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editorial
. 2022 Jan 13;84(1):16–18. [Article in German] doi: 10.1055/a-1707-2020

COVID-19: Schicksal oder Verantwortung?

Manfred Wildner
PMCID: PMC11248769  PMID: 35026849

Abstract

Ist unsere Zukunft vorherbestimmt? Eine Frage, die sich insbesondere zum wiederkehrenden astronomischen Ereignis einer Sonnenumrundung, mithin des Jahreswechsels und den damit verbundenen guten Wünschen und Vorsätzen stellt. Das aus dem Altniederländischen stammende Wort „Schicksal“ legt solches Denken nahe: Persönliche oder kollektive Geschichte als etwas von höheren Mächten „Geschicktes“ – gesetzte Fakten, welche damit im zeitlichen Verlauf als Zu-kunft unabänderlich auf uns zu-kommen. Eine Vorstellung, welche sich in vielen Kulturen bis in die Jetztzeit findet: Als Fatum, Präfation oder Kismet vorherbestimmtes Leben, welches durch Omen, Orakel, Kristallkugeln und Horoskope teilweise, allerdings nur undeutlich enthüllt werden kann.


Noch Johannes Kepler, welcher mit der exakten Berechnung der planetaren Ellipsen um die Sonne der kopernikanischen Wende und damit dem Übergang zu einem neuen, modernen Weltbild zum Durchbruch verhalf, wurde als kaiserlicher Mathematiker von Fürst Wallenstein wiederholt zur Erstellung exakter persönlicher Horoskope gedrängt. Einer Bitte, der Kepler nur im Ungefähren nachkam mit dem Hinweis, dass, wer solche präzisen Vorhersagen aus den Sternen haben wolle, „ das Licht der Vernunft, das ihme Gott angezündt, noch nie recht gepuzet “ habe 1 . Auch dem vorsichtigeren Satz „Die Sterne zwingen nicht, sie machen nur geneigt“ war er persönlich wenig zugeneigt (ebenda).

Die dahinterstehende grundsätzliche Frage nach Freiheit oder Determiniertheit steht in wissenschaftlich abgeänderter Form auch heute noch zur Diskussion: Wieviel Determinismus prägt individuelles und gesellschaftliches Leben – Determinismus, der sich zwar nicht aus den Sternen, wohl aber aus genetischen, sozialen und ökonomischen Determinanten oder aus (Zufalls-)Konstellationen davon speist? Haben wir überhaupt einen freien Willen? Welche Implikationen ergeben sich aus einem determinierten Dasein für Verantwortlichkeit und Schuldfähigkeit, z. B. im Strafrecht? Darüber ist in der Neuzeit mit ihrem Fokus auf die Selbstermächtigung des Menschen intensiv diskutiert worden. Die grundlegenden philosophischen Positionen dazu – Determinismus, Indeterminismus, Kompatibalismus – werden bis heute von ihren Anhängern erbittert verfochten und haben z.T. Eingang in die populärwissenschaftliche Literatur gefunden 2 . Mit den Fortschritten der Hirnforschung kam eine neue Nuancierung der Argumente ins Spiel: Wenn das Gehirn unser Denken bestimmt, wie frei sind wir dann gegenüber den Vorgängen in unserem Gehirn? Die Diskussion dazu führt zu den neurophysiologischen Experimenten von Benjamin Libet und seine dazu geäußerten Ansichten 3 4 . Diese Versuche zeigen, dass sich bereits neurophysiologische Bereitschaftspotentiale im Gehirn nachweisen lassen, bevor Entscheidungen als „bewusst“ wahrgenommen werden. Daraus wurde von verschiedener Seite – sehr weitreichend – eine unbewusste Determiniertheit unseres Daseins abgeleitet. Libet selbst postulierte dem gegenüber eine bewusste Kontrollmöglichkeit gegenüber solchen Impulsen (eine „Vetofunktion“) und plädierte in Grenzen für menschliche Entscheidungsfreiheit. Von Beginn an wurde eine deterministische Interpretation der Experimente Libets kritisiert. In jüngerer Zeit wurde zudem Libets äußerst dünne Evidenzbasis kritisiert und auf Basis einer Metaanalyse von vorliegenden Studien wurden erweiterte Thesen aufgestellt 5 .

Die physiopsychologische Zuspitzung ist allerdings nur eine Form der Diskussion dieses Themenkreises. Weiterführende und vertiefte Überlegungen zu den Themen Schicksal und Verantwortung als Ausdruck menschlicher Freiheit finden sich in den verschiedensten wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Feldern. Wie steht es um die Chancengleichheit in Bezug auf materielle Ressourcen, Bildung oder Gesundheit in einer Gesellschaft – sind diese schicksalhaft hinzunehmen? Sind Gender-Unterschiede in Einkommens- und Karrierechancen als Ergebnis eines freien (Arbeits-)Marktes akzeptabel oder haben wir hier Verantwortung für eine gezielte positive Diskriminierung („affirmative action“)? Über die Grenzen von Gesellschaften hinweg: Wieviel Verantwortung tragen die entwickelten Gesellschaften gegenüber den weniger entwickelten oder wirtschaftlich weniger leistungsfähigen Gesellschaften in einer globalen Perspektive? Welche Verantwortung hat jeder Einzelne und die Menschheit als Ganzes in Bezug auf menschliche Würde und menschliches Leben in einem globalen Kontext? Welche Verantwortung in Bezug auf den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen auf dem gemeinsamen Planeten Erde? Die Stichworte Klimawandel und neu auftretende, pandemische Infektionskrankheiten einschließlich globaler gesundheitlicher Notlagen seien hier ausdrücklich angeführt: Entwicklungen in Asien oder Afrika erreichen im 21. Jahrhundert sehr schnell alle Kontinente, und seien es „nur“ virale Alpha-, Delta- oder Omikron-Mutationen. Auch das Gegenteil ist der Fall, z. B. in Form der Emission von Treibhausgasen im globalen Norden mit im globalen Süden zu erwartenden Dürren, Ernteausfällen und daraus resultierenden menschlichen Tragödien.

Die im Bereich der individualmedizinischen Gesundheit Tätigen wissen um diese menschliche Verwundbarkeit und die menschliche Verantwortung für Linderung und Begleitung aus ihrer tagtäglichen Arbeit – oft genug ist es ein sich Stemmen gegen das scheinbar Schicksalhafte, mit mehr oder weniger Erfolg. Gleiches, wenn auch weniger „fassbar“, gilt für den Bereich der öffentlichen Sorge um die Gesundheit aller (Public Health): Im öffentlichen Gesundheitsdienst, in den diversen Institutionen der sozialen oder Verwaltungsdienstleistungen, in den Körperschaften und Forschungseinrichtungen u.v.a.m. Aufgaben am Dienst an den Menschen, welche zumeist im Stillen und Unbekannten wahrgenommen werden, denen in der kulturellen Reflexion aber durchaus auch faustische Aspekte zugeschrieben werden könnten: Ein ständiges Bemühen mit unsicherem Ausgang. „ Gesundheit ist kein natürlicher Zustand, sondern (auch) das Ergebnis menschlicher Anstrengung “, so der Heidelberger Medizinhistoriker Heinrich Schipperges.

Dieser bei allen Erfolgen der modernen Wissenschaften und ihrer praktischen Anwendung oft ungewisse Ausgang verlangt in zahlreichen Konstellationen auch explizit in die Zukunft gerichtete Überlegungen: Prognosen und daran anknüpfend bestmögliche vernünftige Entscheidungen. Hier lässt sich ein Bogen von den bangen Fragen eines Fürsten Wallenstein zu den wohl ebenfalls bangen Fragen heutiger Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen oder auch einfacher Menschen schlagen: Was wird die Zukunft bringen, was ist die bestmögliche, vernünftige und verantwortungsvolle Handlungsweise? Berechtigte Fragen, die in der Moderne zwar nicht mehr mit Hilfe von Kristallkugeln und hoffentlich auch nicht mit Hilfe von astrologischen Horoskopen beantwortet werden, wohl aber durch empirisch-wissenschaftliche Untersuchungen und Modellierungen und die flachen Flüssigkristalle der Computerbildschirme entscheidend informiert werden können. Mit Aussagen zum häufig unklaren Hier und Jetzt (Nowcasting, Hochrechnungen), mit Vorhersagen auf Basis von Trendfortschreibungen und Modellierungen und mit Hilfe von Szenarien unter verschiedenen Annahmen, im Weiteren auch hinsichtlich Risiko und Nutzen durch Entscheidungsanalysen quantifiziert.

Entscheidend für solche Risikobewertungen und Prognosen ist aber nicht nur die „geputzte Vernunft“ der Wissenschaftler/innen und Fachleute – ebenso wichtig ist die verständige Aufnahme solcher Prognosen durch die Entscheidungsträger, die Fachöffentlichkeit und die allgemeine Öffentlichkeit. Diese Überlegungen berühren das große Thema der Risikokommunikation, eine konkrete Fragestellung wäre beispielsweise die Haltung zu Schutzimpfungen 6 7 8 . Geradezu abergläubisch wäre, eine Prognose z. B. zum weiteren epidemischen Verlauf einer Pandemie ohne ihre Bedingtheiten zu lesen, die „ceteris paribus“-Annahme gleichbleibender Randbedingungen. Diese Randbedingungen resultieren aus der Wechselwirkung von Erregereigenschaften und Eigenschaften der menschlichen Wirtsorganismen mit der natürlichen und sozial gestalteten Umwelt, welche bei entsprechender Einflussnahme zu einer günstigeren oder auch ungünstigeren weiteren Entwicklungen führen kann. Aus einer günstigen Prognose die Freiheit zu weitreichenden, weil missverstanden folgenlosen Lockerungsmaßnahmen zu schließen, wie beispielsweise eine weitreichende Rücknahme von Infektionsschutzmaßnahmen während einer stabilisierten epidemischen Lage, wäre ein Rückfall in eine vormoderne Geisteshaltung, welche sich schuldhaft ihrer Vernunft nicht bedient. Es wäre auch eine Absage gegenüber dem Bild eines für sich und seine Umwelt (mit-)verantwortlichen, in seinen Entscheidungen grundsätzlich freien Menschen. Diese – wie auch immer begrenzte – Freiheit des Menschen bringt zudem unaufhebbar ein weiteres Element der Unsicherheit in jede Prognose.

Nur eine akademische Frage? Um es sehr deutlich zum Ausdruck zu bringen: Der Umgang mit Prognosen und die Ableitung von verantwortlichem Handeln in Blick auf eine eben nicht alleine schicksalhafte Zukunft wird entscheidend sein für die „Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“ (Hans Jonas). Die verantwortliche Erstellung und die verantwortliche Aufnahme solcher Prognosen im Rahmen einer Pandemie und einer nachfolgenden fluktuierenden Endemie wie das durch das SARS-CoV-2-Virus ausgelöste Geschehen ist hierfür nur ein Vorspiel – immerhin mit der Herausforderung eines interdisziplinären, multisektoralen One Health-Ansatzes 9 . Die große nächste Bewährungsprobe wird mit aller Wahrscheinlichkeit der verantwortliche Umgang der Gesellschaften lokal und weltweit mit den Prognosen zur globalen Klimaentwicklung sein, siehe die Veröffentlichungen des Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC 10 .

Im Sinne solcher angewandten wissenschaftlichen Vernunft wollen die Beiträge in diesem Heft gelesen werden: Zu COVID-19 und Abhängigkeitserkrankungen, zu epistaktischen Blutungen nach nasalen Abstrichen, zu Kontrollüberzeugungen und psychischer Lebensqualität von Menschen mit afrikanischer Herkunft in Deutschland, zu Unterstützungsangeboten für Lungenkrebs- und Schlaganfallbetroffene in Berlin, zum Screening auf problematischen Alkoholkonsum, zu materieller Deprivation und subjektiver Gesundheit im Sozio-ökonomischen Panel, zum Konstrukt der Gesundheitskompetenz aus der Perspektive der Profession Physiotherapie, zu Lösungsansätzen für den Zugang digitaler Gesundheitsanwendungen zur Gesetzlichen Krankenversicherung, zu Nicht-Interventionellen Studien an einem kommunalen Großkrankenhaus unter Berücksichtigung der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) sowie zu Perspektiven und Potenzialen qualitativer Gesundheitsforschung.

Um am Ende noch einmal auf den Anfang zurückzukommen: Ist angesichts der Größe der Aufgaben und der Komplexität der zu berücksichtigenden Systeme unser Leben vielleicht doch schicksalhaft– vielleicht nicht in Blick auf ominöse Schicksalsgöttinnen und -götter, wohl aber in Blick auf die titanische Aufgabe einer Verantwortungsübernahme wie hinsichtlich der globalen Klima-Risiken und die gleichzeitig gegebene Begrenztheit unserer menschlichen Erkenntnis- und Handlungsmöglichkeiten 11 ? Muss nicht, auf einer anderen Ebene, vielleicht doch über unserer Vernunft noch ein „guter Stern“ stehen, damit angewandte Vernunft praktisch gelingt? Vielleicht gilt, in Abwandlung der alten These und mit dem angenommenem Einverständnis Keplers, „ die verschiedenen biologischen, sozialen, ökonomischen und umweltbezogenen Determinanten zwingen nicht, aber sie machen geneigt “, als mittlere Position. Diese würde uns einerseits die Würde von menschlicher Freiheit und Verantwortung zusprechen und gleichzeitig auch vor Augen führen, dass die biologischen und sozioökonomischen Umstände ebenso wie auch die physikalisch-chemische Umwelt einen erheblichen Einfluss auf unser menschliches Leben haben – insbesondere in einem Erdzeitalter des Anthropozäns, welches erstmals von uns Menschen entscheidend geprägt wurde und wird. Zunehmende Verantwortung als unser Schicksal : Dies würde uns dezidiert in eine vorausschauende Verantwortung für unsere Generation und insbesondere auch für die zukünftigen Generationen unserer Kinder und Kindeskinder nehmen. Und mehr noch: Für das Netzwerk des Lebens auf unserem wunderbaren Planeten in einem kalten Kosmos. Einem blauen Planeten, dessen Bild, aufgenommen aus dem All, unsere Generation erstmals gleichsam als wegweisende und Kraft spendende kosmische Ikone mit auf den weiteren Weg bekommen hat – und damit vielleicht auch als wegweisenden (Wander-)Stern für das Neue Jahr 2022.

Biography

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Manfred Wildner

Footnotes

Interessenkonflikt Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur


Articles from Gesundheitswesen (Bundesverband Der Arzte Des Offentlichen Gesundheitsdienstes (Germany) are provided here courtesy of Thieme Medical Publishers

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