Einleitung Unter „Kompression der Morbidität“ versteht man eine absolute oder anteilige Verringerung der Lebenszeit in Krankheit. 1 Vor dem Hintergrund der steigenden Lebenserwartung in Deutschland 2 soll die Lebenszeit in Gesundheit im Hinblick auf onkologische Erkrankungen untersucht werden.
Methoden Die Grundlage für diese Analyse bildeten zum einen altersabhängige Prävalenzdaten des aktuellen Berichtes zur onkologischen Versorgung in Deutschland 3 (61,5 Mio. gesetzlich versicherte Personen ab 15 Jahren; 73% der gesamten Bevölkerung) und zum anderen altersabhängige Mortalitätsraten, die der „Human Mortality Database“ 4 entnommen wurden. Als Zielgröße wurde der Anteil der erwarteten Lebensjahre ohne Krebserkrankung an der generellen Lebenserwartung definiert und für die Jahre 2010 und 2019 verglichen. Die erwarteten Lebensjahre ohne Krebs wurden dabei mit Hilfe der Formel von Sullivan 5 berechnet.
Ergebnisse Sowohl die generelle Lebenserwartung (LE) als auch die erwartete Lebenszeit ohne Krebs (LEoK) stiegen in der Zeit von 2010 bis 2019 an (LE: von 79,84 auf 81,6 Jahre; LEoK: von 77,35 auf 78,19 Jahre). Der Anteil der Lebenszeit ohne Krebs zeigte im Gegensatz dazu eine Verringerung von 96,9% (2010) auf 95,8% (2019). Der Anteil der Lebenszeit mit Krebs erhöhte sich zwischen 2010 und 2019 um 25% (3% vs. 4%).
Schlussfolgerung Im untersuchten Kollektiv konnte trotz gesteigerter Lebenserwartung zwischen 2010 und 2019 keine Senkung des Anteils der Lebenszeit in Erkrankung (Krebs) festgestellt werden. Mit einem Blick auf die verbrachten Lebensjahre in Krankheit zeigte sich somit keine Kompression, sondern vielmehr eine Expansion der Lebenszeit, die in Krankheit verbracht wird. Auf der Grundlage der Daten des Versorgungsatlasses wurden im Jahr 2010 bei allen GKV-Versicherten 1,86 Mio. Personenjahre in Krankheit verbracht, die bis 2019 auf 2,48 Mio. anstiegen. Dies zeigt nicht nur eine enorme Belastung für die betroffenen PatientInnen, sondern auch eine ständig wachsende Herausforderung für das Gesundheitssystem. Gründe für diese Expansion können in der Kombination einer möglichen besseren medizinischen Versorgung vermutet werden bei gleichzeitig stark steigender Prävalenz der Erkrankung von 2010 bis 2019 (altersstandardisiert 4,1% auf 5,2%) 3 . Ein wichtiger Schritt zur Verlangsamung dieser Expansion könnte in der Primärpräventionen und damit der Vermeidung von Krebserkrankungen liegen, um die steigenden Erkrankungsprävalenz zu senken und dem allgemeinen Trend entgegenwirken zu können.
1 Fries JF. Aging, natural death, and the compression of morbidity. N Engl J Med 1980;303(3):130-5. doi: 10.1056/NEJM198007173030304 [published Online First: 1980/07/17]
2 DESTATIS. Lebenserwartung für neugeborene Mädchen 83,4 Jahre, für Jungen 78,6 Jahre [Available from: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/09/PD20_377_12621.html accessed 04/2022.
3 Kohring C, Holstiege J, Akmatov MK, et al. Vertragsärztliche und -psychotherapeutische onkologische Versorgung in Deutschland – Trends im Zeitverlauf 2010 bis 2019. 2021 doi: 10.20364/VA-21.11
4 University of California BU, and Max Planck Institute for Demographic Research (Germany). Human Mortality Database. www.mortality.org, 2021.
5 Sullivan DF. A single index of mortality and morbidity. HSMHA Health Rep 1971;86(4):347-54. [published Online First: 1971/04/01]
