Einführung
Während der Corona-Pandemie sind medizinische Erkenntnisdefizite deutlich geworden, die aus der Metaperspektive der Wissenschaftsphilosophie bzw. Erkenntnismethodik der Medizin genauer bedacht werden müssten. Vor allem eine stärkere innere und äußere Wissensintegration der Medizin (bzw. der Gesundheitswissenschaften) könnte zukünftig validere Erfolge erbringen. Die folgenden „Berliner Thesen“ stellen daher vor allem eine methodologische Selbstkritik der Gesundheitswissenschaften dar, ohne dass dabei auf die Details der Corona-Forschung eingegangen wird 1 .
These 1: Wissensintegration ist nötig!
Die einseitige Sicht des virologischen Labors und der datenanalytischen Modelle mit wenig Bezug zu Evidenzen der praktischen und klinischen Medizin 2 greift zu kurz. Für ein umfassenderes Bild ist eine „integrierte Interdisziplinarität“ nötig 3 . Darüber hinaus hätte auch die Sicht der Infizierten, Erkrankten und ihrer Angehörigen in Hinblick auf Long-/Post-Covid bereits im Sommer 2020 genutzt werden können. Eine derartig breite Wissensproduktion ist als „Transdisziplinarität“ bekannt 4 . Letztlich muss die evidenzbasierte Medizin mit kontrollierten Studien im Hinblick auf klinische Public Health sowohl um sogenannte „mechanistische Erklärungsmodelle“ als auch Wechselwirkungs-Modelle ergänzt werden 5 6 .
These 2: Systemisches Denken hilft Dynamik verstehen!
Die Pandemie kann als ein komplexes, dynamisches, sich selbst organisierendes lebendes System 7 analysiert werden. Mathematische Modellierung und Datenanalyse, aufgebaut auf dem Schema des SIR-Modells (S=Suszeptible, I=Infizierte, R=„Rekonvaleszierte“), reichen nicht für ein realistisches Pandemie-Verständnis, denn dieses erfordert raumbezogene und sozialwissenschaftlich fundierte schichten- und milieubasierte Modellierungen und Theoriehintergründe 8 .
These 3: Ökologische Perspektive ausbauen!
Bereits Zoonosen sind ein Anlass, Krankheit und Gesundheit über Schnittmengen zwischen Menschen und Natur als sozialökologische Aufgabenstellung zu verstehen. Die Sozialökologie wurde bereits im Kontext der WHO 9 und den CDC 10 für andere Krankheiten als konzeptuelles „Framing“ vorgeschlagen.
These 4: Mensch in den Mittelpunkt stellen!
Die eindimensionale bio- und datentechnische Betrachtung der Bevölkerung übersieht die bio-psycho-soziale Vielfalt der Menschen als „situierte Subjekte“, die nach Autonomie streben, Spontaneität und Kreativität zeigen und mit ihrer Lebenslage zurechtkommen müssen. Der Ausbau einer anthropologischen Medizin ist daher dringlich geboten! 11 12 13
These 5: Transdisziplinäre Institutionen aufbauen!
Für die Umsetzung der oben genannten Kriterien wären Bottom-up gerichtete Corona-Bürgerforen sinnvoll, von denen es nur wenige gab. Diese Organisationsform der demokratischen Wissensproduktion hat bereits gute Standards in der Nachhaltigkeitsforschung erreicht (siehe These 1) 14 .
These 6: Überdenken der Wissenschafts-Gesellschafts-Beziehungen!
Die neue Nähe der Wissenschaft zu Wirtschaft, Politik und Medien läuft der reflexiven Aufgabe der Wissenschaft entgegen und ist kritisch zu diskutieren! Eine Neubestimmung wissenschaftlicher Verantwortung und demokratischer Kontrolle öffentlich-rechtlicher Gesundheitskommunikation und -Regierungspolitik mit geeigneten institutionellen Konsequenzen erscheint dringend notwendig. Insbesondere die Organisationen der Medizin- und Gesundheitswissenschaften sind gefordert, das Vertrauen in die Wahrnehmung ihrer umfassenden gesellschaftlichen Verantwortung öffentlich überzeugend neu zu begründen 15 .
Footnotes
Interessenkonflikt Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Fazit.
Wir empfehlen daher, die Pandemieforschung mit Blick auf diese Thesen zu überdenken, um für zukünftige Pandemien besser vorbereitet zu sein und um komplexere Problemstellungen demokratisch angemessener zu bewältigen.
Die erwähnte vollständige Fassung dieser Thesen finden Sie auf der Website der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler – Verantwortung der Wissenschaft (VDW) https://vdw-ev.de/wp-content/uploads/2023/08/Berliner-Thesen-zum-Pandemiemanagement-SG-Gesundheit-als-selbstbestimmte-Teilhabe.pdf. Zu Kommentaren und Diskussionsbeiträgen sind Sie eingeladen unter https://gesunde-entwicklung.com/berliner-thesen-zum-pandemiemanagement/.
Literatur
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