesondere eine MRT, ist bei typischer Klinik, nicht erforderlich.

Behandlung von Tics

Ob eine spezifische Behandlung der Tics notwendig ist, richtet sich danach, wie schwer diese, aber auch komorbide Störungen ausgeprägt sind und wie hoch der Leidensdruck der Betroffenen in Bezug auf die Symptomatik ist. Häufig tragen bereits psychoedukative Maßnahmen in Bezug auf Tics und Hinweise zum Umgang mit diesen im Alltag zu einer deutlichen Entlastung von Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörigen bei und können in vielen Fällen schon ausreichend sein [23].

Viele der Erwachsenen mit Ticstörungen leben bereits seit Jahren damit. Während einige einen zufriedenstellenden Umgang in dieser Situation entwickeln konnten, erleben andere die Tics als sehr belastend und einschränkend. Obwohl es bislang keine ursachenorientierte Behandlung gibt, stehen unterschiedliche symptomatische Therapien zur Verfügung. Dabei sollte in jedem Fall die Ausprägung eventueller Komorbiditäten geprüft werden und im Behandlungsplan Berücksichtigung finden. Gegebenenfalls sollte die Behandlung der komorbiden Störung priorisiert werden, sollte diese deutlich im Vordergrund stehen. Im Falle einer Besserung der komorbiden Störung ist häufig auch eine Linderung der Tics zu beobachten [23].

Verhaltenstherapie

Die im Jahr 2021 erschienenen "Europäischen klinischen Leitlinien für das Tourette-Syndrom und andere Ticstörungen" betonen die Rolle verhaltenstherapeutischer Ansätze bei der Behandlung von Ticstörungen [24]. Als Methoden der ersten Wahl gelten insbesondere Habit Reversal Training (HRT)/ Comprehensive Behavioral Intervention for Tics (CBIT) und Exposition mit Reaktionsverhinderung (Exposure and Response Prevention - ERP). In den vergangenen Jahren konnte durch randomisiert kontrollierte Studien, bei denen insbesondere das HRT im Fokus stand, die Wirksamkeit sowohl von HRT als auch ERP aufgezeigt werden [25, 26, 27]. Beide Methoden sind sowohl für die Anwendung bei Kindern und Jugendlichen als auch Erwachsenen geeignet, wobei bei ersteren der aktiven Einbindung der Eltern in den Therapieprozess eine große Bedeutung zukommt [28].

Gleichzeitig besteht in Deutschland jedoch ein großer Mangel an derartigen Therapieangeboten, insbesondere im Erwachsenenbereich. Diese Therapien werden bei Erwachsenen aktuell vorwiegend im Rahmen von Studien angeboten. Aufgrund dessen kommt der Entwicklung und Erprobung neuer Behandlungsformate, beispielsweise der ortsunabhängigen Behandlung mittels Videotherapie oder internetbasierten Therapieangeboten, eine große Bedeutung zu.

Habit Reversal Training/Comprehensive Behavioral Intervention for Tics

Die größte Evidenz für die Wirksamkeit verhaltenstherapeutischer Interventionen in der Behandlung von Ticstörungen gibt es für das HRT [24]. CBIT stellt dabei im Wesentlichen eine Erweiterung des HRT um einige Behandlungsbausteine dar. Insgesamt besteht CBIT aus zwei grundlegenden Komponenten, dem HRT einerseits und einer Funktionsanalyse zur Identifikation verstärkender (innerer oder äußerer) Faktoren mit anschließender Erarbeitung darauf bezogener Interventionen andererseits. Weitere Elemente bilden Psychoedukation und das Einüben von Entspannungstechniken. Dabei wird jeder als störend empfundene Tic einzeln und in separaten Sitzungen adressiert. Das HRT (Gewohnheitsumkehrtraining) beruht auf der bewussten Wahrnehmung des einem Tic vorangehenden Vorgefühls. Das wird im Rahmen des Wahrnehmungstrainings zunächst in mehreren Schritten ausführlich trainiert. Anschließend wird für den jeweiligen Tic nach bestimmten Kriterien eine Gegenbewegung ausgewählt und eingeübt, die idealerweise mit der gleichzeitigen Ausführung des eigentlichen Tics nicht zu vereinbaren ist. Das wird schließlich im Alltag ausführlich erprobt und trainiert. Dadurch soll es den Betroffenen ermöglicht werden, anstelle der Tics als gewohnte Reaktion, mit einer alternativen (weniger auffälligen und weniger störenden) Verhaltensantwort auf das Vorgefühl zu reagieren und demnach ein neues Verhalten zu erlernen [14].

Exposition mit Reaktionsverhinderung

Ebenso wie beim HRT kommt auch bei der ERP der bewussten Wahrnehmung des dem Tic vorangehenden Vorgefühls eine große Bedeutung zu. Diese verhaltenstherapeutische Methode wird bereits seit Jahren in der psychotherapeutischen Behandlung, beispielsweise von Zwangserkrankungen, eingesetzt und fand schließlich auch in der Therapie von Tics ihren Platz. Im Gegensatz zum HRT wird hierbei aber nicht jeder Tic im Einzelnen behandelt, stattdessen sollen alle Tics auf einmal unterbleiben. Zunächst wird trainiert, der Ausführung der Tics für eine immer längere Zeitspanne zu widerstehen (Reaktionsverhinderung). Im Anschluss wird der Fokus nach und nach auf die Wahrnehmung der Vorgefühle gelenkt, wobei der Schwierigkeitsgrad zunehmend gesteigert wird, etwa durch Provokationsversuche in Bezug auf das Vorgefühl durch individuelle Triggerfaktoren. Ziel ist es hierbei, die automatisierte Ausführung von Tics aufgrund des Vorgefühls zu unterbinden [14, 24].

Dritte-Welle-Verfahren

Derzeit liegen erste Hinweise dafür vor, dass sich auch neuere verhaltenstherapeutische Methoden, wie beispielsweise metakognitive Therapie, Akzeptanz- und Commitment-Therapie oder achtsamkeitsbasierte Stressreduktion in der Behandlung von Ticstörungen als wirksam erweisen könnten [29, 30, 31]. Diese werden wegen fehlender wissenschaftlicher Evidenz beziehungsweise einem Mangel an randomisiert-kontrollierten Studien aktuell allerdings nicht als alleinige therapeutische Maßnahme zur Behandlung von Ticstörungen empfohlen [24].

Medikamentöse Therapie

Über die psychotherapeutischen und psychoedukativen Verfahren hinaus ist auch die medikamentöse Therapie der Ticstörungen gut etabliert.

Zu den medikamentösen Therapiemöglichkeiten gehören in erster Linie Dopaminrezeptor-Antagonisten (Antipsychotika) Grundsätzlich sollte eine Behandlung mit einer niedrigen Anfangsdosis begonnen werden und diese im Verlauf gegebenenfalls allmählich gesteigert werden. An Präparaten steht bei Erwachsenen insbesondere Aripiprazol (Off-Label) im Vordergrund, das mit 1 × 2,5 mg/Tag morgens eindosiert und im Verlauf alle sieben Tage um 2,5 mg gesteigert werden kann, bis eine wirksame Dosis gefunden wurde [32]. Die Maximaldosis beträgt 20-30 mg/Tag. Häufige Nebenwirkungen sind Gewichtszunahme, Müdigkeit und Konzentrationsprobleme. Alternativ kommt insbesondere Risperidon (Off-Label) für die Behandlung infrage [32]. Hierbei wird anfangs eine Dosis von 1 × 0,5 mg/Tag am Abend empfohlen sowie eine wöchentliche Steigerung um 0,25 mg. Die übliche Höchstdosis beträgt 4 mg pro Tag. Risperidon hat typischerweise mehr Nebenwirkungen als Aripiprazol und wird deshalb seltener eingesetzt. Alternative Antipsychotika zur Behandlung von Tics bei Erwachsenen sind Pimozid und Sulpirid, letzteres vor allem bei komorbiden Zwängen. Bei Kindern sind neben dem Dopaminantagonisten Tiaprid auch Guanfacin und Clonidin, zentrale Alpha-2-Agonisten, als Medikamente möglich [2]. Diese Medikamente sind jedoch bei Erwachsenen nicht oder nur sehr gering wirksam.

Des Weiteren profitieren manche Patientinnen und Patienten von Cannabinoiden [33]. Die Kostenübernahme der Medikamente durch die Krankenkasse muss gesondert beantragt werden und erfolgt erst nach Therapieversuchen mit First-Line-Medikamenten. Cannabinoide, die auch gegen Zwänge wirksam sein können, sollten ebenfalls vorsichtig eindosiert werden. Typische Nebenwirkungen sind Schwindel und Übelkeit [34]. Wenn sich Tics auf bestimmte Muskelgruppen beschränken, kann eine Behandlung mit Botulinumtoxin zu einer Symptomerleichterung führen [35].

Tiefe Hirnstimulation

Eine weitere, bisher experimentelle, Methode bei Patientinnen und Patienten mit Tourette-Syndrom oder chronischer Ticstörung ist die tiefe Hirnstimulation. Bisher wurden der Globus pallidus internus und centro-mediane Thalamuskerne am erfolgreichsten stimuliert [36]. Der Einsatz erfolgt vorwiegend im Rahmen klinischer Studien.

Behandlungsoptionen von Tics sind in Tab. 2 zusammengefasst.

— Verhaltenstherapie

Habit Reversal Training (HRT)

Comprehensive Behavioral Intervention for Tics (CBIT)

Exposition mit Reaktionsverhinderung (Exposure and Response Prevention, ERP)

— Dritte-Welle-Verfahren

— Medikamentöse Therapie

Dopaminrezeptorantagonisten (Antipsychotika)

Aripiprazol (Off-Label)

Risperidon (Off-Label)

Pimozid (Off-Label)

Sulpirid (Off-Label)

Tiaprid (Kinder)

zentrale Alpha-2-Agonisten (Kinder)

Guanfacin (Off-Label)

Clonidin (Off-Label)

Cannabinoide (Off-Label)

Botulinumtoxin (Off-Label)

— tiefe Hirnstimulation (im Rahmen von Studien)

Fazit für die Praxis

Obwohl Tics vor allem im Kindesalter auftreten und häufig ohne die Notwendigkeit des Einsatzes therapeutischer Maßnahmen wieder abklingen, bestehen sie bei zirka 20 % der Betroffenen auch im Erwachsenenalter fort und verursachen in einigen Fällen einen relevanten Leidensdruck. Tics sind von nicht seltenen funktionellen Tic-ähnlichen Extrabewegungen abzugrenzen. Bislang gibt es keine ursachenorientierten Therapien, allerdings stehen eine Reihe etablierter und gut wirksamer Behandlungen zur Linderung von Tics zur Verfügung. Neben medikamentösen Ansätzen hat insbesondere die Bedeutung verhaltenstherapeutischer Methoden in den vergangenen Jahren zugenommen, die mittlerweile als erste Wahl in der Behandlung von Ticstörungen empfohlen werden. Die Versorgungslage ist jedoch im Hinblick auf Therapeutinnen und Therapeuten, die mit der Behandlung von Ticstörungen anhand der genannten Methoden vertraut sind, insbesondere im Erwachsenenbereich in Deutschland aktuell noch unzureichend.

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Welche Aussage in Bezug auf Tics trifft am ehesten zu?

Tics treten im Kindesalter selten auf, aber bedürfen dann oft einer Behandlung.

Ein häufiges Symptom des Tourette-Syndroms stellen Koprophänomene dar.

Häufig treten am Anfang zunächst komplexe Tics auf.

Das Tourette-Syndrom unterscheidet sich von einer chronischen Ticstörung im Wesentlichen durch das gleichzeitige Vorliegen motorischer und vokaler Tics.

Per Definition gibt es bei einem Patienten nur einen spezifischen Tic.

Welche Aussage in Bezug auf differenzialdiagnostische Überlegungen trifft am ehesten zu?

Tics gehen so gut wie nie mit Zwängen einher.

Eine Komorbidität mit ADHS stellt eine Ausnahme dar.

Die Begriffe Tic und Stereotypie können synonym verwendet werden.

Seit Beginn der COVID-19-Pandemie konnte eine Zunahme der ärztlichen Konsultationen aufgrund von funktionellen Tic-ähnlichen Bewegungen beobachtet werden.

Funktionelle Tic-ähnliche Bewegungsstörungen (FTB) kommen gleichermaßen wie Tics vor allem am Kopf und im Gesicht vor.

Welche Aussage trifft in Bezug auf die Behandlung von Tics zu?

Eine medikamentöse Behandlung stellt immer die erste Wahl bei der Behandlung von Tic-Störungen dar.

Psychoedukative Maßnahmen sind keinesfalls ausreichend in der Behandlung von Tics und sollten stets mit medikamentösen und/oder verhaltenstherapeutischen Behandlungsversuchen kombiniert werden.

Als wirkungsvoll in der Behandlung von Tic-Störungen haben sich nach aktuellem Forschungsstand insbesondere Comprehensive Behavioral Intervention for Tics (CBIT), Habit Reversal Training (HRT) und Exposition mit Reaktionsverhinderung (ERP) erwiesen.

Der Vorteil von Risperidon in der Behandlung von Tics gegenüber einer Behandlung mit Aripiprazol besteht insbesondere in einem geringeren Nebenwirkungsprofil.

Die tiefe Hirnstimulation ist heutzutage Mittel der ersten Wahl.

Welche Aussage trifft in Bezug auf den Tics vorausgehende Vorgefühle zu?

Kinder berichten im Gegensatz zu Erwachsenen häufig Vorgefühle, die den Tics vorausgehen.

Vorgefühle sind meist unspezifisch, das heißt nicht lokal begrenzt, sondern lassen sich eher als diffuses Unwohlsein bezeichnen.

Nach Ausführung eines Tics, tritt das Vorgefühl an der entsprechenden Stelle häufig über Stunden oder gelegentlich auch über Tage nicht mehr auf.

Studien konnten zeigen, dass die Intensität des Vorgefühls mit der Schwere der Tics korreliert.

Vorgefühle entsprechen der epileptischen Aura und sollten entsprechend behandelt werden.

Welche Aussage bezüglich verhaltenstherapeutischer Ansätze bei Tics trifft am ehesten zu?

Das Habit Reversal Training (HRT), ebenso wie Exposition mit Reaktionsverhinderung (ERP) basieren auf der unbewussten Analyse der dem Tic vorausgehenden Ich-Störungen.

Comprehensive Behavioral Intervention for Tics (CBIT) enthält das Habit Reversal Training (HRT) als eine grundlegende Behandlungskomponente.

Bislang liegt eine gute Evidenz für die Wirksamkeit von Dritte-Welle-Methoden bei Tics vor, sodass diese als Standardinterventionen bei Tic-Störungen empfohlen werden.

Beim Habit Reversal Training (HRT) werden alle Tics zeitgleich behandelt.

Nur die systemische Familienverhaltenstherapie hat bislang Erfolge gezeigt.

Funktionelle Tic-ähnliche Bewegungen (FTB) sind eine wichtige Differenzialdiagnose zum Tourette-Syndrom. Welche Aussagen zu FTBs trifft am ehesten zu?

FTBs treten besonders bei Menschen ab dem 40. Lebensjahr auf.

FTBs zeigen oft multiple und hochkomplexe Tics sowie vermehrt Koprophänomene.

FTBs treten häufig nach Drogenkonsum auf.

FTBs lassen sich am besten mit Antipsychotika behandeln.

Eine typische Begleiterscheinung bei Morbus Huntington sind einfache FTBs.

Ein 25-jähriger Patient stellt sich mit dem Verdacht auf eine Ticstörung vor. Er selbst befürchtet, unter einem Tourette-Syndrom zu leiden. Welche Aussage zur Diagnostik ist am ehesten korrekt?

Ein MRT ist eine Standarduntersuchung.

Eine ausführliche Anamnese vor allem in Bezug auf Krankheitsverlauf, Vorgefühl, Komorbiditäten sowie Sozial- und Familienanamnese stellt die Grundlage dar.

Die neurologische Untersuchung ist nicht erforderlich.

Eine apparative Diagnostik wie EEG zum Ausschluss fokaler epileptischer Anfälle ist nicht sinnvoll.

Durch das EMG kann eine Myoklonusepilepsie einfach abgegrenzt werden.

Welche Aussage zur Phänomenologie von Tics ist richtig?

Tics treten am häufigsten an den unteren Extremitäten auf.

Typischerweise beginnt die Erkrankung bei den meisten Kindern mit einfachen motorischen Tics.

Zu den einfachen vokalen Tics gehören unter anderem Mehrwortsätze.

Tics treten klassischerweise im Kontext der Situation auf, beispielsweise kommentieren vokale Tics oft die umgebende Situation.

Ein Vorgefühl kommt bei Tics im Gegensatz zur Epilepsie nicht vor.

Eine 47-jährige Patientin mit einer Ticstörung stellt sich vor und fragt nach der Behandlungsoption einer tiefen Hirnstimulation (THS). Welche Antwort ist am ehesten richtig?

Die THS ist ein Standardverfahren in der Therapie des Tourette-Syndroms.

Alle Patienten profitieren gleich von einer THS-Behandlung.

Die Stimulation bei der THS erfolgt hauptsächlich über den Globus pallidus oder centro-mediane Thalamuskerne.

Es ist nicht notwendig, dass die Patienten vorher bereits andere Behandlungsmethoden probiert haben.

Klinische Studien sind hier nicht möglich, da es ein invasives Verfahren ist.

Die medikamentöse Therapie bei der Behandlung des Tourette-Syndroms oder einer chronischen Ticstörung stellt eine wichtige Behandlungssäule dar. Welche Aussage trifft am ehesten zu?

Die medikamentöse Behandlung sollte in absteigenden Dosierungen erfolgen, bis eine Stabilisierung eintritt.

Aripiprazol hat sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen keinen Effekt gezeigt.

Tiaprid hat sich zur Behandlung von Tics bei Kindern bewährt.

Cannabiniode sind bei Patienten mit Tourette-Syndrom zugelassen.

Medikamente der ersten Wahl sind Lithiumsalze.

Interessenkonflikt

Die Autorinnen und der Autor erklären, dass sie sich bei der Erstellung des Beitrages von keinen wirtschaftlichen Interessen leiten ließen. Sie legen folgende potenzielle Interessenkonflikte offen: keine.

Der Verlag erklärt, dass die inhaltliche Qualität des Beitrags durch zwei unabhängige Gutachten geprüft wurde. Werbung in dieser Zeitschriftenausgabe hat keinen Bezug zur CME-Fortbildung. Der Verlag garantiert, dass die CME-Fortbildung sowie die CME-Fragen frei sind von werblichen Aussagen und keinerlei Produktempfehlungen enthalten. Dies gilt insbesondere für Präparate, die zur Therapie des dargestellten Krankheitsbildes geeignet sind.

Contributor Information

Tina Rawish, Email: tina.rawish@neuro.uni-luebeck.de.

Gesine Sallandt, Email: gesine.sallandt@neuro.uni-luebeck.de.

Alexander Münchau, Email: alexander.muenchau@neuro.uni-luebeck.de.

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Articles from NeuroTransmitter are provided here courtesy of Nature Publishing Group

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