Zusammenfassung
Einleitung Ziel der Untersuchung ist es zu analysieren, ob Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte in durchgeführten Selbsthilfemaßnahmen vor einer Inanspruchnahme der Notaufnahme bestehen und ob es Zusammenhänge zwischen Selbsthilfemaßnahmen und einer adäquaten Inanspruchnahme der Notaufnahme gibt.
Methodik Datengrundlage für die sekundärbasierte Analyse ist die EUMaR-Studie, die von Juli 2018 bis Juli 2019 durchgeführt wurde, mit dem Ziel, Ursachen für die unangemessen häufige Nutzung von Notfallambulanzen durch Migranten zu identifizieren. Ziel unserer Studie ist es, Unterschiede der durchgeführten Selbsthilfemaßnahmen und den Bevölkerungsgruppen anhand mehrerer multiplen logistischer Regressionen zu analysieren. Der Zusammenhang zwischen durchgeführten Selbsthilfemaßnahmen und adäquater Nutzung der Notfallambulanz wird mit einer multiplen logistischen Regression und anhand von Interaktionen quantifiziert.
Ergebnisse Migranten der ersten Generation weisen ein höheres Odds Ratio auf, eine Notfallambulanz eigeninitiiert aufzusuchen (OR=1,28; 95% KI, 1,01–1,61), wie Menschen ohne Migrationsgeschichte. Zudem weist diese Gruppe ein geringeres Odds Ratio auf, etwas gegen ihre Beschwerden zu unternehmen (OR=0,70; 95% KI, 0,56–0,86). Befragte, welche eigeninitiiert die Notfallambulanz aufsuchten, weisen ein geringeres Odds Ratio bezüglich der adäquaten Nutzung der Notfallambulanz auf (OR=0,41; 95% KI, 0,34–0,50). Befragte, welche zuvor Vitalparameter (z. B. Blutdruck) gemessen haben, haben ein höheres Odds Ratio, die Notfallambulanz adäquat zu nutzen (OR=1,28; 95% KI, 1,02–1,59). Die erhaltenen Schätzer durch die Interaktionsmodelle waren mit großen Unsicherheiten verbunden.
Schlussfolgerung Zugangsbarrieren zum Gesundheitssystem, Medikamenten oder zu medizinischen Hilfsmittelen bei Migranten der ersten Generation, könnten das erhöhte Odds Ratio erklären, dass diese Bevölkerungsgruppe vermehrt eigeninitiiert eine Notfallambulanz aufsucht, sowie das geringere Odds Ratio, etwas gegen die Beschwerden zu unternehmen. Eine Hypothese unserer Studie ist, dass die Messung der Vitalparameter dazu beitragen kann, den individuellen Gesundheitszustand besser zu beurteilen.
Schlüsselwörter: Selbsthilfemaßnahmen, Notfallambulanz, adäquate Nutzung, Migranten, EUMaR
Abstract
Introduction We analyzed whether there were differences between people with and without migration history in their implementation of self-help measures before they accessed the services of an emergency department and if there was an association between self-help measures and an appropriate utilization of emergency departments.
Methods The data basis of this secondary analysis is the EUMaR study, which was conducted from July 2018 to July 2019 and aimed to identify causes contributing to inappropriate and frequent use of emergency departments by migrants. Our study aimed to analyze the differences in self-help measures carried out by the population groups using several multiple logistic regressions. The association between self-help measures implemented and appropriate emergency department utilization was quantified using a multiple logistic regression as well as interactions.
Results The odds of first-generation migrants visiting an emergency department on their own initiative (OR=1.28; 95% CI, 1.01–1.61) was high compared to people without migrant history. Furthermore, the odds of their doing something by themselves against their complaints (OR=0.70; 95% CI, 0.56–0.86) were low. The odds of appropriate utilization of emergency services by respondents who self-initiated a visit to an emergency department were lower (OR=0.41; 95% CI, 0.34–0.50). The odds of appropriate utilization of emergency department services by respondents who had previously measured vital signs (e. g., blood pressure) were higher (OR=1.28; 95% CI, 1.02–1.59).
Conclusion Barriers to the health care system as well as to general practitioners, medicines or medical aids among first-generation migrants could explain the increased odds of their visiting an emergency department on their own and the lower odds of their doing something by themselves about their complaints. A hypothesis of our study is that measuring vital signs may help to better assess individual health status.
Key words: Self-help measures, emergency department, adequate utilization, migrants, EUMaR
Einleitung
Die Notfallversorgung in Deutschland wird durch viele Faktoren, wie steigende Fallzahlen in der Notfallambulanz (NA) belastet 1 2 . Es wird davon ausgegangen, dass der Zuwachs der jährlichen Fallzahl in der NA bis zu 9% betragen kann und so die NAs zunehmend belastet 3 . Besonders die eigeninitiierte Nutzung der NA durch Patienten stellt ein zentrales Problem dar 1 . Hierdurch werden NAs häufig nicht adäquat genutzt, da oft ein nicht dringlicher Behandlungsgrund vorliegt 1 4 . Weitere Gründe der nicht adäquate Nutzung sind auch Unwissenheit über die Funktion und Aufgaben der NA, des Bereitschaftsdienstes oder über Sprechzeiten von Hausärzten 4 .
Es besteht ein unterschiedliches Verständnis der Aufgabe einer NA zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen 5 . In der Studie von Sauzet et al. (2021) wurde untersucht, ob Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte eine höhere Chance auf eine adäquate Nutzung der NA aufweisen. Die Ergebnisse zeigten, dass Migranten der ersten Generation (selbst migriert) bzw. der zweiten Generation (direkte Nachfahren von Migranten) eine 22% (OR=0,78; 95% KI 0,62–0,99) bzw. eine 20% (OR=0,80; 95% KI 0,56–1,15) geringere Chance auf eine adäquate Nutzung aufwiesen 6 . Die Literaturübersicht von Credé et al. (2018) kam im internationalen Kontext zu ähnlichen Ergebnissen 7 . Durch bestehende Zugangsbarrieren zum Gesundheitssystem bei Migranten (z. B. Sprachbarrieren, eingeschränkte interkulturelle Angebote) wird das unterschiedliche Nutzerverhalten zwischen den Bevölkerungsgruppen bestärkt 5 8 9 .
Zum Zeitpunkt dieser Untersuchung gibt es keine Evidenz in Deutschland darüber, welche Rolle die Durchführung von Selbsthilfemaßnahmen vor dem Aufsuchen einer NA zwischen den Bevölkerungsgruppen einnimmt und wie dies die Nutzung der NA beeinflusst. Daher untersuchten wir, ob es Unterschiede der durchgeführten Selbsthilfemaßnahmen vor der Nutzung einer NA zwischen Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte gibt und ob ein Zusammenhang zwischen durchgeführten Maßnahmen und einer adäquaten Nutzung der NA besteht.
Methodik
Befragung der Probanden und Setting
Datengrundlage für diese sekundärbasierte Untersuchung bildet die Querschnittsstudie ‚Emergency Utilization of Migrants and Refugees (EUMaR)‘, welche ein Teilprojekt der Studie ‚Notfallversorgung von Migrant*innen und Geflüchteten‘ (NoMiG) ist. Ziel der EUMaR-Studie war es Ursachen zu identifizieren, die zur unangemessen häufigen Nutzung von NAs durch Migranten beitragen. Die Befragungen wurden an der internistischen NA des Vivantes Klinikums (Neukölln), der gynäkologischen (Campus Virchow Klinikum Charité) und an der internistischen NA (Campus Benjamin Franklin Charité) der Charité in Berlin vom Juli 2017 bis Juli 2018, mit einem selbstentwickelten Fragebogen durchgeführt 6 10 . Unteranderem wurden migrationsrelevante Aspekte sowie die von den Notfallpatienten zuvor durchgeführten Selbsthilfemaßnahmen abgefragt 6 . Es lagen von 2.327 Befragten vollständige Angaben zum Migrationsstatus vor. Die Auswahl der Probanden kann in Abb. 1 eingesehen werden. Ausschlusskriterien der EUMaR-Studie können im Anhang (A1, online verfügbar) eingesehen werden. Für die Befragung lag ein positives Ethikvotum vor (EA2/102/17).
Abb. 1.

Rekrutierungsprozess in der EUMaR-Studie (Quelle: Sauzet O, David M, Naghavi B, Borde T, Sehouli J and Razum O (2021) Adequate Utilization of Emergency Services in Germany: Is There a Differential by Migration Background? Front. Public Health 8:613250. doi: 10.3389/fpubh.2020.613250; Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/; Abbildung übersetzt ins Deutsche, leichte Darstellungsanpassungen).
Definition sowie Auswahl der Selbsthilfemaßnahmen
Zum Zeitpunkt dieser Studie gab es keine Definition des Konstrukts ‚Selbsthilfemaßnahme‘. Die hier genutzte Definition ist an die mehr verbreitete Definition zur ‚Selbsthilfe‘ der World Health Organization [WHO] angelehnt. In dieser Studie wurden unter Selbsthilfemaßnahmen alle Handlungen verstanden, die durch das Individuum, Familienangehörige oder durch Dritte erfolgten und im zeitlichen Zusammenhang mit dem Auftreten eines Gesundheitsproblems durchgeführt wurden, um das akute Gesundheitsproblem oder die Exazerbation zu überwachen oder positiv zu beeinflussen. Die Selbsthilfemaßnahmen müssen im zeitlichen Zusammenhang mit der Nutzung einer NA stehen und ohne Unterstützung durch medizinisches Fachpersonal durchgeführt werden 11 .
Gemäß der Definition wurden vier Selbsthilfemaßnahmen im Fragebogen identifiziert, welche in Tab. 1 dargestellt sind. Im Fragebogen, der durch die Patienten ausgefüllt wurde, wurden nur Selbsthilfemaßnahmen abgefragt, welche durch die Patienten selbst oder Dritte (Familienmitglieder, Bekannte etc.) durchgeführt wurden. Somit werden in dieser Untersuchung nur Selbsthilfemaßnahmen berücksichtigt, welche ohne Unterstützung durch medizinisches Fachpersonal durchgeführt wurden. Maßnahmen, welche vorab durch medizinisches Personal oder den Notarzt durchgeführt wurden, wurden ebenfalls nicht für diese Untersuchung berücksichtigt. Lediglich bei der ersten Frage ‚Wer hat entschieden, die NA aufzusuchen?‘ konnten die Patienten differenzieren, ob das Aufsuchen der Ambulanz durch medizinisches Personal (Hausarzt, Facharzt, Notarzt) entschieden wurde oder die Entscheidung durch sie selbst oder Dritte erfolgte. Die Gütekriterien des Fragebogens, um die Selbsthilfemaßnahme zu ermitteln wurden vorab nicht überprüft.
Tab. 1 Identifizierte Selbsthilfemaßnahmen
| Selbsthilfemaßnahme | Ausprägung der Items |
|---|---|
| Wer hat entschieden, die NA aufzusuchen? | a) Ich selbst, Ehemann/Ehefrau/Partner, Familienangehörige, Freunde/Nachbarn*;b) Hausarzt, Facharzt, Notarzt (Referenz)** |
| Zuvor etwas gegen die Beschwerde unternommen? | a) Ja*;b) Nein (Referenz)* |
| Zuvor Vitalparameter gemessen? | a) Fieber, Blutdruck, Blutzuckerwerte*;;b) Nein (Referenz)* |
| Zuvor Medikamente wegen den Beschwerden eingenommen? | a) Ja*;b) Nein (Referenz)* |
* Entscheidung oder Maßnahme wurde durch Patienten oder Dritte im Vorfeld gefällt oder durchgeführt (kein medizinisches Personal involviert); **Entscheidung wurde im Vorfeld durch medizinisches Personal getroffen
Kriterien einer adäquaten Nutzung der Notfallambulanz
Sauzet et al. (2021) haben mit der EUMaR-Studie bereits zum Thema der adäquaten Nutzung der NA publiziert, weswegen diese Kriterien übernommen wurden. Die Inanspruchnahme einer NA wurde als adäquat quantifiziert, wenn das Kriterium a) und/oder das Kriterium b) erfüllt wurden:
Patient wurden stationär aufgenommen und/oder
Patient hat eine subjektive Dringlichkeit von ≥7 von 10 angegeben, und Patient hat einen Schmerzgrad von ≥7 von 10 angegeben, und Patient hat aufgrund der Entscheidung von medizinischem Personal die NA aufgesucht
Identifizierung von möglichen Confoundern
Durch eine Literatursuche mit der Datenbank MEDLINE wurden folgende Confounder identifiziert: Alter (18–39, 40–59, 60–79, +80 Jahre) 12 , Geschlecht (männlich, weiblich) 13 , Bildung nach CASMIN-Kategorie (niedrig, mittel, hoch) 12 , Anzahl von chronischen Krankheiten 14 , Art der medizinischen Fachrichtung der NA (internistisch, gynäkologisch) 6 . Für verschiedene Variablen (Sprachkompetenz, Aufenthaltszeit in Deutschland, Besitz Hausapotheke sowie Hausarzt) wurde eine Sensitivitätsanalyse durchgeführt und aufgrund des fehlenden Einflusses nicht in den Analysen berücksichtigt.
Durchgeführte statistische Analysen
Um Unterschiede zwischen den durchgeführten Selbsthilfemaßnahmen und den Bevölkerungsgruppen zu untersuchen, wurden vier multiple logistischen Regressionen (Modell 1–4) berechnet. Als abhängige Variablen wurden die vier Selbsthilfemaßnahmen (durchgeführt, Referenz) und als unabhängige Variablen der Migrationsstatus (ohne Migrationsgeschichte, 1. sowie 2. Migrantengeneration) in die Modelle aufgenommen. Die Formeln der Modelle 1–4 können im Anhang A2 (online verfügbar) eingesehen werden.
Für den Zusammenhang der durchgeführten Selbsthilfemaßnahmen und einer adäquaten Nutzung der NA wurde eine multiple logistische Regression (Modell 5) berechnet. Die Nutzung der NA (adäquat/nicht adäquat) stellte hierbei die abhängige Variable und die vier Selbsthilfemaßnahmen die unabhängigen Variablen dar. Die Formel des Modell 5 kann im Anhang A3 (online verfügbar) eingesehen werden. In allen 5 Regressionsmodellen wurden alle identifizierten Confounder aufgenommen. Die Voraussetzungen für alle fünf Regressionsmodelle wurde vorab überprüft und können im Anhang (A5, A6; online verfügbar) eingesehen werden.
Zusätzlich zu dem fünften Regressionsmodell wurden noch Interaktionen zwischen den vier Selbsthilfemaßnahmen und der Variablen des Migrationsstatus berechnet, wodurch insgesamt vier Modelle modelliert wurden. Durch die Berechnungen der Interaktionen konnte statistisch beurteilt werden, inwieweit sich jeweils die einzelnen Selbsthilfemaßnahmen (unabhängige Variable) und der Migrationsstatus gegenseitig beeinflussen und wie sich dies auf eine adäquate Nutzung (abhängige Variable) der NA auswirkt. Alter und Geschlecht wurden als Confounder in die vier Modelle aufgenommen. Es wurden bei den Interaktionen nur Alter und Geschlecht mit in die Modelle aufgenommen, da durch die Aufnahme der beiden Confounder weniger Koeffizienten durch das statistische Modell geschätzt wurden, und damit die statistische Analyse stabiler wurde. Die Formeln der Modelle können im Anhang A4 (online verfügbar) eingesehen werden. Zudem wurden die beiden Variablen als Confounder berücksichtigt, da sich die Verteilung dieser Variablen sehr stark zwischen den Bevölkerungsgruppen unterschied.
Resultate
Beschreibung der Studienpopulation
Tab. 2 enthält die soziodemografischen Eigenschaften der Stichprobe. 61,3% der Befragten hatten keine Migrationsgeschichte und 38,7% hatten eine Migrationsgeschichte. Von den mit Migrationsgeschichte gehörten 27,2% der ersten und 11,5% der zweiten Migrationsgeneration an. Der Großteil (34,1%) der Migranten der ersten Generation kam aus Ländern der Europäischen Union. Zudem kamen etwa 15,2% aus der Türkei sowie 14,8% aus nicht EU- oder osteuropäischen-Staaten, wie Russland oder der ehemaligen Sowjetischen Union. Befragte ohne Migrationsgeschichte waren mit 60,1 (SD 21,1) Jahre am ältesten. Migranten der ersten sowie der zweiten Generation waren mit 41,9 (SD 16,1) bzw. 32,5 (SD 12,4) Jahre jünger. Der Anteil von Frauen bei Migranten der ersten (77,1%) sowie zweiten (84,6%) Generation, war im Vergleich zu denen ohne Migrationsgeschichte (62,7%) höher. Menschen ohne Migrationsgeschichte haben mit 82,6% häufiger internistische NAs aufgesucht als Befragte der ersten (47,4%) sowie zweiten (44,0%) Migrationsgeneration.
Tab. 2 Soziodemografische Eigenschaften der Studienpopulation stratifiziert nach Migrationsstatus und adäquater/nicht adäquater Nutzung der Notfallambulanz
| Migrationsstatus (N=2.327*) | |||
|---|---|---|---|
| Ohne Migrationsgeschichte (n=1.426) | Migrant 1. Gen. (n=633) | Migrant 2. Gen. (n=268) | |
| Alter ; | |||
|
338 (24,1%); | 341 (54,9%); | 215 (80,5%); |
|
249 (17,8%); | 176 (28,3%); | 39 (14,6%); |
|
530 (37,8%); | 91 (14,7%); | 12 (4,5%); |
|
285 (20,3%); | 13 (2,1%); | 1 (0,4%); |
|
60,14 (21,1) | 41,89 (16,1) | 32,46 (12,4) |
| Geschlecht ; | |||
|
886 (62,2%); | 488 (77,1%); | 226 (84,6%); |
|
538 (37,8%) | 145 (22,9%) | 41 (15,4%) |
| Bildung ; | |||
|
265 (18,7%); | 135 (21,6%); | 46 (17,2%); |
|
778 (54,8%); | 202 (32,3%); | 190 (50,8%); |
|
376 (26,5%) | 288 (46,1%) | 32 (32,1%) |
| Anzahl chronischer Krankheiten ; | |||
|
354 (24,8%); | 330 (52,1%); | 146 (54,5%); |
|
458 (32,1%); | 172 (27,2%); | 85 (31,7%); |
|
355 (24,9%); | 74 (11,7%); | 23 (8,6%); |
|
259 (18,2%) | 57 (9,0%) | 14 (5,2%) |
| Medizinische Fachrichtung ; | |||
|
1.178 (82,6%); | 300 (47,4%); | 118 (44,0%); |
|
248 (17,4%) | 333 (52,6%) | 150 (66,0%) |
| ‚Wer hat entschieden?‘ ; | |||
|
585 (45,3%); | 198 (32,5%); | 84 (32,4%); |
|
706 (54,7%) | 412 (67,5%) | 175 (67,6%) |
| ‚Zuvor etwas unternommen?‘ ; | |||
|
656 (46,0%); | 329 (52,0%); | 116 (43,3%); |
|
769 (55,0%) | 304 (48,0%) | 152 (56,7%) |
| ‚Zuvor Werte gemessen?‘ ; | |||
|
771 (54,7%); | 453 (72,6%); | 206 (77,4%); |
|
638 (45,3%) | 171 (27,4%) | 60 (22,6%) |
| ‚Zuvor Medikamente eingenommen?‘ ; | |||
|
874 (61,5%); | 385 (60,8%); | 156 (58,4%); |
|
548 (38,5%) | 248 (39,2%) | 111 (41,6%) |
| Adäquate Nutzung der NA ; | |||
|
683 (47,9%); | 164 (25,9%); | 53 (19,8%); |
|
743 (52,1%) | 469 (74,1%) | 215 (80,2%) |
| Nutzung der Notfallambulanz (N=2.376*) | |||
| Nicht adäquat (n=1.473) | Adäquate (n=903) | ||
| Alter ; | |||
|
727 (51,5%); | 168 (19,0%) | |
|
318 (22,5%) | 148 (16,74) | |
|
259 (18,2%) | 376 (42,53%) | |
|
108 (7,7%) | 192 (21,7%) | |
|
45,2 (19,9) | 62,8 (20,2) | |
| Geschlecht | |||
|
1.055 (73,9%) | 549 (60,9%) | |
|
373 (26,1%) | 353 (39,1%) | |
| Bildung | |||
|
285 (20,0%) | 162 (18,1%) | |
|
598 (42,0%) | 520 (58,2%) | |
|
540 (38,0%) | 211 (23,6%) | |
| Anzahl chronischer Krankheiten | |||
|
663 (45,0%) | 209 (23,2%) | |
|
461 (31,3%) | 258 (26,6%) | |
|
210 (14,3%) | 243 (26,9%) | |
|
138 (9,4%) | 193 (21,4%) | |
| Medizinische Fachrichtung | |||
|
872 (59,20%) | 773 (85,60%) | |
|
601 (40,80%) | 130 (14,40%) | |
| ‚Wer hat entschieden?‘ | |||
|
401 (30,1%) | 467 (56,0%) | |
|
930 (69,8%) | 367 (44,0%) | |
| ‚Zuvor etwas unternommen?‘ | |||
|
665 (46,5%) | 437 (48,5%) | |
|
765 (53,5%) | 465 (51,5%) | |
| ‚Zuvor Werte gemessen?‘ | |||
|
986 (69,6%) | 446 (50,2%) | |
|
430 (30,4%) | 443 (49,83%) | |
| ‚Zuvor Medikamente eingenommen?‘ | |||
|
879 (61,6%) | 537 (59,5%) | |
|
547 (38,4%) | 365 (40,5%) | |
* Unterschiedliche Fallzahlen aufgrund von fehlenden Werten
Die geschlechterspezifischen Unterschiede der Bevölkerungsgruppen hinsichtlich der Fachrichtung der Notfallambulanz wird in Abb. 2 dargestellt. Die Abbildung zeigt, dass von den deutschen Probanden, welche sich dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlten, 72,1% eine internistische Notfallambulanz aufgesucht haben. Bei den weiblichen Migranten der ersten und zweiten Generation war der Anteil geringer und lag bei 32% und 33,6%. Bei den deutschen männlichen Probanden haben 100% eine internistische Notfallambulanz beansprucht. Bei den männlichen Migranten der ersten und zweiten Generation liegt der Anteil etwa auf einem gleich hohen Niveau bei 99,3% bzw. 100%.
Abb. 2.

Aufgesuchte internistische und gynäkologische Notfallambulanzen stratifiziert nach Geschlecht und Migrationsstatus (Eigene Darstellung)
Durchgeführte Selbsthilfemaßnahmen in den Bevölkerungsgruppen
Tab. 3 enthalten die Ergebnisse der Regressionen (vollständige Tab. mit allen Variablen im Anhang 7; online verfügbar). Für die Selbsthilfemaßnahme ‚Wer hat entschieden?‘ haben Migrant der ersten Generation ein höheres Odds Ratio (OR=1,28-mal; 95% KI, 1,01–1,61), dass sie selbst, Familienangehörige oder Bekannte die Entscheidung gefällt haben, eine NA aufzusuchen, als Menschen ohne Migrationsgeschichte. Bei der Selbsthilfemaßnahme ‚Zuvor etwas unternommen?‘ haben Migrant der ersten Generation ein geringeres Odds Ratio (OR=0,70; 95% KI, 0,56–0,86) vor der NA etwas gegen Beschwerden zu unternehmen, als Menschen ohne Migrationsgeschichte. Hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen den Bevölkerungsgruppen und der Durchführung der anderen Selbsthilfemaßnahmen haben unsere Ergebnisse wenig Aussagekraft, da die erhaltenen Werte mit einer hohen Unsicherheit aufgrund breiter Konfidenzintervalle verbunden sind.
Tab. 3 Ergebnisse des Zusammenhangs zwischen den durchgeführten Selbsthilfemaßnahmen und den Bevölkerungsgruppen
| 1. Modell (N=2.108) ‚Wer hat entschieden?‘ Pseudo R 2 =3,6% | 2. Modell (N=2.272) ‚Zuvor etwas unternommen?‘ Pseudo R 2 =2,0% | 3. Modell (N=2.247) ‚Zuvor Werte gemessen?‘ Pseudo R 2 =13,7% | 4. Modell (N=2.268) ‚Zuvor Medikamente eingenommen?‘ Pseudo R 2 =1,4% | ||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| OR* | 95% KI** | OR* | 95% KI** | OR* | 95% KI** | OR* | 95% KI** | ||
| Migrationsstatus | |||||||||
| Ohne Migrationsgeschichte (Ref.***) | – | – | – | – | – | – | – | – | |
| 1. Generation Migranten | 1,28 | 1,01–1,61 | 0,70 | 0,56–0,86 | 0,97 | 0,76–1,24 | 1,04 | 0,84–1,30 | |
| 2. Generation Migranten | 1,09 | 0,79–1.49 | 0,94 | 0,70–1,25 | 0,92 | 0,64–1,30 | 1,17 | 0,87–1,58 | |
* Adjustiert für Alter, Geschlecht, Bildung, Anzahl von chronischen Krankheiten und medizinische Fachrichtung der Notfallambulanz. **95% Konfidenzintervall. ***Referenzkategorie
Durchgeführte Selbsthilfemaßnahmen und eine adäquate Nutzung der Notfallambulanz sowie die Ergebnisse der Interaktionsberechnungen
Tab. 4 enthält die Ergebnisse der Regression (vollständige Tab. mit allen Variablen im Anhang 8; online verfügbar). Befragte, welche selbst oder Familienmitglieder bzw. Bekannte die Entscheidung getroffen haben, eine NA aufzusuchen, haben ein niedrigeres Odds Ratio (OR=0,41 l; 95% KI, 0,34–0,50) die NA adäquat zu nutzen, als Befragte die durch medizinisches Personal verwiesen wurden. Befragte die vor dem Aufsuchen der NA Vitalparameter gemessen haben, haben ein höheres Odds Ratio (OR=1,28;95% KI, 1,02–1,59) hinsichtlich einer adäquaten Nutzung, als Befragte, die keine Werte gemessen haben. Bezüglich des Zusammenhangs zwischen den beiden anderen Selbsthilfemaßnahmen und einer adäquaten Nutzung der NA haben unsere Ergebnisse wenig Aussagekraft, da die Odds Ratios nicht signifikant sind und die erhaltenen Werte mit einer hohen Unsicherheit aufgrund breiter Konfidenzintervalle verbunden sind.
Tab. 4 Ergebnisse der Regression hinsichtlich der durchgeführten Selbsthilfemaßnahmen und einer adäquaten Nutzung der Notfallambulanz (Modell 5)
| OR* | 95% KI** | |
|---|---|---|
| ‚Wer hat entschieden?‘ | ||
| Medizinisches Personal (Ref.***) | – | – |
| Ich selbst, Familie oder Bekannte | 0,41 | 0,34–0,50 |
| ‚Zuvor etwas unternommen?‘ | ||
| Nichts unternommen (Ref.***) | – | – |
| Etwas unternommen | 0,88 | 0,69–1,12 |
| ‚Zuvor Werte gemessen?‘ | ||
| Es wurden keine Werte gemessen (Ref.***) | – | – |
| Es wurden Werte gemessen | 1,28 | 1,02–1,59 |
| ‚Zuvor Medikamente eingenommen?‘ | ||
| Keine Medikamente eingenommen (Ref.***) | – | – |
| Medikamente eingenommen | 1,08 | 0,85–1,38 |
Pseudo R 2 =17,2%. *Adjustiert für Alter, Geschlecht, Bildung, Anzahl von chronischen Krankheiten und medizinische Fachrichtung der Notfallambulanz. **95% Konfidenzintervall. ***Referenzkategorie
Im Anhang (A9; online verfügbar) können die Ergebnisse der Interaktionsberechnungen eingesehen werden. Hinsichtlich der vier Modelle der Interaktionsberechnungen ergab sich, dass die Effektstärken gering sind, sich die p-Werte teils Richtung eins belaufen und die Konfidenzintervalle sehr breit sind, weswegen auf die Ergebnisse der Interaktionen nicht weiter eingegangen wird.
Diskussion
Diese Untersuchung zeigt, dass Migranten der ersten Generation eine höheres Odds Ratio aufweisen, selbst, bzw. durch Familienangehörige oder Bekannte die Entscheidung zutreffen eine NA aufzusuchen, als die Bevölkerung ohne Migrationsgeschichte. Ähnliche Ergebnisse konnte Tzogiou et al. (2021) in ihrer Studie zeigen, die Faktoren einer ungleichen Gesundheitsversorgung zwischen Schweizern und Migranten untersuchten 15 . Die Studie zeigte, dass Migranten der ersten Generation seltener die Leistungen von Hausärzten nutzten und vermehrt die NA eigeninitiiert aufsuchten 15 . Grund für das Ergebnis könnten bestehende Barrieren zum Gesundheitssystem für Migranten sein. Unterschiedliche Erwartungen, sprachliche Barrieren oder fehlende Kompetenzen im Umgang mit Diversität im deutschen Gesundheitssystem können dazu beigetragen haben, dass Migranten bevorzugt in Eigeninitiative die NA aufsuchten 9 16 .
Weitere Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass Migranten der ersten Generation ein geringeres Odds Ratio aufweisen, vor Aufsuchen der NA etwas gegen ihre Beschwerden zu unternehmen, als Menschen ohne Migrationsgeschichte. Vergleichbare Literatur gab es zum Zeitpunkt der Studie nicht. Eine Hypothese des Ergebnisses könnte der fehlende Zugang zu Hausärzten, Medikamenten oder medizinischen Hilfsmittelen der Bevölkerungsgruppe sein. Dies könnte durch die kurze Aufenthaltszeit (Median:15,0 Monate) in Deutschland oder durch fehlende Informationen über die Funktion des Gesundheitssystems begründet werden 17 . Bei neu auftretenden Gesundheitsproblemen konnte durch das Fehlen von z. B. Medikamenten oder medizinischen Hilfsmitteln nur eingeschränkt Maßnahmen durchführt werden. Ein weiterer Aspekt, der dieses Ergebnis begünstigt haben könnt ist, dass der größte Anteil der Frauen der ersten Migrationsgeneration eine gynäkologische NA aufgesucht hat (vgl. Abb. 2 ). Da Frauen der ersten Migrationsgeneration im Vergleich zu deutschen Frauen jünger waren (vgl. Tab. 2 ), ist davon auszugehen, dass die Frauen die gynäkologische Notfallambulanz zum Beispiel wegen Komplikationen in der Schwangerschaft, Unterbauchschmerzen oder Blutungen aufgesucht haben. Bei solchen gynäkologischen Gesundheitsproblemen ist der Erfolg auf Linderung durch Selbsthilfemaßnahmen eher geringer als der Erfolg auf Linderung durch Medikamenteneinnahme bei internistischen Gesundheitsprobleme, wie Kreislauf- oder Atembeschwerden. Somit könnte es sein, dass diese Bevölkerungsgruppe weniger Selbsthilfemaßnahmen vor der Nutzung der Notfallambulanz durchgeführt hat als die Bevölkerungsgruppe der deutschen, die die NA überwiegend wegen internistischen Gesundheitsproblemen aufgesucht hat.
Hinsichtlich des zweiten Teils der Fragestellung haben Befragte, die die NA eigeninitiiert aufgesucht haben, eine geringeres Odds Ratio hinsichtlich einer adäquaten Nutzung der NA, als die die durch medizinisches Personal verwiesen wurden. Dieses Ergebnis spiegelt sich auch in der Literaturübersicht von Carret et al. (2009) wider, in der Determinanten für eine nicht adäquate Nutzung der NA untersucht wurden. Fünf Studien kamen zum Ergebnis, dass Befragte die eigeninitiiert die NA aufsuchten, ein höheres Odds Ratio auf eine nicht adäquate Nutzung aufwiesen, als Befragte die durch medizinisches Personal verwiesen wurden 18 . Da in unserer Studie Migranten der ersten Generation eine höheres Odds Ratio aufweisen, eigeninitiiert eine NA aufzusuchen (vgl. Tab. 3 ), könnten Zugangsbarrieren zum Gesundheitssystem und der fehlende Zugang zu Medikamenten oder medizinischen Hilfsmittelen zum Ergebnis beigetragen haben 9 19 . Daher konnte diese Bevölkerungsgruppe nur begrenzt fachliche Einschätzungen durch Mediziner einholen sowie Maßnahmen zur Linderung des Gesundheitsproblems nur eingeschränkt durchführen, sodass mit nicht dringlichen Gesundheitsproblemen die NA aufgesucht wurde.
Das Ergebnis, dass Befragte die zuvor Vitalparameter gemessen haben, im Vergleich zu denen die keine Werte gemessen haben, ein höheres Odds Ratio auf eine adäquate Nutzung aufweisen, könnte darauf deuten, dass der Gesundheitszustand durch das Messen besser eingeschätzt werden kann und die NA erst bei Notfällen aufgesucht wird. Zum anderen könnten Befragte, welche Vitalparameter messen, eher an chronischen Krankheiten leiden als die, die keine Parameter messen. Folglich könnten chronisch kranke Befragte mehr Erfahrungen mit der Einschätzung von Notfällen haben und einen generell schlechteren Gesundheitszustand aufweisen. Vergleichbare Literatur konnte nicht identifiziert werden.
Bei den Berechnungen der Interaktionen zeigt sich, dass die erhaltenen Effektstärken sehr gering waren, sich die p-Werte Richtung eins orientieren und die Konfidenzintervalle sehr breit sind. Aufgrund dieser Aspekte deuten die berechneten Odds Ratios darauf hin, dass keine Interaktionen zwischen den Variablen nachgewiesen werden konnte.
Stärken und Schwächen der Untersuchung
Mit diesem Forschungsprojekt wurde erstmals in Deutschland die durchgeführten Selbsthilfemaßnahmen vor Inanspruchnahme der NA zwischen den Bevölkerungsgruppen untersucht. Zu diesem Thema gibt es kaum Literatur, um Ergebnisse zu vergleichen. Dies ist eine wichtige Erkenntnis und offenbart die Dringlichkeit, weitere Evidenz zu generieren.
Eine Schwäche stellen die Kriterien der ‚adäquaten Nutzung‘ einer NA dar. Ein Kriterium ist, dass Befragte durch medizinisches Personal zur NA verwiesen werden müssen. Durch Zugangsbarrieren zum Gesundheitssystem für Migranten wird diese Bevölkerungsgruppe seltener durch medizinisches Personal überwiesen, als Menschen ohne Migrationsgeschichte, wodurch die Wahrscheinlichkeit für eine adäquaten Nutzung sinkt 9 19 . Zukünftig sollten Selbsthilfemaßnahmen abgefragt werden, die zum Kontext der NA passen, da das Messen von Blutzucker oder Fieber sowie die Einnahme von Medikamenten oft ungeeignete Selbsthilfemaßnahmen bei gynäkologischen Notfällen darstellen. Eine weitere Schwäche ist die zu geringe Stichprobengröße. Dies führt dazu, dass es für die Interaktionsberechnungen zu wenig Beobachtungen gibt, wodurch zu viele leere Zellen im statistischen Modell vorliegen. Zudem kann die geringe Fallzahl dazu beitragen, dass bei den Interaktionsberechnungen zu viele Koeffizienten relativ zur Fallzahl geschätzt werden müssen. Dies führt zu einer Instabilität der berechneten Odds Ratios und die erhaltenen Ergebnisse der Interaktionen können aufgrund großer p-Werte und breiter Konfidenzintervalle nicht vertrauenswürdig interpretiert werden.
Footnotes
Interessenkonflikt Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Fazit.
Es zeigt sich, dass besonders Migranten der ersten Generation vermehrt die NA eigeninitiiert aufsuchen und ein geringeres Odds Ratio aufweisen, vor der NA etwas gegen ihre Beschwerden zu unternehmen. Zugangsbarrieren zum Gesundheitssystem sowie zu Medikamenten oder medizinischen Hilfsmittelen für diese Bevölkerungsgruppe könnten dazu beigetragen haben. Zudem deutet unsere Studie darauf hin, dass das Messen von Vitalparametern möglicherweise dazu beiträgt, den individuellen Gesundheitszustand besser einzuschätzen.
Zusätzliches Material
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Associated Data
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