Abstract
Das Netzwerk Schimmelpilzberatung Deutschland kam bei seinem Treffen am 20. Juni 2022 zu dem Schluss, dass armutsgefährdete Menschen einem erhöhten gesundheitlichen Risiko durch Feuchte-/Schimmelschäden im Innenraum ausgesetzt sind, und hat hierzu eine ausführliche Stellungnahme verfasst, die in der Zeitschrift Umweltmedizin – Hygiene – Arbeitsmedizin 2022; 27(5): 249–252 veröffentlicht wurde. Im Folgenden sind die Kernaussagen des Statements dargestellt.
Armutsgefährdung ist ein Risiko für das Auftreten eines Feuchte-/Schimmelschadens und für ein dadurch bedingtes gesundheitliches Risiko.
Als armutsgefährdet gilt eine Person mit<60% des mittleren Einkommens (Median) der Gesamtbevölkerung. Einflussfaktoren auf Armutsgefährdung ergeben sich aus sozioökonomischem Status 1 (Bildungsstand, beruflicher Position, Nettoeinkommen) und u. a. Migrationserfahrung, Geschlecht, Alter, Anzahl und Familienstand der Eltern minderjähriger Kinder 2 . Armutsgefährdung stieg von 15% der Bevölkerung 2015 auf 16,2% in 2020 3 . Sie ist regional sehr unterschiedlich.
In 5–15% der Wohnungen liegt ein sichtbarer Schimmelbefall vor, der baulich, nutzungs- oder Havarie-bedingt sein kann 4 5 6 7 8 . Vom Statistischen Bundesamt wurde 2009–2019 anhand von Selbsteinschätzung bei der armutsgefährdeten Bevölkerung im Verhältnis zur Bevölkerung insgesamt im Durchschnitt ein erhöhter Wohnungsmangel bzgl. Feuchteschäden von ~60% ermittelt 9 . Schimmel in Wohnräumen tritt lt. einer RKI-Studie bei Zugewanderten (10,4%) im Gegensatz zu Einheimischen (4,4%) und bei Menschen mit niedrigem Sozialstatus (7,8%) verglichen mit Menschen mit hohem Sozialstatus (3,3%) häufiger auf 10 11 .
I. d. R. wohnen armutsgefährdete Menschen in Mietwohnungen, haben Mieter pro Kopf wenig Wohnfläche zur Verfügung 12 und es wird geförderter Wohnbau in Regionen mit schlechterer Umwelt-/ Wohnqualität errichtet 13 . Der Sozialwohnungsbestand ist in den letzten Jahren rückläufig. 11,4 Mill. Menschen lebten 2019 in durch Wohnkosten finanziell überlasteten Haushalten 14 . Durch die mit Armutsgefährdung häufig verbundene Energiearmut wird Wohnraum nicht effizient beheizt und belüftet 15 , was das Schimmelrisiko erhöht. Durch die z. Z. stark steigenden Energiepreise wird sich dieses Problem verstärken.
Armutsgefährdete Menschen haben es meist deutlich schwerer, im Schadensfall zu ihrem Recht zu kommen. Sie können sich i. d. R. gegenüber ihrem Vermieter bzgl. Sanierung eines Schadens nicht durchsetzen, ein Umzug in geeigneten Wohnraum ist ihnen meistens wegen finanzieller Gründe bzw. fehlendem geeigneten Wohnraum nicht möglich. Sie haben es häufig schwer, sich (richtig) zu informieren.
Feuchtigkeit/Schimmel im Innenraum können bei Menschen zu Befindlichkeitsstörungen; Schleimhautreizungen, Infektionen bei immunsupprimierten Personen, Allergien (Sensibilisierung als Vorstufe zur Allergie-Entwicklung liegt bei 5–10%), Asthma führen 16 . Letzteres haben 4,2% der Bevölkerung medikamentös behandlungsbedürftig 17 .
Personen mit Abwehrschwäche 16 18 19 20 21 22 23 , schwerer Influenza- und/oder SARS-CoV-2-Infektion 23 24 25 26 27 28 29 30 31 , Mukoviszidose 16 sind besonders bzgl. Feuchte-/Schimmelschäden zu schützen. Schimmelpilzinfektionen mit kritischen bis fatalen Verläufen nehmen zu. Abwehrsystembeeinträchtigende Behandlungen werden zunehmend ambulant durchgeführt und Betroffene sind in ihrem Lebensalltag nicht durch Infektionsschutzmaßnahmen wie in Krankenhäusern geschützt. Daher werden invasive Pilzinfektionen zunehmen.
Die sich stetig vergrößernde sozio-ökonomische Gesellschaftsspaltung ist zu überwinden
Armutsgefährdete sind stärker zu unterstützen, geeigneten Wohnraum zu finden. Steigende Heizkosten sind bei Sozialleistungen außerhalb der Grundsicherung zu berücksichtigen. Sozialwohnungen sind zu erhalten. Sozialer Wohnungsbau ist zu fördern. Die sozialräumliche Verteilung von Umweltbelastungen/-ressourcen ist zu analysieren und gerechter zu gestalten. Der Zusammenhang zwischen Armutsgefährdung und vermehrtem Auftreten von Feuchte-/ Schimmelschäden ist genauer zu untersuchen, um adäquate Präventionsmaßnahmen ermitteln und umsetzen zu können. Indikatoren der Armutsgefährdung für gesundheitliche Risiken von Feuchte-/ Schimmelschäden im Wohnumfeld sind in die medizinische Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie Patientenbetreuung zu implementieren.
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