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. 2022 Mar 7;84(4):280–284. [Article in German] doi: 10.1055/a-1737-3171

Schulgesundheitsfachkräfte in Deutschland – Vom Modell zum Regelangebot in zwei Bundesländern

SGFK (School Nurses) in Germany – from Model Projects in Two States to Regular Offer in Public Schools

Catharina Maulbecker-Armstrong 1,, Gudrun Braksch 2, Oliver Janiczek 3, Dieter Schulenberg 4, Ulrich Striegel 5
PMCID: PMC11248152  PMID: 35255512

Abstract

For the first time in Germany, in two model projects initiated at 37 public schools in Brandenburg and Hesse in 2017, School Healthcare Professionals (SGFK) were employed, and in some cases their positions made permanent. The organizational framework, the range of activities and a cost-benefit analysis of the work of the School Healthcare Professionals will be presented, based on the experiences from both model projects, with the goal of supporting the nationwide establishment of School Healthcare Professionals at public schools

Key words: School nurses, Prevention and health promotion, Cost-benefit analysis


In vielen Ländern ist der Einsatz von School Nurses in Schulen ein Angebot der Regelversorgung an Schulen. Der Einsatz von sogenannten Schulgesundheitsfachkräften (SGFK) wird nun auch in Deutschland in einigen Bundesländern in unterschiedlichen Modellprojekten umgesetzt. Brandenburg und Hessen haben das Modellprojekt welches am längsten läuft und in 37 Schulen umgesetzt wurde. In beiden Bundesländern werden Pflegefachkräfte – nach entsprechender Weiterbildung – in allgemeinbildenden Schulen zur gesundheitlich-pflegerischen Versorgung der Schülerinnen und Schüler bis hin zur Gesundheitsförderung und Prävention eingesetzt ( Abb. 1 ).

Abb. 1.

Abb. 1

Einführung von Schulgesundheitsfachkräften bundesweit im Zeitverlauf.

Im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt, Bezirksverband Potsdam e.V. hat die Technische Hochschule Mittelhessen mit dem Projektbereich Gesundheitsförderung verschiedene Fragestellungen zum Einsatz von Schulgesundheitsfachkräften untersucht. Nachfolgend die Kernbotschaften der erstellten gutachterlichen Stellungnahme:

Betreuungsschlüssel

Im internationalen Kontext ist der Einsatz von School Nurses oder School Health Nurses seit vielen Jahrzehnten etabliert. So werden beispielsweise in den USA und Großbritannien seit Anfang des 20. Jahrhunderts School Nurses beschäftigt, in Schweden reichen die Anfänge bis in das 19. Jahrhundert zurück. 1 Auch in Deutschland gab es 1908 bereits die erste Schulkrankenschwester, jedoch wurde in den Nachkriegsjahren der Einsatz an Schulen eingestellt 2 . Die Aufgaben und die Zahl der zu betreuenden Schülerinnen und Schüler sind international sehr unterschiedlich. So reicht der Betreuungsschlüssel von 1:600 in Schweden und Finnland 1 3 bis hin zu 1:1025 in Australien 4 . Anhand des internationalen Ländervergleichs lässt sich im Mittel ein Betreuungsschlüssel von 600–700 Schülerinnen und Schülern ableiten 5 . Aus den Erfahrungen der Modellprojekte in Brandenburg und Hessen wurde in dem Bericht zur Evaluation durch das Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft der Charité – Universitätsmedizin Berlin empfohlen: Um das volle Potential der Modellprojekte auszuschöpfen und auch die weitere Etablierung der Schulgesundheitspflege erfolgreich zu gestalten, sollen Stellenanteil und Stellenschlüssel bedarfsgerecht geplant werden. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass durch die Schulgesundheitsfachkraft vulnerable Bevölkerungsgruppen proaktiv angesprochen werden können, die nicht von sich aus auf die Schulgesundheitsfachkraft zugehen 6 7 . In Deutschland fehlen bisher nationale Standards, sowohl im Hinblick auf das Tätigkeitsprofil als auch dem Betreuungsschlüssel. Im Gutachten wird nun basierend auf internationalen Erfahrungen und den nationalen Modellprojekten ein Stellenschlüssel von 1:700 als Orientierungsrahmen empfohlen, der jedoch kontextabhängig angepasst werden sollte. Neben der Anzahl der Schülerinnen und Schüler sind die Variablen die Region (städtisch/ländlich) und der Sozialindex) der Schule (z. B. Lage im Brennpunkt, der Schultyp und das Aufgabenprofil der Schulgesundheitsfachkräfte, sowie das Profil der Schülerinnen und Schüler (chronische Erkrankungen, Migrationsanteil, Inklusionsbedarf) zu berücksichtigen. Um den Bedarf an Schulgesundheitsfachkräften zu kalibrieren, bedarf es auch der Berücksichtigung der Verfügbarkeit von anderen Berufsgruppen an der Schule, die im Themenfeld Gesundheit wirken und im Rahmen von multiprofessionellen Teams mit den Schulgesundheitsfachkräften zusammenarbeiten. Auch ist zukünftig eine Erweiterung des pflegerischen Aufgabenprofils in Anlehnung an die internationale Praxis möglich und würde den Stellenschlüssel entsprechend beeinflussen. Zusammenfassend wird der stationäre Einsatz von mindestens einer Schulgesundheitsfachkraft pro Schule empfohlen ( Abb. 2 ).

Abb. 2.

Abb. 2

Schulbezogener Stellenschlüssel.

Aufgabenfeld

Das Tätigkeitsspektrum der Schulgesundheitsfachkräfte ist breit gefächert. Sie sind Ansprechpartner für Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer oder andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Schulen, wenn es um gesundheitliche Fragestellungen geht 8 . Die Gesundheitsversorgung, insbesondere die Akut- und Notfallversorgung, die Betreuung und Begleitung chronisch oder psychisch erkrankter sowie behinderter Kinder, die gezielte Gesundheitsförderung und Prävention, die Unterstützung von Lehrkräften im Unterricht bei gesundheitsrelevanten Themen, sowie die Früherkennung zählen zu den Aufgaben. Vor allem ist die Schulgesundheitsfachkraft aber Ansprech- und Vertrauensperson für Schülerinnen und Schüler. Darüber hinaus zählt der Aufbau eines Netzwerkes bestehend aus interdisziplinären außerschulischen Kooperationen unter anderem mit dem Gesundheitsamt, der Unfallkasse, den Krankenkassen, den regionalen Versorgungsträgern und Vereinen sowie zu niedergelassenen Ärzt:innen und Krankenhäusern zum Tätigkeitsprofil.

Unter Berücksichtigung der Anwesenheitszeit der SGFK finden im Durchschnitt im Monat pro SGFK 36 Gesundheitsanlässe pro 100 Schüler*innen statt. Bei einem Verhältnis von 1:700 (SGFK/Schüler*innen) sind das durchschnittlich 252 Schüler*innen im Monat die in der Schulzeit gesundheitliche Unterstützung erfahren – pro Tag sind dies 13 Schüler*innen.

Durchschnittlich verbringt die SGFK fast 4 Stunden pro Tag mit der gesundheitlichen Versorgung der Schüler*innen. In einigen Fällen liegen die Kontaktzeiten im Stundenbereich, wenn beispielsweise bei langen Anfahrtswegen im ländlichen Raum Schüler*innen von ihren Eltern abgeholt werden müssen oder dringende Maßnahmen der Gesundheitspflege notwendig sind (wie bei einem Asthmaanfall oder Blutzuckerentgleisung 9

Anstellungsträger und organisatorische Empfehlungen

Die institutionelle Anbindung von Schulgesundheitsfachkräften hat weitreichende Auswirkungen auf das Tätigkeitsfeld und die Befugnisse im Hinblick auf die gesundheitliche Versorgung der Schülerinnen und Schüler, die Einbindung ins Kollegium der Schule, die Zusammenarbeit mit anderen Professionen an der Schule und nicht zuletzt mit den Eltern. Das Aufgabenfeld der Schulgesundheitsfachkräfte wird von den jeweiligen Landesschulgesetzen, der Gesetze über den öffentlichen Gesundheitsdienst der Länder und den Schulstrukturen vor Ort bestimmt bzw. beeinflusst. Eine Anbindung an den öffentlichen Gesundheitsdienst bietet Vorteile hinsichtlich der Erweiterung des Tätigkeitsfeldes, die Möglichkeit des fachlichen Austauschs sowie eine einheitliche Dienst- und Fachaufsicht. Eine Anbindung an ein Kultusministerium/Bildungsministerium bietet eine strukturelle Einbindung der Pflegefachkräfte in das System Schule und eine engere Kooperation mit Lehrer:innen und Eltern. Anbindungsoptionen von Schulgesundheitsfachkräften bestehen sowohl über die staatlichen Strukturen wie die zuständigen Ministerien, als auch über den öffentlichen Gesundheitsdienst. Dieses hat das Modellprojekt in den beiden Bundesländern gezeigt. Allerdings hat sich auch gezeigt, dass ein Tätigkeitsfeld, das sich ausschließlich auf Gesundheitsförderung und Prävention fokussiert und nicht das Potential der individuellen pflegerischen Unterstützung und Versorgung nutzt, dadurch nicht alle gesundheitsförderlichen Effekte der pflegerischen Intervention ausschöpfen kann. Auch international umfasst School Health Nursing in der Regel die pflegerische Versorgung 10

Kosten-Nutzen-Analyse zum Einsatz von Schulgesundheitsfachkräften

Die Kosten-Nutzen-Analyse zeigte mit zwei Ansätzen den ökonomischen Nutzen des Einsatzes von Schulgesundheitsfachkräften. Während ein Ansatz die Folgekosten bzw. Wertschöpfungsverluste in der Lebenslaufperspektive verfolgt, greift der zweite Ansatz auf Unfalldaten der Unfallversicherungsträger zurück und zeigt Einsparungseffekte auf 11

In Zusammenarbeit mit den Schulgesundheitsfachkräften wurden zwei realitätsnahe Fallbeispiele entwickelt, die einen Vergleich von Schülerinnen und Schülern mit Diabetes und psychischer Erkrankung in Zusammenarbeit mit und ohne Schulgesundheitsfachkräfte darstellen. Dabei wurden Szenarien mit unterschiedlichem Bildungs- und Sozialstatus und unter Berücksichtigung des Effekts ländlicher Raum modelliert.

Die Ergebnisse zeigen, dass der Einsatz von Schulgesundheitsfachkräften in der Lebenslaufperspektive der Schülerinnen und Schüler zu einem hohem Earn-Back Effekt führt: Jeder investierte Euro generiert je nach Verlauf bis zu 43 Euro [5,11]. Zum Vergleich, in den USA zeigt eine Kosten-Nutzen-Analyse zum Einsatz von School Nurses in nur einem Schuljahr 2009/2010 einen Return on Investment von 1$ zu 2,2$ 10

Der zweite Aspekt der Kosten-Nutzen-Analyse beruht auf Realdaten des Unfallgeschehens anhand von Daten der Unfallkassen in Brandenburg und Hessen. Eine Analyse der Heilbehandlungskosten und der Rettungswageneinsätze wurde basierend auf zwei methodischen Ansätzen vorgenommen: In einer Prä-post Analyse wurden die Daten der Schulen vor und nach der Anstellung der Schulgesundheitsfachkräfte analysiert und im zweiten Ansatz wurde ein Vergleich zu einer Gruppe ähnlicher Schulen vorgenommen. Für beide Bundesländer und mit beiden Methoden konnte eine maßgebliche Reduktion der Rettungswagenensätze, resultierend aus der Anwesenheit einer Schulgesundheitsfachkraft an der Schule gezeigt werden. Die Heilbehandlungskosten pro Unfall waren nach einer Prä-Post-Analyse an Hessischen Schulen mit Schulgesundheitsfachkraft im Durchschnitt um 20% geringer als im Vergleichszeitraum 5

Die Ergebnisse der ökonomischen Analysen aus beiden Bundesländern verdeutlichen, dass Schulgesundheitsfachkräfte im Schulalltag nicht nur Einfluss auf weiche Kennzahlen haben, wie die Zunahme eines Entlastungsempfindens bei Schülerinnen und Schülern, Eltern und Schulpersonal, sondern die Effekte ihrer Arbeit verdeutlichen sich auch ökonomisch in beiden Bundesländern und in unterschiedlichen Schulformen.

Auch im Rahmen der Corona-Pandemie mit ihren Herausforderungen im gesamtgesellschaftlichen Kontext konnte der Nutzen der Schulgesundheitsfachkräfte bei der Bewältigung der Krise im schulischen Lebensraum in den Modellschulen im Einklang mit internationalen Erfahrungen 12 beschrieben werden. Schulgesundheitsfachkräfte bringen sich bei der Planung und Umsetzung von Hygienemaßnahmen, der Aufklärung und Beratung von Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern sowie der Eltern ein. Mit ihrer pflegerischen Expertise schaffen sie Sicherheit, bieten Orientierung und übernehmen teilweise das komplette Corona-Management gemeinsam mit der Schulleitung. Häufig arbeiten sie mit dem regionalen Gesundheitsamt zusammen und unterstützen auch dieses in vielfältiger Weise.

Ziel muss es sein den Kindern ein gesundes Aufwachsen in der Schule zu ermöglichen. Es gilt also für dieses Ziel Gelingensbedingungen zu schaffen. Denn „Gute Gesundheit unterstützt erfolgreiches Lernen. Erfolgreiches Lernen unterstützt die Gesundheit. Erziehung und Gesundheit sind untrennbar.“ 13 . Hierfür ist die Etablierung von Schulgesundheitsfachkräften eine besonders wichtige Maßnahme. Die dafür erforderlichen Investitionen sind nicht nur im Hinblick auf die Verwirklichung und Umsetzung von Kinderrechten relevant, sondern sie sind auch in ökonomischer Hinsicht lohnenswert. Die Ergebnisse bestätigen das weitere Vorgehen der Länder Hessen und Brandenburg: Das Land Hessen hat die zehn Schulgesundheitsfachkräfte aus dem Modellprojekt unbefristet weiterbeschäftigt. Im kommenden Schuljahr 2021/2022 werden an 10 weiteren Schulen Gesundheitsfachkräfte zum Einsatz kommen. In Brandenburg wurde die vierte Modellphase zum 31.12.2021 abgeschlossen. Obwohl es positive Reaktionen aus dem brandenburgischen Landtag und den Parteien gab, konnte sich die Landesregierung nicht zu einer Verstetigung entschließen. Vielen Kommunen und einem Landkreis in Brandenburg waren die SGFK so wichtig, dass sie kurzfristig deren Finanzierung übernommen haben. Perspektivisch sollen die positiven Ergebnisse aus den beiden Bundesländern helfen das SGFK Angebot bundesweit und flächendeckend an den Schulen einzuführen.

Footnotes

Interessenkonflikt Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Fazit.

In der Zusammenschau der Ergebnisse der gutachterlichen Stellungnahme zeigt sich, dass die für unsere Gesellschaft so wichtige Lebenswelt Schule dringend einer Systemstärkung mit zusätzlichem Fachpersonal im Gesundheitsbereich bedarf, Damit kann den Anforderungen gelingender Bildungs- und Gesundheitsbiographien aller Schülerinnen und Schüler entsprochen werden. Besonders stark profitieren davon chronisch oder psychisch kranke, sowie Schülerinnen und Schüler mit einer Behinderung.

Literatur


Articles from Gesundheitswesen (Bundesverband Der Arzte Des Offentlichen Gesundheitsdienstes (Germany) are provided here courtesy of Thieme Medical Publishers

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