Einleitung Die Betrachtung der mentalen Gesundheit Jugendlicher und sozioökonomische Ungleichheiten in ihrer Prävalenz sind wichtige Pfeiler der Gesundheitsförderung. Die mentale Gesundheit ist in westlichen Ländern inzwischen der wichtigste Faktor für den Gesundheitszustand und die Entwicklung eines Menschen. Zudem folgt die mentale Gesundheit in hohem Maße einem sozialen Gradienten. Die Berücksichtigung dieser im Jugendalter ist insbesondere relevant, da es sich um eine kritische Lebensphase handelt, in der die Gesundheit im weiteren Lebenslauf maßgeblich geprägt wird und Interventionen und Präventionen besonders fruchtbar wirken können. Das Monitoring von Trendentwicklungen trägt dazu bei, den Handlungsbedarf zu identifizieren und zu evaluieren, ob sich die Problemlagen weiter verfestigen.
Methoden Berücksichtigt wurden 11-, 13- und 15-Jährige hinsichtlich Indikatoren mentaler Gesundheit, die im Zuge der HBSC-Befragungen 2010, 2014 und 2018 in Deutschland erfasst wurden. Ausgewertet wurden emotionale und Verhaltensprobleme, Hyperaktivität und Probleme mit Gleichaltrigen (Strengths and Difficulties Questionnaire), Hinweise auf psychosomatische Beschwerden sowie die Lebenszufriedenheit nach Erhebungsjahr, Geschlecht, Alter und sozioökonomischer Position. Die sozioökonomische Position wurde mit der Family-Affluence Scale (absolut und in Relation zu gleichgeschlechtigen Gleichaltrigen) als auch anhand des subjektiven familiären Wohlstands erfasst.
Ergebnisse Obwohl der Anteil an Kindern und Jugendlichen mit Hinweisen auf psychische Auffälligkeiten über die Jahre anstieg (von 29,2% auf 36,3%), sank die Anzahl derjenigen, die über eine geringe Lebenszufriedenheit berichten (von 17,3% auf 11,2%). Die Angaben der Mädchen sind insgesamt deutlich häufiger auffällig als die der Jungen. Gleiches gilt für die älteren Befragten im Vergleich zu den Jüngeren. Im Trend verschärfen sich diese Unterschiede tendenziell. Der subjektive Wohlstand zeigt den stärksten Zusammenhang mit den Indikatoren mentaler Gesundheit. Dieser ist über die Jahre leicht rückläufig. Der Zusammenhang zwischen den Indikatoren und absoluter und relativer Deprivation wird hingegen stärker.
Schlussfolgerung Insgesamt zeigen die Daten eine negative Entwicklung und stehen damit in Kontrast zu dem positiven Trend, der im vorangegangenen Jahrzehnt observiert wurde. Zukünftige Forschungsarbeiten sollten sich mit den Ursachen dieser Entwicklung auseinandersetzen, um Interventionsmöglichkeiten aufzudecken. Besonderer Handlungsbedarf zeigt sich hinsichtlich der mentalen Gesundheit von Mädchen und sozioökonomisch deprivierter Heranwachsender. Da sich in dieser Ungleichverteilung bekannte strukturelle Schwachpunkte unserer Gesellschaft widerspiegeln, kommen Präventionsmaßnahmen nicht umher, gesellschaftliche Machtprozesse zu berücksichtigen. Die Covid19-Pandemie dürfte sich negativ auf die mentale Gesundheit und ihre Ungleichverteilung ausgewirkt haben. Die weitere Erfassung ist daher essentiell.
