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editorial
. 2022 Aug 22;84(08-09):659–660. [Article in German] doi: 10.1055/a-1864-7985

Soziale Gesundheit neu denken: Herausforderungen für Sozialmedizin und medizinische Soziologie in der digitalen Spätmoderne

Christian Apfelbacher 1,2,3,, Nico Dragano 1,2,3, Andreas Seidler 1,2,3
PMCID: PMC11248622  PMID: 35995041

Abstract

Die COVID-19 Pandemie traf auf Bedingungen einer digitalen, spätmodernen Gesellschaft. In einem vielbeachteten Beitrag zur Gesellschaftstheorie beschreibt der Kultursoziologe und Gesellschaftstheoretiker Andreas Reckwitz die Spätmoderne als eine „Gesellschaft der Singularitäten“. Während in der von der Aufklärung ausgehenden Moderne der Fokus auf dem Politischen und der Förderung allgemeinverbindlicher Normen und damit des gesellschaftlichen Fortschritts lag, zeichnet sich die Spätmoderne zumindest in den reichen Ländern durch das Streben nach Selbstverwirklichung, im Rahmen von Projekten entstehende Neogemeinschaften und politisch teilweise unverbundene Teilöffentlichkeiten aus.


Man denke hierbei etwa an den vielstimmigen Chor der Stimmen zur COVID-19 Pandemie und sich zunehmend unvereinbar gegenüberstehende Positionen. Gemeinsam ist diesen Teilöffentlichkeiten, dass sie projektförmig und digital organisiert sind. Die digitale Transformation erfuhr durch die Pandemie einen starken Schub, und obwohl die technischen und sozialen Möglichkeiten etwa durch Videokonferenzen und soziale Medien schon vor der Pandemie verfügbar waren, kam es im Kontext von Lockdowns, Kontakt- und Mobilitätseinschränkungen zu einer massiven Ausweitung der Nutzung digitaler Vernetzungs- und Austauschformate. Die Digitalisierung kann insofern als eine Ermöglichungsbedingung für Singularisierung und die Entstehung von Teilöffentlichkeiten verstanden werden. Individuen und Gemeinschaften organisieren sich im digitalen Raum häufig ohne Bezug auf das nach allgemeinen Normen (und deren Umsetzung in Gesetze und Verordnungen) strebende Politische. Dies wird zur Herausforderung auch für Public Health, das ja in der Verschränkung von Theorie und Praxis für die kollektiven Bemühungen um Gesundheitserhaltung der Bevölkerung eintritt. So bestand und besteht die Herausforderung nicht nur darin, wissenschaftliche Evidenz und Expertise zur Pandemiebekämpfung an politische Entscheidungsträger:innen zu kommunizieren, sondern auch in der Schaffung von Akzeptanz für die Notwendigkeit von Maßnahmen über die Teilöffentlichkeiten hinweg.

Vor dem Hintergrund der beschriebenen Bedingungen spätmoderner Gesellschaft stellt die 57. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP e.V.) gemeinsam mit der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) die Frage nach der sozialen Gesundheit neu. Nach dem Beginn der COVID-19 Pandemie stand zunächst naturgemäß die Frage nach der körperlichen Gesundheit im Mittelpunkt. Wir interessierten uns für Infektionsrisiken, v. a. für schwere Verläufe bzw. Tod, die Frage nach lange Zeit nicht verfügbaren Therapiemöglichkeiten und dafür, welche Organsysteme von einer Infektion betroffen sind. Sehr schnell wandten sich die Public Health-Wissenschaften, aber auch die Öffentlichkeit dann aber auch der Frage nach den psychologischen Folgewirkungen insbesondere der Eindämmungsmaßnahmen zu. Zwischenzeitlich wissen wir aus verschiedenen Studien, dass Symptome von Angst und Depression während der Pandemie in der Bevölkerung stark zugenommen haben. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass Infektionsrisiken sozial ungleich verteilt sind, jedoch stand aus Sicht von Sozialmedizin und medizinischer Soziologie insgesamt die soziale Gesundheit zu wenig im Fokus. Diese muss als eigene Dimension betrachtet werden und geht nicht gleichsam in der psychischen Gesundheit auf. Die bekannte WHO – Definition spricht in diesem Sinn von körperlichem, psychischem und sozialem Wohlbefinden . Soziale Gesundheit entsteht durch gelingende soziale Beziehungen und gesellschaftliche Teilhabe . Gerade diese Beziehungen aufrecht zu erhalten war in der Pandemie herausfordernd. Plötzlich ging es – gewissermaßen gegen die Natur des Menschen als ens sociale – darum, Sozialkontakte zu reduzieren, um Transmissionsrisiken abzusenken. Der Sozialradius wurde teilweise bis auf Kernpersonen radikal eingeschränkt, der Mensch wurde dem Menschen zur Gefahr.

In diesem Zusammenhang stellen sich viele Fragen. Was können wir aus der Pandemie, die auf eine digital transformierte Gesellschaft der Singularitäten und Teilöffentlichkeiten traf, in Bezug auf die soziale Gesundheit lernen? Die Pandemie hat den digitalen Wandlungsprozess einerseits weiter beschleunigt, zugleich aber auch bestehende Defizite im Bereich der Digitalisierung offengelegt – beispielsweise in der digitalen Kontaktnachverfolgung (contact tracing) oder in der schnellen Zusammenführung von Daten verschiedener Quellen für Forschungszwecke. Inwieweit konnten hier zwischenzeitlich Verbesserungen erzielt werden? Welche Rolle spielten digitale Applikationen (etwa die Corona Warn-App) in der Pandemiekontrolle? Wie verhalten sich Gesundheit und Datenschutz in der Wahrnehmung verschiedener Teilöffentlichkeiten? Soziale Beziehungen konnten über digitale Interaktionsmöglichkeiten (Videocalls, Chatgruppen etc.) erfolgreich aufrechterhalten werden, aber galt dies für alle Bevölkerungsgruppen und Neogemeinschaften gleichermaßen? In verschiedenen Sektoren gelang die fast vollständige Verlagerung der Arbeitstätigkeit ins Homeoffice, was mit hoher Wahrscheinlichkeit viele Infektionen verhindert hat. Aus arbeitsepidemiologischer und Präventionssicht wurden früh auch negative gesundheitliche Effekte einer möglichen sozialen Isolation im Homeoffice thematisiert, ist zu fragen. Aus einer gesellschaftstheoretischen Perspektive ist auch danach, inwiefern das Arbeiten im Homeoffice der Entwicklung zu einer Gesellschaft der Singularitäten weiter Vorschub geleistet hat. Wie können also gelingende und gesundheitsförderliche Sozial- und Arbeitsbeziehungen im virtuellen Raum gestaltet werden, wenn dieser Raum singulär und teilöffentlich organisiert ist? Welche Chancen ergeben sich für Prävention und Versorgung? Gibt es einen neuen digital divide zwischen denen, die im Homeoffice arbeiten können und denen, die das nicht können, weil sie in körpernahen Dienstleistungsberufen, im Einzelhandel oder im Transport arbeiten? Welche Implikationen resultieren unter Bedingungen von Singularitäten und Teilöffentlichkeiten für traditionell konzeptualisierte sozial bedingte gesundheitliche Ungleichheiten?

Impulse dazu kommen von unseren Keynotes. Frau Prof. Christine Holmberg nimmt eine „Ortsbestimmung“ der sozialen Gesundheit vor. Frau Prof. Julika Loss wird über soziale Aspekte in der Prävention sprechen. Eine internationale Keynote kommt von Herrn Prof. John Drury aus England, der Entstehung und Zerfall nachbarschaftlicher Hilfestrukturen in der Pandemie thematisieren wird. Was kann getan werden, um Solidarität nachhaltig aufrecht zu erhalten? Die Salomon-Neumann Medaille verleiht die DGSMP in diesem Jahr postum an Herrn PD Dr. Thomas Lampert, der in seinem Wirken sozial bedingte gesundheitliche Ungleichheiten in den Blick nahm und bis kurz vor seinem unerwarteten Tod um epidemiologische Daten zum Pandemiegeschehen bemüht war. Ihm möchten wir mit der Verleihung der Medaille ein ehrendes Andenken bewahren.

Unter dem Motto „Soziale Gesundheit neu denken: Herausforderungen für Sozialmedizin und medizinische Soziologie in der digitalen Spätmoderne“ findet die diesjährige Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention gemeinsam mit der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) vom 07. bis 09. September 2022 in Magdeburg zu unserer Freude wieder in Präsenz statt. Die zahlreichen, in diesem Band gedruckten Abstracts zeigen das rege Interesse an den Themen der Sozialmedizin und Medizinischen Soziologie. Das gemeinsame Interesse an sozialer Gesundheit im Zeichen der digitalen Spätmoderne verbindet die Fachgesellschaften geschwisterlich.

Biographies

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Christian Apfelbacher

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Nico Dragano

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Andreas Seidler

Footnotes

Interessenkonflikt Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.


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