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. 2021 Sep 27;83(11):890–893. [Article in German] doi: 10.1055/a-1630-7707

Herausforderungen der COVID-19-Pandemie für Schulen in Mecklenburg-Vorpommern – erste Ergebnisse einer prospektiven Fallstudie

Challenges of the COVID-19 Pandemic for Schools in Mecklenburg-Vorpommern – First Results of a Prospective Case Study

Petra Lücker 1,, Manja Ehmke 2, Anne Rabes 2, Anna-Sabina Emmerich 2, Anika Kästner 1, Emil C Reisinger 2, Wolfgang Hoffmann 3, Martina Sombetzki 2
PMCID: PMC11248191  PMID: 34571553

Abstract

Background The current risk of infection with SARS-CoV-2 in schools continues to be a subject of controversy.

Methodology “schugi-MV” collects data on the incidence of infection, hygiene management and other factors in structured inspections of schools in Mecklenburg-Western Pomerania. Recommendations for safe teaching are to be derived from the results. This article presents information on the first 10 schools visited between 18.12.2020 and 20.01.2021.

Results At the schools visited, the ratio of the number of index cases among adults and children was 1:1.25. The inspections showed a great heterogeneity of schools and school buildings and the resulting possibilities for implementing infection control measures.

Conclusion Based on the present preliminary results, hygiene and infection control measures at schools in Mecklenburg-Western Pomerania cannot be standardised, but should leave room for design.

Key words: COVID-19, pandemic, schools, children, risk of infection

Einleitung

Die Rolle von Kindern und Jugendlichen und insbesondere die Bedeutung von Schulen für das Infektionsgeschehen mit SARS-CoV-2 ist nach wie vor ungeklärt. In Deutschland wurden regionale und bundesweite Untersuchungen initiiert. Eine Analyse der laborbestätigten COVID-19 Fälle bei Kindern und Jugendlichen von Januar bis August 2020 zeigt, dass in Schulen oftmals nur wenige Fälle pro Ausbruch zu verzeichnen waren und diese häufiger ältere Altersgruppen betrafen 1 . Beispielsweise wurden bei über 3000 durchgeführten SARS-CoV-2-Abstrichen in Grundschulen, Kindergärten und -krippen bei Kindern und Erwachsenen nur insgesamt 2 Personen positiv getestet 2 .

Kinder und Jugendliche leiden besonders unter Schulschließungen und sozialen Einschränkungen mit daraus folgenden und negativen physischen, psychischen und pädagogischen Auswirkungen 3 . Es hat sich gezeigt, dass weniger Unterrichtsjahre mit einem geringeren Einkommen während des gesamten Erwerbslebens einhergehen 4 . Durch das Distanzlernen kommt es zum Verlust von Strukturen und Kontakten; ein erhöhtes Stresserleben durch mangelnde Ausweichmöglichkeiten in der Häuslichkeit beeinflusst die Lebensqualität und die psychische Gesundheit von Kindern 5 6 .

In Mecklenburg-Vorpommern (M-V) wurde seit dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 bis zur bundesweiten Aufhebung am 16.12.2020 Präsenzunterricht zugelassen.

Ziel der vorliegenden prospektiven Fallstudie ist es, erste Ergebnisse von Schulbegehungen in M-V darzustellen und Herausforderungen im Hinblick auf die Umsetzung der Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen an Schulen darzustellen.

Methode

„schugi-MV“ ist ein gemeinsames Projekt der Universitätsmedizin Greifswald und der Universitätsmedizin Rostock. Ziel ist es, retrospektiv Infektionsmuster an Schulen zu untersuchen, fördernde bzw. hemmende Faktoren inkl. der Akzeptanz von Infektionsschutzmaßnahmen zu identifizieren und hieraus wirksame Maßnahmen für das Pandemiemanagement abzuleiten.

Studienaufbau

Das Projekt gliedert sich in:

  1. Besuche von Schulen: Anhand des täglichen Berichts des Landesamtes für Gesundheit und Soziales M-V (LAGuS) werden zunächst Schulen mit Infektionsfällen identifiziert. Im Auftrag des jeweiligen Gesundheitsamtes werden bei einem Besuch der Schule mittels eines strukturierten Protokolls das Infektionsgeschehen und die Umsetzung von Infektionsschutzmaßnahmen erfasst. Das Protokoll wird fortlaufend angepasst, personenbezogene Daten zum Infektionsgeschehen werden nicht erhoben.

  2. Befragungen von SchülerInnen (SuS), Eltern, Lehrkräften (LK) und Schulleitungen (SL): Es werden die Akzeptanz und Bedürfnisse hinsichtlich der Infektionsschutzmaßnahmen sowie Einschätzungen, Ressourcen und Motivation zum Lernen und Lehren unter Pandemiebedingungen mittels Online-Befragung erfasst.

  3. Surveillance von Schnell-Testungen in Schulen und Pflegeeinrichtungen

Nachfolgend werden die Ergebnisse der ersten 10 besuchten Schulen in M-V (18.12.2020–20.01.2021) und die Eindrücke des Projektteams vor und während der Begehungen beschrieben. Zwei der Schulen haben aktiv um einen Besuch gebeten. Hier lagen bis zum Zeitpunkt der Begehung keine Infektionsfälle vor.

Ergebnisse

Charakteristika der ersten 10 Schulen, welche im Rahmen des Projektes besucht wurden, sind in Tab. 1 dargestellt.

Tab. 1 Schulen und Infektionsgeschehen.

Schule
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
Schulart IGS Gym GS RS RS Gym RS & GS RS & GS RS & Gym RS & GS
Indexfälle (Anzahl Personen)
 Erwachsene 1 0 0 0 0 0 1 0 1 1
 Kinder/SuS 0 1 0 1 0 1 0 2 0 0
Folgefälle (Anzahl Personen)
 Erwachsene 2 0 0 0 0 0 2 0 0 3
 Kinder/SuS 15 0 0 1 0 4 0 0 5 5
Angeordnete Maßnahme Schl. Schule Q KP Q Kl. Q Kl. Q Koh. Q Kl. Q Kl. Q Kl/Schl. Schule
Gesamtzahl zur Schule gehörender …
 … LK 70 60 10 40 25 73 30* 21 65 44
 … SuS 795 600 170 550 271 900 378* 300 850 634
Von Maßnahme betroffen (Anzahl Personen bzw. Schulklassen) k. A.
 LK 70 k. A. 4 7 9 2 44
 SuS 795 2 Kl. 1 Kl. 79 38 4 Kl. 634
 sonst. Mitarbeiter k. A. k. A. 0 5 0 0 6

IGS=Integrierte Gesamtschule, Gym=Gymnasium, *=mehrere Standorte, Indexfall=erster an der Schule aufgetretener Fall, Folgefall=nachrangig aufgetretener Fall, Schl.=Schließung, -=nicht zutreffend, k. A.=keine Angabe, Q=Quarantäne, KP=Kontaktpersonen, Kl.=Klasse(n), Koh.=Kohorte.

Die Schulen unterscheiden sich erheblich: Dies betrifft die Anzahl der LK und SuS, deren Altersspanne sowie die Art und den Zustand der Gebäude. Die Standorte variieren von ländlich zu innerstädtisch, woraus z. B. Konsequenzen für die Schülerbeförderung resultieren.

Gebäude

Die Schulen sind in Gebäuden unterschiedlichen Alters mit dementsprechenden baulichen Gegebenheiten untergebracht. Diese betreffen unter anderem die Größe der Räume, die Breite der Flure und Treppen und die Sanitäreinrichtungen. An 8 der 10 besuchten Schulen stand den SuS nicht regelhaft warmes Wasser zur Verfügung.

Individuelle Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen

In Erweiterung des Rahmenhygieneplans des Landes M-V hat jede Schule ein eigenes pandemiebezogenes Hygienekonzept mit teilweise sehr kreativen Ideen, z. B. zur maximalen Personenzahl in den sanitären Einrichtungen. Einige SL berichten davon, dass es aus Sicherheitsgründen kein Desinfektionsmittel mehr gibt, obwohl es in der Vergangenheit keinerlei Probleme gab. An einer Schule werden mobile Trennscheiben („Spuckschutz“) aus Plexiglas für die Lehrerpulte verwendet, wohingegen an anderen Schulen die Anschaffung durch das zuständige Schulamt abgelehnt worden sei.

Schülerbeförderung

Für den Schulweg benutzt nach Einschätzung der jeweiligen SL der überwiegende Teil der SuS den Schulbus (Angaben von 0–80%) und den öffentlichen Nahverkehr (5–65%) oder kommt mit dem Fahrrad bzw. zu Fuß (10–68%). Nach Schätzungen der SL hat das „Elterntaxi“ den geringsten Anteil (1–30%).

Infektionen mit SARS-CoV-2

An 8 von 10 bislang besuchten Schulen waren Infektionsgeschehen zu verzeichnen. Das Verhältnis der Indexfälle von Erwachsenen zu Kindern lag bei 1:1,25. Ein Erwachsenen-Indexfall führte im Durchschnitt zu 8 Folgefällen (2–17 Folgefälle, davon insgesamt 7 bei LK (Mittelwert (M)=1,75) und 25 bei SuS (M=6,25)), wohingegen Kindern als Indexfälle im Durchschnitt nur 1,25 Folgefälle (0–4 Folgefälle) zugeschrieben wurden und alle Folgefälle wiederum Kinder waren. Die SL berichteten, dass Index- und Folgefälle an den Schulen teilweise zeitgleich auftraten und dadurch nicht immer klar voneinander abgrenzbar waren. Es zeigten sich hinsichtlich der Infektionsketten mehrmals familiäre Zusammenhänge. Dies betraf z. B. Geschwisterkinder oder Paare, bei denen beide Partner LK sind. Sonstige Mitarbeitende (wie HausmeisterInnen oder SchulsozialarbeiterInnen) waren nie von Infektionen betroffen. Vier der besuchten Schulen waren zu jeweils zwei Zeitpunkten von Infektionsfällen betroffen.

Durch das Gesundheitsamt angeordnete Maßnahmen bei Infektionsfällen an Schulen

Im Falle eines Infektionsgeschehens an Schulen werden die zu treffenden Maßnahmen durch das Gesundheitsamt des Landkreises festgelegt und als nicht immer einheitlich und nachvollziehbar wahrgenommen. Wie in Tab. 1 dargestellt, können auch geringe Fallzahlen an den Schulen für eine große Anzahl von Personen eine Quarantäne nach sich ziehen. Betrifft dies LK, kann dies dazu führen, dass die Aufrechterhaltung des Präsenzunterrichts nicht mehr möglich ist und es faktisch zu einer Schulschließung kommt.

Herausforderungen für die Schulleitungen

Die SL sind durch die Pandemie in besonderem Maße gefordert. Pandemiebezogene Dienstanweisungen kämen häufig erst kurzfristig, sodass die Umsetzung und rechtzeitige Weitergabe von Informationen an Eltern, SuS und MitarbeiterInnen schwierig sei. Das Infektionsmanagement, Forderungen von Eltern, die Verantwortung den MitarbeiterInnen und SuS gegenüber sowie individuelle Gegebenheiten der Schule seien schwer miteinander zu vereinbaren und der Arbeitsaufwand seit Pandemiebeginn deutlich erhöht.

Insbesondere in Bezug auf die Kommunikation zwischen den verschiedenen Akteuren wurde Verbesserungsbedarf geäußert.

Diskussion

Die Heterogenität der Schulen erschwert ein standardisiertes Pandemiemanagement. Viele Schulen versuchen engagiert mit individuellen Maßnahmen und Ideen bestmöglich mit der Situation umzugehen.

Nach ersten Erkenntnissen unserer Studie erfolgten Schulschließungen z. T. deshalb, weil LK untereinander Kontakt hatten und deshalb als Kontaktpersonen unter Quarantäne gestellt wurden. Eine Fortführung des Präsenzunterrichts wurde dadurch in mehreren Fällen unmöglich.

Trotz der noch begrenzten Anzahl besuchter Schulen konnten wir in unserer Fallstudie bestätigen, dass Erwachsene als Indexfall zu deutlich mehr Folgefällen führten und diese überwiegend Erwachsene betrafen. Allerdings wurden im Fall eines Infektionsgeschehens nicht regulär bei allen Kontaktpersonen laborbasierte SARS-CoV-2-Abstriche durchgeführt. Da Erwachsene häufiger Symptome aufweisen, könnte bei ihnen demnach häufiger eine Testung erfolgt sein.

Bei Entscheidungen bzgl. des Schulbetriebes sind auch weitere Faktoren einzubeziehen. Eine Infektion kann außerhalb von Schulen, auf dem Schulweg oder im angrenzenden Hort stattfinden und dann sekundär in die Schule getragen werden. Basierend auf den jetzigen Ergebnissen sollten Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen schulspezifische Faktoren berücksichtigen.

Limitationen dieser Studie bestehen insbesondere in der Heterogenität der untersuchten Schulen und darin, dass an nur 8 von 10 bisher besuchten Schulen Infektionen aufgetreten sind.

Um konkrete Maßnahmen empfehlen zu können, sind weitere Schulbegehungen in M-V nötig.

Footnotes

Interessenkonflikt Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur

  • 1.Im Otte Kampe E, Lehfeld A-S, Buda S et al. Surveillance of COVID-19 school outbreaks, Germany, March to August 2020. Euro surveillance: bulletin Europeen sur les maladies transmissibles=European communicable disease bulletin. 2020:25. doi: 10.2807/1560-7917.ES.2020.25.38.2001645. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
  • 2.Hoch M, Vogel S, Kolberg L . Germany: 2021. Weekly SARS-CoV-2 sentinel in primary schools, kindergartens and nurseries, June to November 2020. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
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