Psychotherapie findet nicht in einem neutralen, werte- und herrschaftsfreien Raum statt, sondern bildet gesellschaftliche Strukturen und Prozesse ab. Sie ist Teil gesellschaftlichen Handelns. Die Flucht- und Migrationsbewegungen als auch die Corona-Pandemie – sowie die Politiken im Umgang mit diesen Phänomenen – verstärkten in den letzten Jahren das Auseinanderdriften von gesellschaftlichen Bewegungen bzw. die Polarisierung und Radikalisierung von Gesellschaften.
Als wir dieses Heft planten, war die Covid Krise auf einem Höhepunkt, der Krieg in der Ukraine noch nicht vorhersehbar, die Energiepreise niedrig, die Inflation im erwarteten Rahmen. Die derzeitige Kumulation von Krisen und die immer deutlichere Infragestellung des bisherigen Lebensstils, vor allem in westlichen Gesellschaften – Stichwort Global Warming –, hat inzwischen große Teile der Gesellschaften erreicht; die prekärsten und vulnerabelsten Gruppen merken dies wie immer am stärksten.
Und Psychotherapie? Genügt sie sich darin, eine Reparaturmaßnahme für Burnout Betroffene zu sein? Oder ihren individuumzentrierten Blick auf die Effektstärken in der Verringerung klinischer Symptome einzelner Patient:innen zu richten und auszublenden, dass diese nach ihrer Entlassung aus dem stationären Setting, in dem die Psychotherapie untersucht wurde, in ein möglicherweise krank machendes Umfeld zurückkommen?
Mit diesem Heft möchten wir die psychotherapeutische Praxis als eine gesellschaftliche Praxis beleuchten: (Wie) Beeinflussen Gesellschaften die Psychotherapie, unsere Rolle als Psychotherapeut*innen sowie die psychotherapeutische Praxis? (Wie) Beeinflusst Psychotherapie die Gesellschaft/en? Dies war auch die Fragestellung in unserem Call for Papers für diese Doppelausgabe.
Es trafen sehr unterschiedliche und spannende Arbeiten ein. Auffallend war für uns als Herausgeberinnen, dass zahlreiche Autor:innen die maximale Artikellänge von 28.000 Zeichen überschritten. Es war schwierig für viele, ihre Texte auf das entsprechende Format auszurichten. Das Thema sprengt offenbar die Grenzen und soviel muss erklärt, soviel will gesagt werden …
Wir freuen uns, Ihnen eine breite Palette ganz unterschiedlicher Blickwinkel auf das Thema nahebringen zu können.
Den Auftakt bilden der Artikel von Johanna Muckenhuber: Die Gesellschaft und die Couch. Auseinandersetzungen mit individuellen und sozialen Bedingungen für eine emanzipatorische Psychotherapie, der Beitrag von Silke Birgitta Gahleitner, Karsten Giertz, Cornelia Caspari, Peter Caspari, Heiner Keupp: Der Preis der Psychotherapie – Argumente für eine Wiederbelebung der sozialen Perspektive im psychotherapeutischen Denken und Handeln sowie der Artikel von Martin Luger & Elisabeth Fehrmann: Psychotherapie als Gesellschaftspraxis. Integrativ-therapeutische und systemische Beiträge zu einer kontextsensitiven Psychotherapie, die sich alle mit gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen von Psychotherapie auseinandersetzen.
Die Beiträge von Angelika Grubner: Mutter und Psychotherapie und von Sascha Schipflinger: Drohender Kontrollverlust: Überlegungen zu autoritären Anpassungsprozessen im gesellschaftlichen, klinischen und institutionellen Kontext beleuchten die Etablierung der Psychotherapie aus einer feministischen Perspektive sowie Fragestellungen zu Macht und Kontrolle.
Insbesondere mit der psychotherapeutischen Versorgung beschäftigen sich Henriette Löffler-Stastka & Gabriele Rieß im Artikel: VersorgungsNOT – Psychotherapie als zentrale, aber marginalisierte Versorgungsleistung im Gesundheitssystem sowie Brigitte Fiala-Baumann, Helga Ploner, Dominik Witzmann und Andrea Jesser im Beitrag: Säuglings‑, Kinder- und Jugendlichen- (SKJ) Psychotherapien während der Covid-19 Pandemie: Ergebnisse einer Studie unter psychodynamischen Psychotherapeut*innen in Österreich.
Zwei Autor:innen setzen sich mit der Psychotherapie von marginalisierten Gruppen auseinander, nämlich Sabine Tiefenthaler in ihrem Artikel: Intersektionale Diskriminierung: Erfahrungen und Perspektiven in der Psychotherapie mit Frauen mit Fluchtbiografien sowie Olga Kostoula in ihrem Beitrag: Psychotherapie im Migrationskontext.
Die Autor:innen Ursula Grillmeier-Rehder, Karoline Hochreiter, Ida-Maria Kisler, Christian Korunka und Brigitte Schigl versuchen mit dem Beitrag: Gemeinsame Perspektiven Humanistischer Psychotherapien in Covid-Zeiten am Beispiel eines Blicks auf die Covid Krise eine gemeinsame Perspektive der unterschiedlichen humanistischen Verfahren herauszuarbeiten.
Abschließend diskutiert Elisabeth Pölleritzer das Buch von Luise Reddemann: Die Welt als unsicherer Ort – Psychotherapeutisches Handeln in Krisenzeiten. Nina Belinda Ute Stephan stellt die Publikation von Eben Louw & Katja Schwabe: Rassismussensible Beratung und Therapie von geflüchteten Menschen vor. Die Rezension von Anita Scheuermann bietet einen Einblick in des Buch von Bernd Rieken, Reinhold Popp, Paolo Raile (Hrsg.): Eco-Anxiety – Zukunftsangst und Klimawandel. Interdisziplinäre Zugänge.
Wir wünschen Ihnen mit diesen sehr unterschiedlichen Beiträgen eine anregende Lektüre!
Brigitte Schigl & Leonore Lerch
Verantwortliche Editorinnen in Chief der Doppelausgabe „Psychotherapie und Gesellschaft/en“
Interessenkonflikt
B. Schigl und L. Lerch geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Footnotes
Hinweis des Verlags
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
