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. 2023 May 12;85(5):415–416. [Article in German] doi: 10.1055/a-2035-7576

Revision des German Index of Socioeconomic Deprivation (GISD)

PMCID: PMC11248352

Abstract

In einem aktuellen Bericht stellt ein Team um Niels Michalski vom RKI die erste umfassende Revision des GSID vor und präsentiert anhand von Anwendungsbeispielen die Zusammenhänge mit der Lebenserwartung, altersstandardisierten Herz-Kreislauf-Mortalitätsraten und Krebsinzidenzen. Der GSDI war im Jahr 2017 am RKI entwickelt worden, um regional sozioökonomische Ungleichheiten im Gesundheitsbereich sichtbar zu machen.


Eine Vielzahl wichtiger Gesundheitsindikatoren wie Mortalität, Lebenserwartung oder Krebsinzidenz sowie Gesundheitschancen und Krankheitsrisiken sind in Deutschland regional unterschiedlich verteilt und mit regionalen soziökonomischen Unterschieden assoziiert. Zur Beschreibung und Erklärung dieser Unterschiede wurde vor 5 Jahren mit dem GISD ein Index räumlicher sozioökonomischer Deprivation entwickelt. Deprivation ist hier zu verstehen als relative Schlechterstellung von Sozialräumen innerhalb Deutschlands oder einzelner Bundesländer. Der Index wurde seit seiner Entwicklung mit verschiedenen Gesundheitsdaten verknüpft.

Grundlage des GISD sind Daten aus der Datenbank „Indikatoren und Karten zur Raum- und Stadtentwicklung“ (INKAR) des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung; in der 1. GSID-Version für den Zeitraum 1998 bis 2014. Bei INKAR handelt es sich um einen interaktiven Online-Atlas mit regionalstatistischen Informationen zu den Themen Bevölkerungsentwicklung, Arbeitsmarkt, Bildung, Wirtschaft, Wohnen, Verkehr und Umwelt. In der Datenbank sind rund 600 Indikatoren für verschiedene regionale Ebenen hinterlegt. Der GISD misst das Ausmaß sozioökonomischer Deprivation anhand von Informationen über die Bildungs-, Beschäftigungs- und Einkommenssituation in Kreisen und Gemeinden.

Die nun vorliegende erste umfassende Revision des GSID verwendet aktueller Daten (Zeitraum 1998 bis 2019), führt einen zusätzlichen, neunten Indikator ein und optimiert die Datenharmonisierung. Bei der Indexbildung und Gewichtung der Indikatoren kommen faktoranalytische Verfahren zu Anwendung. Als Beispiele der Anwendung für sozialepidemiologische Analysen, bei denen räumlich aggregierte Gesundheitsdaten mit dem GISD verknüpft werden, stellen die Autoren des Beitrags Zusammenhänge zwischen regionaler sozioökonomischer Deprivation und Lebenserwartung sowie Herz-Kreislauf-Mortalität und Lungenkrebsinzidenzen auf Kreisebene vor.

Regionale Verteilung

Regionen mit hoher Deprivation finden sich überwiegend in den ländlichen Gebieten im Norden und Nordosten Deutschlands, v. a. in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und in einigen Gebieten Berlin-Brandenburgs. Weitere Schwerpunkte in den alten Bundesländern sind das Ruhrgebiet, die Region um Aachen, Rheinland-Pfalz und das Saarland, Regionen also, die von wirtschaftlichem Strukturwandel betroffen sind. Gebiete mit tendenziell niedriger Deprivation der Bevölkerung finden sich dagegen vor allem in Bayern und in Baden-Württemberg.

Beispiel 1: Lebenserwartung

Die mittlere Lebenserwartung eines weiblichen Neugeborenen betrug in den Jahren 2015 bis 2017 in Deutschland 83,2 Jahre und die eines männlichen Neugeborenen 78,4 Jahre. In diesem Zeitraum fällt bei Betrachtung des GISD-Scores auf, dass die Lebenserwartung mit steigender regionaler Deprivation sinkt.

Insbesondere in den Kreisen mit der höchsten soziökonomischen Deprivation ist die Lebenserwartung am geringsten; das gilt sowohl für Frauen als auch für Männer. Die geschätzte Differenz der Lebenserwartung im Kreis mit der niedrigsten im Vergleich zum Kreis mit der höchsten Deprivation beträgt bei Männern 6,0 Jahre und bei Frauen 3,2 Jahre. Bundesweit konnte der GISD bei Frauen 44,6% und bei Männern 62,0% der regionalen Variation in der Lebenserwartung auf Kreisebene statistisch erklären.

Beispiel 2: Herz-Kreislauf-Mortalität

In Deutschland zählen Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu den häufigsten Todesursachen. Insgesamt liegen die Mortalitätsraten der Männer deutlich über jenen der Frauen. Dabei gehen die altersstandardisierten Raten der Herz-Kreislauf-Mortalität unabhängig von Geschlecht und GISD-Kategorie über die Zeit deutlich zurück. Personen aus Kreisen mit hoher sozioökonomischer Deprivation weisen eine höhere Sterblichkeit auf als Personen aus Kreisen mit niedriger sozioökonomischer Deprivation. Über die Zeit fiel die standardisierte Mortalitätsrate in Kreisen mit der höchsten sozioökonomischen Deprivation bei den Frauen um 47% und bei den Männern um 45%.

Beispiel 3: Lungenkrebsinzidenz

Bei Männern finden sich deutliche sozioökonomische Ungleichheiten beim Neuerkrankungsrisiko für Lungenkrebs. Über die Deprivationsquintile hinweg steigt das relative Risiko einer Lungenkrebsneuerkrankung im Vergleich zum niedrigsten Deprivationsquintil (Referenzgruppe) stetig an. Im höchsten Deprivationsquintil ist das Risiko um 46% gegenüber dem niedrigsten Deprivationsquintil erhöht. Bei Frauen ist die sozioökonomische Ungleichheit schwächer ausgeprägt: Frauen im höchsten Deprivationsquintil weisen ein um 23% erhöhtes Erkrankungsrisiko gegenüber Frauen der Referenzgruppe im niedrigsten Deprivationsquintil auf.

Dr. Michaela Bitzer, Tübingen

Fazit.

Der GISD leistet einen wichtigen Beitrag zur Analyse regional ungleicher Verteilungen von Gesundheitszuständen, Krankheiten und deren Einflussfaktoren. Analog zur Anwendung in der Gesundheitsberichterstattung können die Ergebnisse der Analysen mit den regionalen Deprivationsindizes in noch aufzubauenden Surveillance-Systemen verwendet werden, um über gesundheitspolitische Strategien und Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und Prävention zu informieren, insbesondere in sozioökonomisch benachteiligten Regionen. In Zukunft soll der GISD in regelmäßigen Abständen aktualisiert werden.

References

  • Michalski N et al. German Index of Socioeconomic Deprivation (GISD): Revision, Aktualisierung und Anwendungsbeispiele. J Health Monit. 2022;7:S5. doi: 10.1016/S1473-3099(22)00320-6RKI. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]

Articles from Gesundheitswesen (Bundesverband Der Arzte Des Offentlichen Gesundheitsdienstes (Germany) are provided here courtesy of Thieme Medical Publishers

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