Zusammenfassung
Pflegerobotik wird in Politik und Wirtschaft als vielversprechende Lösung für den anhaltenden Fachkräftemangel sowie den steigenden Pflegebedarf gesehen. Studien zeigen jedoch, dass die potenziell Nutzenden sich wenig von solchen Technologien angesprochen fühlen und Technikentwickelnde kaum Kenntnis von Bedarfen und Bedürfnissen der potentiell Nutzenden haben. Vor diesem Hintergrund untersucht der vorliegende Beitrag auf der Grundlage von 16 qualitativen Stakeholderinterviews mit Expert*innen aus der Technikentwicklung, Technikvermarktung und Pflege(wissenschaft) explorativ, welche Annahmen und Erwartungen bezüglich Alter und Geschlecht der Nutzenden in diesem Bereich von Bedeutung sind. Dabei werden drei unterschiedliche Perspektiven herausgearbeitet: 1) die Rolle von Alter und Geschlecht für die Entwicklung und den Einsatz von Pflegerobotik wird wahrgenommen, 2) die Relevanz alternativer Kategorien wie Bildung, Kultur oder Krankheit wird benannt und 3) sozialen Kategorien wird keinerlei Bedeutung zugeschrieben. Die Ergebnisse werden im Licht des Diskurses über Diversität in der Pflegerobotik diskutiert und es werden Schlussfolgerungen für eine nutzendenorientierte, diversitätssensible Technikentwicklung und -implementierung gezogen.
Schlüsselwörter: Alter, Geschlecht, Pflege, Robotik, Qualitative Forschung
Abstract
Having to face the challenges posed by a shortage of skilled care workers and an increasing number of older people in need of care, policy makers and economic enterprises perceive care robotics as a promising solution. However, studies have shown that potential users have little interest in technology and that technology developers have little knowledge about the needs and wishes of potential users. Against this background, this paper explores, based on 16 qualitative interviews with stakeholders from the area of technology development, marketing, and nursing care (science), which assumptions and expectations regarding age and gender of users are relevant in this field. The results revealed three perspectives of the stakeholders regarding the users of care robotics: 1) the need to take age and gender in development and implementation of care robotics was acknowledged, 2) the relevance of other social categories, such as education, culture and illness, was mentioned, and 3) the relevance of social categories was rejected altogether. These results are discussed in the context of discourses about diversity in care-robotics and conclusions are drawn for user-centred and diversity-sensitive technology development and implementation.
Key words: age, gender, care, robotics, qualitative research
Einleitung
Angesichts des demografischen Wandels und des anhaltenden Fachkräftemangels in der Pflege wird aufseiten von Politik und Wirtschaft zunehmend auf technische Lösungsperspektiven gesetzt 1 2 . Pflegerobotik wird seit Jahren als ein supportiver Ansatz diskutiert, der eine selbständige Lebensführung bis ins hohe Alter ermöglichen und die pflegerische Versorgung älterer Menschen unterstützen soll. Allgemein sind Roboter Automaten, die Sensor-, Prozessor- und Aktuatortechnologien verbinden, um gezielt in die physische Welt einzugreifen 3 . Im Kontext der Pflege umfassen ihre Einsatzmöglichkeiten physische Bewegungshilfen wie intelligente Gehhilfen oder Greifvorrichtungen, Serviceroboter zur Unterstützung von Aktivitäten des täglichen Lebens und der Haushaltsführung 4 , emotionale und soziale Begleitroboter 5 sowie Assistenztechnologien zur Unterstützung beschwerlicher pflegerischer Aufgaben 6 .
Trotz der Potenziale und der damit verbundenen politischen und wirtschaftlichen Erwartungen fällt die tatsächliche Akzeptanz und Nutzung von Pflegerobotik bislang allerdings ernüchternd aus. So zeigen etwa bevölkerungsweite Befragungen Skepsis und moralische Bedenken gegenüber dem Einsatz von Robotern in der Pflege, etwa im Hinblick auf die Möglichkeit eines Ersatzes echter menschlicher Zuwendung 7 8 . Dabei scheinen Geschlecht und Bildung der Befragten sowie kulturelle Aspekte einen Einfluss auf die betreffenden öffentlichen Einstellungen zu haben 7 8 . Auch innerhalb der Zielgruppe älterer pflegebedürftiger Menschen zeigt sich eine gewisse Zurückhaltung, da eigene Bedürfnisse nicht adressiert würden oder die Nutzung mit negativen Merkmalen wie Krankheit, Verfall oder Stigmatisierung in Verbindung gebracht wird 9 .
Für eine nutzendenorientierte Entwicklung und Implementierung von Robotik in der Pflege stellen professionelle Akteur*innen aus den Bereichen Technikentwicklung, Technikvermarktung und Pflege(wissenschaft) wichtige Stakeholder dar. Sie üben einen maßgeblichen Einfluss auf die technische Gestaltung und den praktischen Einsatz von Pflegerobotern aus. Dabei spielen explizite und implizite Bilder der prospektiven Nutzenden und ihrer Eigenschaften, Fähigkeiten und Bedürfnisse generell eine wichtige Rolle in der Technikentwicklung und können sich auch in die technischen Artefakte selbst einschreiben 10 . Speziell mit Blick auf Gerontechnologien wird hier insbesondere auf die Wirkung negativer, defizitorientierter Altersbilder verwiesen 11 . So zeigten sich Technikentwickelnde in einer qualitativen Studie aus den Niederlanden überzeugt, dass ältere Menschen unbedingt eine Assistenztechnologie benötigten und sich diese auch selbst wünschten, was sich ebenfalls in der konzeptionellen Anlage der entwickelten Robotik niederschlug, deren Akzeptanz aufseiten der Nutzenden aber eher beeinträchtigte 12 . Für Deutschland ist über die Bedeutung entsprechender Vorstellungen in der Entwicklung und Implementierung von Pflegetechnologien bislang allerdings wenig bekannt.
Vor diesem Hintergrund untersucht der vorliegende Beitrag explorativ die Perspektiven professioneller Stakeholder in Deutschland auf die Nutzenden von Pflegerobotik. Auf der Grundlage von 16 qualitativen Interviews mit Expert*innen aus den Bereichen Technikentwicklung, Technikvermarktung und Pflege(wissenschaft) soll der Frage nachgegangen werden, welche Annahmen und Erwartungen professionelle Stakeholder bezüglich der Bedeutung von Alter und Geschlecht der Nutzenden für ihre Einstellung zu und Akzeptanz von Pflegerobotik haben. Nach einem Überblick über das Studiendesign und die Methoden werden im Ergebnisteil drei unterschiedliche Perspektiven vorgestellt, die sich aus dem Datenmaterial herausarbeiten ließen. Sie reichen von der Anerkennung der Rolle von Alter und Geschlecht für die Entwicklung und den Einsatz von Pflegerobotik über die Benennung alternativer Kategorien wie Bildung, Kultur oder Krankheit bis zur Annahme, soziale Kategorien hätten keinerlei Bedeutung. Die Ergebnisse werden vor dem Hintergrund des Diskurses über Diversität in der Pflegerobotik diskutiert.
Methodik
Im Rahmen eines explorativ-qualitativen Ansatzes wurden 16 semi-strukturierte Interviews mit Expert*innen aus der Technologieentwicklung, der Industrie, der Pflegewissenschaft und der Pflege geführt (zu Design und Methode siehe auch 13 ). Für die Zusammensetzung des Samples war es von Bedeutung, dass die verschiedenen Schritte von der Technologieentwicklung und -einführung bis zur Praxis abgedeckt wurden. Weitere Einschlusskriterien waren ein Mindestalter von 18 Jahren sowie ausreichende Deutschkenntnisse ( Tab. 1 ).
Tab. 1 Sample.
| Bereich | Weiblich | Männlich |
|---|---|---|
| Technologieentwicklung | 1 | 3 |
| Marketing | 1 | 3 |
| Pflegewissenschaft | 1 | 1 |
| Pflege (Pflegeeinrichtungen (ambulant, stationär)) | ||
|
1 | 2 |
|
1 | 1 |
|
1 | - |
| Total | 6 | 10 |
| Durchnittsalter der Befragten | 41, 8 Jahre | |
Die Rekrutierung erfolgte auf der Grundlage einer umfassenden Online-Recherche und unter Rückgriff auf bestehende Netzwerke. So identifizierte potenzielle Interviewpartner*innen wurden gezielt persönlich angesprochen. Über das Schneeballprinzip ließen sich zudem weitere Teilnehmende rekrutieren, die die Einschlusskriterien erfüllten. Ziel war es, aus jedem Bereich gleich viele Expert*innen in das Sample einzubeziehen. Die Expertise der Interviewten wurde zum einen durch die Online-Recherche sichergestellt. Zum anderen wurde mit Hilfe eines Kurzfragebogens um eine Selbsteinschätzung der eigenen Expertise gebeten. Ausschlaggebend war in der Regel eine mehrjährige Erfahrung im benannten Tätigkeitsbereich oder eine Leitungsfunktion.
Die Entwicklung des Leitfadens basierte auf eigenen Vorarbeiten zu Stereotypen in der Mensch-Technik-Interaktion und den resultierenden ethischen Problemen, auf deren Grundlage relevante Themenbereiche und Fragekomplexe bestimmt wurden. Sie umfassten insbesondere den strategischen Einsatz von Stereotypen in der Entwicklung und Implementierung von Pflegetechnologien und seine Auswirkungen auf die Nutzendenakzeptanz 14 . Der Leitfaden fokussierte entsprechend auf die Vorstellungen der Stakeholder von Zielgruppen von Robotik in der Altenpflege (insbesondere im Zusammenhang mit Alter und Geschlecht) sowie deren Bedürfnissen und Wünschen. Dem Prinzip der Exploration folgend wurde zu Beginn zunächst ein offenes Verständnis von Robotik in der Altenpflege in Anschlag gebracht. Auch für die Bestimmung der Ziel- und Nutzendengruppen waren die Vorstellungen der Befragten ausschlaggebend, die sowohl Gepflegte als auch Pflegende oder Angehörige einschließen konnten. Zudem wurde die Bedeutung der von den Befragten antizipierten Bedürfnisse und Wünsche der Nutzenden wie auch die von Alters- und Geschlechterstereotypen in der Entwicklung und Implementierung von Pflegerobotik adressiert. Ein weiteres Thema des Leitfadens stellte die Wahrnehmung und Bewertung ethischer Aspekte der Stereotypisierung in der Mensch-Technik-Interaktion dar (dazu 13 ).
Die Datenerhebung fand von April bis Juni 2021 online mit Hilfe des Konferenzsystems BigBlueButton statt. Die Interviews dauerten im Durchschnitt 64:30 Minuten (von 31:41 bis 113:32 Minuten) und wurden über ein digitales Aufnahmegerät akustisch aufgezeichnet. Eine Videoaufzeichnung erfolgte nicht. Im Vorfeld wurden zudem soziodemografische Daten (Name, Alter, Kontaktdaten, Beruf, Affiliation, professionelle Expertise) erhoben, um eine anonymisierte Samplebeschreibung zu erstellen und für die Datenanalyse weitere Kontextinformation verfügbar zu haben. Die digital aufgezeichneten Interviews wurden wörtlich transkribiert und anonymisiert.
Der explorativen Ausrichtung der Studie entsprechend wurde eine inhaltsanalytische Auswertung mit deduktiver und induktiver Codierung vorgenommen 15 . Ausgehend vom Leitfaden und den theoretischen Vorannahmen 14 wurden mit Hilfe der Analysesoftware MAXQDA zuerst deduktiv Aussagen bezüglich der sozialen Kategorien „Alter“ und „Geschlecht“ sowie der damit zusammenhängenden ethischen Herausforderungen kodiert. Dabei wurden die Kodierregeln zunächst von zwei Forscher*innen separat am selben Transkript erprobt, um Interkoder-Reliabilität sicherzustellen. Im Anschluss wurde die intersektionale Analysemethode 16 genutzt, um die deduktiven Kodes „Alter“ und „Geschlecht“ induktiv durch weitere von den Interviewten genannte soziale Kategorien anzureichern. Auf Grundlage der Kodierungen sowie ergänzend erstellter Memos wurden in mehreren Auswertungssitzungen im Forschungsteam verschiedene Perspektiven auf die Relevanz sozialer Kategorisierungen in der Technikentwicklung und -implementierung entwickelt. Das Studienprotokoll wurde der Medizinischen Ethikkommission der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg zur Beratung vorgelegt und genehmigt (Votum Nr. 2021–41).
Ergebnisse
Die Ergebnisse zeigen, dass die befragten Stakeholder Vorannahmen und Erwartungen hinsichtlich der von ihnen benannten verschiedenen Nutzendengruppen wie Pflegenden, Gepflegten und Angehörigen entwickeln und diese auch bei der Entwicklung der Robotik eine Rolle spielen. Diese Vorannahmen lassen sich auf einem Spektrum der Bewertung der Relevanz von unterschiedlichen sozialen Kategorien abbilden. Auf dieser Grundlage wurden drei Perspektiven identifiziert: (1) in der Perspektive Relevanz von Alter/Geschlecht wird ein Einfluss von Alter und Geschlecht auf die Einstellung zu und Akzeptanz von Robotik aufseiten der Nutzenden erwartet; (2) in der Perspektive Relevanz anderer Kategorien werden Alter und Geschlecht nicht für relevante Kategorien gehalten und stattdessen andere Kategorien wie zum Beispiel Bildung, Kultur oder Krankheit als relevant vorgeschlagen; (3) in der Perspektive keine Relevanz sozialer Kategorien wird kein Einfluss von Alter und Geschlecht sowie anderen sozialen Kategorien in der Robotikanwendung angenommen, da Akzeptanz ganz individuell geprägt sei ( Tab. 2 ).
Tab 2 Perspektiven mit Ankerzitaten.
| Perspektive | Relevanz von Alter/Geschlecht | Relevanz anderer Kategorien | Keine Relevanz sozialer Kategorien |
|---|---|---|---|
| Methodische Erläuterung |
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| Definition der Perspektive |
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| Zitate | „Man merkt, dass da der männliche Bereich eher interessiert an der Technik ist und der weibliche Bereich eher interessiert an: Was macht er denn wirklich? Was geschieht?” (5, 31) | „Nach meiner Kenntnis, hat das viel mit kulturellen Bildern zu tun (…) Dass also der der europäisch sozialisierte Mensch eher dazu neigt, Ängste zu entwickeln, wenn denn Robotik zu humanoid daherkommt.“ (6,27) | „So also ich muss eben statt Typisierung von Patienten durchzuführen, die immer schwierig sind, im Grunde auf die individuellen Bedürfnisse, Möglichkeiten und Bedarfe dieses Menschen gucken.“ (1,71) |
In Aussagen, die eine Relevanz von Alter und Geschlecht für die Technikakzeptanz sehen, zeigen sich konkrete Erwartungen bezüglich des Alters und des Geschlechts der Nutzenden. Gerade das Alter wird zunächst als eine relevante Einflussgröße angesehen. Die Leitung einer Pflegeeinrichtung schildert: „Wir hatten gedacht, dass die älteren Leute Probleme damit [der Robotik] haben. Das war aber nicht so der Fall, wie wir es uns vorgestellt haben” (5, 33). Mehrere Interviewte berichten von der praktischen Bestätigung der eigenen Erwartung, dass jüngere Pflegekräfte eher offen gegenüber dem Einsatz von Robotik wären. So erzählt eine Teilnehmerin, die Robotik in einem Pflegeheim implementiert: „[…] also Geschlecht auch eher weniger, aber Alter auf jeden Fall […]. Wenn ich das sagen darf die ältere Generation ist da ein bisschen resistenter gegen“ (8, 23). Eine generationenbedingte Technikskepsis wurde auch durch andere Interviewte bekräftigt. So erklärt die Leiterin eines Pflegeheims: „Ja, da ist auch im Moment noch nicht die Generation am Start, die sich auf das Experiment einlässt oder die zusammen mit ihren Kindern guckt, was man denn da tun kann […]“ (3, 17). Der Einfluss von Geschlecht werde in der eigenen Forschung bestätigt, so eine Technikentwicklerin: „Frauen [Gepflegte und Pflegende] sind generell vorsichtiger. Das kann man tatsächlich so ableiten aus unserer Forschung“ (13, 32). Die Befragten sehen insbesondere bei älteren Pflegekräften sowie bei weiblichen Gepflegten eine eher ablehnende oder zögerliche Haltung gegenüber der Robotik. Diese Vorannahme entspricht gesellschaftlichen Vorstellungen, dass ältere Menschen und Frauen [sowohl Gepflegte, wie auch Pflegende] weniger technikaffin seien und daher auch größere Probleme bei der Akzeptanz hätten.
In den Interviews wurde unter anderem gezielt nach dem Einfluss von Alter und Geschlecht der Nutzenden im Rahmen von Technikentwicklung gefragt. Interviewteilnehmende, die Alter und Geschlecht nicht als relevant empfinden, nennen aber zum Beispiel Bildung, Kultur oder Krankheit als andere relevante Kategorien . Ein Ingenieur berichtet: „Da gibt‘s ja viel Diskussion, woran das [die Technikwahrnehmung] eigentlich liegt. Ob eben Geschlecht ursächlich ist oder eben eigentlich eher der Bildungshintergrund. Aus unserer Erfahrung ist tatsächlich eher der Bildungshintergrund das, was da scheinbar dominierend [ist]” (1,53). Eine Interviewpartnerin aus dem Bereich der Robotikimplementierung in einem Pflegeheim gibt mit Blick auf die Gepflegten zu bedenken: „Man muss eher darauf gucken, was haben die Leute [Gepflegte] für Krankheiten? Wie weit sind die in Demenz fortgeschritten?“ (8, 21). In dieser Gruppe wird auch Kultur als wichtiger Faktor für Technikakzeptanz und -offenheit genannt. Ein Studienteilnehmer, der für den Vertrieb und das Marketing von Pflegerobotik verantwortlich ist, sagt: „Das hat meiner Meinung nach, kulturelle Gründe, dass wir als Europäer uns diesen Systemen gar nicht so weit öffnen können, dass wir das zulassen können“ (7,69). Eine Person aus der Robotikimplementierung in einem Pflegeheim erzählt: „[…] das ist übrigens in Japan sehr interessant gewesen. […] Da die sind ja noch mal ein bisschen aufgeschlossener als in Deutschland. Das kann man, glaube ich, schon so festhalten“ (11, 37). Eine vermeintlich kulturell bedingte höhere Robotikakzeptanz [aller Nutzenden ohne Spezifizierung] wird hierbei als fortschrittlich angesehen.
Bei Äußerungen der Perspektive keine Relevanz sozialer Kategorien erwarten die Interviewten weder einen Einfluss von Alter oder Geschlecht der Nutzenden in Bezug auf Technikoffenheit und -akzeptanz noch können sie sich vorstellen, dass soziale Faktoren generell einen Einfluss auf den Zugang zu und die Akzeptanz von Robotik haben könnten. Anstelle einer Sichtweise, die eine Relevanz von Alter und Geschlecht sowie anderen sozialen Kategorien als Einflussgröße ansieht, werden hier keinerlei Gruppenmerkmale als relevant identifiziert. Diese Perspektive scheint das Individuum als frei von gesellschaftlichen Einflüssen anzusehen und betont dabei, dass die individuellen Bedürfnisse und Bedarfe auch keinen sozialen wie strukturellen Kategorien unterliegen. Der Geschäftsführer eines ambulanten Pflegedienstes sagt: „[I]ch glaube, Geschlecht, glaube ich, eher weniger ehrlich gesagt irgendwie […] Aber auch da ist es wurscht, ob es ein Mann oder Frau ist letztendlich. Ich glaube, beide gehen gut mit Technik um“ (12,39). Ein Experte aus dem Marketing eines Technologieunternehmens berichtet eine ähnliche Erfahrung: „Also, ich würde da jetzt keine Differenzierung vornehmen. Sowohl vom weiblichen Geschlecht als auch vom männlichen Geschlecht haben wir natürlich Menschen [Nutzende ohne Spezifizierung], die erst einmal vorsichtiger damit umgehen […] Aber grundsätzlich merke ich da keine großen Unterschiede“ (4, 17). In dieser Perspektive ist es insbesondere wichtig, die nutzende Person als Individuum zu betrachten und nicht durch Kategorien zu typisieren und eventuell sogar zu stereotypisieren. So fügt der Marketingexperte hinzu, dass „grundsätzlich die Laune der einzelnen Person natürlich, dass man darauf halt mehr eingeht. Ob das jetzt ein weibliches Geschlecht ist oder ein männliches Geschlecht, das spielt eigentlich keine Rolle.“ (4, 72).
Auch weitere soziale Faktoren haben in dieser Perspektive keinen Einfluss auf die Akzeptanz von Robotik. Ein Technikentwickler erklärt, dass in seinen Studien das Geschlecht nicht explizit erhoben wird, „weil wir da auch eigentlich keine Unterschiede erwartet hatten. Das werden wir auch in zukünftigen Untersuchungen glaub ich nicht machen […]“ (16, 17). Eine Pflegefachperson antwortet auf die Frage, ob Geschlechterrollen oder Altersbilder in ihrer Arbeit eine Rolle spielen: „Also da hab ich auch gar noch nie drüber nachgedacht“ (10, 32). Aussagen dieser Perspektive erscheinen sehr festgelegt in der Ablehnung sozialer Einflüsse auf Technikakzeptanz. Dabei zeigt sich eine individualisierte Vorstellung von Nutzenden, die diese als frei von gesellschaftlichen Einflüssen begreift und auch in der Technikentwicklung und -implementierung umgesetzt werden soll. Es zeigt sich wenig Interesse, diesen individualisierten Ansatz zu reflektieren oder auch die Herausforderungen von Individualisierungen zu sehen, zum Beispiel in der technischen Umsetzung oder dem Einsatz bei mehreren Nutzenden.
Diskussion
Die drei Perspektiven Relevanz von Alter und Geschlecht , Relevanz anderer Kategorien und keine Relevanz sozialer Kategorien verdeutlichen die ambivalenten Sichtweisen von Stakeholdern in Bezug auf Einflussfaktoren auf die Technikakzeptanz der Nutzenden sowie Annahmen über verschiedene Nutzende. Es zeigt sich, dass alle drei Perspektiven Vorannahmen bezüglich der Nutzenden einschließen und diese Vorannahmen auch implizit oder explizit in Entwicklung, Design und Implementierung der Technik einfließen. Dieser Befund bestätigt und ergänzt theoretische Annahmen und empirische Untersuchungen zur Rolle von Altersstereotypen im Bereich alternsgerechter Assistenzsysteme 12 17 18
Vorannahmen der Stakeholder reichen z. B. von Vorstellungen, dass ältere Menschen Technik schwerer akzeptieren oder dass Männer ein größeres Interesse an Technik zeigen als Frauen, bis zu der individualisierenden Annahme, dass alle Nutzenden als Individuen verstanden werden müssen und keinerlei Vorannahmen bezüglich sozialer Zuschreibungen gemacht werden können. In der letztgenannten Perspektive werden soziale Einflüsse und Interaktionen und damit wichtige gesellschaftliche Instanzen und Rahmungen beiseitegeschoben. Eine solche die soziale Dimension ausblendende Individualisierung konterkariert die notwendige zielgruppenspezifische Ausrichtung in der Technikentwicklung.
Bisherige Forschung sucht Gründe für fehlende Technikakzeptanz vornehmlich aufseiten der Nutzenden 9 19 20 21 . Diese Begrenzung ist gerade für technische Assistenzsysteme im Alter kritisch zu betrachten 17 . So zeigt eine ethnographische Studie, wie sich vielfach stereotype Vorstellungen der Technikentwickelnden über das Altern in die Technologie „einschreiben“, etwa in Form einer Gestaltung, die sich an unterstellten Funktionsdefiziten der Nutzenden ausrichtet 18 . Unsere Untersuchung rückt daneben insbesondere die Bedeutung von Geschlechterstereotypen in den Blick, die etwa die vermeintliche Technikaffinität unterschiedlicher Nutzender betreffen und daher den Einsatz der entsprechenden Systeme beeinflussen können. Wenn sich solche Vorstellungen nicht mit den realen Bedarfen und Bedürfnissen der Nutzenden decken, kann dies Auswirkungen auf ihre Technikakzeptanz haben. Insbesondere die Heterogenität der Nutzenden findet so in der Technikentwicklung nicht ausreichend Beachtung.
Unsere Studie weist Limitationen in Bezug auf das Sample auf. Der höhere Anteil männlicher Interviewter wie auch eine geringe Diversität in Bezug auf Alter, Ethnizität und andere soziale Kategorien können einen Einfluss auf die Aussagekraft der Ergebnisse haben. Des Weiteren befanden sich die meisten Technologien, an deren Entwicklung oder Anwendung die Teilnehmenden beteiligt waren, entweder im Entwicklungsprozess oder in einer frühen Erprobungsphase, sodass Aussagen über den tatsächlichen Praxiseinsatz nur begrenzt getroffen werden konnten. Schließlich ist auch dem Einfluss kontextueller Faktoren wie etwa des theoretischen Zuschnitts von Forschungsprogrammen in der Technikentwicklung, der strategischen Ausrichtung von Unternehmen oder des Leitbildes von Pflegeeinrichtungen auf die Perspektiven der befragten Stakeholder systematisch Rechnung zu tragen, was weiterführende Kontextanalysen erforderlich macht.
Schlussfolgerungen
Unsere Ergebnisse verweisen auf weiteren Forschungsbedarf hinsichtlich der Bedeutung der Diversität von Nutzenden für die Technikakzeptanz sowie diversitätssensibler, partizipativer Technikentwicklung. Hierbei sind insbesondere inter- und transdisziplinäre Ansätze als erfolgsversprechend anzusehen, die Perspektiven aus der Technologieentwicklung, aber auch solche aus Pflegepraxis, Ethik, Sozialwissenschaft sowie Sichtweisen von Nutzenden selbst integrieren 18 .
Auch wenn partizipative Ansätze der Technikentwicklung an Bedeutung gewonnen haben, verdeutlicht die vorliegende Studie, dass sie in der Praxis noch eine untergeordnete Rolle spielen 18 . Eine partizipative und nutzendenzentrierte Entwicklung der Technologie, in der unterschiedliche Nutzendengruppen von Anfang an aktiv eingebunden werden, stellt eine Möglichkeit dar, um das Verständnis der Technikentwickelnden für die Diversität ihrer Zielgruppe zu stärken und deren Technikakzeptanz zu steigern. Daneben ist allerdings auch die Diversität der Technikentwickelnden selbst von Bedeutung für diversitätssensible Technologieentwicklung. Eine Studie zeigt etwa, dass heterogenere Entwicklungsteams ein besseres Verständnis für diverse Bedarfe und Bedürfnisse der Nutzenden haben und auch einen besseren Zugang zu marginalisierten Gruppen, die bis jetzt noch kaum in Entwicklungsprozesse einbezogen werden 16 . Darüber hinaus bedarf es eines begleitenden gesellschaftlichen Diskurses, der dazu beiträgt, einseitig defizitorientierte Altersstereotype zu überwinden und die Diversität älterer Menschen und weiterer Nutzender anzuerkennen 22 , um das Altern mit Assistenztechnologien wie der Robotik tatsächlich neu zu denken 1 .
Funding Statement
Funding Information Forschungsfond der Jade Hochschule Wilhelmshaven Oldenburg Elsfleth
Footnotes
Interessenkonflikt Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Literatur
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