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. 2022 Jan 24;85(4):227–233. [Article in German] doi: 10.1055/a-1709-0939

„Aktiv leben mit Krebs – Tipps für einen gesunden Lebensstil“ – Bedarfserfassung und Entwicklung einer multimedialen Patienteninformation

Living Actively with Cancer – Recommendations for a Healthy Life Style: Needs Assessment and Design of Multimedia Patient Information

Sandra van Eckert 1,, Nadja Seidel 2, Friederike Stölzel 2, Michaela Wolff 2, Melanie Glausch 2, Jacob Spallek 1
PMCID: PMC11248723  PMID: 35073593

Abstract

The positive effects of a healthy lifestyle on the holistic physical condition and quality of life of cancer survivors is scientifically proven. The National Comprehensive Cancer Network (NCCN) Guidelines for Survivorship specifically highlight the need for support in these areas. The lack of specialised offers for cancer patients in predominantly rural areas, however, represents a high level of assistance needed in terms of the development and implementation of a healthy lifestyle. Following a needs assessment, our aim was to conceptualise and design an easily accessible multi-media patient information system on the basis of a social-cognitive process model on health behaviour (Health Action Process Approach - HAPA). A higher level of health literacy represents, inter alia, the basis for informed choice and, as such, forms an important resource for the aftercare of cancer patients. Further studies are recommended on the acceptance, use and effects of patient information with regard to intended longer-term changes of health behaviour.

Key words: cancer survivor, health literacy, lifestyle

Einleitung

Mit etwa 500.000 Neuerkrankungen im Jahr sind Krebserkrankungen die zweithäufigste chronische Erkrankung in Deutschland 1 . Aufgrund neuer Therapien leben Krebspatient*innen länger als früher, in Deutschland derzeit etwa vier Millionen. Menschen, die im Durchschnitt fünf Jahre nach einer erfolgreichen Krebstherapie rückfallfrei leben, gelten als geheilt und werden als Langzeitüberlebende bezeichnet („Cancer Survivors“).

In Deutschland besteht kein Konsens, was unter „cancer survivor“ bzw. „cancer survivorship“ zu verstehen ist 2 . Jedoch zeigt sich immer deutlicher, dass Krebspatient*innen durch Komorbiditäten, Folgeerkrankungen und Langzeitfolgen auch Jahre nach der Behandlung in ihrer Lebensqualität eingeschränkt sind. Zu den Auswirkungen zählen unter anderen, Beeinträchtigungen der Immunabwehr und Kreislaufreaktionen, das Erschöpfungssyndrom (Fatigue) und Depressionen 3 .

Ein gesunder Lebensstil kann dazu beitragen, krankheits- und therapiebedingte Langzeitfolgen positiv zu beeinflussen 4 . Dafür benötigen Krebspatient*innen fortlaufende Unterstützung hinsichtlich der Etablierung und Umsetzung einer gesunden Lebensweise, sekundärer Prävention und des Managements von Nebenwirkungen 5 . Das impliziert eine Anwendung der National Comprehensive Cancer Network (NCCN) Guidelines for Survivorship für Patient*innen nicht nur im Rahmen der spezifischen onkologischen Versorgung im stationären Bereich, sondern auch für die Grundversorgung.

Ambulante Versorgung

Nach der stationären Entlassung erhalten Krebspatient*innen derzeit im Allgemeinen noch wenig Unterstützung und sind häufig nicht ausreichend über die Möglichkeiten der Nachsorgebehandlung informiert 6 . Erschwerend können fehlendes Selbstvertrauen, mangelnde Beratung, Unterstützung und Selbstwirksamkeit, unzureichendes gesundheitsbezogenes Wissen, fehlende Ressourcen sowie individuelle körperliche und emotionale Probleme hinzukommen 7 . Auch variiert das Angebot an Unterstützungsmaßnahmen lokal: In Großstädten ist es in der Regel leichter, eine Anlaufstelle zu finden, als in strukturschwachen, meist ländlichen Gebieten 8 .

Gleichzeitig gelten Krebspatient*innen als besonders motiviert, wenn es um gesundheitsförderliches Verhalten und Verhaltensänderungen geht 9 . In der Zeit nach der Diagnose, dem sogenannten „teachable moment“, sind Krebspatient*innen empfänglich für spezifische Änderungen ihres Gesundheitsverhaltens 10 .

Gesundheitskompetenz

Gesundheitskompetenz („Health Literacy“) umfasst das Ausmaß, in dem eine Person in der Lage ist, Gesundheitsinformationen und -dienste zu finden, zu verstehen und anzuwenden, um angemessene gesundheitsbezogene Entscheidungen zu treffen 11 12 . Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz sind weniger informiert über Krebsprävention und Behandlung, sie nehmen weniger an Vorsorgeuntersuchungen teil und vermeiden Arztbesuche 13 . Eine verbesserte Gesundheitskompetenz führt zur angepassten und zeitnahen Nutzung von präventiven und kurativen medizinischen Angeboten 13 14 und hat positive Auswirkungen auf Lebensqualität, Lebenserwartung sowie auf das Nebenwirkungsmanagement von Krebserkrankungen 11 15 .

Gesundheitsverhalten

Nach derzeitigem Wissenstand und unabhängig von der Krebsart kann neben der medizinischen Behandlung hauptsächlich eine ausgewogene Ernährung und die regelmäßige Bewegung die körperliche und emotionale Lebensqualität von Krebspatient*innen signifikant verbessern 16 17 .

Zusätzlich wird Patient*innen der bewusste Umgang mit Nikotin, Alkohol und UV-Strahlung empfohlen 5 18 .

Bewegung

Studien zeigen, dass die körperliche Aktivität bei einer Krebserkrankung stark sinkt und das Bewegungsniveau aus der Zeit vor der Diagnose nicht mehr erreicht wird 19 . Während der Therapie hilft körperliche Aktivität u. a. dabei, Nebenwirkungen zu bewältigen, die körperliche Leistungsfähigkeit aufrechtzuerhalten, die psychische Befindlichkeit und die Lebensqualität zu verbessern 17 . Nach einer Krebsbehandlung kann körperliche Aktivität helfen, die körperliche Funktionsfähigkeit wiederherzustellen, chronische und spät auftretende Wirkungen der Behandlung zu bewältigen, die Wahrscheinlichkeit eines Rezidivs sowie die Entwicklung anderer chronischer Erkrankungen zu reduzieren 20 .

Ernährung

Übergewicht und Adipositas (Body Mass Index 25–30), führen zu komplexen endokrinen Veränderungen, welche die Krebsentstehung fördern, bei einigen Krebsarten erhöht sich das Rezidivrisiko und die Überlebenschance nimmt ab 16 21 . Zudem kommt es bei manchen Krebsarten während oder nach der Behandlung zu einer weiteren Gewichtszunahme. Dies führt häufig zu einer verringerten Lebensqualität, einem erhöhten Risiko für Funktionsrückgang durch Verminderung der körperlichen Aktivität und Komorbiditäten 21 . Andererseits gibt es Krebserkrankungen, bei denen Patient*innen bereits zum Zeitpunkt der Diagnose mangel-/unterernährt und stark untergewichtig sein können 22 . Bis zu 80% der Patient*innen mit fortgeschrittenen Tumorleiden sind von Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust betroffen 22 .

Nicht-Rauchen

Anhaltendes Rauchen reduziert die Wirksamkeit der Behandlung, erhöht das Rezidivrisiko und verringert die Überlebenszeit bei vielen Krebsformen 23 24 . Rauchen erhöht perioperative Risiken der Vollnarkose, eine schlechte Wundheilung und kardiovaskuläre Ereignisse 24 . In einem Review zu Raucherentwöhnungsinterventionen bei Krebspatient*innen wurde festgestellt, dass die perioperative Phase der beste Zeitpunkt für den Beginn einer Raucherentwöhnung ist 24 . Um einen möglichen Rückfall zu verhindern, sollten Interventionen in der postoperativen Phase weitergeführt werden 24 .

UV-Schutz

Zuviel UV-Strahlung erhöht das Risiko für Hautkrebs und schwächt sowohl beim gesunden Menschen als auch bei Krebspatient*innen das Immunsystem. Zudem haben Melanompatient*innen ein erhöhtes Risiko, erneut an einem Melanom, sowie an einem anderen Krebs zu erkranken 25 .

Für Menschen mit oder nach einer Krebserkrankung besteht ein Mangel an qualitativ hochwertigen Gesundheitsangeboten mit Präventionsansatz. Gleichzeitig ist es nötig, die Gesundheitskompetenz dieser Patient*innen längerfristig zu stärken, um sie an einen gesunden Lebensstil heranzuführen. Um möglichst vielen Betroffenen ein wissenschaftlich fundiertes, einfach umzusetzendes Informationsangebot hinsichtlich eines gesunden Lebensstils bereitzustellen, war das Ziel dieser von der Deutschen Krebshilfe (DKH) geförderten Studie des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen Dresden/Universitätskrebscentrum (NCT/UCC) und der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU), ein multimediales Konzept „Aktiv leben mit Krebs – Tipps für einen gesunden Lebensstil“ zu entwickeln.

Methodik

Ziel war es, ein Informationsangebot für Krebspatient*innen bestehend aus den Lebensstilfaktoren Bewegung, Ernährung, Nichtrauchen und Sonnenschutz zu konzipieren und zu implementieren. Das Angebot soll leicht zugänglich, kostenfrei und breitflächig umsetzbar sein, um unterversorgte Bereiche abzudecken. Es soll Krebspatient*innen motivieren, ein gesundes Leben zu führen und einen Überblick über standortunabhängige Versorgungsmöglichkeiten geben, um selbst aktiv zu werden.

Prozess

Bedarfserhebung

Ein positives Ethikvotum liegt vor (BTU EK 2021–02). Initial wurde ein strukturierter Fragebogen zur Nutzung von Gesundheitsinformationen entwickelt und im Rahmen einer Patientenveranstaltung mit Krebspatient*innen am NCT/UCC ausgelegt. Die Beantwortung erfolgte ausschließlich freiwillig und anonym.

Die Datenverarbeitung erfolgte mit IBM SPSS Statistics Version 26.

Konzept

Die theoretische Grundlage bildet das sozial-kognitive Prozessmodell des Gesundheitsverhaltens (Health Action Process Approach – HAPA), ein Modell zur Beschreibung der psychologischen Vorgänge bei der Initiierung und Aufrechterhaltung von Gesundheitsverhalten 26 . Das Informationsangebot besteht sowohl aus einer digitalen Komponente (Webseite) mit eingebetteten Videospots, als auch einer gedruckten Handbroschüre. Ein Fokus liegt auf eingefügten Hinweisen zur Stärkung der Motivation (z. B. Herstellung von Problembewusstsein) und insbesondere zur Förderung der Kompetenz zur Umsetzung der Vorhaben (volitionale Umsetzungskompetenz, z. B. Zielsetzung, Implementierungspläne, Selbstbeobachtung, Barrierenmanagement, sozial-strukturelle Einbindung).

„Aktiv leben mit Krebs – Tipps für einen gesunden Lebensstil“ enthält verschiedene Module, die einzeln angesteuert/gelesen werden können. Das Angebot orientiert sich an empirisch belegten (evidenzbasierten) Empfehlungen, u. a. des DISCERN Handbuchs (2000, Qualitätskriterien für Patienteninformationen). Evidenzbasierte Gesundheitsinformationen ermöglichen es Krebspatient*innen das Wissen über Gesundheit und Krankheit zu verbessern und eigenständig oder gemeinsam mit anderen Entscheidungen über Gesundheitsfragen zu treffen (5, 14), d. h. ihre Gesundheitskompetenz zu stärken.

Für die Entwicklung unserer Unterlagen waren evidenzbasierte Inhalte grundlegend. Die Beurteilung der Informationsmaterialien durch unsere Studienteilnehmer erfolgte daher einzig mit Fokus auf die beschriebenen Aspekte im Kontext von Gesundheitskompetenz: Auffindbarkeit, Verständnis, Anwendbarkeit.

Entwicklung der Module

Die Module sind ähnlich aufgebaut. So lassen sich Strukturen leicht erkennen und Inhalte einfacher aufnehmen. Kurze Videobeiträge (Spots) bieten einen ersten Einblick mit den wichtigsten Empfehlungen und sollen motivieren, sich aktiv näher zu informieren (siehe Tab. 1 ).

Tab. 1 Inhalte und Materialien.

Modul Inhalt Material
Broschüre Webseite
Einführung Begrüßung und kurze Einführung Rolle der Lebensstilfaktoren für das Leben mit Krebs, was kann man für sich tun? Ansprache Videospot Ansprache
Hinweis auf Verhaltensbereich mit dem größten Handlungsbedarf Eingangstestung (Print-Version) Eingangstestung (Online-Version)
Lebensstilfaktoren Bewegung, Ernährung, Nichtrauchen, Sonnenschutz Rolle des jeweiligen Lebensstilfaktors während und nach Krebstherapie Wissenschaftliche Erkenntnisse und Empfehlungen Hinweise, was man selbst umsetzen kann Strategien zur Förderung der Motivation und Umsetzung Für medizinische Laien angepasste Informationen Weiterführendes Informationsmaterial & Unterstützungsangebote Videospots von Expert*innen Für medizinische Laien angepasste Informationen Weiterführendes Informationsmaterial & Unterstützungsangebote

Fokusgruppe

Während der Entwicklung wurden für das Modul „Bewegung“ zwei Fokusgruppendiskussionen durchgeführt. Krebspatient*innen aus dem Patientenpool des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen Dresden (NCT/UCC) wurden dazu eingeladen. Der strukturierte Leitfaden enthielt Fragen zu Verständlichkeit und Akzeptanz der Materialien. Während des Termins (à 60 Minuten) wurden eine mündliche Diskussionseinheit (Teil A) und eine schriftliche Bewertung des Videospots (Teil B und C) realisiert. Der Entwurf der Broschüre und ein Auswertungsbogen wurden anschließend ausgehändigt, um diesen später im beigelegten, frankierten Briefumschlag zurückzusenden.

Das Material wurde in Anlehnung an die Methode der zentralen Aussagen 27 mittels zentraler Diskussionsaspekte strukturiert.

Es wurden Kategorien gebildet, die einige als zentral zu interpretierende Gruppenbeiträge subsummierten (z. B. „Informierte Entscheidung, Gesundheitskommunikation, gesundheitsbezogene Kontrollüberzeugungen/Selbstwirksamkeit). Als zentral gilt ein Diskussionsaspekt, wenn er wiederholt in der Gruppendiskussion auftaucht und von den Teilnehmer*innen in einer gewissen Tiefe und Breite besprochen wird.

Zentralität definiert sich somit durch die Verbindung von Häufigkeit und Relevanz 27 . Die Inhalte wurden dabei durch zwei Moderatoren parallel erfasst und anschließend so zusammengefasst, dass sich zentrale Diskussionsaspekte herauskristallisierten, welche mit „direkten“ Zitaten der Teilnehmer*innen, belegt wurden. Die Ergebnisse der Fokusgruppen dienten der Anpassung des Moduls Bewegung sowie der Entwicklung der weiteren Module.

Ergebnisse

Fragebogen Mediennutzung

74 Personen (männlich: N=19, weiblich: N=55) nahmen im Rahmen einer Patientenveranstaltung am NCT/UCC anonym an der Befragung teil. Die älteste Person war 86 Jahre und die jüngste Person 37 Jahre alt (M=64 Jahre). ( Tab. 2 )

Tab. 2 Fragebogen zur Nutzung von Gesundheitsinformationen.

Welche Medien nutzen Sie zur Beschaffung von Gesundheitsinformationen? (Mehrfachnennung) (N=74)
n % Antwort
65 88 Radio oder Fernsehen
48 65 Internet
47 64 Hefte oder Broschüren der Apotheken
31 62 Hefte oder Broschüren der Krankenkassen
30 41 Zeitschriften oder Zeitungen (die bisher nicht genannt wurden)
16 22 Sonstiges (z. B. Selbsthilfegruppe, Arztgespräche, Tageszeitung)
6 8 Hotline von Ärzten oder Krankenkassen
Haben Sie einen Computer? (N=74)
n % Antwort
59 80 Ja
15 20 Nein
Können Sie zuhause DVDs abspielen? (N=74)
n % Antwort Womit?
65 88 Ja Computer/Laptop: n=52
DVD-Spieler: n=43
9 12 nein
Können Sie einen USB-Stick zuhause abspielen? (N=74)
n % Antwort Womit?
63 85 Ja Computer/Laptop: n=58
Fernseher: n=22
11 14 Nein
Würden Sie ein kostenfreies digitales Informationsangebot zum Thema ‚Aktiv leben mit Krebs – Tipps für einen gesunden Lebensstil‘ nutzen? (N=71)
n % Antwort
62 87 Ja
9 17 Nein
Wie interessant fänden Sie bei einem solchen Informationsgebiet folgende Themenbereiche? (Mehrfachantworten)
n % Antwort
68 92 Bewegung
68 92 Ernährung
40 54 Sonnenschutz
15 20 Alkoholkonsum
13 18 Nichtrauchen
Wie würden Sie die Gesundheitsinformationen am liebsten vorfinden? (Mehrfachantworten)
n % Antwort
66 89 Lesen
39 53 Anschauen
34 46 Mischung aus Lesen, Anhören, Anschauen
27 35 Anhören
Wie schätzen Sie selbst Ihren Lebensstil ein in Bezug auf…(N=74)
Bewegung 41% Verbesserungsbedarf 59% gut
Ernährung 36% Verbesserungsbedarf 64% gut
Sonnenschutz 30% Verbesserungsbedarf 70% gut n=18 k.A.
Alkoholkonsum 7% Verbesserungsbedarf 93% gut n=19 k.A.
Nichtrauchen 0% Verbesserungsbedarf 76% gut n=18 k.A.

Am Beispiel „Körperliche Bewegung“ wurden Teilnehmer anhand soziodemografischer Merkmale (Geschlecht, Alter) verglichen. Mehr als die Hälfte der Männer und Frauen beschreibt ihr derzeitiges Maß an körperlicher Aktivität subjektiv als „gut“, wobei die Gruppe der Frauen diesen Zustand prozentual leicht besser beurteilt als die Männer, dementsprechend verteilt sich der Wunsch nach Verbesserung ( Abb. 1 ).

Abb. 1.

Abb. 1

Subjektiver Lebensstil Bewegung Frauen vs. Männer.

Prozentual ähnlich gewichtet liegt die Verteilung nach Alterskategorien ( Abb. 2 ), wobei der Zeitpunkt „Alter in Jahren/Renteneintritt“ als Kriterium für Gruppenzugehörigkeit gesetzt wurde (AK=37–66; AK=67–86).

Abb. 2.

Abb. 2

Subjektiver Lebensstil Bewegung nach Alterskategorie.

Fokusgruppe

Es nahmen insgesamt 7 (3+4) Krebspatient*innen (2 Termine a 60 min) teil, fünf Frauen und zwei Männer, die Alterspanne der Teilnehmer*innen lag zwischen 45–71 (M=61 Jahre).

Die Zentralität der Beiträge zeigte sich darin, dass potenzielle Probleme der regelmäßigen Durchführung von körperlicher Bewegung wiederkehrend genannt wurden, „Überwindung“, „Motivation“, „Unklarheit über Zeitangaben und geeignete Sportarten“, belegt z. B. durch „Sport machen heißt, sich immer überwinden“.

Als Barrieren für körperliche Bewegung wurden „Müdigkeit“ und „körperliche Probleme“ genannt. Andere Teilnehmer*innen äußerten, dass „jede Minute“ Bewegung „wichtig“ sei. Betont wurde die Wichtigkeit, dass „(Gesundheits-)Experten genaue Informationen (wissenschaftlich basiert) geben“.

Das subjektive Feedback zum Videospot und der Handbroschüre zum Modul Bewegung wurde anhand eines kurzen Fragebogens erfasst. Die Bewertung der konzipierten Materialien erfolgte anhand der vier Kategorien: Akzeptanz, Verständlichkeit, Wahrnehmung der Experten, Identifikation mit der Patientin im Video.

Die Beurteilung des Videospots (Wie gefällt Ihnen der Videospot?) erfolgte durch die Vergabe der Werte ‚sehr‘, ‚etwas‘, ‚kaum‘, ‚gar nicht‘. Vier der sieben Teilnehmer*innen bewerteten den Spot als ‚sehr gut‘, drei von ihnen gefiel der Spot ‚etwas‘ bis ‚kaum‘. Sechs der Teilnehmer*innen gaben an, nach dem Spot positiver über das Thema Bewegung zu denken. Eine Beeinflussung der Motivation durch den Spot, sprich einer Änderung der aktuellen Bewegungseinheiten wurde nicht durchgehend zugestimmt. Alle Teilnehmer*innen gaben an, sich regelmäßig zu bewegen und mindestens einer wöchentlichen sportlichen Aktivität nachzugehen, d. h. körperliche Bewegung ist bereits in den Alltag integriert.

Diskussion

Unsere Ergebnisse unterstreichen, dass Krebspatient*innen interessiert und motiviert sind, selbst etwas für ihre Gesundheit zu tun 9 . Die initiale Fragebogenerhebung spiegelt z. B. den Wunsch nach Verbesserung der körperlichen Aktivität sowohl in den Alterskategorien als auch im geschlechterspezifischen Vergleich.

Das Interesse für die Lebensstilfaktoren Bewegung und Ernährung ist ausgeprägt, gefolgt vom Wunsch nach Informationen über Sonnenschutz und Nichtrauchen. Diese Priorisierung mag darin begründet sein, dass der Bereich UV-Schutz in der tertiärpräventiven Versorgung bislang eine eher untergeordnete Rolle einnimmt oder aber mögliche negative Verhaltensweisen, z. B. das Rauchen, im Verlauf der Krebstherapie bereits geändert wurden. Gerade für die Zeit nach der stationären Behandlung benötigen Krebspatient*innen Unterstützung, sind aber oft nicht ausreichend über die Möglichkeiten der Nachsorgebehandlung informiert oder sind auf sich selbst gestellt 6 . Die Umsetzung eines gesunden Lebensstils, nachhaltiges Gewichtsmanagement, gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung und Raucherentwöhnung haben das Potenzial zur signifikanten Reduzierung von Morbidität und Mortalität bei Langzeitüberlebenden 28 .

Fehlende Motivation und Überwindung wurden als Barrieren für körperliche Aktivität benannt. Auch körperliche Probleme oder Nebenwirkungen, z. B. Müdigkeit wirkt hemmend auf die Ausübung körperlicher Aktivität.

Der Videospot wurde als anregend und als motivierend empfunden, um selbst aktiv zu werden. Teilnehmer*innen der Fokusgruppe gefiel die Vermittlung von wissenschaftlich fundiertem Wissen durch Gesundheitsexpert*innen; die „richtigen“ Informationen zu erhalten, ist bei dem großen (digitalen) Angebot, gerade für ältere Patienten schwieriger 15 .

Laut unserer schriftlichen Befragung findet die Suche nach Informationen zu Gesundheitsthemen sowohl digital als auch in Form vom Lesen „traditioneller“ Materialien statt. Als Reaktion darauf wurde, neben der Webseite, eine gedruckte Broschüre entworfen. Diese enthält einen voran gestellten Selbsttest, der eine individuelle Informationsmöglichkeit gibt. Ein klares Layout bietet die Möglichkeit, über die URL oder einen QR-Code zu den Online-Ressourcen der Projektseite, sowie zu den externen Empfehlungen zu gelangen. Die Webseite ermöglicht eine barrierearme Zugangsweise. Leichte Sprache, sowie Gebärdensprache wurden berücksichtigt. Damit lässt sich ein erweiterter Nutzerbereich abdecken, und die Akzeptanz und Anwendung der Materialien steigern.

Aufgrund begrenzter Ressourcen wurden nur wenige Teilnehmer*innen in unsere Befragung eingeschlossen, was eine gewisse Limitation unseres Projekts darstellt. So konnte nicht auf die spezifischen Bedürfnisse der unterschiedlichen Krebsarten eingegangen werden. Zudem waren Männer deutlich unterrepräsentiert und es nahmen mehr ältere Menschen teil als jüngere. Aber der direkte Einbezug der Zielgruppe in die Erarbeitung der Materialien erbrachte wertvolle Hinweise hinsichtlich Auffindbarkeit, Verständnis und Anwendbarkeit. Die qualitativ erhobenen Ergebnisse offenbarten zum Beispiel den Bedarf der Teilnehmer an wissenschaftlich fundierten Informationen zum Thema. Zusätzlich flossen die Anmerkungen der Fokusgruppendiskussionen zu Layout, sprachlichem Verständnis und technischen Aspekten zum Modul „Bewegung“ in den gestalterischen Entwicklungsprozess der anderen Module ein.

Die Dissemination der Materialien ist über die Anbindung an die Nachsorgeuntersuchungen bei niedergelassenen Onkologen, in Schwerpunktpraxen, Ambulanzen von Kliniken, sowie über die Selbsthilfe und weitere Kanäle geplant. Die Webseite (www.aktivmitkrebs.de) ist öffentlich und kostenlos für jeden Nutzer im Internet aufrufbar.

Die Broschüren sind kostenlos über die Deutsche Krebshilfe (www.krebshilfe.de/infomaterial) erhältlich. Längerfristig sollte eine breit angelegte wissenschaftliche Erhebung zu Nutzung, Anwendung und Wirksamkeit des Konzeptes erfolgen, um nachhaltige Entwicklungen im Hinblick auf Lebensstilfaktoren und Lebensqualität zu evaluieren.

Footnotes

Interessenkonflikt Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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