Abstract
Sehr geehrte Kongresspräsidentinnen, meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Familie Dierks, liebe Marie-Luise Dierks!
Die Verleihung der Salomon-Neumann-Medaille für besondere Verdienste um die Präventiv- und Sozialmedizin hat eine lange Tradition. Die Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) verleiht diese Medaille seit 1986 für Lebenswerke, die in der Tradition des Denkens von Salomon Neumann stehen. In diesem Jahr prämiert der Vorstand Frau Professorin Dr. Marie-Luise Dierks. Sie ist die fünfte Frau in der Reihe der Preisträger:innen.
Salomon Neumann hat bekanntlich die medizinische Wissenschaft als eine „soziale Wissenschaft“ 1 aufgefasst. In dieser Aussage steckt das Grundprogramm der deutschen Sozialmedizin. Marie-Luise Dierks hat dieses Grundprogramm neu interpretiert und dazu beigetragen, es um die pädagogisch-sozialwissenschaftliche Dimension zu erweitern. Ich werde im Folgenden das Wirken von Frau Marie-Luise Dierks in einer sieben Punkten umfassenden Charakterisierung beschreiben und in den wissenschaftlichen Kontext stellen.
1. Transdisziplinäre und interdisziplinäre Ausbildung
Drei Begriffe dominieren die innerwissenschaftliche Diskussion: Disziplinarität, Interdisziplinarität und Transdisziplinarität 2 . Es ist – zumindest aus Sicht der Forschungsförderer – unmodern, nur disziplinär zu arbeiten, als modern gilt, interdisziplinär zu forschen. Die Königsdisziplin ist jedoch die Transdisziplinarität, also die Fähigkeit, eine Brücke zu schlagen von der Wissenschaft in die Praxis. Aus dem Elfenbeinturm heraustreten und die Gesundheit aller zu verbessern, ist eine der Grundforderungen von Salomon Neumann. Dieser Forderung gerecht zu werden, fällt der Wissenschaft nach wie vor nicht leicht.
Ein möglicher Grund dafür ist, dass man dazu zwei Blickrichtungen benötigt: den Wissenschaftsblick und den Praxisblick. Beide Sichtweisen müssen zudem eingeübt und internalisiert werden. Transdisziplinär Denkende, wie Marie-Luise Dierks, müssen in harter Arbeit für sich selbst eine Brücke von der Wissenschaft zur Praxis bauen. Es gibt kaum institutionalisierte Lösungen hierfür. Diese Brücke zu bauen, reicht jedoch nicht aus, die transdisziplinär Denkenden müssen diese Brücke nach dem Erbauen auch beschreiten können und wollen. Da hilft es, wenn man zeitlich vor der wissenschaftlichen Tätigkeit auf der anderen Seite der Brücke, der praktischen Seite, bereits tätig war und jene Probleme gesehen hat, die einer dringenden wissenschaftlichen Lösung bedürfen. All dies trifft auf Marie-Luise Dierks zu. Sie hat eine frühe transdisziplinäre Prägung durch die berufliche Ausbildung erfahren. Marie-Luise Dierks absolvierte zunächst eine Lehre im Gesundheitswesen und war danach sowohl in der ambulanten als auch in der stationären Versorgung beruflich tätig. Als sie die Praxis verließ und 1981 ihr Studium an der Universität Hildesheim aufnahm, hat sie aus meiner Sicht begonnen, diese transdisziplinäre Brücke für sich zu bauen.
Im Studium selbst konnte sie noch eine zusätzliche, in der heutigen Zeit sehr nützliche Fähigkeit entwickeln, nämlich interdisziplinäre Brücken bauen. Marie-Luise Dierks hat Pädagogik studiert mit den beiden Nebenfächern Soziologie und Psychologie. Das Studieren verschiedener sozialwissenschaftlicher Fächer schult das interdisziplinäre Denken. Diese Form des Denkens zu entwickeln, war in den damaligen Zeiten keine einfache Aufgabe, denn es blieb meist den Studierenden selbst überlassen, diese Brücke zwischen den Disziplinen zu schlagen. Die Lehrenden konnten dabei wenig helfen, da sie selbst sehr disziplinär gedacht und gelehrt haben.
Mit diesen drei Studienfächern hat Marie-Luise Dierks eine solide Ausbildung genau in jenen Grundlagenfächern erhalten, die zentral für eine soziale Medizin sind. Das dabei erworbene Rüstzeug ermöglichte es ihr, die Situation der Patient:innen in der Gesundheitsversorgung mit Hilfe des psychologischen und soziologischen Wissens zu untersuchen und diese Situation durch wissensbasierte Entwicklung pädagogischer Maßnahmen, etwa im Rahmen der Stärkung der Gesundheitskompetenz, zu verbessern. Nur nebenbei bemerkt: eine Verbesserung der Gesundheitskompetenz ist ohne Pädagogik fast nicht denkbar. Es ist daher für die Gesundheitskompetenzforschung in Deutschland von großem Nutzen gewesen, dass Marie-Luise Dierks als gut ausgebildete Pädagogin sich diesem wichtigen Thema angenommen hat.
2. Wegbereiterin der Idee der Patientenautonomie
Marie-Luise Dierks war eine Wegbereiterin der Idee der Stärkung der Patientenautonomie durch Selbsthilfe, Empowerment und Gesundheitskompetenz. Zur Einordnung ihrer Arbeit in den wissenschaftsgeschichtlichen Kontext lohnt es sich, einen Ausflug in die neuere Geschichte der Gesundheitswissenschaften in Deutschland zu machen 3 . Von den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts bis heute kann man in der Geschichte der Gesundheitsforschung zwei Wellen der Patientenorientierung ausmachen.
Die erste Patientenorientierungswelle begann in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts und dauerte bis in die 80er Jahre hinein. Diese Welle kann man als die „Laiensystemwelle“ bezeichnen. Ihr Kennzeichen war, dass nicht das Versorgungssystem, sondern die Konsumenten:innen und die Laien im Mittelpunkt standen. Diese Wissenschaftswelle war ausgehend von den Arbeiten von Illich sowie Gartner und Riessman dezidiert medizinkritisch und konsumentenorientiert ausgerichtet 4 5 . Der Fokus lag auf den Laiensystem, also dem System aus Patient:innen und ihren Angehörigen und Freund:innen. Markante Vertreter:innen dieser Richtung in Deutschland waren Ilona Kickbusch, Bernhard Badura, Christian von Ferber und Alf Trojan 6 7 . Die Untersuchung von Selbsthilfegruppen stand damals auf der Tagesordnung der Gesundheitsforschung. Die Hoffnung war, durch Patientenautonomie und Solidarität ein Gegengewicht zur Dominanz der Medizin zu schaffen 7 .
Diese erste Welle wurde mit der Zeit von einer anderen Welle abgelöst, die man als Versorgungssystemwelle bezeichnen kann. Diese Welle hält bis heute an und stellt das Versorgungssystem in den Mittelpunkt der Betrachtung. Ein Produkt dieser Welle ist das Aufkommen des Faches Versorgungsforschung. Eine potentiell negative Folge dieser Forschungsrichtung war, dass man Gefahr lief, die Patiente:innen und ihre Interessen aus den Augen zu verlieren. An dieser
Stelle kommen Marie-Luise Dierks und ihre Mitstreiter:innen ins Spiel. Durch ihre freundschaftliche Zusammenarbeit mit Alf Trojan und seinem Team hat sie sowohl die Selbsthilfeidee als auch die Laiensystem-Idee in Deutschland durch die Versorgungssystem-Welle hindurch „am Leben“ erhalten. Sie hat die Laiensystem-Idee aber nicht einfach nur kopiert, sondern durch die Idee der Patientenautonomie ergänzt und so neu definiert. Die Laienperson sollte eben nicht mehr nur Laie sein, sondern Expert:in in eigener Sache und Gesundheit. Dazu musste jede Person durch Bildung befähigt werden. Aus meiner Sicht steht dahinter die Idee des „empowerten Laien“. Sie zieht sich durch das Wirken von Marie-Luise Dierks hindurch.
Diese Idee war bereits bei ihrer Promotion an der Medizinischen Hochschule Hannover im Jahr 1995 zu erkennen. In ihrer Dissertation befasste sie sich mit dem Thema „Frauen und Krebsfrüherkennung“, in der sie bereits die Nutzerperspektive in die Prävention einbrachte. Sie wurde dafür mit dem Promotionspreis der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und dem Förderpreis der Niedersächsischen Krebsgesellschaft ausgezeichnet.
Die Nutzerperspektive hat sie dann im Jahr 2001 in ihrer Habilitationsschrift zum Thema „Empowerment und die Nutzer des deutschen Gesundheitswesens“ innovativ um den Empowerment-Gedanken erweitert. Sie erhielt dafür 2002 die Venia Legendi in Public Health.
Es ist das Verdienst von Marie-Luise Dierks und anderen Kolleg:innen, die Patient:innen und das sie umgebende Netzwerk wieder auf die Agenda der Gesundheitswissenschaft und vor allem auch der Versorgungsforschung gesetzt zu haben. Allerdings nicht, indem sie die Versorgungsseite einfach durch die Patientenseite ersetzen wollten, sondern indem sie eine Verschmelzung beider Perspektiven anstrebten. Aus der „Laiensystem-These“ und der „Versorgungssystem-Antithese“ haben sie eine „Patientenorientierung im Versorgungssystem“-Synthese geschaffen. Diese Synthese macht den Kern der zweiten Welle der Patientenorientierung in der deutschen Gesundheitswissenschaft aus. An dem Zustandekommen dieser Welle, die vor und um die Jahrtausendwende einsetzte, hat neben anderen Kolleg:innen vor allem Marie-Luise Dierks maßgeblich mitgewirkt 8 9 .
Schaut man auf die lange Liste der Projekte, die Marie-Luise Dierks durchgeführt hat und auch immer noch durchführt, so wird deutlich, dass ihr Hauptschwerpunkt in den letzten Jahren auf dem Thema Gesundheitskompetenz lag. Zwei ihrer Projekte möchte ich an dieser Stelle besonders hervorheben.
Das erste Projekt trägt ihre pädagogische Handschrift gleich in zweierlei Weise. Es handelt sich um das von der Robert-Bosch-Stiftung finanzierte Promotionsprogramm „Chronische Erkrankungen und Gesundheitskompetenz“. Dieses ist, meines Wissens nach, das erste Graduiertenkolleg zum Thema Gesundheitskompetenz in Deutschland. Auch in diesem Punkt ist sie Pionierin. Die pädagogische Handschrift von Frau Dierks findet sich dabei zum einen im Promotionsprogramm selbst, da es sich um ein Nachwuchsförderungsprogramm handelt, und zum anderen in dem sehr pädagogischen Thema Gesundheitskompetenz.
Eine besondere forschungspolitische Wirkung entfaltet ein anderes Projekt von ihr und ihren Kolleg:innen. Es handelt sich um die DFG-Forschungsgruppe „Health literacy in early childhood allergy prevention: parental competencies and public health context in a shifting evidence landscape (HELICAP). Diese Forschungsgruppe konnte unter gemeinsamer Leitung von Christian Apfelbacher und Eva Maria Bitzer Jahre nach der letzten gesundheitswissenschaftlichen DFG-Forschungsgruppe zur Priorisierung im Gesundheitswesen eingeworben werden. Damit war es gelungen, wieder eine DFG-Forschungsgruppe im Bereich von Public Health zu realisieren. Frau Dierks beschäftigt sich dabei mit dem Thema „Awareness, Informationsverhalten, und Informationsbedürfnisse von unterschiedlichen Eltern-Gruppen“ und greift somit das Laiensystem-Thema wieder auf.
Dass Marie-Luise Dierks – neben vielen wichtigen Kolleg:innen – eine der Wegbereiter:innen der Gesundheitskompetenz-Bewegung in Deutschland ist, kommt nicht nur in diesen Forschungsprojekten, sondern auch darin zum Ausdruck, dass sie zu den Gründer:innen des Deutschen Netzwerks Gesundheitskompetenz gehört und dort bis heute Mitglied des Vorstands ist.
Eine solide Basis für dieses Wirken zwischen den disziplinären Welten war, dass Marie-Luise Dierks seit 1999 die Leitung des Arbeitsschwerpunkts Patienten und Konsumenten an der MHH innehatte und später die Leitung des Forschungsschwerpunkts Patientenorientierung und Gesundheitsbildung am Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung der MHH übernahm.
3. Die Pionierin und Umsetzerin der Idee der Patientenuniversität
Als die Public Health Community im Jahr 2007 hörte, dass in Hannover eine Patientenuniversität gegründet worden war, überraschte das nicht wenige Kolleg:innen. Die Gründung einer Patientenuniversität war – nicht nur rückblickend gesehen – eine innovative Idee, eine Idee, die von Friedrich Wilhelm Schwartz in die Medizinische Hochschule Hannover hineingebracht und von Marie-Luise Dierks weitergeführt und kongenial umgesetzt wurde. Dieser Implementierungserfolg ist beträchtlich. Oft wird in Deutschland beklagt, dass wir ein Land mit vielen Ideen, aber arm an Umsetzer:innen seien. Auf Marie-Luise Dierks trifft dies nicht zu. Sie gehört zu der wichtigen Gruppe der Umsetzer:innen in Public Health und ist damit ein Vorbild für die jungen sozialmedizinischen Wissenschafter:innen.
Am Beispiel der Patientenuniversität zeigt sich nicht nur die Umsetzungsstärke von Marie-Luise Dierks, sondern auch ihr Streben nach Transdisziplinarität. Die Patient:innen in den Fokus der Gesundheitswissenschaft gestellt zu haben, war eine Leistung von ihr. Die andere Leistung bestand darin, mit der Patientenuniversität den Schritt von der Wissenschaft in die Praxis gemacht zu haben. Wichtige Akteur:innen des Gesundheitswesens wurden und werden auf diese Weise ausgebildet und empowert. Die empowerten Patienten:innen zu Gesprächspartner:innen der Professionellen zu machen, ist das Leitbild der Patientenuniversität 10 11 .
Die Patientenuniversität ist für mich auch ein Beispiel dafür, wie wichtig es in den Gesundheitswissenschaften ist, Ideen zu Struktur werden zu lassen. Denn in Public Health gilt dasselbe wie in anderen handlungsorientierten Wissenschaften. Allein nur Forschungsprojekte zu machen, genügt nicht: Forschungsprojekte kommen und gehen, Strukturen bleiben. Wir brauchen in Public Health, Sozialmedizin und Versorgungsforschung mehr Strukturen, die unsere Ideen in die Praxis umsetzen. Marie-Luise Dierks ist auch in dieser Hinsicht ein Vorbild für die kommenden Generationen in unseren Disziplinen.
4. Die Promotorin der Public Health-Profession und des Nachwuchses
Marie-Luise Dierks ist eine zentrale Größe in der deutschen Public Health-Community. Aufbauend auf dem Wirken des einflussreichen Friedrich-Wilhelm Schwartz, der Frau Dierks in vielen Dingen prägte, hat sie wesentlich zur Etablierung und Verfestigung der Public Health-Ausbildung und der Public Health-Forschung in Deutschland beigetragen.
Sie koordinierte in den Anfangsjahren den Ergänzungsstudiengang Bevölkerungsmedizin und Gesundheitswesen, kurz: Public Health-Studiengang, am Zentrum für Öffentliche Gesundheitspflege der MHH, dessen Leitung sie vor mehr als 20 Jahren offiziell übernahm. Einen Studiengang so lange zu leiten, spricht für ihre pädagogische Neigung, für ihr außerordentliches Durchhaltevermögen und für viel Freude in der Lehre. Dieser Studiengang gehört zu den führenden Public Health-Studiengängen in Deutschland, von denen es aus meiner Sicht insgesamt immer noch zu wenige gibt. Er hat sehr viele bedeutende Absolvent:innen hervorgebracht, unter anderem eine amtierende EU-Kommissionspräsidentin.
Ein weiterer wichtiger Beitrag von Marie-Luise Dierks zur Public Health-Profession und zur Nachwuchsförderung besteht in ihrer Mitwirkung im Herausgebergremium des Maßstäbe setzenden Lehrbuchs „Public Health: Gesundheit und Gesundheitswesen“. Zusammen mit anderen Kolleg:innen legt sie mit diesem Lehrbuch die Standards der Disziplin fest, gibt das Wissen an die folgenden Generationen weiter und trägt so zur weiteren Herausbildung des Faches und seiner Identität bei.
Einen Public Health-Studiengang zu leiten und ein Lehrbuch herauszubringen sind – um dies soziologisch auf der Basis der Theorie von Talcott Parsons einzuordnen – essentielle Beiträge zur nachhaltigen Sicherung der Existenz und der Funktionsfähigkeit des sozialen Systems der Public Health-Community.
5. Das engagierte Mitglied der DGSMP-Fachgesellschaft
Die ehrenamtliche Tätigkeit in Fachgesellschaften ist für viele in der Wissenschaft nicht besonders attraktiv und daher oft nicht allzu begehrt. Für den Aufbau und die Weiterentwicklung der Profession ist sie jedoch zentral und überlebensnotwendig. Dabei geht es nicht nur um die Profession selbst, sondern auch und besonders um die Inhalte, die diese Profession vertritt. Fachgesellschaftsarbeit ist eine ehrenamtliche Tätigkeit im Dienst der Sache.
Man braucht Mitglieder wie Marie-Luise Dierks, die die DGSMP als ihre Heimat begreifen und dort ihre ehrenamtliche Arbeit verrichten, zum Beispiel indem man – wie Frau Dierks – viele Jahre die AG „Nutzerorientierung“ in der DGSMP leitet.
Zusätzlich zu erwähnen ist, dass sie im Expertenbeirat des Innovationsfonds von 2016 bis 2019 tätig war. Als stellvertretende Vorsitzende des Expertenbeirats hatte sie die Möglichkeit, die sozialmedizinische Perspektive und vor allem die Patientenorientierungsperspektive in diesen Beirat einzubringen. Dies festigte ihren Ruf als Expertin für die patientenseitige Perspektive in der Gesundheits- und Versorgungsforschung.
6. Die Transdisziplinäre
Die bereits erwähnte transdisziplinäre Prägung von Marie-Luise Dierks führte dazu, dass sie – wie im Falle der Patientenuniversität – nicht im wissenschaftlichen Elfenbeinturm verharrte, sondern die Praxis suchte und diese im Sinne der Förderung der Patientenautonomie verbessern wollte. Sie hat eine Vielzahl an Aktivitäten entwickelt, die in die Praxis hineinwirkten. Ich will hier nur ein paar markante Beispiele hervorheben.
Sie gehört zu den Pionier:innen der Erstellung und Bewertung von Gesundheitsinformationen für Laien im Internet und in der gedruckten Welt. Da ist zunächst das Manual Patienteninformation des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin (ÄZQ) zu nennen, das sie zusammen mit Kolleg:innen mit dem Ziel erstellte, für die Anfertigung von evidenzbasierten Patienteninformationen Hilfestellungen der Art zu geben, dass sowohl die Evidenz wie auch die Bedürfnisse der Patient:innen berücksichtigt werden 12 . Sie führte zudem eine systematische Bewertung von Gesundheitsinformationen aus Nutzersicht durch und evaluierte im Auftrag des Spitzenverband Bund der Krankenkassen die Unabhängige Patientenberatung 13 . Darüber hinaus wirkte sie maßgeblich an der Anfertigung des Werks „Gute Praxis Gesundheitsinformation“ des EbM-Netzwerks mit 14 . Im Rahmen der vielfältigen Tätigkeiten als Mitglied von wissenschaftlichen Beiräten diverser Stiftungen und Organisationen (z. B. Selbsthilfegruppenverband Osteoporose; Stiftung Gesundheitswissen) hatte sie zusätzliche Möglichkeiten, transdisziplinär in die Praxis hineinzuwirken.
7. Die Geradlinige und ungemein Sympathische
Die siebte Charakterisierung von Marie-Luise Dierks ist persönlicher Natur. Viele Kolleg:innen berichten, dass sie an ihr ihre Geradlinigkeit schätzen, und zwar in doppelter Hinsicht.
Weggefährt:innen schätzen erstens ihre Geradlinigkeit in der Forschung. Auf dem beruflichen Lebensweg hat sie das Thema Patientensouveränität in all seinen Facetten in einer großen konsistenten Linie verfolgt, von der Patientenautonomie über die Patientenpartizipation und Selbsthilfe zur Patientenuniversität und schließlich zur Gesundheitskompetenz.
Zweitens schätzen viele ihre Geradlinigkeit in der Gesundheitspolitik. Sie hat die wichtige Eigenschaft, allen Personen mit Respekt zu begegnen und ihnen grundsätzliche Wertschätzung entgegenzubringen. Daraus erwächst ein hohes Maß an Toleranz den Menschen allgemein gegenüber, allerdings nur solange die Sache, die ihr am Herzen liegt, keinen Schaden nimmt. An einem Beispiel lässt sich das zeigen: Frau Dierks ist aus dem wissenschaftlichen Beirat der unabhängigen Patientenberatung ausgetreten, weil die Durchführung der Beratung einem privaten Unternehmen und nicht einem öffentlichen Träger oder einer Selbsthilfeorganisation zugesprochen wurde. Diese Entscheidung konnte sie nicht mittragen und hat daher die Konsequenz gezogen.
Damit bin ich schon beim zweiten persönlichen Punkt. Marie-Luise Dierks ist ungemein sympathisch. Ich durfte diese Seite von ihr im Rahmen unserer gemeinsamen Leitungstätigkeit im Expertenbeirat des Innovationsfonds noch näher kennenlernen. Die Arbeit mit Marie-Luise Dierks hat fachlich und menschlich viel Spaß gemacht. Auf ihr feines Gespür für die Situation konnte man sich immer verlassen. Wurde zum Beispiel eine Situation aus ihrer Sicht nicht richtig eingeschätzt, kamen von ihr – auf sympathische Art verpackt – Tipps zur Handhabung dieser Situation oder sie hat die Sache in ihrer diplomatischen Art direkt selbst in die Hand genommen. Auf ihre ruhige, besonnene und ausgleichende Art konnte man zählen. Sie war in der Lage, kritische Situationen mit Humor, einem Augenzwinkern und verständnisvollen Worten zu entschärfen. Nicht nur aus diesem Grund war sie auch wesentlich dafür verantwortlich, dass im Expertenbeirat ein außergewöhnlich gutes Gruppenklima herrschte. Langjährige Weggefährt:innen brachten die darin zum Ausdruck kommende grundsätzliche Fähigkeit so auf den Punkt: herausragende Freundlichkeit gepaart mit Kollegialität über Jahre hinweg.
Was ich ebenso bemerkenswert finde, ist ihre Fähigkeit, trotz aller beruflichen Aufgaben und Herausforderungen die Work-Family-Balance aufrechtzuerhalten. Dass ihre Familie heute bei der Ehrung anwesend ist, stellt einen lebendigen Beleg dafür dar.
Zur Ehrung
Die DGSMP ehrt mit Marie-Luise Dierks eine Pionierin der Patientenorientierung, der Transdisziplinarität und der Gesundheitskompetenz-Forschung. Es freut mich besonders, dass die DGSMP Frau Dierks damit indirekt auch für ihren pädagogisch-sozialwissenschaftlichen Input in die Sozialmedizin ehrt. Public Health und Sozialmedizin haben von ihrem Vor- und Weiterdenken erheblich profitiert. Marie-Luise Dierks hat es immer wieder verstanden, in ihrem Handeln die drei Grundvoraussetzungen für die Schaffung nachhaltiger sozialer Innovationen zu berücksichtigen: große Ideen entwickeln, eine Ideengemeinschaft bilden und nachhaltige Strukturen für diese Ideen und die Ideengemeinschaft etablieren. Ihre damit verbundenen Umsetzungserfolge haben die Handlungskapazität der Sozialmedizin erheblich vergrößert. Sie hat damit wesentlich zum „capacity building“ in der Sozialmedizin, in der Versorgungsforschung und in Public Health beigetragen. Langfristig werden von ihren Beiträgen auch die Patient:innen in der Fläche profitieren. Davon bin ich überzeugt.
Die Verleihung der Salomon Neumann-Medaille bringt all dies zum Ausdruck.
Ich gratuliere daher Frau Marie-Luise Dierks ganz persönlich und herzlich zur Verleihung der Salomon-Neumann-Medaille.
Literatur
- 1.Neumann S.Die öffentliche Gesundheitspflege und das Eigentum. TP Verone Publishing 2017. ISBN: 9789925081608
- 2.Wissenschaftsrat. Wissenschaft im Spannungsfeld von Disziplinarität und Interdisziplinarität (26.10.2020). Im Internet:https://www.wissenschaftsrat.de/download/2020/8694-20.html
- 3.Pfaff H, Ansmann L, Pförtner T-K. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden; 2022. Versorgungsforschung – Beiträge der Medizinsoziologie in Vergangenheit und Gegenwart. In: Siegrist J, Stößel U, Trojan A, Hrsg. Medizinische Soziologie in Deutschland: Entstehung und Entwicklungen; pp. 83–114. [DOI] [Google Scholar]
- 4.Illich I. Hrsg. Medical nemesis: The expropriation of health. 1976.
- 5.Gartner A, Riessman F.Der aktive Konsument in der Dienstleistungsgesellschaft. Zur politischen Ökonomie des tertiären Sektors Frankfurt am Main: Suhrkamp; 1978. ISBN: 3518072048 [Google Scholar]
- 6.Ferber C V, Badura B.Hrsg. Laienpotential, Patientenaktivierung und Gesundheitsselbsthilfe. In: Badura, Bernhard et al.: Soziologie und Sozialpolitik, Band 3 München Wien: R. Oldenburg Verlag; 1983. S.265–303. [Google Scholar]
- 7.Kickbusch I, Trojan A. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl; 1981. Gemeinsam sind wir stärker. Selbsthilfegruppen und Gesundheit, Selbstdarstellungen, Analysen, Forschungsergebnisse. [Google Scholar]
- 8.Dierks M-L, Bitzer E-M, Lerch M, Martin S, Röseler S, Schienkiewitz A, Siebeneick S, Schwartz F W. Patientensouveränität. Der autonome Patient im Mittelpunkt. Bd. 195. Arbeitsbericht. 2001.
- 9.Dierks M-L, Schwartz F W. München: Urban & Fischer; 2003. Patienten, Versicherte, Bürger – die Nutzer des Gesundheitswesens. In: Schwartz FW, Badura B, Busse R, Leidl R, Raspe H, Siegrist J, Walter U, Hrsg. Das Public Health Buch. Gesundheit und Gesundheitswesen. Bd. 2; pp. 314–321. [Google Scholar]
- 10.Dierks M-L, Seidel G. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften; 2009. Stärkung von Empowerment durch Gesundheitsbildung – Die Patientenuniversität an der Medizinischen Hochschule Hannover. In: Roski R, Hrsg. Zielgruppengerechte Gesundheitskommunikation: Akteure – Audience Segmentation – Anwendungsfelder; pp. 309–327. [DOI] [Google Scholar]
- 11.Dierks M-L, Seidel G, Schwartz F W. Nutzer des Gesundheitswesens zu Gesprächspartnern der Professionellen machen – das Konzept der Patientenuniversität an der Medizinischen Hochschule Hannover. 2011;19:17–18. doi: 10.1016/j.phf.2010.12.014. [DOI] [Google Scholar]
- 12.Sänger S, Lang B, Klemperer D, Thomeczek C, Dierks M-L.Manual Patienteninformation. Empfehlung zur Erstellung evidenzbasierter Patienteninformation Berlin: äzq Schriftenreihe; 2006. ISBN: 9783981100204 [Google Scholar]
- 13.Seidel G, Dierks M-L. Bielefeld: Institut für Pflegewissenschaft der Universität Bielefeld (IPW); 2005. Ergebnisse zur Evaluation der Modellprojekte der unabhängigen Patientenberatung und Nutzerinformation nach § 65b SGB V. Nutzer-Anfrage-Dokumentation. [Google Scholar]
- 14.Arbeitsgruppe GPG I. Gute Praxis Gesundheitsinformation. Z Evid Fortbild Qual Gesundhwes. 2016;110-111:85–92. doi: 10.1016/j.zefq.2015.11.005. [DOI] [PubMed] [Google Scholar]
