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editorial
. 2022 Feb 15;84(2):94–96. [Article in German] doi: 10.1055/a-1724-3577

COVID-19: Resilienz, nicht Resignation

Manfred Wildner
PMCID: PMC11248610  PMID: 35168285

Abstract

Die Pandemie der COVID-19-Erkrankungen begann im Jahr 2019, was in ihre Namensgebung einging. Inzwischen erstreckt sie sich über die Jahre 2020 und 2021 hinaus in das dritte Pandemiejahr 2022. Ein wenig erinnert die Stimmung an die Beschreibungen von Albert Camus in seiner Erzählung „Die Pest“, 1947 erschienen 1 .


Erzählt wird vom Ausbruch der Pest in der Stadt Oran, von Abriegelung und Impfungen und vom Verhalten der Menschen in dieser Zeit: „ So wehrten sich die Gefangenen der Pest Woche um Woche so gut sie konnten. (…) Tatsächlich aber konnte man zu diesem Zeitpunkt (…) sagen, dass die Pest sich über alles gelegt hatte.“ „Niemand bei uns hatte mehr große Gefühle. ‚Es wird Zeit, dass es aufhört‘, sagten unsere Mitbürger, weil es in Zeiten von Plagen normal ist, das Ende der gemeinsamen Leiden zu wünschen, und weil sie tatsächlich wünschten, dass es aufhörte. Aber all das wurde ohne das Feuer oder die Erbitterung des Anfangs gesagt (…). Dem wilden Ungestüm der ersten Wochen war eine Niedergeschlagenheit gefolgt, die man zu Unrecht für Resignation gehalten hätte, die aber nichtsdestoweniger eine Art vorübergehendes Nachgeben war.“ (s.a. 2 ). Das lateinische „re-signare“ bedeutete ursprünglich das Senken der Feldzeichen, mithin den Rückzug aus einem Kampf. Doch es folgt bei Camus auch der Hinweis auf „eine Art vorübergehendes Nachgeben“ – ein Sachverhalt, der lateinisch wohl mit „re-silire“, zurückspringen (in die alte Form), zu bezeichnen gewesen wäre. Als Resilienz hat dieser Begriff ebenso wie die Resignation Eingang in die moderne Wissenschaftssprache gefunden. Ein anderer französischer „Homme de Lettres“ hat uns wiederum als Illustration zu Resilienz eine weitere Erzählung hinterlassen: Die Fabel von der (robusten) Eiche und dem (resilienten) Schilfrohr 3 . Jean de la Fontaine erzählt darin die Geschichte von der starken Eiche, die dem Sturm ohne nachzugeben trotzt und dem sich im Wind biegenden Schilfrohr – bis nach einem starken Sturm die Eiche entwurzelt am Boden liegt, während das elastische Schilfrohr wieder seine aufrechte Form angenommen hat.

Ein scheinbares Paradox, welches auch für Gesellschaften im Allgemeinen und das „System Gesundheitswesen“ (Jens Alber) im Besonderen von Relevanz sein könnte? Vielleicht sogar mit ganz konkretem Bezug zu einer gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite nach Artikel 12 der Internationalen Gesundheitsvorschriften bzw. einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite nach §5 des Infektionsschutzgesetzes, wie dies die Corona-Pandemie verkörpert? Der Princeton-Ökonom Markus Brunnermeier stellt dazu weitergehende Überlegungen in seinem Buch „Die resiliente Gesellschaft“ an 4 . Er beginnt bei dem beobachteten Fakt des neuen Auftretens einer bisher unbekannten Krankheit, welche zu sozialen Rissen und Brüchen führt und modernen Gesellschaften eine Fragilität vor Augen führt, die bis zu partiellen Lähmungen gesellschaftlicher Funktionen führt, zur Vernachlässigung der gesellschaftlich vulnerabelsten Gruppen und einer Überbeanspruchung der in Teilen allzu knappen öffentlichen Dienste. Gleichzeitig verweist er auf die ebenfalls gegebenen Kräfte der Wissenschaft und der technologischen Innovation. Die in erheblichen Teilen in Deutschland realisierte mRNA-Technologie ist dafür paradigmatisch.

Dass die anfänglich euphorische Annahme, dass die Pandemie „die Gesellschaft zusammenrücken lasse“, so nicht in Erfüllung gegangen ist und man im Gegenteil auf dem Weg zu einer Zweidrittelgesellschaft oder inzwischen Dreiviertelgesellschaft neuer Art ist – zugespitzt: „Zwei Drittel geimpft, ein Drittel immun gegen Argumente“ – wurde bereits festgestellt 6 . Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch (Hölderlin)? Die Semantik persönlicher Freiheit wird von einer Minderheit gegen die mehrheitlichen ideellen und auch materiellen Interessen geltend gemacht und mündet in ein Paradox und damit auch in eine staatliche Legitimationskrise: “ Als das gesellschaftlich Rettende nahte [die Impfung], wuchs die Gefahr gesellschaftlicher Spaltung auch“ [ebd.]. Brunnermeiers Buch weist auf die Notwendigkeit von Puffern und Redundanzen, von Diversifikation, Duplikation und Reserven in der gesellschaftlichen Infrastruktur hin. Es nennt damit Eigenschaften, welche unter dem Primat der Effizienz meist negativ bewertet werden, jedoch aus der Perspektive der Resilienz zu Aktivposten werden. Resilienz ist auch mehr als eine individuelle Eigenschaft – es ist die notwendige Voraussetzung gesunder kollektiver Funktionen wie der Funktion eines Gesundheitswesens mit universalem Zugang, politisch betrachtet Bestandteil des gesellschaftlichen sozialen Kontraktes. Resilienz wird damit auch zu einem Bestandteil von ökosystemischer globaler Nachhaltigkeit. Das der frühzeitige Schutz der allgemeinen bzw. öffentlichen Gesundheit kein Widerspruch zu ökonomischen Outcomes ist, sondern im Gegenteil sich auch hier vorteilhaft auswirkt, wird auch von anderer Seite bestätigt 5 . Allerdings stellt sich im Rahmen einer Denormalisierung des Alltags „die Frage, ob wir dauerhafte Verschiebungen der Normalitätsvorstellungen erleben“ 7 – eine Fragestellung, welche unmittelbar auf eine mehr als wünschenswerte Resilienz deutet: Als Fähigkeit, in die alte bzw. sogar eine verbesserte gesellschaftliche Form „zurückzuspringen“.

Die weitere Ausarbeitung dieser Fragestellung führt rasch zu weiteren Fragen. Man könnte mit einer proaktiven Herangehensweise an das „vorhersehbar Unvorhergesehene“ beginnen und nach resilienten Strukturen und Aufwuchskonzepten für das Gesundheitswesen und für den öffentlichen Gesundheitsdienst im Besonderen fragen: Nach zu Pandemieplänen passenden Strukturen mit Reserven und einer angemessenen Personaldecke, nach der Bedeutung der Prävention und des vorausschauenden Gesundheitsschutzes als unter Effizienzgesichtspunkten vielfach überlegene strategische Investitionsoption. Die in Deutschland auf Bundes- und Länderebene noch immer zu findende akademische Vernachlässigung von Öffentlicher Gesundheit/Public Health ist eine intellektuelle Wunde, die einer Wissensgesellschaft nicht würdig ist. Die Einrichtung von ÖGD-Professuren im Pakt für den ÖGD nur als „Prüfauftrag“ zu benennen, wird dem Ernst dieses Aspekts nicht gerecht 8 : „Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie“ (Kurt Lewin). Die vergleichbare Zumutung, ein für die Bevölkerungsgesundheit zentrales Fach wie die Innere Medizin oder die Chirurgie über Jahrzehnte ohne in Forschung und Lehre aktive Professuren zu betreiben, macht diese epistemische Paradoxie deutlich. Der Bedarf an moderner evidenzbasierter Öffentlicher Gesundheit lässt sich weiter konkretisieren in einem Bedarf an „Daten für Taten“, in Form einer reflektierenden und interpretierenden Gesundheitsberichterstattung ebenso wie in Form tagesaktueller valider Daten z. B. zu einem laufenden Infektionsgeschehen – nicht zuletzt mit Hilfe einer digitalen Transformation. Dies betrifft die seit 2003 nur sehr schleppende Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen im Allgemeinen ebenso wie Kernbereiche öffentlicher Gesundheit, beispielhaft den lange Zeit überfälligen Schritt in die Produktivschaltung von sehr guten Ansätzen wie DEMIS 9 .

Noch einmal breiter sind die Perspektiven von proaktiver Risiko- und in Teilen eher reaktiver Krisenkommunikation bzw. proaktiver Risikokommunikation in Krisen 10 11 12 , insbesondere auch mit Blick auf eine Glaubwürdigkeitskrise staatlicher Institutionen. Jede Krise ist eine Kommunikationskrise, „ wenn eine Notlage (oder Krise) der öffentlichen Gesundheit auftritt, beeinflusst die Kommunikation unmittelbar die Entwicklung der Ereignisse13 und der Informationsbedarf ist grundsätzlich unbegrenzt. Glaubwürdigkeit ist für eine gelingende Kommunikation essentiell und umfasst auch die verlässliche Kommunikation von Nicht-Wissen. Der Anspruch an staatliche Glaubwürdigkeit zum bürgerlichen Vertrauenserhalt reicht jedoch viel weiter. Krisen wirken wie eine Lupe hinsichtlich bestehender struktureller und funktioneller Schwächen und aus dieser Lupe wird im grellen Licht einer bisweilen aufgeheizten öffentlichen Debatte rasch ein schmerzhaftes Brennglas. Nicht zuletzt soll als neue Variante im Wechselspiel der gesellschaftlichen Akteure bei Krisen auch die „Epistemisierung des Politischen“ (Alexander Bogner) benannt werden: Die politisch bisweilen als unumstößlich vorgetragene, in der Sache jedoch nur scheinbare Alternativlosigkeit wissenschaftlicher Fakten ( 14 , siehe dazu auch die Rezension in 15 ).

Mit dieser notwendigen Selbstbescheidung wissenschaftlicher Erkenntnis hinsichtlich daraus abgeleiteter politischer Konsequenz wollen auch die Beiträge in diesem Heft verstanden sein: Zu Erfahrungen mit Versorgungsärzten/innen in der frühen COVID-19-Phase 2020 und zu regionalen und zeitlichen Trends der SARS-CoV-2 assoziierten Sterblichkeit in Bayern, zu Nutzungsgrad und Nutzergruppen der Online-Videosprechstunde in der ambulanten ärztlichen Versorgung, zur Evaluation eines Screening-Programms am Beispiel des Neugeborenen-Hörscreenings, zur Ausbildung von Gesundheitsbotschaftern in der „Gesundheitsregion plus Landkreis Cham“, zur beruflichen Wiedereingliederung nach medizinischer Rehabilitation in Hinblick auf Sozialstatus und Art der rehabilitativen Versorgung, zu Prädiktoren für den Eintritt in ein Pflegeheim bei bestehender Pflegebedürftigkeit sowie zu einem Pilotprojekt zur betrieblichen zahnmedizinischen Prävention.

Um am Ende noch einmal zum Anfang zurückzukehren: Wie endet die Geschichte der Pest in der Stadt Oran in Camus‘ Erzählung? Die Pest verschwindet aus Oran – so plötzlich, wie sie gekommen ist. Das Buch erzählt nichts über evtl. Nachwirkungen und langfristige Folgen für die Stadt. Camus weist allerdings am Ende des Buches auf die Zerbrechlichkeit der wiedergewonnenen Normalität mit den Worten des Arztes Dr. Rieux hin: „ Während Rieux den Freudenschreien lauschte, die aus der Stadt aufstiegen, erinnerte er sich nämlich daran, dass diese Freude immer bedroht war. (…) Denn er wusste (…), dass (…) der Pestbazillus nie stirbt und nie verschwindet, dass er jahrzehntelang (…) geduldig wartet und dass vielleicht der Tag kommen würde, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und zum Sterben in eine glückliche Stadt schicken würde.“ Diese Mahnung dürfte für alle auch modernen Formen von „Pest“ gelten – von alten und neuen Infektionskrankheiten mit natürlichen und womöglich menschengemachten „Superbugs“ bis zu digitalen Viren und Würmern und zu den Folgen eines von uns Menschen mit zu verantwortenden und für die kommenden Jahrzehnte mit einer über bloße Resilienz als Zurückspringen in die alte Form hinausgehenden Klugheit zu gestaltenden Klimawandels.

Biography

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Manfred Wildner

Footnotes

Interessenkonflikt Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur


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