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. 2023 Mar 14;85(3):147. [Article in German] doi: 10.1055/a-2022-1985

Die Anfänge des Bundesministeriums für Gesundheit

PMCID: PMC11248849

Abstract

Diese aktuelle Buch-Veröffentlichung schließt eine klaffende gesellschaftsgeschichtliche Lücke. Auf ein Ministerium für Gesundheitswesen mussten Deutsches Reich und Bonner Republik bis 1961 warten. Ab 1949 gestaltete im Wesentlichen die Abteilung IV im Bundesministerium des Innern die Bonner Gesundheitspolitik. Die dortigen Netzwerke, mit ihrer weitreichenden personellen und ideellen Kontinuität nach 1945, fanden bereits 2018 in der Veröffentlichung von Bösch und Wirsching „Hüter der Ordnung. Die Innenministerien in Bonn und Ost-Berlin nach dem Nationalsozialismus“ eine beeindruckende Darstellung auf welche die Autoren aufbauen konnten.


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In drei Abteilungen erarbeitet Kreller, unterstützt von Kuschel, einen umfassenden Einblick in die Wurzeln des Bundesgesundheitsministeriums, in dessen Personalpolitik und den daraus resultierenden frühen gesundheitspolitischen Schwerpunksetzungen. Er schildert zunächst die Vorgeschichte des Ministeriums vor 1945 um im Kapitel „Das verspätete Ministerium“ das Ringen um ein eigenes Bonner Gesundheitsressort darzustellen. Kanzler Adenauer wurde zum einen von seiner Bundestagsfraktion gedrängt, endlich auf bereits Ende der 50er Jahre gesellschaftlich breit diskutierte gesundheitspolitische Vorstöße der oppositionellen SPD zu reagieren. Zum anderen setzte ihn die Hartnäckigkeit engagierter CDU-Frauen um eine adäquate Repräsentanz ihres Geschlechts in der Bundespolitik unter Druck. Schlussendlich gelang es nach Jahren, ihm ein Ministerium abzuringen, das, zusammengewürfelt aus sechs anderen Ressorts und drei Bundesoberbehörden, fürderhin über 30 Jahre ausnahmslos von Frauen geführt werden sollte. Erste Ministerin war die promovierte Juristin Elisabeth Schwarzhaupt. Die Forderung der verfassten Ärzteschaft auf ärztliche Kompetenz in der Ressortleitung wurde erst 2021 verwirklicht, wenngleich mit Ludwig von Manger-König ab 1966 ein sozialdemokratischer Arzt aus Hessen neun Jahre als Staatssekretär fungierte. Damals wie heute fürchtete nicht nur die Ärztelobby und die christlich geführten Länder sogleich sozialistische Gleichmacherei und Aushebelung des Föderalismus. Die SPD-Ministerinnen Käthe Strobel (1966 bis 1972) und Katharina Focke (1972 bis 1976) setzten zusätzliche Schwerpunkte in Prävention (Bewegungsförderung) und Sexualkundeerziehung sowie der Einführung von Tagesmüttern, als das Ministerium ab 1969 auch für Familie und Frauen zuständig wurde. Die Bonner Gesundheitspolitik stellt sich hier als ein von Föderalisten, Konservativen und finanzstarken Lobbygruppen argwöhnisch beobachtetes und mithin vermintes Feld dar.

Die zweite Abteilung im Buch beschäftigt sich eingehend mit dem leitenden Personal im Ministerium (Referats-und Abteilungsleitungen) sowie den beiden, von 1963 nacheinander bis 1975 tätigen Staatssekretären. Lutz Kreller gelingt es mittels einer außergewöhnlichen Fleißarbeit – einer archivalischen Tiefenbohrung – eine in sich schlüssige Kausalkette konzise darzustellen, mit der er den Einfluss der ideellen Verwurzelung im rassenhygienischen NS-Gedankengut des über 20 Jahre dominierenden, zentralen Abteilungsleiters Josef Strahlau auf dessen gesundheitspolitische Agenda im BMG unzweifelhaft belegen kann. Hier wird evident, wie dieser mächtige Organisator im BMG in seiner Zeit als Amtsarzt in Oberhausen die NS-Zwangssterilisierung mit besonderer Vehemenz vorantrieb. Und auch Strahlaus mittelbare Unterstützung eines besonders verbrecherischen Aspekts der NS-Gesundheitspolitik – des Massenmordes an kranken und behinderten Menschen („Euthanasie“) – kann Kreller damit schlüssig nachweisen. Ein später Erfolg gelang der durch Strahlau im BMG etablierten alten Amtsarzt-Klicke, die ebenfalls der längst überholten Rassenhygiene anhing, mit der Verhinderung einer Entschädigung der NS-Zwangssterilisierten. Die Verabschiedung eines vermeintlich an das Grundgesetz angepassten, eugenisch geprägten Sterilisierungsgesetzes scheiterte indes am Widerstand medizinischer Fachverbände und des Koalitionspartners.

In der dritten Abteilung (Gesundheitspolitik) werden, neben den bereits erwähnten Politikfeldern ausführlich die Themen Krebs („Zum Umgang mit einer Volkskrankheit“) und Nikotin („Das Gift der Freiheit“) beleuchtet, um schließlich mit dem 5. Kapitel „Sauber und gesund“ den aufkeimenden Umweltschutz mit einem Focus auf die Luftreinhaltung und die Lebensmittelsicherheit deutlich zu kursorisch abzuhandeln. Dem Verbraucherschutz (Beispiel „Contergan“- Skandal) werden mithin nur knapp vier Textseiten gewidmet.

Der nun vorliegenden, im Personalteil außergewöhnlich tiefschürfenden Publikation ist jedenfalls eine breite Leserschaft zu wünschen.

Dr. Johannes Donhauser, Neuburg a. d. Donau

References

  • Keller L, Kuschel F.„Vom „Volkskörper“ zum Individuum. Das Bundesministerium für Gesundheitswesen nach dem Nationalsozialismus“ Göttingen: Wallstein; 202236,00 €ISBN 978-3-8353-5.2.2001-8 [Google Scholar]

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