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. 2023 Jul 12;85(7):622–625. [Article in German] doi: 10.1055/a-2055-9674

Gründe von Menschen ab 60 Jahren in Deutschland, sich nicht gegen Covid-19 impfen zu lassen

Reasons of Individuals 60 Years and Older in Germany for not Getting Vaccinated against Covid-19

André Hajek 1, Benedikt Kretzler 1, Ursula von Rüden 2, Boris Orth 2, Hans-Helmut König 1
PMCID: PMC11248632  PMID: 37437561

Abstract

Purpose To identify the reasons of individuals aged 60 years and older in Germany for not getting vaccinated against Covid-19.

Methods Data for this study were collected in July/August 2021 from “Kommunikation der Corona-Schutzimpfung in Deutschland” (CoSiD)”, a representative survey of the general adult population in Germany. The focus was on individuals aged 60 years and older in our current study (n=1,281 individuals).

Results Approximately 92% of individuals 60 years and older were already vaccinated against Covid-19. Among the older unvaccinated, nearly 60% were opposed to vaccination. Major reasons among older (and also younger) unvaccinated persons for “rather not getting vaccinated”/”definitely not” wanting to be vaccinated against Covid-19 were: (1) too little research on the vaccines or too short a time of research (roughly half of the individuals) and (2 and 3) no confidence/general skepticism or because of side effects (in each case, just over a quarter of the group surveyed).

Conclusion To increase the vaccination rate, these three arguments must be countered, for instance, during conversations in the context of medical care.

Key words: vaccination, Covid-19, SARS-CoV-2, corona, reasons

Einleitung

Die Corona-Pandemie ist seit fast drei Jahren ein ganz zentrales Thema in Deutschland. Seit Ende 2020/Anfang 2021 konnten sich zunächst Menschen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf gegen Covid-19 mit effektiven Vakzinen 1 2 impfen lassen. Eine Reihe von Studien hat sich mit den individuellen Gründen für und gegen eine Impfung in Deutschland beschäftigt. Als wesentliche Gründe für eine Nicht-Impfung in der deutschen Bevölkerung wurden in der repräsentativen Befragung European COvid Survey (ECOS; erwachsene Bevölkerung) im September 2021 folgende benannt: Sorgen um die Sicherheit der Covid-19 Impfung, wahrgenommener Druck durch Politik und Gesellschaft sowie eine „fehlende Bereitschaft das Profitstreben der Impfstoffhersteller zu unterstützen“ 3 . Ergebnisse des COVID-19 Snapshot Monitoring (COSMO-Studie; Befragte im Alter von 18 bis 74 Jahren) konnten aufzeigen, dass das Vertrauen in die Sicherheit von Impfungen und das Verantwortungsgefühl bzgl. der Gemeinschaft seit dem Beginn des Jahres 2021 zugenommen haben 4 .

Bisherige Studien beziehen sich allerdings meist nicht explizit auf die ältere Bevölkerung (inkl. Hochaltrige in ausreichender Zahl) in Deutschland und ihre möglichen Motive für eine Nicht-Impfung. Für diese Gruppe bestand und besteht die dringliche Empfehlung einer Impfung gegen Covid-19 (z. B. seitens der Ständigen Impfkommission, STIKO), um insbesondere vor einem schweren Krankheitsverlauf zu schützen bzw. eine Hospitalisierung zu vermeiden.

Diese Arbeit zielt darauf ab, Gründe gegen die Covid-19 Impfung sowie den Impfstatus und die Impfabsicht in der Bevölkerung ab 60 Jahren in Deutschland darzustellen. Eine hohe Impfquote in dieser Gruppe ist auch deshalb relevant, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten und die Gesundheit im höheren Alter zu erhalten.

Material und Methoden

Für die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) wurden zur Kommunikation der C orona- S chutz i mpfung in D eutschland (CoSiD) drei Repräsentativbefragungen der Allgemeinbevölkerung (d. h., Grundgesamtheit war die deutschsprachige Wohnbevölkerung ab 16 Jahren) und spezifischer Teilgruppen (wie Ältere und medizinisches Personal mit Patientenkontakt) durchgeführt. Auswahlbasis für die Stichprobenziehung war das neueste ADM-Mastersample. Kernthema war die Covid-19 Schutzimpfung (im Sinne von Kenntnisstand, Einstellungen und Verhalten).

Die Befragungen erfolgten telefonisch (Computer-Assisted Telephone Interviewing, CATI) oder online (Computer-Assisted Web Interviewing, CAWI). Vor der eigentlichen Befragung wurde ein Pretest durchgeführt. Die Feldzeit der ersten Erhebung, über die hier berichtet wird, reichte vom 9. Juli bis zum 5. August 2021. Die Ausschöpfung der CATI-Stichprobe betrug insgesamt 14%.

In der CATI-Stichprobe der ersten Erhebung wurde die Altersgruppe der 66- bis 85-Jährigen disproportional auf n=2148 aufgestockt, wodurch insgesamt (CATI und CAWI) n=2441 Menschen ab 60 Jahren befragt wurden. Eine Gewichtung hinsichtlich Alter, Geschlecht, Bildung, Bundesland und Haushaltsgröße wurde vorgenommen (nach den aktuellen Angaben des Statistischen Bundesamtes). In dieser Arbeit werden die Daten aller Befragten ab 60 Jahren ausgewertet. Altersproportional gewichtet sind das n=1281 Personen.

Die Personen wurden unter anderem nach ihrem Impfstatus und ihrer Impfintention gefragt. Diejenigen ohne Covid-19 Impfung und ohne Impfintention wurde nach den Gründen hierfür gefragt (Freitextangaben, die im Anschluss kategorisiert wurden). Die Stichprobe und die zentralen Ergebnisse werden im Folgenden dargestellt. Die Befragung erfolgte im Einklang mit der Helsinki-Deklaration.

Stichprobenbeschreibung

Details zur Stichprobenbeschreibung und zu den wesentlichen Befunden finden sich in Tab. 1 . In der gewichteten Stichprobe unserer Analyse lag das durchschnittliche Alter bei 72,3 Jahren (95% CI: 71,4–73,2; 60 bis 94 Jahre). Davon waren 44,3% der Befragten 60 bis 69 Jahre, 31,8% waren 70 bis 79 Jahre und 23,9% waren 80 Jahre und älter. 54,9% (95% CI: 51,3%-58,5%) der Befragten waren weiblich. In der Analysegruppe hatten 30,0% (95% CI: 26,8%-33,4%) einen Haupt-/Volksschulabschluss (oder POS 8./9. Klasse oder Abschluss nach höchstens 7 Jahren Schulbesuch) sowie 8,5% (95% CI: 6,3%-11,2%) Abitur (oder fachgebundene Hochschulreife/Hochschulreife).

Tab. 1 Stichprobenbeschreibung und wesentliche Befunde bei Individuen 60 Jahre und älter (gewichtet).

Variablen Mittelwert (95% Konfidenzintervall)/Häufigkeit (95% Konfidenzintervall)
Stichprobenbeschreibung:
Alter 72,3 Jahre (71,4–73,2 Jahre)
Geschlecht
- Mann 45,1% (41,5%-48,7%)
- Frau 54,9% (51,3%-58,5%)
Höchster Schul- oder Hochschulabschluss
- Keinen Schulabschluss (Schule beendet ohne Abschluss) 0,6% (0,3%-1,3%)
- Haupt-/Volksschulabschluss oder POS 8./9. Klasse oder Abschluss nach höchstens 7 Jahren Schulbesuch 30,0% (26,8%-33,4%)
- Realschulabschluss oder Mittlere Reife oder POS 10. Klasse oder gleichwertiger Abschluss 46,7% (43,1%-50,4%)
- Abitur oder fachgebundene Hochschulreife oder Fachhochschulreife 8,5% (6,3%-11,2%)
- Fachhochschulabschluss 3,5% (2,7%-4,7%)
- Hochschul-/Universitätsabschluss 10,7% (8,8%-12,9%)
Beziehung/Partnerschaft (einschließlich Ehe)?
- Ja 67,1% (63,3%-70,6%)
- Nein 32,9% (29,4%-36,7%)
Geburtsland
- Deutschland 95,1% (93,3%-96,4%)
- Anderes Land 4,9% (3,6%-6,7%)
- Haushaltsnettoeinkommen in Euro 2.718,1 (2.591,3–2.844,9)
Zentrale Ergebnisse:
Corona-Schutzimpfung (unter allen Individuen)
- Bereits eine Corona-Schutzimpfung erhalten 7,9% (6,2%-10,0%)
- Zwei Corona-Schutzimpfungen erhalten 84,1% (81,1%-86,7%)
- Keine Corona-Schutzimpfung erhalten 8,0% (6,0%-10,6%)
Impfintention (unter den bisher Ungeimpften)
- Auf jeden Fall 19,5% (10,9%-32,5%)
- Eher impfen 11,4% (2,1%-43,2%)
- Unentschlossen 9,9% (5,5%-17,2%)
- Eher nicht impfen 18,7% (10,7%-30,6%)
- Auf keinen Fall impfen 40,5% (27,5%-55,0%)
Gründe für Tendenz zur Nicht-Impfung (unter denjenigen Ungeimpften, die sich „eher nicht“ oder „auf keinen Fall“ impfen lassen wollen)*
- Impfstoffe zu wenig erforscht, zu kurz getestet 48,6% (33,1%-64,3%)
- kein Vertrauen, bin allgemein skeptisch, nicht überzeugt 26,5% (15,2%-42,1%)
- wegen der Nebenwirkungen 26,3% (14,5%-42,9%)
- habe Vorerkrankungen/Allergien 16,7% (8,4–30,5%)
- ich bin gesund 16,0% (7,6%-30,6%)
- eingeschränkte Wirksamkeit, Virus immer noch übertragbar 10,3% (3,9%-24,6%)
- Corona ist nicht gefährlich/existiert nicht, Impfung ist unnötig 9,6% (3,3%-24,9%)
- Langzeit-/Spätfolgen unbekannt 5,7% (2,4%-13,1%)
- habe mich generell noch nie impfen lassen 2,4% (0,7%-7,7%)
- ich bin immun 2,4% (0,3%-15,8%)

Anmerkung: * Präsentiert wurden lediglich die Beweggründe, die mind. in 2% der Fälle genannt worden.

Zentrale Ergebnisse

Insgesamt hatten 84,1% (95% CI: 81,1%-86,7%) der ab 60-Jährigen bereits zwei Corona-Schutzimpfungen erhalten und 7,9% (95% CI: 6,2%-10,0%) eine Corona-Schutzimpfung. 8,0% (95% CI: 6,0%-10,6%) der Befragten hatten noch keine Corona-Schutzimpfung erhalten.

Unter den bisher Ungeimpften (gewichtet n=102) wollten sich 19,5% (95% CI: 10,9%-32,5%) „auf jeden Fall“ impfen lassen, und 11,4% (95% CI: 2,1%-43,2%) dieses Personenkreises gaben „eher impfen“ an. Unentschlossen waren noch 9,9% (95% CI: 5,5%-17,2%) dieses Personenkreises. 18,7% (95% CI: 10,7%-30,6%) der bisher Ungeimpften wollten sich „eher nicht impfen“ lassen, und 40,5% (95% CI: 27,5%-55,0%) wollten sich „auf keinen Fall impfen“ lassen.

Eine multiple logistische Regression zeigte, dass die Tendenz zur Nicht-Impfung (im Vergleich zur bereits erfolgten mindestens einmaligen Impfung) bei älteren Personen vor allem mit einem niedrigeren Alter [OR: 0,91, 95% CI: 0,86–0,95], einem Realabschluss (Ref.: Hauptschulabschluss; OR: 3,04, 95% CI: 1,44–6,42) und der Geburt im Ausland (Ref.: in Deutschland geboren; OR: 5,03, 95% CI: 1,87–13,57) assoziiert waren. Weitere Details zur multiplen logistischen Regression sind im Online-Anhang zu finden.

Diejenigen, die sich „eher nicht impfen“ und diejenigen, die sich „auf keinen Fall impfen“ lassen wollten, wurden nach den Gründen hierfür gefragt. Es zeigten sich folgende Beweggründe, sich nicht impfen lassen zu wollen (in absteigender Reihenfolge die mind. in 2% der Fälle genannt wurden): „Impfstoffe zu wenig erforscht, zu kurz getestet“ mit 48,6% (95% CI: 33,1%-64,3%), „kein Vertrauen, bin allgemein skeptisch, nicht überzeugt“ mit 26,5% (95% CI: 15,2%-42,1%), „wegen der Nebenwirkungen“ mit 26,3% (95% CI: 14,5%-42,9%), „habe Vorerkrankungen/Allergien“ mit 16,7% (95% CI: 8,4–30,5%), „ich bin gesund“ mit 16,0% (95% CI: 7,6%-30,6%), „eingeschränkte Wirksamkeit, Virus immer noch übertragbar“ mit 10,3% (95% CI: 3,9%-24,6%), „Corona ist nicht gefährlich/existiert nicht, Impfung ist unnötig“ mit 9,6% (95% CI: 3,3%-24,9%), „Langzeit-/Spätfolgen unbekannt“ mit 5,7% (95% CI: 2,4%-13,1%), „habe mich generell noch nie impfen lassen“ mit 2,4% (95% CI: 0,7%-7,7%) sowie „ich bin immun“ mit 2,4% (95% CI: 0,3%-15,8%).

Diskussion

Die Gruppe der Personen im höheren Alter, die nicht geimpft waren bzw. eine Impfung eher bzw. stark ausschließen, war in der Studie eher klein – was aus Public Health Perspektive erfreulich erscheint. Wir konnten in der vorliegenden Arbeit wesentliche Gründe für eine Nicht-Impfung bei Älteren aufzeigen. Ein ähnliches Bild der wesentlichen Beweggründe für die Nicht-Impfung zeigte sich übrigens auch bei den unter 60-Jährigen (die drei am häufigsten genannten Gründe: „Impfstoffe zu wenig erforscht, zu kurz getestet“ mit 47,0% (95% CI: 38,5%-55,8%), „wegen der Nebenwirkungen“ mit 39,3% (95% CI: 31,3%-47,9%) sowie „kein Vertrauen, bin allgemein skeptisch, nicht überzeugt“ mit 33,2% (95% CI: 25,3%-42,2%).

Wie auch bei früheren bevölkerungsrepräsentativen Studien 3 4 zeigten sich in der CoSiD-Studie Sicherheitsbedenken als zentrale Triebfeder dafür, dass ältere Menschen in Deutschland sich nicht impfen lassen wollen. Auch in der internationalen Literatur werden Sicherheitsbedenken als wesentlicher Grund für eine Nicht-Impfung gegen Covid-19 gesehen 5 .

Als Stärke der Studie ist erwähnenswert, dass durch die Aufstockung der Teilstichprobe der Älteren ausreichend Daten von Personen im höheren Alter erhoben wurden, da Impfungen in dieser Gruppe sehr wichtig für die Eindämmung der Pandemie sind und es hierzu bisher kaum belastbaren Daten gibt. Einschränkend muss erwähnt werden, dass die Rücklaufquote eher niedrig war. Niedrige Rücklaufquoten bei Telefonbefragungen in Deutschland sind allerdings häufig 6 . Eine Non-Response-Analyse konnte aufgrund der Datenverfügbarkeit nicht durchgeführt wurden. Der Fragebogen lag zudem nur in deutscher Sprache vor.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Ca. 92% der Personen 60 Jahre und älter waren bereits gegen Covid-19 geimpft. Unter den älteren Ungeimpften waren knapp 60% gegen eine Impfung. Wesentliche Gründe bei älteren (und auch jüngeren) Ungeimpften, sich „eher nicht impfen“/“auf keinen Fall“ gegen Covid-19 impfen lassen zu wollten, waren: (1) die Impfstoffe sind zu wenig/kurz erforscht (knapp die Hälfte) sowie (2 und 3) kein Vertrauen/allgemeine Skepsis bzw. wegen der Nebenwirkungen (jeweils gut ein Viertel der befragten Gruppe). Zur Steigerung der Impfrate sind demzufolge Maßnahmen notwendig, die diesen drei Argumenten kommunikativ z. B. im Kontext der ärztlichen Versorgung entgegentreten.

Footnotes

Interessenkonflikt Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Zusätzliches Material

10-1055-a-2055-9674-2022-11-1752.pdf (768.9KB, pdf)

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Literatur

Associated Data

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