Skip to main content
Thieme Open Access logoLink to Thieme Open Access
. 2022 Jun 29;85(4):270–276. [Article in German] doi: 10.1055/a-1816-7332

Impflücken bei Beschäftigten in Einrichtungen der vorschulischen Kinderbetreuung vor Einführung des Masernschutzgesetzes

Vaccination Gaps of Employees in Institutions of Preschool Childcare before Introduction of the Measles Protection Act

Ruediger Stephan Goertz 1,, Elsa Gherman 2, Holger Wentzlaff 1, Hans Drexler 2, Anna Wolfschmidt 2
PMCID: PMC11248041  PMID: 35767992

Abstract

Aim of the study The measles protection act and the updated recommendations of the permanent commission of vaccination (STIKO) include the obligatory proof of a double vaccination against measles for employees (born after 1970) in childcare. In addition, the standard and professional recommendations for vaccinations should be respected. A retrolective evaluation of vaccination gaps of employees in institutions for preschool childcare was performed.

Methods The database of 2018 and 2019 of the B·A·D-Health center Erlangen have 1300 recorded cases of occupational medical consultations in preschool childcare. Double consultations and consultations with insufficient data were excluded. 1016 contacts were analyzed with regard to vaccination gaps of measles, mumps, rubella, varicella, pertussis, hepatitis A+B and early summer meningoencephalitis. The evaluation was primarily based on the employees’ vaccination cards. Vaccination gaps were assumed in case of missing, commenced or incomplete vaccination protection.

Results In this cohort of 1016 employees, the vaccination gap for measles increased from 16.2% to 20.6%, when applying the updated STIKO recommendation and the resulting change of definition of complete vaccination protection from measles. Further gaps were 22.7% for mumps, 18.9% for rubella, 2.3% for varicella, 27.8% for pertussis, 61.1% for hepatitis A and 60.5% and tick-borne encephalitis. The age group <30 years showed less vaccination gaps than the age group ≥30 years.

Conclusion The evaluation of the health center in Erlangen showed considerable age-dependent vaccination gaps in the cohort of employees of preschool childcare. The measles protection act that makes vaccination against measles mandatory contributes to closing this gap. There is room for counselling as well as for action regarding vaccine-preventable diseases in occupational medicine.

Key words: measles protection act, childcare, vaccination gap, occupational medicine, Vaccination

Einleitung

Die Möglichkeit des Impfens ist ein wichtiger Baustein in der Prävention von Infektionskrankheiten. Masern als hochansteckende Viruserkrankung betrifft häufig Kleinkinder. Masern können in bis zu 30% komplikativ mit Durchfall, Otitis media, Pneumonie und Enzephalitis und in ca. 0,1% letal verlaufen 1 2 . Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die Elimination der Masern weltweit durch eine Unterbrechung von Infektionsketten bei einer Immunität von mehr als 95% in der Bevölkerung 3 4 . Die aktualisierten Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) vom 09.01.2020 und das am 01.03.2020 in Kraft getretene Masernschutzgesetz machen den Nachweis der zweimaligen Impfung gegen Masern zur Pflicht 5 6 . Betroffen sind alle ab 1971 geborenen Personen, die mindestens ein Jahr alt sind, und u. a. in einer Gemeinschaftseinrichtung nach §33 des Infektionsschutzgesetzes (IFSG) (z. B. Kindertageseinrichtungen, Horte, Schulen) oder in Gesundheitseinrichtungen (z. B. Krankenhäuser, Arztpraxen) tätig sind oder betreut werden. Für Personen, die bereits vor dem 01.03.2020 tätig waren, gilt eine verlängerte Frist bis Mitte 2022 für den Nachweis des Masernschutzes aufgrund der SARS-CoV-2-Pandemie.

Seit Einführung der Meldepflicht für Masern (IFSG §6) im Jahre 2001 sind die Zahlen in Deutschland schwankend rückläufig 7 . Laut Robert Koch-Institut sind die Masernerkrankungsfälle von 514 (2019) auf 4 (bis Ende Oktober 2021) deutlich gesunken, wobei den Maßnahmen zur Eindämmung der SARS-CoV-2-Pandemie mehr Bedeutung beigemessen wurde als dem Masernschutzgesetz 8 9 10 . Fast alle Masernerkrankte waren ungeimpft 9 . Bereits 2010 empfahl die STIKO eine Impfung für ab 1971 geborene Erwachsene bei bisher nicht Geimpften, in der Kindheit nur einmal Geimpften oder unklarem Impfstatus 11 .

Arbeitsmedizinische Vorsorgen müssen versicherungspflichtigen Beschäftigten anhand der Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV) auf Basis einer Gefährdungsbeurteilung angeboten werden. Falls das Risiko einer Infektion durch die arbeitsbedingte Tätigkeit im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung erhöht ist, ist nach Biostoffverordnung (BioStoffV) eine Vorsorge durchzuführen. Die Kontrolle des Impfschutzes erfolgt in arbeitsmedizinischen Vorsorgen (Arbeitsmedizinische Regel – AMR 6.5) 12 . Seit dem Präventionsgesetz im Jahre 2015 (insbesondere Sozialgesetzbuch (SGB) V §132e) sollen Beratungen ausdrücklich ebenfalls über empfohlene STIKO-Standard-Schutzimpfungen (ohne berufliche Indikation) erfolgen. Seit 2019 können Standard-Impfungen, die im Betrieb durchgeführt werden, zu Kosten der privaten und gesetzlichen Krankenversicherung abgerechnet werden 13 .

Im Rahmen der Impfsurveillance des Robert Koch-Instituts werden regelmäßig Impfquoten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen anhand von Daten aus Schuleingangsuntersuchungen und/oder Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen veröffentlicht. Ziel dieser retrolektiven Evaluation war das Erfassen von Impflücken einer Beschäftigtenkohorte in der vorschulischen Kinderbetreuung, welche im bzw. über das arbeitsmedizinische B·A·D-Gesundheitszentrum Erlangen vor Einführung des Masernschutzgesetzes betreut wurde.

Methode

Die retrolektive Studie wurde am arbeitsmedizinischen B·A·D-Gesundheitszentrum Erlangen durchgeführt und durch die lokale Ethik-Kommission der Medizinischen Fakultät genehmigt (Nr. 379_19 Bc). Die arbeitsmedizinischen Vorsorgen wurden in den Einrichtungen selbst oder im Erlanger Zentrum durchgeführt. Die Dokumentation erfolgte regelhaft anhand von standardisierten Fragebögen. Die stattgehabte Vorsorge wurde im Unternehmens-Informationssystem (SAP ERP 6.0 SP31, SAP, Walldorf, Germany) zentral erfasst. Es erfolgte eine Datenbank-Abfrage der Jahre 2018 und 2019: für den „Typ“ waren die Suchwörter „Rechtsvorschriften“ und „BG-Grundsätze“ sowie für die „Nummer“ die „Biostoffe vorschulische Kinderbetreuung“.

Insgesamt wurden 1300 arbeitsmedizinische Vorsorgen bei Beschäftigten in Einrichtungen der vorschulischen Kinderbetreuung in 2018 und 2019 erfasst. Ausgeschlossen wurden die zeitlich frühere Vorsorge bei wiederholten Vorsorgen (n=117), Vorsorgen mit nicht verfügbarer Akte (n=105) sowie Vorsorgen von Beschäftigten mit fehlendem Impfpass bzw. unzureichender Impfdokumentation (n=62). In die Analyse gingen somit 1016 Vorsorgegespräche ein.

Die Akten wurden allgemein auf Impflücken bezüglich Masern, Mumps, Röteln, Windpocken durch das Varizella-Zoster-Virus (VZV), Pertussis, Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME), Hepatitis A und B hin untersucht. Die Beurteilung des Impfstatus erfolgte primär anhand des Impfpasses; im Fall von VZV wurde bei positiver Varizellen-Anamnese Immunität angenommen. Wenn die Kriterien für einen vollständigen Impfschutz nach Empfehlungen der STIKO 2018/2019 (≈STIKO 2018) nicht erfüllt waren (siehe Tab. 1 ), wurden entsprechende Impflücken angenommen 14 . Impflücken wurden also angenommen bei fehlender, begonnener bzw. unvollständiger Grundimmunisierung oder fehlender Boosterung. Insbesondere die geänderten beruflichen Masernimpfempfehlungen der STIKO im Jahre 2020 wurden berücksichtigt – eine einzige Masernimpfung nach dem 18. Lebensjahr wurde demnach als nicht mehr ausreichend erachtet (≈STIKO 2020) 2 15 . Die Beschäftigten, die bis einschließlich 31.12.1970 geboren waren (Gruppe 3), wurden besonders betrachtet, weil bei Ihnen auch ohne (vollständigen) Impfnachweis eine Immunität gegen Masern, Mumps und Röteln aufgrund einer durchgemachten Wildvirusinfektion angenommen werden kann 1 16 . Die Beschäftigten, die nach dem 31.12.1970 (also ab 1971) geboren wurden, wurden am Altersschwellenwert von 30 Jahren nochmals unterteilt (Gruppen 1 und 2). Für alle betrachteten Erkrankungen galt: Bei ärztlicher Dokumentation einer durchgemachten Erkrankung oder bei serologischem Immunitätsnachweis (IgG), falls vorliegend, wurde ebenfalls Immunität angenommen.

Tab. 1 Beurteilungskriterien von angenommener Impfimmunität bzw. Impflücke.

Impfimmunität angenommen bei Zusatz
Masern STIKO 2018: 2 Impfungen bzw. 1 Impfung nach dem 18. Lebensjahr STIKO 2020: 2 Impfungen oder bis einschließlich 31.12.1970 geboren
Mumps 2 Impfungen oder bis einschließlich 31.12.1970 geboren
Röteln 2 Impfungen bei Frauen oder 1 Impfung bei Männern oder bis einschließlich 31.12.1970 geboren
Pertussis 1 Auffrischungsimpfung innerhalb der letzten 10 Jahre
Windpocken 2 Impfungen oder anamnestisch durchgemachte Windpockenerkrankung
Hepatitis A zwei Impfungen (erste Dosis monovalent) oder drei Impfungen
Hepatitis B Grundimmunisierung mit 3 Impfungen
FSME Grundimmunisierung oder Auffrischungsimpfung in den letzten 5 Jahren unabhängig vom Alter

Eine Impflücke wurde angenommen bei fehlender, begonnener bzw. unvollständiger Impfgrundimmunisierung oder fehlender Boosterung.

Neben demographischen Daten wurden dem standardisierten Dokumentationsbogen der arbeitsmedizinischen Vorsorgen u. a. Angaben zum Ausbildungsstand und dem Einsatzort, soweit möglich, entnommen. Eine Unterscheidung, ob im Erlanger Zentrum erstmals eine Vorsorge (Erstkontakt) oder eine Folgeberatung (Folgevorsorge) erfolgte, wurde einbezogen.

Bei der statistischen Auswertung wurden absolute Werte (mit Prozentangabe), Mittelwerte mit Standardabweichung sowie die Spannbreite in eckigen Klammern angegeben. Falls Daten einzelner Impfungen fehlten, wurden Impflücken immer auf die vorhandene Datenanzahl bezogen. Es wurden der Chi-Quadrattest und Korrelationskoeffizienten nach Pearson berechnet. Für Berechnungen und die grafische Darstellung wurde Excel verwendet (Version 14.0.6112.5000, Microsoft, USA).

Ergebnisse

Von 1016 Beschäftigten in Einrichtungen der vorschulischen Kinderbetreuung waren 5% männlich und 59% wurden erstmals vom bzw. im Erlanger B·A·D-Gesundheitszentrum arbeitsmedizinisch beraten (s. Charakteristika Tab. 2 ). Der Anteil an betreuungsfernen Beschäftigten lag insgesamt bei 4,6% (z. B. Hausverwaltung, Administration, Reinigung). Haupteinsatzort waren Kindergärten (48,7%).

Tab. 2 Charakteristika von 1016 Vorsorgen bei Beschäftigten in Einrichtungen der vorschulischen Kinderbetreuung.

Alle
Anzahl 1016
Geschlecht (w/m) 965/51
Alter (Jahre) 36,7±14 [15–73]
Bis einschließlich 1970 / ab 1971 geboren 274 (27%) / 742 (73%)
ab 1971 geboren: Alter < 30 Jahre / ≥ 30 Jahre 397 (53,5%) / 345 (46,5%)
Erstkontakt/Folgevorsorge 596 (59%) / 420 (41%)
Kirchliche Trägerschaft 946 (93,1%)
Anteil betreuungsferne Beschäftigte 47 (4,6%)
Ausbildung
– Erzieher/in 409 (40,3%)
– Kinderpfleger/in 341 (33,6%)
– Auszubildende/r bzw. Praktikant/-in 149 (14,7%)
– sonstige (Pädagogische Fachkraft, Küchenhilfe, u. a.)/fehlend 117 (11,4%)
Einsatzort
– Kindergarten 495 (48,7%)
– Krippe 234 (23%)
– Springer/in 157 (15,5%)
– sonstige (Förderschule, Hort, u. a.)/fehlend 130 (12,8%)
Wickeltätigkeiten aktuell 717 (70,4%)

Insgesamt reichten die Impflücken von 16,2% bei Masern (STIKO 2018) bis hin zu 61,1% bei Hepatitis A (s. Tab. 3 ). Der Anteil ungeimpfter Beschäftigter (komplett fehlende Grundimmunisierung) lag bei Hepatitis A bei 44%, Hepatitis B bei 30,3% und FSME bei 32,3%. Bei Anwendung der STIKO-Empfehlungen zur beruflichen Masernimpfung von 2020 zeigte sich die Impflücke bei Masern durch die damit verbundene Änderung der Definition eines vollständigen Masern-Impfschutzes von 16,2% auf 20,6% ansteigend. Eine Immunität in Bezug auf Windpocken konnte in 97,7% angenommen werden. Bei 196 Beschäftigten lagen VZV-Antikörper-Serologien vor, diese waren in 193 Fällen positiv (98,5%). Von den drei Fällen mit negativer Serologie war vorher die Anamnese unsicher (n=2) oder nur eine VZV-Impfung erfolgt (n=1). Weitere vorliegende Serologien waren 23/25 (92%) Masern-Antikörper, 89/90 (98,9%) positive Röteln-Antikörper, 24/47 (51%) positive Hepatitis-A-Antikörper und 30/40 (75%) positive HBs-Antikörper.

Tab. 3 Impflücken aus 1016 Vorsorgen bei Beschäftigten in Einrichtungen der vorschulischen Kinderbetreuung.

Impflücke
n %
Masern (STIKO 2018) 164/1013 16,2%
Masern (STIKO 2020) 209/1013 20,6%
Mumps 229/1011 22,7%
Röteln 191/1012 18,9%
Windpocken
(davon keine Impfung)
23/1011
(18/1011)
2,3%
(1,8%)
Pertussis 278/1001 27,8%
Hepatitis A
(davon keine Impfung)
615/1006
(443/1006)
61,1%
(44%)
Hepatitis B
(davon keine Impfung)
482/1004
(398/1004)
48%
(30,3%)
FSME
(davon keine Impfung)
597/987
(318/987)
60,5%
(32,2%)

STIKO 2018 – Empfehlungen der STIKO beim RKI 2018/2019. STIKO 2020 – Empfehlungen der STIKO beim RKI 2020/2021

Beim Vergleich der drei Altersgruppen (ab 1971 geboren: Gruppe 1: <30 Jahre (n=397) und Gruppe 2: ≥30 Jahre (n=345) sowie Gruppe 3 bis einschließlich 1970 geboren (n=274)) ergaben sich niedrigere Impflücken in der Gruppe 1 (s. Abb. 1 und Tab. 4 ). Ausnahmen zeigten sich bei Windpocken und bei Hepatitis A mit den höchsten Impflücken von jeweils 2,8% und 68,9% im Vergleich zu den beiden älteren Gruppen. Außer Windpocken und FSME (je p>0,05), waren die Impflücken der Altersgruppe <30 Jahre statistisch signifikant unterschiedlich (je p <0,01) gegenüber der Altersgruppe 2. Die Impflücken für Masern (STIKO 2018 und 2020), Mumps und Röteln lagen im einstelligen Prozentbereich für die Gruppe 1, für Gruppe 2 jedoch zwischen 37,7% (Masern, STIKO 2018) und 56,3% (Mumps). Bei Anwendung der STIKO-Empfehlungen von 2020 vergrößerte sich die Impflücke bei Masern in Gruppe 2 durch die geänderte Definition eines vollständigen Masern-Impfschutzes auf 50,3% (p<0,01). Die Impflücken von 0% für Masern, Mumps und Röteln basieren für die bis einschließlich 1970 Geborenen auf den aktuellen STIKO-Empfehlungen. Die Impflücken stiegen mit zunehmenden Alter (Gruppe 1 bis 3) bis auf 33,7% für Pertussis und bis auf 68,9% für FSME an. Der Spearman Korrelationskoeffizient war in Abhängigkeit des Lebensalters aller Beschäftigten und der Impflücke für Pertussis (ρ=0,13), Hepatitis B (ρ=0,40) und FSME (ρ=0,14) je signifikant mit p<0,01. Für die Hepatitis A zeigte sich eine gering-negative, statistisch signifikante Korrelation (ρ=-0,11, p<0,05). In der Kohorte der ab 1971 Geborenen war je eine positive Korrelation von Alter und Impflücke für Masern STIKO 2018 (ρ=0,42) und 2020 (ρ=0,53) sowie Mumps (ρ=0,48) und Röteln (ρ=0,46) zu berechnen (alle p<0,01).

Abb. 1.

Abb. 1

Impflücken aus 1016 Vorsorgen bei Beschäftigten in Einrichtungen der vorschulischen Kinderbetreuung in Abhängigkeit von Altersgruppen.

Tab. 4 Impflücken aus 1016 Vorsorgen bei Beschäftigten in Einrichtungen der vorschulischen Kinderbetreuung in Abhängigkeit von Altersgruppen.

Impflücken
Altersgruppe ab 1971 geboren (nach 31.12.1970) bis einschließlich 1970 geboren
<30 Jahre ≥30 Jahre ≥47 Jahre
Anzahl 397 345 274
Alter [Jahre] 22±4 38,7±5 55,6±5
N % N % N %
Masern (STIKO 2018) 35/397 8,8%* 129/342 37,7% 0/274 0%
Masern (STIKO 2020) 37/397 9,3%* 172/342 50,3% 0/274 0%
Mumps 37/396 9,3%* 192/341 56,3% 0/274 0%
Röteln 41/397 10,3%* 150/341 44% 0/274 0%
Windpocken
(davon keine Impfung)
11/396
(9/396)
2,8%
(2,3%)
8/342
(6/342)
2,3%
(1,8%)
4/273
(3/273)
1,5%
(1,1%)
Pertussis 85/394 21,6%* 103/340 30,3% 90/267 33,7%
Hepatitis A
(davon keine Impfung)
273/396
(188/396)
68,9%*
(47,5%)
190/344
(125/344)
45,2%
(36,3%)
154/268
(130/268)
57,5%
(48,5%)
Hepatitis B
(davon keine Impfung)
100/395
(68/395)
25,3%*
(17,2%)
193/341
(154/341)
56,6%
(45,2%)
189/266
(176/266)
71,6%
(66,2%)
FSME
(davon keine Impfung)
213/390
(83/390)
54,6%
(21,3%)
207/340
(114/340)
60,9%
(33,5%)
177/257
(121/257)
68,9%
(47,1%)

STIKO 2018 – Empfehlungen der STIKO beim RKI 2018/2019. STIKO 2020 – Empfehlungen der STIKO beim RKI 2020/2021. *p<0,01

In der Auswertung des Erlanger B·A·D-Gesundheitszentrums von ab 1971 geborenen Beschäftigten zeigten die Erstkontakte (mittleres Alter 29 Jahre, n=549) im Vergleich zu Folgevorsorgen (mittleres Alter 32 Jahre, n=193) höhere Impflücken für Masern (STIKO 2018: 23,3% vs. 19,2% und STIKO 2020: 28,8% vs. 26,9%), Röteln (27,3% vs. 21,8%), Windpocken und Hepatitis A (66,3% vs. 52,1%) sowie ähnlich hohe (bzw. gering niedrigere) Impflücken für Mumps, Pertussis und Hepatitis B. Eine Auswertung nach Ausbildungsstand der Gruppen 1 und 2 ergab höhere Masernimpflücken (je p>0,05) für Erzieherinnen (n=277) mit 24,6% (STIKO 2018) und 30,7% (STIKO 2020) als für die anderen Beschäftigten mit je 20,7% und 26,8%. Bei 309 von 1016 (30,4%) Vorsorgen wurden nach Beratung und Aufklärung direkt 394 Impfungen durchgeführt. Von den 394 Impfungen waren anteilig: 65,5% Hepatitis A, 11,7% Keuchhusten, 11,4% Hepatitis B, 7,9% FSME und 3,5% MMR.

Diskussion

Das vom Erlanger B·A·D-Gesundheitszentrum betreute Kollektiv von Beschäftigten in der vorschulischen Kinderbetreuung zeigte nach Kontrolle des Impfpasses teils erhebliche Impflücken gemäß Empfehlungen der STIKO auf. Interessant sind die Impflücken als Ist-Zustands-Erhebung vor Einführung der Masern-„Impfpflicht“ im Rahmen des Masernschutzgesetzes 1 . Eine Aussage zur tatsächlichen Immunität ist aufgrund fehlender serologischer Befunde nicht möglich: trotz unvollständigem Impfschutz nach STIKO könnte Immunität bestehen oder trotz vollständiger Impfung in wenigen Fällen keine Immunität vorliegen, obgleich Impfungen eine sehr hohe Wirksamkeit haben. In der vorliegenden Studie, die die zwei Jahre vor Einführung des Masernschutzgesetz beinhaltet, konnte gezeigt werden, dass sich die Masernimpflücke bei Beschäftigten in Einrichtungen der vorschulischen Kinderbetreuung durch die aktuellen beruflichen STIKO-Empfehlungen und die damit verbundene Änderung der Definition eines vollständigen Masern-Impfschutzes noch weiter vergrößerte. Die Masernimpflücke war tendenziell bei den Beschäftigten in Folgevorsorgen im Vergleich zu Erstkontakten kleiner. In der Altersgruppe 2 (ab 30 Jahre, ab 1971 geboren) fiel jede/r Zweite durch einen unzureichenden Masern-Impfschutz (STIKO 2020) auf.

Die Beobachtung, dass Impflücken mit dem Alter eher zunehmen, liegt möglicherweise an den fehlenden hausärztlichen Kontakten bzw. reduzierter Impfkontrollbereitschaft seitens der Einzelpersonen mittleren Alters. In jungen Jahren liegt eine enge Anbindung an die Kinderärzte vor (bis Vorsorgeuntersuchung J2 im Alter von 16 bis 17 Jahren) inklusive regelmäßiger Kontrollen des Impfpasses 17 . Auch in Schuleingangsuntersuchungen wird der Impfstatus erfragt 18 . Dadurch werden aktualisierte Impfempfehlungen in jüngeren Gruppen schneller umgesetzt. Als mögliche Gründe für unzureichende Impfquoten, untersucht bei Jugendlichen und Krankenhauspersonal, werden allgemein Angst vor Nebenwirkungen, Vergessen, organisatorische Gründe, schlechtes Risiko-Nutzen-Verhältnis, fehlendes Vertrauen in offizielle Empfehlungen, unzureichende Kommunikation, fehlender oder erschwerter Zugang zu Einrichtungen des Gesundheitssystems und fehlende Gelegenheit zur Impfung genannt 19 20 . Weitere Gründe bei Beschäftigten in Einrichtungen der Kinderbetreuung können nicht ausgeschlossen werden. Auch im Rahmen der aktuellen SARS-CoV-2-Pandemie sind Informationskampagnen und Risikokommunikation zur Förderung der Impfbereitschaft sowie eine mögliche (Teil-)Impfpflicht relevante Diskussionsthemen 21 .

Die erhobenen Daten zeigen teils deutliche Impflücken: neben Masern, Mumps und Röteln (rund 20%) gab es keine adäquate Impfimmunisierung bei Pertussis, Hepatitis A und FSME. Es lagen persistierend hohe Impflücken vor, sei es im Vergleich zwischen Erst- und Folgevorsorge oder im Vergleich der Altersgruppen. Die Ergebnisse demonstrieren die Notwendigkeit der arbeitsmedizinischen Betreuung mit Kontrolle des Impfpasses im Hinblick auf Beratung, Empfehlung und bestenfalls zügige Durchführung der indizierten Impfungen der in der Kinderbetreuung vermehrt exponierten Beschäftigten. Grundsätzlich sollte zwischen STIKO-Standardimpfungen und Impfungen aufgrund beruflicher Indikation bei erhöhtem, beruflichem Risiko differenziert werden – neben Auffrischungs-, Indikations- und Reiseimpfungen 16 . Eine gesonderte bzw. zusätzliche berufliche Indikation für Beschäftigte in Einrichtungen der vorschulischen Kinderbetreuung ergibt sich für Masern, Mumps, Röteln, Hepatitis A, Pertussis, Varizellen und FSME (Waldkindergarten, „Outdoorgruppen“). Eine Pertussisimpfung wird bei beruflicher Indikation alle 10 Jahre empfohlen ist jedoch nicht als Einzelimpfstoff verfügbar. Erfahrungsgemäß wird gerade der Pertussis-Impfanteil in der Kombination mit Tetanus-Diphterie häufig vergessen, was die relativ hohe, rund 30% betragende Impflücke in der mittleren Altersgruppe 2 erklären könnte. Die Hepatitis B ist im STIKO-Impfkalender dreimalig innerhalb des ersten Lebensjahres vorgesehen, eine berufliche Impfindikation in der Kinderbetreuung ergäbe sich nur in integrativen Einrichtungen oder bei Betreuung von Kindern mit chronischen Erkrankungen, wenn gemäß Gefährdungsbeurteilung ein erhöhtes Risiko besteht (z. B. Kontakt zu aggressiven, kratzenden Kindern).

In einer Originalarbeit über Erziehungskräfte in Kindertagesstätten konnte das beruflich erhöhte Risiko für Infektionskrankheiten wie Mumps, Pertussis und Varizellen, sowie tendenziell für Röteln und Hepatitis A aufgezeigt werden 22 . Dabei wurden Impflücken von 52,5% für Masern, 77,5% für Pertussis und 57,3% für Hepatitis A präsentiert - basierend auf Datenerhebung durch das Robert Koch-Institut mittels Impfpass und selbstberichteter Angaben. Dass neben dem Impfen auch hygienische Maßnahmen eine Rolle in der Prävention infektiöser Erkrankungen spielen, zeigen die aktuellen Zahlen der jährlichen Fälle impfpräventabler Erkrankungen 23 . Im Rahmen der Pandemie-Maßnahmen gegen die Ausbreitung des SARS-CoV-2-Virus sind im Jahre 2020 und auch bis aktuell 2021 die Infektionszahlen bezüglich Masern, Mumps, Röteln, Windpocken, Pertussis und Hepatitis A deutlich rückläufig.

Stärken und Schwächen

Die Stärke dieser Studie liegt in der Analyse von Daten aus dem Alltag der arbeitsmedizinischen Betreuung von Beschäftigten, die in Einrichtungen der vorschulischen Kinderbetreuung arbeiten. Bis dato liegen nach unserer Recherche keine derartigen Daten zu Impflücken vor Einführung des Masernschutzgesetzes vor. Durch Ausschluss der Vorsorgen mit fehlenden Impfpässen und bei großzügigen Kriterien für Impfimmunität bei Hepatitis B und FSME wurden die Impflücken eher unterschätzt. Allgemein unterliegt diese Studie den Schwächen retrolektiver Analysen, wie die mögliche Stichprobenverzerrung (selection bias) angesichts fehlender Impfpässe und Akten sowie der monozentrischen Abfrage (Erlangen). 47 Beschäftigte waren nicht direkt in der Kinderbetreuung tätig und könnten die Aussagekraft schmälern. Da jedoch auch diese Beschäftigten dem Masernschutzgesetz und den allgemeinen STIKO-Impfempfehlungen unterliegen, sind sie für die Impflückenanalyse relevant. Es ist davon auszugehen, dass die sog. Erstkontakte bereits Vorsorgen bei anderen arbeitsmedizinischen Diensten oder Standorten hatten, da die Pflichtvorsorge nach BiostoffV vor erstmaligem Beginn einer Tätigkeit in der Kinderbetreuung durchgeführt werden muss. Genaue Verlaufsdaten liegen nicht vor. Die vorliegenden Ergebnisse können keine Aussagen zu Antikörper-basierten Immunitätslücken treffen. Insgesamt ist daher eine Verallgemeinerung der hier dargestellten Ergebnisse nur eingeschränkt möglich.

Footnotes

Interessenkonflikt Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenskonflikt besteht.

Fazit.

Vor Einführung des Masernschutzgesetzes lagen in der Beschäftigtenkohorte am Gesundheitszentrum Erlangen altersabhängig relevante Masernimpflücken vor, die sich durch die Definition eines vollständigen Masern-Impfschutzes nach STIKO 2020 noch größer darstellten. Das Masernschutzgesetz erscheint daher sinnvoll, um diese Lücken zu schließen. Angesichts der teils erheblichen Impflücken bezüglich der impfpräventablen Infektionskrankheiten Masern, Mumps, Röteln und Keuchhusten sowie Hepatitis A und FSME wird deutlich, dass im Rahmen arbeitsmedizinischer Vorsorgen für Beschäftigte in der Kinderbetreuung großer Beratungsbedarf hinsichtlich der Möglichkeiten und Bedeutsamkeit der Infektionsprävention durch Impfungen besteht. Arbeits- und Betriebsmedizin spielen eine zentrale Rolle im Arbeitsschutz und haben, vor allem durch die Verabreichung von Schutzimpfungen, ein großes Potential zum Schutz der Gesamtbevölkerung.

Literatur

  • 1.Matysiak-Klose D, Wicker S. Masern in Deutschland – Epidemiologie und Management. Dtsch Med Wochenschr. 2017;23:142. doi: 10.1055/s-0043-117973. [DOI] [PubMed] [Google Scholar]
  • 2.Holzmann H, Hengel H, Tenbusch M, Doerr H W. Eradication of measles: remaining challenges. Med Microbiol Immunol. 2016;205:201–208. doi: 10.1007/s00430-016-0451-4. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
  • 3.Patel M, Goodson J, Alexander J et al. Progress Toward Regional Measles Elimination – Worldwide, 2000–2019. MMWR Morb Mortal Wkly Rep. 2020;69:1700–1705. doi: 10.15585/mmwr.mm6945a6. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
  • 4.World Health Organization Global measles and rubella strategic plan: 2012-2020 Geneva: Switzerland; 20121–42.ISBN 978 92 4 150339 6 [Google Scholar]
  • 5.Küpke N, Matysiak-Klose D, Siedler A, Wiechmann O, Diercke M. Gesetz für den Schutz vor Masern und zur Stärkung der Impfprävention (Masernschutzgesetz) Epid Bull. 2020;10:3–5. doi: 10.25646/6526. [DOI] [Google Scholar]
  • 6.Robert Koch-Institut.Empfehlung und wissenschaftliche Begründung für die Angleichung der beruflich indizierten Masern-Mumps-Röteln-(MMR-) und Varizellen-Impfung Epid Bull 202023–22. 10.25646/6447 [DOI] [Google Scholar]
  • 7.Robert Koch-Institut.Epidemiologische Situation der Masern und Röteln in Deutschland in 2020https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/Praevention/elimination_04_01.html [last accessed on 04.05.2021]
  • 8.Robert Koch-Institut Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2019.Berlin 2020255172–179. 10.25646/6948 [DOI] [Google Scholar]
  • 9.Robert Koch-Institut Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2020.Berlin 2021255146–151. 10.25646/8773 [DOI] [Google Scholar]
  • 10.Robert Koch-Institut. Aktuelle Statistik meldepflichtiger Infektionskrankheiten: 43. Woche 2021 Epid Bull 20214455ISSN 2569-5266 [Google Scholar]
  • 11.Robert Koch-Institut.Mitteilung der Ständigen Impfkommission (STIKO) Epid Bull. Berlin 201032315 [Google Scholar]
  • 12.Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). AMR 6.5. Impfungen als Bestandteil der arbeitsmedizinischen Vorsorge bei Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen Gemeinsames Ministerialblatt (GMBl). 23. Dezember 201476–77.1577 [Google Scholar]
  • 13.DGAUM. Schutzimpfungen durch Betriebsärzte: 2021.https://www.dgaum.de/impfen/impfungen-durch-betriebsaerzte/[last accessed on 04.05.2021]
  • 14.Robert Koch-Institut.Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut – 2018/2019 Epid Bull 201834335–382. 10.17886/EpiBull-2018-042.5 [DOI] [Google Scholar]
  • 15.Robert Koch-Institut.Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut – 2020/2021 Epid Bull 2020341–68. 10.25646/7083.5 [DOI] [Google Scholar]
  • 16.Robert Koch-Institut. Aktuelle Daten und Informationen zu Infektionskrankheiten und Public Health Epid Bull. Berlin 2020346,119–20. 10.25646/7083.7 [DOI] [Google Scholar]
  • 17.Stich H. Vorsorgeuntersuchungen und Routineimpfungen bei Vorschulkindern – Eine Analyse zum wechselseitigen Teilnahmeverhalten unter Einbeziehung der Lebensverhältnisse. Gesundheitswesen. 2021;83:498–508. doi: 10.1055/s-1399-9130. [DOI] [PubMed] [Google Scholar]
  • 18.Heudorf U, Hauberg I, Katharana M. Die Schuleingangsuntersuchung: Versuch einer Evaluation durch Befragung von Eltern, Kinderärzten und Schulen. Gesundheitswesen. 2021;83:910–918. doi: 10.1055/s-1205-0948. [DOI] [PubMed] [Google Scholar]
  • 19.Azzari C, Diez-Domingo J, Eisenstein E et al. Experts’ opinion for improving global adolescent vaccination rates: a call to action. European journal of pediatrics. 2020;4:547–553. doi: 10.1007/s00431-019-03511-8. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
  • 20.Neufeind J, Wenchel R, Bödeker B et al. OKaPII-Studie zur Influenza-Impfung. Epid Bull. Berlin. 2018;32:313–321. doi: 10.17886/EpiBull-2018-040. [DOI] [Google Scholar]
  • 21.Haug S, Schnell R, Weber K. Impfbereitschaft mit einem COVID-19-Vakzin und Einflussfaktoren. Ergebnisse einer telefonischen Bevölkerungsbefragung. Gesundheitswesen. 2021;83:789–796. doi: 10.1055/a-1538-6069. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
  • 22.Kofahl M, Starke K, Hellenbrand W et al. Impfpräventable Infektionen bei Beschäftigten in Kindertagesstätten. Deutsches Aerzteblatt International. 2020;117:365–372. doi: 10.3238/arztebl.2020.0365. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
  • 23.Robert Koch-Institut Infektionsepidemiologische Jahrbücher 2015–2020https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Jahrbuch/jahrbuch_node.html [last accessed on 23.11.2021]

Articles from Gesundheitswesen (Bundesverband Der Arzte Des Offentlichen Gesundheitsdienstes (Germany) are provided here courtesy of Thieme Medical Publishers

RESOURCES