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. 2022 Aug 22;84(08-09):799. [Article in German] doi: 10.1055/s-0042-1753796

Substanzkonsum bei Menschen mit geistiger Behinderung: Ergebnisse und Angebote, Herausforderungen und Bedarfe für die Hilfesysteme und Prävention

S Karg 1,2, LM Kogel 1,2, M Schierenbeck 1, K Rathmann 1,2
PMCID: PMC11248686

Einleitung  Aktuelle Studien weisen darauf hin, dass der Konsum von legalen stoffgebundenen Substanzen (insbesondere Alkohol und Tabak) (= Substanzkonsum) von Menschen mit geistiger Behinderung mit der Allgemeinbevölkerung vergleichbar ist. Dies kann durch die UN-Behindertenrechtskonvention und den zunehmenden Bestrebungen der Inklusion, Dezentralisierung, Selbstbestimmung und des Normalisierungsprinzips begründet werden. Aufgrund dessen werden Herausforderungen für die Hilfesysteme ersichtlich. Präventionsangebote liegen im deutschsprachigen Raum vor und unterscheiden sich hinsichtlich der Zielgruppe, dem präventiven und partizipativen Ansatz und den Inhalten mit bisher wenigen digitalen Elementen.

Methoden  Auf Grundlage bisheriger Reviews, Studien und Projekte zum Substanzkonsum bei Menschen mit geistiger Behinderung wird ein Überblick über 1) den nationalen und internationalen Forschungsstand zum Substanzkonsum bei Menschen mit geistiger Behinderung sowie 2) über bisherige Programme und Projekte zur Prävention gegeben. Dabei werden 3) die damit verbundenen Herausforderungen für die Hilfesysteme der Sucht- und Behindertenhilfe sowie für die Fachkräfte und Klient*innen aufgezeigt und 4) entsprechende Bedarfe für die Prävention abgeleitet.

Ergebnisse  Repräsentative Studienergebnisse sind bislang rar, Häufigkeiten zu Alkohol, Tabak, Cannabis variieren. Es gibt Präventionsprogramme für unterschiedliche Zielgruppen, die verhaltens- als auch verhältnisorientiert ausgerichtet sind und die Ebene der Klient*innen und/oder Hilfesysteme adressieren. Herausforderungen für die Hilfesysteme ergeben sich dabei z. B. durch das Ausbalancieren des Spannungsverhältnisses von Selbst- und Fremdbestimmung, wenig Kenntnis bei Fachkräften der Behinderten- und Suchthilfe im Umgang mit dem (problematischen) Konsum der Klient*innen oder dem Vorliegen von Co-Abhängigkeit. Die Prävention von Substanzkonsum bei Menschen mit geistiger Behinderung erfordert besondere Anforderungen und Herangehensweisen wie z. B. Lebensweltbezug, zielgruppengerechte Materialien und Methoden in Leichter Sprache, wiederholende Elemente und klare Strukturen. Eine vernetzte Zusammenarbeit der Sucht- und Behindertenhilfe erweist sich künftig als wertvoll, um Menschen mit Behinderung bestmöglich zu unterstützen sowie zu einem gesundheitsbewussten und selbstbestimmten Umgang mit Substanzen zu befähigen.

Schlussfolgerung  Im Rahmen der zunehmenden Inklusion sollte dem Thema Substanzkonsum bei Menschen mit geistiger Behinderung stärker Beachtung in Forschung und Praxis geschenkt werden und dabei der Fokus der Hilfesysteme auf Selbstbestimmung der Klient*innen gerichtet werden. Für die Prävention von Substanzkonsum sind verhaltens- und verhältnisorientierte Maßnahmen mit aktivierenden Einheiten und zielgruppenadäquaten Materialien und Medien, die speziell für die Bedürfnisse der Menschen mit geistiger Behinderung erstellt werden, eine stärkere Vernetzung der Hilfesysteme sowie die stärkere Berücksichtigung von (kommunalen) Präventionsketten notwendig.


Articles from Gesundheitswesen (Bundesverband Der Arzte Des Offentlichen Gesundheitsdienstes (Germany) are provided here courtesy of Thieme Medical Publishers

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