Zusammenfassung
Ziel der Studie Wegen starker Veränderungen in den letzten Jahren wurden die illegalen Drogenexpositionsfälle der letzten 10 Jahre im Einzugsbereich des Giftnotrufs Erfurt untersucht.
Methodik Retrospektive Analyse oben erwähnter Fälle von 2011 bis 2020 nach Drogenklassen, Symptomschwere, Altersgruppen und Geschlecht.
Ergebnisse Illegale Drogenmissbrauchsfälle (4963, 2,8% aller Expositionsfälle) stiegen kontinuierlich von 316 in 2011 auf 614 in 2015 an. Anschließend verringerte sich ihre Fallzahl auf 514 in 2017, um auf 578 Fälle in 2019 erneut anzusteigen. Im Jahr 2020 gab es einen leichten Rückgang auf 549 Fälle. Das Fallzahlverhältnis des Misch- zu Einzelsubstanzkonsums erhöhte sich von 1,0 in 2011 auf 1,7 in 2020. Die Psychostimulantienexpositionsfälle verdoppelten sich von 2011 (168) bis 2020 (319). Expositionsfälle mit Neuen Psychoaktiven Stoffen (NPS) nahmen von 21 in 2011 auf 126 in 2015 zu und sanken auf 16 in 2020 ab. 320 Drogenexpostionsfälle (6,5%) verliefen schwer, 1902 Fälle (38,3%) mittelschwer und 2139 Fälle (43,1%) asymptomatisch oder leicht. Hauptsächlich betroffene Altersgruppen waren Erwachsene mittleren (72,7%) und unbekannten Alters (12,7%) sowie Jugendliche (12,1%). Männer (69,9%) waren häufiger als Frauen (26,9%) involviert.
Schlussfolgerung Die Drogenexpositionsfälle im Einzugsbereich des Giftnotrufs Erfurt erhöhten sich diskontinuierlich von 2011 bis 2020 durch Anstieg des Mischkonsums. Der zwischenzeitliche Rückgang in den Jahren 2016 und 2017 wurde durch die Abnahme der NPS-Fälle verursacht. Daten zu Drogenexpositionsfällen von Giftnotrufzentralen könnten offizielle Drogenberichte hinsichtlich klinisch-toxikologischer Aspekte ergänzen.
Schlüsselwörter: Halluzinogen, illegale Droge, Neue Psychoaktive Stoffe, Psychostimulantien, Giftinformationszentrum, zentral dämpfende Stoffe
Abstract
Aim of the study Because of significant changes in recent years, cases of illicit drug exposure reported to the Poisons Information Centre (PIC) Erfurt during the last 10 years were investigated.
Methods Retrospective analysis of above-mentioned cases from 2011 to 2020 according to substance classes, symptom severity, age groups, and gender.
Results Cases of illicit drug exposure (4,963, 2.8% of all exposures) increased from 316 in 2011 to 614 in 2015, decreased to 514 in 2017, and rose again to 578 in 2019. In 2020, a drop to 549 cases was observed. The ratio of multiple to single drug exposure cases, however, increased from 1.0 to 1.7 in 2020. Cases of exposure to psychostimulants almost doubled from 168 in 2011 to 319 in 2020. Cases of exposure to new psychoactive substances (NPS) rose from 21 in 2011 to 126 in 2015 and fell to 16 in 2020. 320 cases (6.5%) of illicit drug exposures resulted in severe, 1902 cases (38.3%) in moderate and 2139 cases (43.1%) in minor or no symptoms. Age groups mainly involved were adults of middle age (72.7%) and unknown age (12.7%) as well as adolescents (12.1%). Men (69.9%) were more often involved than women (26.9%).
Conclusions Illicit drug exposures reported to the Poisons Information Centre (PIC) Erfurt discontinuously increased from 2011 to 2020 mainly by increase in mixed consumption. The intermittent decrease in 2016 and 2017 was caused by the fall of NPS exposures. Data of substance abuse from PICs could supplement official annual drug reports in aspects of Clinical Toxicology.
Key words: hallucinogenic drug, illicit drug, new psychoactive drug, psychostimulants, sedative drug, poisons information centre
Einleitung
Weltweit stieg die Zahl der 15- bis 64 jährigen Drogenkonsumenten von 210 Mio. im Jahr 2009 auf 272 Millionen im Jahr 2018 an, was einem Anstieg der Prävalenz für den Drogenkonsum in dieser Altersgruppe von 4,8 auf 5,4% entsprach 1 . In Deutschland erhöhte sich die jährliche Prävalenz 18- bis 64-jähriger Konsumenten von Cannabis und illegaler Drogen in Prozent zur Gesamtbevölkerung bei Männern von 6,7 und 2,0% in 2009 auf 10,3 und 3,1% in 2018, während bei Frauen ein Anstieg von 3,4 und 0,8% auf 6,2% und 2,0% in 2018 festzustellen war 2 . In den Jahren 2011 und 2012 wurde in offiziellen Drogenberichten auf einen explosionsartigen Anstieg des Abusus neuartiger Stoffe mit der Bezeichnung Neue Psychoaktive Stoffe (NPS) mit chemisch struktureller Ähnlichkeit zu bereits bekannten Stimulanzien, Halluzinogenen oder Sedativa hingewiesen 3 . Im Rahmen eines europäischen Frühwarnsystems wurden zwischen 2005 und 2011 mehr als 164 NPS ermittelt und in den Jahren 2012 bis 2015 Rekordzahlen von erstmalig entdeckten Stoffen gemeldet 4 . Am 26. November 2016 trat das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetzes, NpSG, in Kraft 5 . 2018 wurde zwar in Deutschland eine geringe Prävalenz von NPS in der Allgemeinbevölkerung im Alter zwischen 18 und 64 Jahren mit 2,6% für die Lebens- und 0,9% für die 12-Monats-Prävalenz festgestellt 6 . Allerdings hatte die 12-Monats-Prävalenz für diese Altersgruppe im Jahr 2015 ebenfalls 0,9% betragen 7 . Im aktuellen Jahresbericht 2020 der Drogenbeauftragten der Bundesregierung wurde ein Anstieg der 12-Monats-Prävalenzen bei Erwachsenen für Amfetamine (2015: 1,0%, 2018/2019: 1,2%), Ecstasy (2015: 0,6%, 2018/2019: 1,1%) und besonders für Kokain (2015: 0,6%, 2018/2019: 1,1%) und Crack (2015: 0,02%, 2018/2019: 0,1%) festgestellt 8 . Die Ausbreitung von COVID-19 2020 in Europa führte zu Veränderungen auf den Drogenmarkt und nicht einschätzbaren Effekten auf den Drogenkonsum 9 . Um sich einen aktuellen Überblick zum Vergiftungsgeschehen durch illegale Drogen im Einzugsbereich des Giftnotrufs Erfurt zu verschaffen, führten wir eine retrospektive Studie durch.
Methoden
Datenquelle
Der Gifnotruf Erfurt (zuständig für circa 10,1 Mio. Einwohner in den vier Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) ist 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr für medizinische Laien und medizinisches Fachpersonal telefonisch erreichbar. Alle Expositionsanfragen zu illegalen Drogen an den Giftnotruf Erfurt von Anfang 2011 bis Ende 2020 wurden retrospektiv analysiert. Nicht eingeschlossen in die Studie wurde Fälle mit missbräuchlicher Einnahme von Arzneimitteln oder Pflanzen. Alle Fälle wurden während der Dokumentation und am Folgetag auf Plausibilität überprüft. Von ursprünglich 5243 Fällen wurden 238 ausgeschlossen, da die Exposition fraglich war und 42 Fälle ohne Zusammenhang zwischen Symptomen und Exposition. 172 Fälle (3,5%) wurden abschließend nachverfolgt.
Klassifikation der Stoffe, Altersgruppen und Symptomschwere
Die Daten wurden nach Stoffklassen, Altersgruppen, Geschlecht und Symptomschwere ausgewertet. Die Stoffe wurden eingeteilt in Psychostimulantien (Amfetamine, Kokain und Crack, Metamfetamin, Tenamfetamin, andere Psychostimulantien), zentral dämpfende Stoffe (Benzodiazepine, Cannabis, Gamma-Hydroxybuttersäure und Vorstufen, Opioide, andere zentral dämpfende Stoffe), Halluzinogene (andere Arylcyclohexylamine, andere Halluzinogene, Ketamin, LSD, Mescalin, andere natürliche, synthetische und andere Tryptamine, Phencyclidin, Psilocybin, Neue psychoaktive Stoffe (NPS) (Cathinonderivate, unbekannte NPS, andere synthetische Phenethylamine, synthetische Cannabinoide) und unbekannte Drogen. Als NPS wurden Stoffe eingruppiert, die nicht erkennbar den „klassischen“ Drogen zugeordnet werden konnten. Wenn keine Angaben zu den Inhaltsstoffen zu finden waren, erfolgte die Zuordnung in unbekannte NPS. Als Opioide wurden alle illegalen Stoffe mit Opioidrezeptoren-vermittelter morphinähnlicher Wirkung eingeordnet.
Altersgruppen waren: Säugling (<1 Jahr), Kleinkind (1 bis<6 Jahre), Schulkind (6 bis<14 Jahre), Kind unbekannten Alters (<18 Jahre), Jugendlicher (14 bis<18 Jahre), mittelalter Erwachsener (18 bis 65 Jahre), Senior (>65 Jahre), Erwachsener unbekannten Alters (≥ 18 Jahre), Alter unbekannt. Die Symptomschwere wurde nach dem „Poisoning Severity Score” eingeteilt in „symptomlos” bis „leicht” „0+1”, „mittelschwer” „2” und „schwer” „3” 10 .
Statistik
Relative Häufigkeiten der Symptomschwere, Altersgruppe und Geschlecht wurden verglichen. 95% Konfidenzintervalle (CI 95 ) der Unterschiede relativer Häufigkeiten wurden berechnet nach einer Approximation an die Gaußsche Normalverteilung für hohe Fallzahlen nach der Gleichung von Sachs and Hedderich 11 .
Lupper: Obergrenze CI 95 ; Llower: Untergrenze CI 95 ; SQRT: Quadratwurzel; x=absolute Fallzahl; n=Gesamtzahl aller Fälle; p=x/n=relative Häufigkeit; z=1,96 für CI 95 ; für n*p>5 und n*(1-p)>5:
Lupper ≈ (p+1/2n+z * SQRT (p*(1-p)/n);
Llower ≈ (p - 1/2n - z * SQRT (p*(1-p)/n).
Ergebnisse
Illegale Drogenexpositionsfälle (4963, 2,8% aller Expositionsfälle) stiegen kontinuierlich von 316 (2,2% aller Humanexpositionsfälle, Mischkonsum: 154) in 2011 auf 614 (3,6% aller Humanexpositionsfälle, Mischkonsum: 311) in 2015 an. Anschließend verringerte sich ihre Fallzahl auf 514 (2,2% aller Humanexpositionsfälle, Mischkonsum: 281) in 2017, um auf 578 Fälle (2,7% aller Humanexpositionsfälle) in 2019 erneut anzusteigen ( Abb. 1a ). Diese erneute Zunahme der illegalen Drogenexpositionsfälle war vorwiegend getragen vom Anstieg des Mischkonsums, der sich von 281 Fällen in 2017 auf 361 Fälle in 2019 erhöhte, während der Einzelstoffmissbrauch von 233 Fällen in 2017 sogar auf 217 Fälle in 2019 abfiel. Im Jahr 2020 wurde ein leichter Rückgang auf 549 Fälle (2,6% aller Humanexpositionsfälle, Mischkonsum: 349) in 2020 beobachtet ( Abb. 1a ). Insgesamt erhöhte sich das Fallzahlverhältnis der illegalen Drogenexpostionsfälle gemischt/einzeln von 1,0 in 2011 auf 1,7 in 2020. Die Zahl der Expositionsfälle mit Psychostimulantien stieg von 168 in 2011 (Mischkonsum: 90) auf 319 in 2020 (Mischkonsum: 219) an ( Abb. 1b ). Unter den insgesamt 2641 Expositionsfällen mit Psychostimulantien waren 933 Fälle mit Amfetaminen, gefolgt von Metamfetamin (747), Kokain und Crack (514) und Tenamfetamin (442) ( Tab. 1 ). Während die Zahl der Expositionsfälle mit Metamfetamin nach einem kurzen Anstieg von 57 in 2011 auf 106 in 2012 wieder auf 65 Fälle im Jahr 2020 abfiel, kam es bei Expositionsfällen mit Amfetaminen (2011: 77; 2020: 108) zu einem 1,5-fachen und mit Cocain und Crack (2011: 21; 2020: 85) sowie Tenamfetamin (2011: 13; 2020: 60) zu einem vier- bis fünffachen Anstieg der Fallzahlen von 2011 bis 2020 ( Tab. 1 ). Die Zahl der Expositionsfälle mit zentral dämpfenden Stoffen (insgesamt 1341) erhöhte sich von 2011 mit 83 Fällen auf 178 Fälle in 2019 und sank 2020 auf 149 Fälle ab ( Tab. 1 ). Darunter waren 522 Fälle mit Cannabis, 310 Fälle mit Gamma-Hydroxybuttersäure und Vorstufen, 260 Fälle mit Opioiden, 232 Fälle mit anderen zentral dämpfenden Stoffe und 17 Fälle mit Benzodiazepinen. Die Zahl der Cannabisfälle stieg von 36 in 2011 auf 72 in 2015, sank danach auf 56 Fälle in 2018 und stieg in den Jahren 2019 (68) und 2020 (63) wieder an ( Tab. 1 ). Opioidfälle nahmen ebenfalls von 2011 (11) bis 2018 (39) diskontinuierlich zu, um auf 18 Fälle in 2020 wieder abzufallen ( Tab. 1 ). Die Zahl der Expositionsfälle mit Halluzinogenen verdoppelte sich von 22 in 2011 auf 50 in 2020. Darunter waren insgesamt 153 Fälle mit LSD, 114 Fälle mit Psilocybin, 31 Fälle mit Ketamin, jeweils 17 Fälle mit Tryptaminen (14 natürliche, 2 synthetische und 1 anderes) sowie Phencyclidin, 8 Fälle mit anderen Halluzinogenen, 5 Fälle mit Mescalin, 3 Fälle mit anderen Arylcyclohexylaminen.. Die Anzahl der Expositionsfälle mit LSD erhöhten sich diskontinuierlich von 7 in 2011 auf 30 in 2017. Danach kam es nach einem kurzen Einbruch in 2018 (11) zu einem erneuten Anstieg auf 26 Fälle in 2020. Die Fallzahl der Psilocybin-Expositionen nahm ebenfalls diskontinuierlich von 7 Fällen in 2011 auf 30 Fälle in 2018 zu, und verringerte sich anschließend auf 26 Fälle in 2020 ( Tab. 2 ). NPS-Expositionsfälle (448) stiegen von 2011 mit 10 stetig auf 126 Fälle in 2015 an und fielen auf 16 Fälle in 2020 ab ( Tab. 2 ). Unter den NPS wurden 189 Fälle mit unbekannten NPS, 184 Fälle mit synthetischen Cannabinoiden, 47 Fälle mit Cathinon sowie 28 Fälle mit anderen synthetischen Phenethylaminen beobachtet. Der Kurvenverlauf der NPS-Fälle war auf den Anstieg der Expositionsfälle mit unbekannten NPS und synthetischen Cannabinoiden von jeweils 10 Fällen in 2011 auf 39 und 34 in 2015 mit abschließendem Abfall auf 6 und 7 Fälle in 2020 zurückzuführen ( Tab. 2 ). Daten zur Symptomschwere der Expositionsfälle mit Psychostimulantien, zentral dämpfenden Stoffen, Halluzinogenen, NPS und unbekannten Drogen sind in Tab. 3 aufgeführt. Von den 4963 illegalen Drogenexpositionsfällen verliefen 320 Fälle (6,5%) schwer, 1902 Fälle (38,3%) mittelschwer und 2139 Fälle (43,1%) asymptomatisch oder leicht. Dabei waren die Fälle mit Mischkonsum (2691) etwas häufiger schwer (7,0% und mittelschwer (39,5% als Einzelstoffmissbrauchsfälle (schwer 5,9%; mittelschwer 36,9%), wobei diese Unterschiede jedoch statistisch nicht signifikant waren ( Tab. 3 ). Am häufigsten wurden schwere Symptome bei Fällen mit Mischintoxikationen unbekannter Drogen (10,1%) und zentral dämpfenden Stoffen (9,4%) beobachtet, während mittelschwere Fälle am häufigsten bei Mischexpositionen mit unbekannten Drogen (48,6%) und Monoexpositionen mit NPS (46,9%) auftraten. Todesfälle traten im Zusammenhang mit Expositionen von Amfetamin (1), Metamfetamin (1), Tenamfetamin (2) und Gamma-Hydroxybuttersäure (1) auf. Illegale Drogenexpositionsfälle wurden hauptsächlich bei Erwachsenen mittleren Alters (72,7%), Erwachsenen unbekannten Alters (12,7%) und Jugendlichen (12,1%) beobachtet. Unter den Jugendlichen machten den größten Anteil Expositionsfälle mit unbekannten Drogen (21,3%) und NPS-Fälle (19,0% ) aus, während bei Erwachsenen mittleren Alters am häufigsten Fälle mit Psychostimulantien (74,5% CI 95 : 72,8–76,2), Halluzinogenen (73,0%) sowie zentral dämpfende Stoffe (72,9%) vertreten waren ( Abb. 2a ). In den anderen Altersgruppen kamen Fälle der einzelnen Stoffklassen gleichhäufig vor ( Abb. 2a ). Bei allen Stoffklassen wurden Drogenexpositionsfälle häufiger bei Männern (69,9%) als bei Frauen (26,9%) beobachtet. Die Geschlechterverteilung blieb dabei im Beobachtungszeitraum relativ konstant (2011: männlich (72,5%), weiblich (25,9%); 2020: 68,7%; Frauen 28,4%). Nach Subanalyse der Altersgruppen wurde bei Jugendlichen eine Annäherung der Geschlechtsverteilung von 2011 (männlich 74,4%, weiblich 23,3%) bis 2020 (männlich 49,2%, weiblich 49,2%) beobachtet, während sie bei Erwachsenen mittleren Alters gleichbleibend unterschiedlich blieb (2011: männlich 73,2%, weiblich 26,3%; 2020: männlich 73,5%; weiblich 24,4%). Nach Auswertung der Geschlechtsverteilung in Abhängigkeit der Stoffklasse waren die Unterschiede bei den Halluzinogenen (männlich 78,8%; weiblich 19,1%) und NPS (männlich 80,4%; weiblich 15,4%) besonders ausgeprägt ( Abb. 2b ).
Abb. 1.

Anzahl aller Drogenmissbrauchsfälle a und nach Unterteilung in Psychostimulantien, zentral dämpfende Stoffe, Halluzinogene und andere unbekannte Drogen b im Einzugsbereich des Giftnotrufs Erfurt von 2011 bis 2020.
Tab. 1 Expositionsfälle mit einzelnen Psychostimulantien und zentral dämpfenden Stoffen im Einzugsbereich des Giftnotrufs Erfurt von 2011 bis 2020.
| 2011 | 2012 | 2013 | 2014 | 2015 | 2016 | 2017 | 2018 | 2019 | 2020 | gesamt | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Psychostimulantien | 168 | 230 | 252 | 244 | 276 | 276 | 281 | 278 | 317 | 319 | 2641 |
| Amfetamine | 77 | 73 | 90 | 71 | 104 | 107 | 91 | 89 | 123 | 108 | 933 |
| Cocain und Crack | 21 | 28 | 41 | 42 | 49 | 49 | 64 | 70 | 65 | 85 | 514 |
| Metamfetamine | 57 | 106 | 99 | 97 | 76 | 62 | 75 | 48 | 62 | 65 | 747 |
| Tenamfetamin | 13 | 20 | 22 | 34 | 46 | 58 | 51 | 71 | 67 | 60 | 442 |
| andere Psycho-stimulantien | 3 | 1 | 1 | 5 | |||||||
| Zentral dämpfende Stoffe | 83 | 99 | 99 | 112 | 158 | 151 | 138 | 174 | 178 | 149 | 1341 |
| Cannabis | 36 | 29 | 37 | 48 | 72 | 56 | 57 | 56 | 68 | 63 | 522 |
| Gamma-Hydroxybuttersäure und Vorstufen | 26 | 34 | 19 | 22 | 26 | 27 | 30 | 51 | 39 | 36 | 310 |
| Opioide | 11 | 13 | 21 | 26 | 32 | 38 | 24 | 39 | 29 | 27 | 260 |
| Benzodiazepine | 3 | 5 | 1 | 6 | 2 | 17 |
Tab. 2 Expositionsfälle mit einzelnen Halluzinogenen und Neuen psychoaktiven Stoffen (NPS) im Einzugsbereich des Giftnotrufs Erfurt von 2011 bis 2020.
| 2011 | 2012 | 2013 | 2014 | 2015 | 2016 | 2017 | 2018 | 2019 | 2020 | gesamt | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Halluzinogene | 22 | 22 | 18 | 26 | 30 | 45 | 49 | 40 | 43 | 50 | 345 |
| LSD | 7 | 13 | 4 | 9 | 11 | 22 | 30 | 11 | 20 | 26 | 153 |
| Psilocybin | 12 | 4 | 11 | 12 | 15 | 12 | 11 | 16 | 9 | 12 | 114 |
| Ketamin | 1 | 2 | 1 | 1 | 1 | 2 | 9 | 5 | 9 | 31 | |
| Tryptamine (andere natürliche, synthetische und andere) | 1 | 1 | 1 | 1 | 2 | 2 | 2 | 0 | 6 | 1 | 17 |
| Phencyclidin | 1 | 1 | 1 | 1 | 2 | 2 | 2 | 2 | 2 | 14 | |
| andere Halluzinogene | 1 | 1 | 2 | 2 | 1 | 1 | 8 | ||||
| Mescalin | 1 | 1 | 1 | 1 | 1 | 5 | |||||
| andere Arylcyclohexylamine | 3 | 3 | |||||||||
| NPS | 21 | 28 | 39 | 48 | 126 | 83 | 35 | 33 | 19 | 16 | 448 |
| unbekannte NPS | 10 | 13 | 19 | 21 | 55 | 39 | 13 | 8 | 5 | 6 | 189 |
| Synthetische Cannabinoide | 10 | 6 | 8 | 20 | 62 | 34 | 14 | 13 | 10 | 7 | 184 |
| Cathinon und Derivate | 1 | 7 | 6 | 4 | 5 | 5 | 7 | 9 | 2 | 1 | 47 |
Tab. 3 Symptomschwere der Drogenexpositionsfälle im Einzugsbereich des Giftnotrufs Erfurt von Anfang 2011 bis Ende 2020 in absoluten und relativen Häufigkeiten mit CI 95 in %.
| Symptomschwere | |||||
|---|---|---|---|---|---|
| Drogenklasse | unbekannt | 0–1 | 2 | 3 | alle |
| Psychostimulanzien | 301 (11,4% CI 95 : 10,2–12,6%) | 1166 (44,2% CI 95 : 42,2–46,1%) | 1024 (38,8% CI 95 : 36,9–40,7%) | 150 (5,7% CI 95 : 4,8–6,6%) | 2641 |
| zentral dämpfende Stoffe | 180 (13,4% CI 95 : 12,4–14,4%) | 611 (45,6% CI 95 : 42,9–48,3%) | 443 (33,0% CI 95 : 31,7–34,4%) | 107 (8,0% CI 95 : 7,2–8,8%) | 1341 |
| NPS | 45 (10,0% CI 95 : 7,2–12,9%) | 168 (37,5% CI 95 : 32,9–42,1%) | 201 (44,9% CI 95 : 40,2–49,6%) | 34 (7,6% CI 95 : 5,0–10,2%) | 448 |
| Halluzinogene | 43 (12,5% CI 95 : 8,8–16,1%) | 134 (38,8% CI 95 : 33,6–44,1%) | 153 (44,4 CI 95 : 39,0–49,7%) | 15 (4,4% CI 95 : 2,1–6,6%) | 345 |
| unbekannte Drogen | 33 (17,6% CI 95 : 11,9–23,3%) | 60 (31,9% CI 95 : 25,0–38,8%) | 81 (43,1% CI 95 : 35,7–50,4%) | 14 (7,5% CI 95 : 3,4–11,5%) | 188 |
| Alle Drogen | 602 (12,1% CI 95 : 11,2–13,1%) | 2139 (43,1% CI 95 : 41,7–44,5%) | 1902 (38,3% CI 95 : 37,0–39,7%) | 320 (6,5% CI 95 : 5,8–7,1%) | 4963 |
| Monoexposition | 301 (13,3% CI 95 : 11,8–14,7%) | 1000 (44,0% CI 95 : 42,0–46,1%) | 838 (36,9% CI 95 : 34,9–38,9%) | 133 (5,9% CI 95 : 4,9–6,8%) | 2272 |
| Mischexposition | 301 (11,2% CI 95 : 10,0–12,4%) | 1139 (42,3% CI 95 : 40,4–44,2%) | 1064 (39,5% CI 95 : 37,7–41,4%) | 187(7,0% CI 95 : 6,0–7,9%) | 2691 |
Abb. 2.

Relative Häufigkeiten der Expositionsfälle mit Psychostimulantien, zentral dämpfenden Stoffen, Halluzinogenen, Neuen psychoaktiven Stoffen (NPS) nach Altersgruppen a und Geschlecht b im Einzugsbereich des Giftnotrufs Erfurt von 2011 bis 2020.
Diskussion
Der laut Drogenberichte von 2009 bis 2018 zunehmende Drogenkonsum 1 2 spiegelt sich auch in der Zunahme der illegalen Drogenexpositionsfälle von 2011 bis 2019 im Einzugsbereich des Giftnotrufs Erfurt wider, wobei im Jahr 2020 die Zahl leicht rückläufig war ( Abb. 1 ). Möglicherweise ist der Rückgang der illegalen Drogenexpositiosnfälle 2020 auf die Coronapandemie zurückzuführen. Andererseits stieg die Zahl der Drogentoten in Deutschland von 1398 in 2019 auf 1581 (+13%) in 2020 bei weiterhin florierendem Drogenhandel an 9 12 . Der Anstieg der illegalen Drogenexpositionsfälle von 2011 bis 2019 der vorliegenden Studie wurde hauptsächlich durch zunehmenden Mischkonsum verursacht, während der Einzelstoffmissbrauch seit einem Maximum im Jahr 2015 eher rückläufig war ( Abb. 1a ). Auch in den USA stiegen die Expositionen mit einer Droge von 2010 mit 30654 bis 2019 auf 37755 Fällen um 23% an, während die Mischexpositionen für den gleichen Zeitraum von 20987 Fällen um 38,8% auf 29139 Fälle zunahmen 13 14 . Der Rückgang der Drogenexpositionsfälle mit einem Stoff in der vorliegenden Studie war am ehesten auf eine deutliche Abnahme der NPS-Fälle zurückzuführen, da hier die Monoexpositionen mit 290 Fällen gegenüber den Mischexpositionen mit 158 den Hauptteil ausmachten. Unklar ist, ob dieser Rückgang durch das Inkrafttreten des Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetzes am 26. November 2016 bedingt ist. So wurde zwar in einer Evaluation der Auswirkungen des Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetzes (NpSG) aus dem Jahr 2019 einerseits ebenfalls ein Rückgang der NPS-Vergiftungsfälle von 51 Fällen im Jahr 2016 auf 17 Fälle im Jahr 2017 und auf 32 Fälle im Jahr 2018 von der Vergiftungs-Informations-Zentrale Freiburg beobachtet, andererseits blieb jedoch die 12-Monats-Prävalenz des NPS-Konsums bei 18- bis 64-jährigen Personen 2015 und 2018 mit 0,9% gleich 15 . Möglicherweise meiden Patienten nach Einführung des NpSG die Behandlung in der Klinik, berichten in der Klinik seltener über den NPS-Konsum, oder die behandelnden Ärzte haben inzwischen mehr Erfahrung bei der Behandlung von NPS-Expositionen gesammelt. Im Jahresbericht 2020 der Drogenbeauftragten der Bundesregierung wurde ein Anstieg der 12-Monats Prävalenzen bei Erwachsenen von 2015 bis 2018 bei den Psychostimulantien für Amfetamine, Ecstasy und besonders für Cocain und Crack und bei den zentral dämpfenden Stoffe für Cannabis und Opioide festgestellt, während die Werte für LSD gleich blieben 8 . Ab 2015 stiegen in der vorliegenden Studie bei den Psychostimulantien nur Expositionsfälle mit Cocain und Crack bis ins Jahr 2020 an ( Tab. 1 ). Auch bei den LSD-Expositionsfällen gab es einen Anstieg für diesen Zeitraum zu verzeichnen ( Tab. 2 ), während Fälle mit Cannabis und Opioide eher abfielen ( Tab. 1 ). Psychostimulantien können über Sympathikusaktivierung zu Euphorie, Aktivitätssteigerung, Tachykardie, Hypertonie, Krampfanfällen und Myokardinfarkt führen. Zentral dämpfende Stoffe verursachen Vigilanzminderung von Schläfrigkeit bis Koma mit Beeinträchtigung der Atmung. Halluzinogene können bedrohlich werden durch Realitätsverlust, Panickattacken, Horrortrips und Psychosen 16 . Da NPS Stoffe aus allen drei Gruppen enthalten können, ist die Symptomatik hier entsprechend vielfältig. Die Symptomschwere der illegalen Drogenexpostionsfälle (43,1% asymptomatisch oder leicht, 38,3% mittelschwer und 6,5% schwer) ( Tab. 3 ) war vergleichbar mit den Ergebnissen des Jahresberichts der Giftnotrufzentren in den USA zur Symptomschwere von Stimulantien und Straßendrogen aus dem Jahr 2019, in dem 58,5% der Fälle asymptomatisch oder mit leichten Symptomen, 34,9% mit mittelschweren und 6,6% mit schweren Symptomen verliefen. Expositionsfälle mit zentral dämpfenden Stoffe, NPS und Halluzinogenen wiesen hier jedoch häufiger schwere Symptome (29,6, 14,2, 10,1%) auf 14 .
Bei illegalen Drogenexpositionsfällen der vorliegenden Studie waren am häufigsten Erwachsene mittleren und unbekannten Alters sowie Jugendliche involviert, wobei das männliche Geschlecht überwog.
Bei Jugendlichen und Erwachsenen erfolgte die Drogenexposition meist in missbräuchlicher Absicht und wurde bereits bei Schulkindern beobachtet. Drogenexpositionen bei Säuglingen oder Kleinkindern erfolgte akzidentell mit Drogen, die von Bezugspersonen eingenommen oder in Reichweite von Kindern aufbewahrt wurden ( Abb. 2a ). Unter den Jugendlichen waren Expositionsfälle mit unbekannten Drogen und NPS und bei Erwachsenen mittleren Alters Fälle mit Psychostimulantien, Halluzinogenen sowie zentral dämpfende Stoffe am häufigsten ( Abb. 2a ). Besonders große Unterschiede der Geschlechtsverteilung gab es bei Expositionsfällen mit Halluzinogen und NPS ( Abb. 2b ). Im Bericht 2020 des nationalen REITOX-Knotenpunkts an die EMCDDA mit Daten aus den Jahren 2018/2019 waren die 12-Monats-Prävalenzen des Konsums irgendeiner illegalen Droge im Alter 12–17 Jahre und im Alter 18–64 Jahre mit 8,3% gleich, wobei Jugendliche im Vergleich zu Erwachsenen eher Cannabis (8,1 versus 7,1%) und Erwachsene im Vergleich zu Jugendlichen eher irgendeine Droge außer Cannabis (2,4 versus1,1%) bevorzugten 17 . Geschlechtsunterschiede der 12-Monats-Prävalenzen wurden ebenfalls festgestellt (irgendeine Droge: Jugendliche männlich 11,0%, weiblich: 5,4%; Erwachsene männlich: 10,2%, weiblich: 6,4%) 17 . Die Verhältnisse der 12-Monatsprävalenzen männlicher und weiblicher Personen des Konsums irgendeiner Droge glichen sich jedoch von 2009 (2,5) bis 2018 (1,6) an 2 . In der vorliegenden Studie kam es bei Jugendlichen ebenfalls zu einer Annäherung des Verhältnisses männlich/weiblich an Drogenexpostionsfällen (2011: 3,2; 2020: 1,0), während bei Erwachsenen mittleren Alters das Verhältnis nahezu unverändert blieb (2011: 2,8; 2020: 3,0)
Limitationen der Studie
Die Studie war retrospektiv angelegt. Die Daten der 4963 Drogenexpositionsfälle stammten aus Spontananrufen (90,3% Kliniken und 4,4% Privatpersonen) und sind daher nicht repräsentativ für den Bevölkerungsquerschnitt. Hauptaussagen einer Schweizer Studie zu Faktoren für eine Kontaktaufnahme von Notfallärzten zu Giftinformationszentren waren, dass bei niedriger Konsultationsrate von 11,4% die Hauptfaktoren für eine Kontaktaufnahme die Behandlung auf einer Intensivstation und die Komplexizität und Unsicherheit der Situation waren 18 . Bei Übertragung auf unsere Studie läge demnach die tatsächliche Zahl der Drogenexpositionsfälle in den Krankenhäusern deutlich höher und es wäre eine Verschiebung bei Anfragen zu Mischintoxikationen wahrscheinlich. Außerdem wäre von einer geringeren Kontaktaufnahme bei zunehmender Kenntnis der Stoffe und ihrer schädlichen Wirkung auszugehen. Geringe Nachverfolgungsraten von 3,5% dürften zu einer Unterschätzung der Symptomschwere geführt haben. Exakte Dosisangaben der eingenommenen Stoffe fehlten meist und eine Stoffanalytikanalytik wurde meist nicht durchgeführt. Angaben zu Inhaltssoffen zu NPS sind sehr unzuverlässig, weshalb ein Teil der durch NPS ausgelösten Symptome auch durch „klassische“ Drogen verursacht sein könnte.
Konsequenzen für die Klinik und Praxis.
ansteigende Zahl von Drogenexpositionsfällen durch Zunahme des Mischkonsums und der Exposition mit Cocain und Crack
mittelschwere (38,3%) und schwere (6,5%) Drogenexpositionsfälle machten ein Herz-Kreislauf-Monitoring erforderlich
Überwiegen des männlichen Geschlechts (männlich/weiblich 2,6/1), besonders bei Expositionen mit Halluzinogenen und NPS
Footnotes
Interessenkonflikt Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Fazit.
Im Beobachtungszeitraum kam es zu einem Anstieg der Anrufe wegen Drogenexpositionsfällen im Einzugsbereich des Giftnotrufs Erfurt durch Zunahme des Mischkonsums und der Expositionen mit Cocain und Crack. Eine kurzzeitige Abnahme der Drogenexpositionsfälle 2016 und 2017 ging auf eine Abnahme der NPS-Expositionsfälle zurück. 6,5% schwere 38,3% und mittelschwere Drogenexpostionsfälle machten ein Herz-Kreislauf-Monitoring erforderlich. Bei allen Drogenexpositionen überwog das männliche Geschlecht, insbesondere mit Halluzinogenen und NPS. Am häufigsten waren Erwachsene mittleren Alters sowie Jugendliche involviert. Bei den Jugendlichen war eine Angleichung der Geschlechter über die Zeit zu erkennen.
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