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. 2022 Jun 2;85(4):289–297. [Article in German] doi: 10.1055/a-1775-8104

Unterschiedliche berufliche und gesundheitliche Belastungen psychisch und körperlich erkrankter EM-Rentner*innen – Implikationen für das Gesundheitswesen

Occupational and Health Strains of Pensioners with Reduced Earning Capacity Due to Mental or Physical Illnesses – Implications for the Health Care System

Sonia Lippke 1,, Franziska M Keller 1, Natalie Schüz 2, Aike Hessel 3, Alina Dahmen 1,4
PMCID: PMC11248722  PMID: 35654398

Abstract

Objective Demographic changes with an increasing number of people receiving pensions and a decreasing number of working people paying into the pension system represent major challenges for the German social security system. In particular, it is important to support people to continue working so that there is no (premature) reduction in their earning capacity and pensioners with reduced earning capacity (disability pensioners) should be helped to return to gainful employment. The aim of this study was to investigate the differing needs of two kinds of disability pensioners, namely those with mental illness and those who were physically ill.

Methods A total of 453 persons receiving disability pension because of temporararily reduced earning capacity were interviewed over the telephone. Differences in demographic variables, occupational characteristics before applying for disability pension, and general resources were examined in descriptive analyses and multivariate analyses of variance with post-hoc tests.

Results A third of the sample (33.1%) suffered from mental illness and the rest from somatic disorders. Those with mental illness reported higher perceived mental age, lower work-related self-efficacy, and lower quality of life concerning their mental health. Moreover, they reported higher levels of mental stressors at work.

Conclusion Mentally ill disability pensioners differ considerably from those with somatic illnesses. Accordingly, to promote a return to work, interventions need to target different factors in these two groups.

Key words: Temporary disability pension, return to work, self-efficacy, working conditions, medical rehabilitation

Einleitung

Der demographische Wandel stellt das deutsche Gesundheitssystem vor enorme Herausforderungen: Einer immer größer werdenden Anzahl von Menschen, die Versorgungsbezüge durch die Deutsche Rentenversicherung beziehen, steht eine erheblich kleinere Anzahl an erwerbstätigen bzw. erwerbsfähigen Personen gegenüber, deren Beiträge zur Sozialversicherung die Ausgaben für die Versorgungsbezüge kaum decken können 1 . Daher sind Erhalt und Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit sowie die Verhinderung einer Erwerbsminderungsrente von großer sozioökonomischer Bedeutung.

Von den 175.808 Rentenzugängen im Jahr 2020 wegen verminderter Erwerbsfähigkeit waren 72.990 auf psychische Störungen zurückzuführen (42%; davon Männer: 29.437=40% und Frauen: 43.553=60%) 2 . Die Rentenzugänge wegen verminderter Erwerbsfähigkeit stiegen 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 161.534 an. Der Zugang wegen psychischer Störung ist seit Jahren stabil bei 42%. Damit stellen psychische Erkrankungen die größte Erkrankungsgruppe bei den Zugängen zur Erwerbsminderungsrente (EM-Rente) vor körperlichen Erkrankungen dar 2 (Krankheiten von Skelett/Muskeln/Bindegewebe mit 13% und Neubildungen mit 15%) 2 . Die zeitliche Befristung der EM-Rente wird ausgesprochen, weil eine Besserung und damit eine Rückkehr (Return to Work, RTW) in das Erwerbsleben möglich erscheint. Jedoch kehren nur sehr wenige EM-Rentner*innen trotz Wunsch nach RTW in die Erwerbstätigkeit zurück 4 . Einen vorzeitigen Renteneintritt gilt es entsprechend zu vermeiden.

Bisherige Studien (z. B. 5 ) haben gezeigt, dass nicht nur eine gesundheitliche , sondern auch eine beruflich und privat überfordernde Lage ausschlaggebend für die Beantragung einer EM-Rente und einen nicht erfolgreichen RTW ist. Relevante Einflussfaktoren hierfür sind z. B. fehlende Wertschätzung für die eigene Tätigkeit, zwischenmenschliche Konflikte am Arbeitsplatz 3 , Übergewicht, psychische Erkrankungen 6 , Familienverantwortung, Arbeitsstress, eingeschränkte finanzielle Sicherheit, schlechte physische und psychische Gesundheit 7 ; vorzeitiger Renteneintritt, Arbeitsunzufriedenheit und geringes Einkommen 7 , weibliches Geschlecht, geringe Bildung 8 , EM-Rente 9 10 sowie weniger Unterstützung, kein gesundheitsförderliches Arbeitsklima, emotionale Erschöpfung und allgemeiner psychischer Leidensdruck 11 , höhere Symptomschwere, frühere Fehlzeiten, Komorbidität, hohe Arbeitsanforderungen, geringe Arbeitskontrolle und hohe Arbeitsbelastung 12 .

Es ist bislang nur ansatzweise untersucht, inwieweit sich diese Determinanten unterscheiden bei Menschen mit psychischen und mit körperlichen Erkrankungen [z. B. 4 5 . Da Krankheit und Behinderung auf Basis des biopsychosozialen Gesundheitsmodells als Interaktion medizinischer, gesellschaftlicher und psychologischer Faktoren betrachtet wird, ist es für die Etablierung von Unterstützungsmaßnahmen durch Akteur*innen und Strukturen der sozialen Sicherung von Bedeutung, Merkmale zu identifizieren, die bei körperlich und bei psychisch erkrankten Menschen zu einer EM-Rente führen können. Auf dieser Basis können Programme zur Erhaltung bzw. Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit sowie Vorbeugung von frühzeitigem Rentenbegehren geschaffen werden.

Da bisher kaum Untersuchungen aus Deutschland vorliegen, lautet die Fragestellung dieser Studie: Wie unterscheiden sich sozio-demografische und gesundheitliche Variablen, die Erwerbssituation vor der Berentung, sowie die subjektiven Arbeitsbedingungen und Ressourcen (z. B. Handlungsergebniserwartungen) bei psychisch und körperlich erkrankten EM-Rentner*innen?

Methodik

Die Daten stammen aus der sog. BERATER-Studie 13 , die das Ziel hatte, gesundheitsbezogene und psychosoziale Korrelate einer befristeten Erwerbsminderung sowie erwerbsbezogener Rückkehrpläne zu erfassen 14 . Der Datensatz wurde re-analysiert, da er bisher nicht hinsichtlich der Fragestellung dieses Manuskriptes ausgewertet wurde. Die Ethikkommission der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs; SL 012014_rev) erteilte die Zustimmung zu dem Studiendesign.

Zur Rekrutierung der Studienteilnehmenden ermittelte die Deutsche Rentenversicherung Oldenburg-Bremen (DRV) im Mai 2014 in ihrer Datenbank N =4.421 Rentner*innen mit aktueller befristeter Erwerbsminderung, die mit der Bitte angeschrieben wurden, an Befragungen teilzunehmen. Ihre Zustimmung erteilten die Erwerbsminderungsrentner*innen, indem sie eine unterschriebene Einwilligungserklärung mit Namen und Telefonnummer an die DRV zurückschickten. Die erhaltenen 940 Einwilligungserklärungen wurden auf Vollständigkeit und Zustimmung geprüft und 577 wurden an die Jacobs University weitergeleitet und für die Befragung mittels Computer-assistierter, telefonischer Interviews (CATI) genutzt. 452 der Versicherten wurden befragt, wenn sie die Einschlusskriterien erfüllten (erreichbar, Einwilligungserklärung nicht zurückgezogen, keine schweren gesundheitlichen oder sprachlichen Einschränkungen, die eine Teilnahme unmöglich machen, keine Entfristung der Erwerbsminderungsrente oder Eintritt in die Altersrente).

In den CATIs wurde nach Alter , Geschlecht , Körpergröße und -gewicht , sowie aktuellen Erkrankungen , mittels des SF-12 15 und nach der gesundheitsbezogenen Lebensqualität gefragt. Die für die EM-Rente relevante Erkrankungsgruppe wurde durch die Frage: „Welche der nachfolgenden Erkrankungen ist ausschlaggebend für Ihre Erwerbsminderung?“ erhoben: Als „körperlich erkrankte EM-Rentner*innen“ wurde kategorisiert, wer die in Abb. 1 angegebenen Erkrankungen als Grund angab. Diejenigen, die „seelische und psychische Erkrankungen“ angaben, wurden als „psychisch erkrankte EM-Rentner*innen“ kategorisiert.

Abb. 1.

Abb. 1

Die berichteten Ursachen für die Erwerbsminderung der n=303 körperlich erkrankten EM-Rentner*innen.

Weiterhin wurden die Themenbereiche Rehabilitation, Art und Umfang der früher ausgeübten Arbeit sowie Initiativen zum Erhalt der Erwerbsfähigkeit (nach 16 ), RTW-Pläne, RTW-Absicht (nach 14 ) und RTW-Barrieren in Bezug auf unterschiedliche Aspekte, berufsbezogene Selbstwirksamkeit (2 Items 14 ), Selbstregulation (4 Items nach 17 ) sowie das subjektive körperliche und geistige Alter 18 abgefragt ( Tab. 1 2 3 4 ).

Tab. 1 Demografische und gesundheitliche Charakteristika: Ergebnisse der ersten Multivariaten Varianzanalyse mit den Faktoren Erkrankung, Alter und Geschlecht sowie der Interaktion von Erkrankung und Geschlecht nach Kontrolle des Alters.

PsyEMR kEMR d Faktor Erkrankung Faktor Alter Faktor Geschlecht Interaktion
Monate in EMR M= 37,60 ( SD= 28,45) M= 43,67 ( SD= 36,60) 0,18 F= 1,31; p= 0,25; η²=0,01 F= 1,23; p= 0,27; η²=0,003 F= 1,39; p= 0,24; η²=0,004 F= 0,53; p= 0,47; η²=0,001
Personen im Haushalt M= 1,87 ( SD= 1,11) M= 2,10 ( SD= 1,03) 0,22 F= 4,09; p= 0,04; η²=0,01 F= 2,87; p= 0,09; η²=0,01 F= 1,52; p= 0,22; η²=0,004 F= 0,50; p= 0,48; η²=0,001
Netto-Äquivalenz-Einkommen M= 819,12 ( SD= 398,98) M= 907,09 ( SD= 403,84) 0,22 F= 2,61; p= 0,11; η²=0,01 F= 4,77; p= 0,03; η²=0,01 F= 0,93; p= 0,34; η²=0,003 F= 0,28; p= 0,60; η²=0,001
Anzahl berichteter Erkrankungen/Komorbiditäten M= 2,61 ( SD= 1,47) M= 2,94 ( SD =1,37) 0,24 F= 3,99; p= 0,05; η²=0,01 F= 1,73; p= 0,19; η²=0,01 F= 2,62; p= 0,11; η²=0,01 F= 0,001; p= 0,98; η²<0,001
Body Mass Index (BMI) M= 28,96 ( SD= 7,17) M= 29,53 ( SD= 7,48) 0,08 F= 0,46; p= 0 ,50; η²=0,001 F= 0,40; p= 0,53; η²=0,001 F= 0,68; p= 0,41; η²=0,002 F= 0,03; p= 0,85; η²<0,001
Gesundheitsbezogene LQ, psychisch* M= 71,20 ( SD= 21,87) M= 54,31 ( SD= 22,09) −0,77 F= 34,03; p< 0,001; η²=0,09 F= 11,16; p= 0,001; η²=0,03 F= 1,64; p= 0,20; η²=0,01 F= 2,26; p= 0,13; η²=0,010
Gesundheitsbezogene LQ, physisch* M= 54,20 (SD= 13,28) M= 47,60 ( SD= 11,02) −0,56 F= 22,91; p< 0,001; η²=0,06 F= 7,03; p= 0,01; η²=0,02 F= 7,47; p= 0,01; η²=0,02 F= 0,49; p= 0,48; η²=0,001

Anmerkung. PsyEMR=Psychisch erkrankte EM-Rentner*innen; kEMR=körperlich erkrankte EM-Rentner*innen; EMR=Erwerbsminderungsrente; d =Cohen’s d; Interaktion=Interaktion Erkrankung*Alter*Geschlecht; LQ=Lebensqualität; *höherer Wert bedeutet mehr Einschränkungen; Wilks’ Lambda F Alter (7;354)=3,99; p<0, 01; η²=0,07; Wilks’ Lambda F Geschlecht (7;354)=2,25; p= 0, 03; η²=0,04; Wilks’ Lambda F psychisch vs. körperlich (7;354)=9,40; p< 0,01; η²=0,16; Wilks’ Lambda F Interaktion (7;354)=0,52; p= 0,82; η²=0,01.

Tab. 2. Erwerbssituation vor der Berentung und psychische Ressourcen: Ergebnisse der zweiten Multivariaten Varianzanalyse mit den Faktoren Erkrankung, Alter und Geschlecht sowie der Interaktion von Erkrankung und Geschlecht nach Kontrolle des Alters.

PsyEMR kEMR d Faktor Erkrankung Faktor Alter Faktor Geschlecht Interaktion
Wochenarbeitszeit vor EM M= 36,83 SD= 16,16 M= 42,86 SD= 12,52 0,44 F= 3,87; p= 0,05; η²=0,02 F= 0,21; p= 0,65; η²=0,001 F= 31,42; p<0,01; η²=0,16 F= 0,25; p= 0,61; η²=0,001
Wunschwochenstunden M= 26,91 SD= 11,19 M= 31,48 SD= 11,07 0,41 F= 6,60; p= 0,01; η²=0,04 F= 0,85; p= 0,36; η²=0,01 F= 8,61; p<0,01; η²=0,05 F= 0,56; p= 0,46; η²=0,003
Wunscharbeitsjahre M= 18,95 SD= 10,40 M= 13,79 SD= 7,44 −0,61 F= 4,40; p= 0,04; η²=0,03 F= 371,85; p<0,01; η²=0,69 F= 0,16; p= 0,69; η²=0,001 F= 0,33; p= 0,57; η²=0,002
Subjektives Alter körperlich M= −2,24 SD= 14,78 M= 10,64 SD= 17,41 0,78 F= 2,79; p= 0,10; η²=0,02 F= 9,54; p<0,01; η²=0,05 F= 0,02; p= 0,90; η²<0,01 F= 1,88; p= 0,17; η²=0,01
Subjektives Alter geistig M= 8,23 SD= 20,02 M= −8,26 SD= 11,03 −1,13 F= 10,15; p< 0,01; η²=0,06 F= 0,45; p= 0,50; η²=0,001 F= 3,41; p= 0,07; η²=0,02 F= 0,61; p= 0,43; η²=0,004
Selbstregulation M= 11,81 SD= 2,63 M= 12,85 SD= 2,46 0,41 F= 6,29; p= 0,01; η²=0,04 F= 0,33; p= 0,57; η²=0,002 F= 0,01; p= 0,98; η²<0,001 F= 4,08; p= 0,05; η²=0,02
Berufsbezogene Selbstwirksamkeit M= 4,67 SD= 2,11 M= 6,47 SD= 1,82 0,94 F= 22,01; p< 0,01; η²=0,11 F= 5,42; p= 0,02; η²=0,03 F= 4,56; p= 0,03; η²=0,03 F= 0,24; p= 0,63; η²<0,01
Soziale Unterstützung M= 6,16 SD= 3,08 M= 6,63 SD= 3,10 0,15 F= 0,56; p= 0,46; η²=0,01 F= 1,08; p= 0,30; η²=0,01 F= 2,50; p= 0,12; η²=0,01 F= 0,04; p= 0,84; η²<0,001

Anmerkung. PsyEMR=Psychisch erkrankte EM-Rentner*innen; kEMR=körperlich erkrankten EM-Rentner*innen; d =Cohen’s d; Interaktion=Interaktion Erkrankung* Alter* Geschlecht; Wilks’ Lambda F Alter (8;164)=47,56; p< 0,01; η²=0,70; Wilks’ Lambda F Geschlecht (8;164)=5,22; p< 0,01; η²=0,20; Wilks’ Lambda F psychisch vs. körperlich (8;164)=6,18; p< 0,01; η²=0,23; Wilks’ Lambda F Interakton (8;164)=1,13; p= 0,34; η²=0,05.

Tab. 3 Subjektive Arbeitsbedingungen vor der Rente: Ergebnisse der dritten Multivariaten Varianzanalyse mit den Faktoren Erkrankung, Alter und Geschlecht sowie der Interaktion von Erkrankung und Geschlecht nach Kontrolle des Alters.

PsyEMR kEMR d Faktor Erkrankung Faktor Alter Faktor Geschlecht Interaktion
Geistig anstrengend M= 2,89 ( SD= 1,13) M= 2,70 ( SD= 1,12) −0,17 F= 4,78; p= 0,03; η²=0,01 F= 0,04; p= 0,84; η²=0,001 F= 8,15; p= 0,01; η²=0,02 F= 0,15; p= 0,70; η²=0,001
Körperlich anstrengend M= 3,04 ( SD= 1,09) M= 3,45 ( SD= 0,92) 0,42 F= 10,30; p= 0,001; η²=0,02 F= 3,48; p= 0,06; η²=0,01 F= 2,23; p= 0,14; η²=0,01 F= 0,16; p= 0,69; η²=0,001
Arbeit mit Menschen M= 3,42 ( SD= 0,90) M= 3,29 ( SD= 0,97) −0,14 F= 0,12; p= 0,73; η²=0,001 F= 1,27; p= 0,26; η²=0,01 F= 11,09; p= 0,001; η²=0,03 F= 0,52; p= 0,47; η²=0,001
Selbstständig Entscheidungen treffen M= 2,78 ( SD= 1,19) M= 3,00 ( SD= 1,10) 0,20 F=0, 64; p= 0,43; η²=0,001 F= 2,01; p= 0,16; η²=0,01 F= 10,73; p=0, 001; η²=0,03 F= 2,12; p= 0,15; η²=0,01
Vielzahl von Fähigkeiten notwendig M= 3,17 ( SD= 1,03) M= 3,32 ( SD= 0,92) 0,16 F= 1,59; p= 0,21; η²=0,004 F= 1,43; p= 0,23; η²=0,01 F= 8,41; p=0, 004; η²=0,02 F= 0,09; p= 0,77; η²=0,001
Viel Aneignung neuen Wissens notwendig M= 3,01 ( SD= 1,09) M= 3,04 ( SD= 1,06) 0,03 F= 0,04; p= 0,84; η²=0,001 F= 1,22; p= 0,27; η²=0,01 F= 4,45; p=0, 04; η²=0,01 F= 0,001; p= 0,98; η²,001
Arbeit war sehr wichtig M= 3,64 ( SD= 0,73) M= 3,73 ( SD= 0,63) 0,14 F= 1,73; p= 0,19; η²=0,004 F= 0,08; p=0, 78; η²=0,001 F= 0,02; p=0, 90; η²=0,001 F= 0,07; p= 0,79; η²=0,001
Tätigkeitswechsel M= 3,01 ( SD= 1,07) M= 3,03 ( SD= 1,06) 0,20 F= 0,14; p= 0,71; η²=0,001 F= 0,03; p= 0,85; η²=0,001 F= 0,15; p= 0,70; η²=0,001 F= 0,29; p= 0,59; η²=0,001
Anerkennung M= 2,29 ( SD= 1,09) M= 2,65 ( SD= 1,09) 0,33 F= 7,20; p= 0,01; η²=0,02 F= 1,01; p= 0,32; η²=0,002 F= 0,15; p= 0,70; η²=0,001 F= 0,31; p= 0,58; η²=0,001
Lernen und Kurse M= 2,48 ( SD= 1,13) M= 2,58 ( SD= 1,18) 0,09 F= 0,45; p= 0,50; η²=0,001 F= 1,29; p= 0,26; η²=0,003 F= 2,45; p=0, 12; η²=0,01 F= 0,002; p= 0,32; η²=0,002
Zwischenmenschlich anstrengend M= 3,04 ( SD= 1,04) M= 2,70 ( SD= 1,12) −0,31 F= 5,89; p= 0,02; η²=0,01 F= 0,11; p= 0,74; η²=0,001 F= 4,63; p=0, 03; η²=0,01 F= 0,31; p= 0,58; η²=0,001
Langeweile und Unterforderung M= 1,52 ( SD= 0,86) M= 1,52 ( SD= 0,87) 0 F= 0,08; p= 0,78; η²=0,001 F= 0,46; p= 0,50; η²=0,001 F= 0,60; p= 0,44; η²=0,001 F= 0,05; p= 0,83; η²=0,001
Stress und Überforderung M= 3,13 ( SD= 0,97) M= 2,66 ( SD= 1,09) −0,45 F= 14,31; p= 0,001; η²=0,03 F= 1,88; p= 0,17; η²=0,004 F= 0,63; p= 0,43; η²=0,001 F= 0,09; p= 0,77; η²=0,001

Anmerkung. PsyEMR=Psychisch erkrankte EM-Rentner*innen; kEMR=körperlich erkrankten EM-Rentner*innenn; d =Cohen’s d; Interaktion=Interaktion Erkrankung* Alter* Geschlecht; Wilks’ Lambda F Alter (13;413)=1,27; p <0,01; η²=0,04; Wilks’ Lambda F Geschlecht (13;413)=4,22; p <0,01; η²=0,12; Wilks’ Lambda F psychisch vs. körperlich (13;413)=3,19; p <0,01; η²=0,09; Wilks’ Lambda F Interaktion (13;413)=0,50; p =0,93; η²=0,02.

Tab. 4 Handlungsergebniserwartungen bzgl. Rückkehr in die Arbeit: Ergebnisse der vierten Multivariaten Varianzanalyse mit den Faktoren Erkrankung, Alter und Geschlecht sowie der Interaktion von Erkrankung und Geschlecht nach Kontrolle des Alters.

PsyEMR kEMR d Faktor Erkrankung Faktor Alter Faktor Geschlecht Interaktion
Geld verdienen M =3,53 ( SD =0,83) M =3,59 ( SD =0,82) 0,07 F =2,16; p =0,14; η²=0,01 F =3,13; p =0,08; η²=0,01 F =3,70; p =0,06; η²=0,01 F =0,85; p =0,36; η²=0,002
Gebrauchtwerden M =3,30 ( SD =1,00 M =3,56 ( SD =0,77) 0,31 F =10,21; p =0,002; η²=0,03 F =4,69; p =0,03; η²=0,01 F =0,63; p =0,43; η²=0,002 F =0,45; p =0,5z0; η²=0,001
Kontakt zu Menschen M =3,06 ( SD =1,10) M =3,45 ( SD =0,83) 0,42 F =16,64; p =0,001; η²=0,04 F =1,81; p =0,18; η²=0,01 F =1,53; p =0,22; η²=0,004 F =0,88; p =0,35; η²=0,002
Anerkennung und Wertschätzung M=3,27 ( SD =0,96) M =3,31 ( SD =0,90) 0,04 F =1,12; p =0,29; η²=0,003 F =0,65; p =0,42; η²=0,002 F =5,15; p =0,02; η²=0,01 F =0,13; p =0,72; η²=0,001
Weitergabe von Wissen M =3,01 ( SD =1,01) M =3,31 ( SD =0,87) 0,33 F =10,60; p =0,001; η²=0,03 F =2,98; p =0,09; η²=0,01 F =0,02; p =0,88; η²=0,001 F =0,01; p =0,96; η²=0,001
Spaß an der Arbeit M =3,50 ( SD =0,85) M =3,74 ( SD =0,54) 0,36 F =10,41; p =0,001; η²=0,03 F =0,96; p =0,33; η²=0,002 F =0,31; p =0,58; η²=0,001 F =0,62; p =0,43; η²=0,002
Geregelter Tagesablauf M =3,27 ( SD =1,03) M =3,34 ( SD =0,99) 0,07 F =1,50; p =0,22; η²=0,004 F =8,54; p =0,01; η²=0,02 F =0,78; =0,38; η²=0,002 F =0,17; =0,68; η²=0,001
Weiterbildung & -entwicklung M =3,08 ( SD =0,96) M =3,17 ( SD =0,95) 0,09 F =3,97; p =0,05; η²=0,01 F =20,71; p =0,001; η²=0,05 F =2,18; p =0,14; η²=0,01 F =0,43; p =0,51; η²=0,001
Geistig fit bleiben M =3,51 ( SD =0,85) M =3,56 ( SD =0,75) 0,06 F =1,69; p =0,19; η²=0,01 F =0,66; p =0,42; η²=0,002 F =2,79; p =0,10; η²=0,01 F =2,74; p =0,01; η²=0,01
Kontakt zur Außenwelt M =3,06 ( SD =1,07) M =3,29 ( SD =0,97) 0,23 F =5,16; p =0,02; η²=0,01 F =1,31; p =0,25; η²=0,003 F =0,46; p =0,50; η²=0,001 F =1,05; p =0,31; η²=0,003
Ablenkung von Problemen M =2,89 ( SD =1,12) M =2,98 ( SD =1,10) 0,08 F =0,91; p =0,34; η²=0,002 F =0,67; p=0,41; η²=0,002 F =0,41; p =0,53; η²=0,001 F =0,35; p =0,56; η²=0,001
Sinn im Leben haben M =3,08 ( SD =1,05) M =3,23 ( SD =1,05) 0,14 F =1,84; p =0,18; η²=0,01 F =2,63; p =0,11; η²=0,01 F =1,26; p =0,26; η²=0,003 F =0,02; p =0,88; η²=0,001
Erwartungen gerecht werden M =2,18 ( SD =1,16) M =2,29 ( SD =1,16) 0,10 F =0,51; p =0,48; η²=0,001 F =3,11; p =0,08; η²=0,01 F =1,93; p =0,17; η²=0,01 F =2,06; p =0,15; η²=0,01

Anmerkung. PsyEMR=Psychisch erkrankte EM-Rentner*innen; kEMR=körperlich erkrankten EM-Rentner*innen; d =Cohen’s d; Interaktion=Interaktion Erkrankung* Alter* Geschlecht; Wilks’ Lambda F Alter (13;384)=2,64 p <0,01; η²=0,08; Wilks’ Lambda F Geschlecht (13;384)=1,97; p =0,02; η²=0,06; Wilks’ Lambda F psychisch vs. körperlich (13;384)=2,31; p =0,01; η²=0,07; Wilks’ Lambda F Interaktion (13;384)=1,06; p=0,40; η²=0,04.

Zur Erfassung subjektiver Einschätzungen der Teilnehmer*innen wurden 4-stufige Likert-Skalen verwendet (1=„ trifft überhaupt nicht zu “, 2=„ trifft eher nicht zu “, 3=„ trifft eher zu “ oder 4=„ trifft voll und ganz zu “). Dichotome Items erfassten z. B. Antragstellung und (Nicht-)Teilnahme an einer medizinischen Rehabilitation.

Die Daten wurden mit SPSS 27 ausgewertet. Die einzelnen Items wurden gemeinsam in MANOVAS ausgewertet (z. B. Wochenarbeitszeit vor EM zusammen mit Wunschwochenstunden, Wunscharbeitsjahre, subjektives Alter körperlich/geistig, Selbstregulation, berufsbezogene Selbstwirksamkeit und soziale Unterstützung ). Zur Feststellung des subjektiven Alters wurde die Differenz zwischen gefühltem körperlichen bzw. geistigen Alter und dem kalendarischen Alter berechnet.

Zur Analyse der Daten wurden deskriptive Analysen (Unterschiede von psychisch und körperlich erkrankten EM-Rentner*innen hinsichtlich Alter und Geschlecht) sowie multivariate Varianzanalysen (MANOVA) mit den Faktoren Art der Erkrankung (psychisch vs. körperlich), Alter und Geschlecht sowie dem Interaktionsterm Erkrankungen*Alter*Geschlecht gerechnet. Abhängige Variablen/Items, die in Analysen (MANOVA) gemeinsam ausgewertet wurden, waren die folgenden: Demografische und gesundheitliche Charakteristika (7 Items, s. Tab. 1 ), Erwerbssituation vor der Berentung und psychische Ressourcen (7 Items, s. Tab. 2 ), subjektive Arbeitsbedingungen vor der Rente (13 Items, s. Tab. 3 ) und Handlungsergebniserwartungen bzgl. Rückkehr zur Arbeit (13 Items, s. Tab. 4 ). Generell wurde p ≤,05 als Signifikanzniveau gewählt. Bei fehlenden Werten wurde listenweise Löschung in SPSS angewandt.

Ergebnisse

Von den 453 Studienteilnehmer*innen gaben 66,9%, n =303, an, wegen körperlicher Erkrankungen (im Folgenden als „körperlich erkrankte EM-Rentner*innen“ bezeichnet), und 33,1%, n =150, wegen psychischer Erkrankungen („psychisch erkrankte EM-Rentner*innen“) berentet zu sein. Die körperlich erkrankten EM-Rentner*innen berichteten die in Abb. 1 gezeigten Ursachen für die Erwerbsminderung mit dem größten Anteil an orthopädischen Erkrankungen (52%).

Von den körperlich erkrankten EM-Rentner*innen waren 157 männlich (52%) und 146 weiblich (48%), wohingegen von den psychisch erkrankten EM-Rentner*innen 53 männlich (36%) und 96 weiblich (64%) waren. Die Unterschiede waren statistisch bedeutsam (Chi²(1)=10,60, p <0,01). Körperlich erkrankte EM-Rentner*innen waren im Durschnitt 51,60 Jahre ( SD =7,24), psychisch erkrankte EM-Rentner*innen 47,91 Jahre ( SD =8,61). Dieser Altersunterschied war statistisch bedeutsam ( F (1;451)=−22,85, p <0,01; d =0,48).

In der ersten Multivariaten Varianzanalyse wurden demografische und gesundheitliche Charakteristika untersucht ( Tab. 1 ). Es zeigte sich, dass es in einigen der getesteten Charakteristika Unterschiede hinsichtlich Alter, Geschlecht und Art der Erkrankung gab, jedoch keine statistisch bedeutsame Interaktion der drei Faktoren.

Post-hoc-Tests wiesen darauf hin, dass statistisch bedeutsame Unterschiede in vier der sieben Testvariablen vorlagen: Psychisch erkrankte EM-Rentner*innen lebten eher allein oder mit weniger Personen im Haushalt zusammen. Körperlich erkrankte EM-Rentner*innen berichteten im Durchschnitt eine höhere Anzahl an Komorbiditäten, bessere gesundheitsbezogene Lebensqualität sowohl psychischer, als auch physischer Art ( Tab. 1 ).

Die zweite Multivariate Varianzanalyse ( Tab. 2 ) zeigte bei den Variablen Erwerbssituation vor der Berentung, Wunscharbeitsjahre und -stunden, subjektives Alter und generelle Ressourcen ein ähnliches Bild: Alter, Geschlecht und körperliche vs. psychische Erkrankung waren zum Teil statistisch bedeutsam. Es lag jedoch keine Interaktion der drei Faktoren vor.

Psychisch erkrankte EM-Rentner*innen unterschieden sich von körperlich erkrankten EM-Rentner*innen in sechs der acht untersuchten Variablen: Sie hatten vor der Erwerbsminderungsrente weniger Stunden pro Woche gearbeitet und wünschten sich, auch in Zukunft eine geringere Anzahl an Stunden pro Woche zu arbeiten. Sie gaben an, mehr Jahre arbeiten zu wollen und fühlten sich geistig (jedoch nicht körperlich) älter. Außerdem hatten sie eine geringer ausgeprägte Selbstregulation und Selbstwirksamkeit (nicht jedoch soziale Unterstützung ; Tab. 2 ).

Die dritte Multivariate Varianzanalyse ( Tab. 3 ) zeigte bei den Testvariablen zu Arbeitsbedingungen vor der Rente, dass Alter, Geschlecht und körperliche vs. psychische Erkrankung teilweise statistisch bedeutsam waren. Eine Interaktion der drei Faktoren lag nicht vor.

Im Einzelnen zeigten sich Gruppenunterschiede in fünf der 13 Testvariablen: Während Erwerbsminderungsrentner*innen mit psychischen Erkrankungen vor der Erwerbsminderungsrente ihre Arbeit als stärker geistig anstrengend wahrnahmen, war der Unterschied hinsichtlich körperlicher Anstrengung entgegengesetzt: Hier berichteten diejenigen mit körperlichen Erkrankungen von körperlich anstrengenderer Arbeit. Auch berichteten psychisch erkrankte Erwerbsminderungsrentner*innen weniger Anerkennung bei der Arbeit, anstrengendere zwischenmenschliche Bedingungen und mehr Stress und Überforderung.

Die vierte Multivariate Varianzanalyse ( Tab. 4 ) zur Testung der Unterschiede hinsichtlich Erwartungen an die Rückkehr in die Arbeit zeigten ähnliche Befunde wie bei den anderen Analysen: Die drei Faktoren waren partiell statistisch bedeutsam. Jedoch lag keine Interaktion der drei Faktoren vor. Im Einzelnen zeigten sich Grup-penunterschiede in sechs der 13 Testvariablen. Erwerbsminderungsrentner*innen mit psychischen Erkrankungen berichteten signifikant weniger Handlungsergebniserwartung in den Bereichen „Gebrauchtwerden“, „Kontakt zu anderen Menschen“, „Weitergabe von Wissen“, „Spaß an der Arbeit“, „Weiterbildung und -entwicklung“ sowie „Kontakt zur Außenwelt/Rauskommen aus häuslichem Umfeld“.

Zusammengefasst zeigen sich viele Unterschiede in den untersuchten Variablen wie Lebensqualität, Komorbiditäten, Erwerbssituation vor der Berentung und psychische Ressourcen wie Selbstregulation, Selbstwirksamkeit und Erwartungen.

Diskussion

Von den 453 befragten EM-Rentner*innen gab ein Drittel an, wegen psychischer Erkrankungen berentet zu sein, was etwas unter den bundesweiten Zahlen liegt 2 und damit partiell repräsentativ für Deutschland ist. Es zeigten sich zahlreiche Unterschiede zwischen den untersuchten (selbstberichtet) psychisch oder körperlich erkrankten EM-Rentner*innen. Die größten Effektstärken zeigten sich dahingehend, dass sich psychisch erkrankte EM-Rentner*innen geistig älter fühlten, über weniger Selbstwirksamkeit verfügten, mehr psychische und physische Einschränkungen hinsichtlich der Lebensqualität berichteten, aber gleichzeitig den Wunsch hatten, noch mehr Jahre berufstätig zu sein als körperlich erkrankte EM-Rentner*innen.

Psychisch erkrankte EM-Rentner*innen erscheinen im Vergleich zu den körperlich erkrankten EM-Rentner*innen besonders im Hinblick auf ihre Selbstwahrnehmung, ihr Selbstbild und in Wahrnehmung der eigenen arbeitsbezogenen und zwischenmenschlichen Kompetenzen sowie in der Wahrnehmung psychischer und physischer Einschränkungen stärker beeinträchtigt zu sein. Es gilt generell jedoch zu berücksichtigen, dass eine Erwerbsminderungsrente als vorzeitiger Ausstieg aus dem Erwerbsleben auch mit Verlust von Sinnhaftigkeit sowie dem Verlust von sozialer Akzeptanz und Einbettung einhergeht 20 , was zu einem Teufelskreis der Aufrechterhaltung der psychischen Belastung führen kann. Somit ist es umso wichtiger, insbesondere psychisch erkrankte EM-Rentner*innen in der Stärkung ihres Selbstbildes, ihrer Selbstwahrnehmung sowie der Förderung von sozialen Kompetenzen zu unterstützen.

In vorherigen Studien wurde festgestellt, dass EM-Rentner*innen von weniger Anerkennung, mehr Stress und Überforderung sowie mehr anstrengenden zwischenmenschlichen Beziehungen als Beschäftigte in Arbeitsunfähigkeit berichten 21 . In dieser Studie konnte nun festgestellt werden, dass psychisch erkrankte EM-Rentner*innen insgesamt schwerer und anders belastet zu sein scheinen als körperlich erkrankte Befragte. Dies bedeutet, dass ein Augenmerk darauf gerichtet werden sollte, welche Art von Erkrankungen längeren Arbeitsunfähigkeitszeiten zugrunde liegt, damit Angebote des betrieblichen Gesundheitsmanagements bzw. des Eingliederungsmanagements (BEM) und des Gesundheitswesens die Besonderheiten psychisch erkrankter Betroffener besser berücksichtigen können–möglichst frühzeitig, bevor es zu einem Rentenwunsch und Eintritt in Erwerbsminderungsrente kommt. Die Befunde dieser Studie zeigen wie auch schon vorherige Ergebnisse, dass desgleichen die berufliche Situation, die Branche bzw. die früheren Tätigkeiten der Befragten berücksichtigt werden sollten 4 6 8 12 19 .

Der Befund, dass psychisch erkrankte EM-Rentner*innen im Vergleich zu körperlich erkrankten EM-Rentner*innen bereits vor der Erwerbsminderungsrente weniger Stunden pro Woche gearbeitet haben, legt nahe, dass sich die beruflichen Teilhabeeinschränkungen bereits langfristig entwickelt haben. Es sind also schon während der Berufstätigkeit vernetzte therapeutische, rehabilitative und betriebliche Konzepte notwendig, um das Eintreten einer Teilhabeeinschränkung zu verhindern 4 19 22 . Dabei zeigen die vorliegenden Befunde, dass Maßnahmen fokussieren sollten auf eine Stärkung der berufsbezogenen Selbstwirksamkeit und auf den Aufbau von Bewältigungskompetenzen beispielsweise bezüglich geringer wahrgenommener Anerkennung, zu anstrengend erlebter zwischenmenschlicher Aspekte sowie bezüglich Stress und Überforderung.

Zudem deuten die Ergebnisse, dass psychisch erkrankte EM-Rentner*innen sich auch in Zukunft wünschten, weniger Stunden pro Woche zu arbeiten, darauf hin, dass im Falle eines erfolgreichen RTW auch weiterhin verstärkte betriebliche Unterstützungsmöglichkeiten erforderlich sind und dass die zeitliche und inhaltliche Arbeitsplatzgestaltung an die ggf. (fort-)bestehenden Funktionsbeeinträchtigungen individuell angepasst werden sollten. Erfolgreicher RTW insbesondere von psychisch erkrankten EM-Rentner*innen ist ein komplexer und multifaktorieller Prozess. Individuelle Faktoren (z. B. Einstellung zur Arbeit, Selbstbild, soziale Kompetenzen, Selbstwahrnehmung) aber auch betriebliche und soziale Faktoren (z. B. stufenweise Widereingliederung, Möglichkeit zur Teilzeitarbeit und soziale Unterstützung) sowie Zusammenarbeit zwischen arbeitsbezogenen und klinischen/therapeutischen Maßnahmen sind notwendig 23 24 25 .

Mit den vorliegenden Ergebnissen wird nun erstmals eine wissenschaftliche Grundlage für die Entwicklung spezifischer Behandlungskonzepte für EM-Rentner*innen insbesondere mit psychischen Beeinträchtigungen vorgestellt: für diese Gruppe scheint es besonders angebracht, Selbstregulationsfähigkeit und Selbstwirksamkeit anzusprechen, sowie überfordernde, zwischenmenschlich und geistig anstrengende Arbeitsbedingungen zu adressieren – und dies rechtzeitig. Beispielsweise sollten bereits im Rahmen von betriebsärztlichen Untersuchungen Bedarfe erkannt bzw. mit verschiedenen Akteuren im Gesundheitswesen zusammengearbeitet werden 26 27 .

Grenzen dieser Studie sollten jedoch bei der Interpretation der Ergebnisse bedacht werden: Aufgrund der Ausschlusskriterien und der telefonischen Befragung kann es zu Verzerrungen bei der Responserate und einem selektiven Dropout sowie den Antworten durch soziale Erwünschtheitstendenzen gekommen sein. Die Auswertung war entsprechend nur mit der selektiven Subgruppe der Grundgesamtheit an Versicherten in zeitlich befristeter Erwerbsminderungsrente möglich. Darüber hinaus können mittels einmaliger, retrospektiver Befragung keine Kausalitätsannahmen gemacht werden. Es bedarf weiterer Studien und Interventionsforschung, die die Angebote und deren Effekte testen 26 27 .

Footnotes

Danksagung Die Autoren danken Elisabeth Zschucke für die Durchführung der Studie und die Erhebung der Daten. Die Studie wurde von der Deutschen Rentenversicherung Oldenburg-Bremen gefördert.

Interessenkonflikt Die Studie wurde von der Deutschen Rentenversicherung Oldenburg-Bremen gefördert, bei der zwei der Ko-Autorinnen als Angestellte tätig sind.

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Articles from Gesundheitswesen (Bundesverband Der Arzte Des Offentlichen Gesundheitsdienstes (Germany) are provided here courtesy of Thieme Medical Publishers

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