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. 2023 May 23;85(12):1245–1250. [Article in German] doi: 10.1055/a-2052-6611

Zwischen Unterstützung und Kontrolle: Der Qualitätsdiskurs zur informellen Pflege in Österreich

Between Support and Control: Quality Discourse on Informal Care in Austria

Verena Gebhart 1,, Simone Vitzthum 1
PMCID: PMC11248934  PMID: 37220787

Abstract

Ensuring quality of care is a key objective of welfare state action. In this context, also informal care is increasingly expected to meet quality standards. This article examines how and why quality assurance in informal care is demanded in political discourse, the problems of informal care that are addressed, and how different measures of quality assurance are legitimized and institutionalized. The analysis was carried out by means of a “framework analysis of political discourses”. All parliamentary debates/queries around the topic of “quality assurance of informal care” for the period 1993–2021, as well as Austria’s care provision reports (Pflegevorsorgebericht) 1994 to 2020 served as material. The results indicate an underdetermined concept of quality, which contains only vague ideas of what high-quality home care should look like. Quality assurance measures are primarily focused on supporting and relieving the burden on informal caregivers and thus address a resource problem. One of the aims of quality assurance is to maintain care “in one’s own four walls” for as long as possible. In the context of a quality assurance discourse, the state mainly fulfils a supporting and controlling function, while urgent issues of care provision recede into the background.

Key words: quality of healthcare, quality assurance, home care, home visit, discourseonline publiziert 2023

Einleitung

Pflegequalität gilt als Gradmesser für die Bewertung von Gesundheitssystemen sowie für die Ausgestaltung von Pflegesettings und des Pflegehandelns als solches. Die Bereitstellung einer qualitativ hochwertigen Pflege und die Sicherung von Pflegequalität sind erklärtes Ziel und Aufgabe sozialstaatlicher Steuerung und Maßnahmenplanung 1 2 3 .

Die erste gesetzliche Verankerung von Qualitätszielen im österreichischen Gesundheitswesen erfolgte im Jahr 1993 im Rahmen einer Änderung des Krankenanstalten- und Kuranstaltengesetzes [4, 5 (S. 15)]. Seitdem wurden Maßnahmen zur Qualitätssicherung sowie das Qualitätsmanagement im Gesundheitsbereich sukzessive ausgebaut und in der stationären (Langzeit-)Pflege implementiert [6 (S. 5)]. Diese Entwicklung wird begleitet und verstärkt durch die mediale Thematisierung von Qualitätsmängeln sowie die Aufdeckung sogenannter Pflegeskandale [7 (S. 11f.), 8]. Der Fokus auf Qualität in der professionellen (Langzeit-)Pflege hängt unter anderem auch mit der steigenden Ökonomisierung dieses Sektors sowie der damit geforderten Kosteneffizienz zusammen [6 (S. 9), 9].

Neben einer zunehmenden Bedeutung des Qualitätswesens in der stationären Pflege sowie einer Ausweitung von Qualitätssicherungsmaßnahmen auf den ambulanten und mobilen Pflegebereich, werden Qualitätsansprüche auch an die informelle Pflege (pflegende Angehörige) gerichtet.

Mit der Novelle zum Bundespflegegeldgesetz 2001 wurde mit §33a zur „Qualitätssicherung“ 10 die gesetzliche Grundlage zur Überprüfung informeller Pflegesettings geschaffen. Seitdem werden bei Hausbesuchen häusliche Pflegesituationen von diplomierten Gesundheits- und Pflegekräften mittels festgelegter Qualitätsindikatoren erfasst und bewertet 10 . Als Erhebungsinstrument dient seit 2011 ein standardisierter Situationsbericht, der vom Forschungsinstitut für Altersökonomie der Wirtschaftsuniversität Wien entwickelt wurde 11 . Definiert wurden insgesamt sechs Domänen, die von den aufsuchenden Pflegekräften vor Ort eingeschätzt und bewertet werden: Funktionale Wohnsituation, Körperpflege, medizinisch-pflegerische Versorgung, Ernährung inklusive Flüssigkeitszufuhr, hygienische Wohnsituation, Aktivitäten/Beschäftigung/Sozialleben [11 (S. 6)]. Werden Mängel festgestellt, sollten diese im Idealfall gleich durch entsprechende Aufklärung und Schulung bearbeitet werden.

Fragestellung und Ziel

Vor diesem Hintergrund geht dieser Beitrag der Frage nach, warum und wie eine Qualitätssicherung in den informellen Pflegebereich eingeführt wurde. Welchen Problemen der informellen Pflege soll mittels Qualitätssicherung begegnet werden? Mit welchen Argumenten wird eine Qualitätssicherung eingefordert und eine staatliche Qualitätskontrolle in Privathaushalten legitimiert und institutionalisiert?

Ziel dieser Untersuchung ist es, durch Einnahme einer kritischen, diskurstheoretischen Perspektive, jene Wissensstrukturen und Deutungsmuster aufzudecken, die als unhinterfragte Wahrheiten (sozial)staatliches Handeln anleiten und die Institutionalisierung und Legitimierung bestimmter Problemlösungen begünstigen.

Kontextualisierung

Der Diskurs zur Qualitätssicherung in der informellen Pflege ist im Kontext eines breiteren Pflegediskurses sowie vor dem Hintergrund der Spezifika des österreichischen Pflegevorsorgesystems zu betrachten.

75% der pflegebedürftigen Menschen in Österreich erhalten Unterstützung durch An- und Zugehörige [12 (S. 16)]. Wie in den meisten europäischen Ländern auch, wird damit ein Großteil der Langzeitpflege durch informell Pflegende („pflegende Angehörige“) erbracht. Informelle Pflege ist charakterisiert durch eine regelmäßige, unentgeltliche Pflege-, Betreuungs- bzw. Unterstützungsleistung von Personen, die dafür kein Ausbildungszertifikat erlangt haben. Den größten Anteil pflegender An- bzw. Zugehöriger stellen (Stief)Kinder (36%) oder Ehepartner:innen (35%); immerhin 5% entfallen auf Nachbarn und Bekannte [12 (S. 45)].

Traditionell wird Pflegearbeit der unbezahlten, weiblichen Reproduktionsarbeit zugeschrieben, was sich in einem nach wie vor hohen Anteil pflegender Frauen widerspiegelt 12 13 . Dass pflegende Angehörige häufig keine Unterstützung von mobilen oder ambulanten Diensten in Anspruch nehmen, ist u. a. ein Hinweis dafür, dass Langzeitpflege dem Privaten zugezählt wird und sich einem systemischen Zugriff (und letztlich einer vollständigen Professionalisierung) bis zu einem gewissen Grad entzieht.

Als eine der bedeutendsten Reformen in der Langzeitpflege Österreichs gilt die Einführung des Pflegegeldes 1993. Als „sozialpolitischer Meilenstein“ gelobt und als „beispiellose, gerechte und wirksame Verwaltungsreform“ beschrieben, soll es mittels pauschaler Abgeltung pflegebedingter Mehraufwendungen die Pflegebedürftigen in die Lage versetzen, selbst über Art und Umfang von Pflegeunterstützung zu entscheiden [14 (S. 7f), 15 (S. 99)]. Auffällig zeigt sich in diesem Zusammenhang die Betonung von Lebensqualität, Selbstbestimmung und Wahlfreiheit, jener Motive, die auch in den internationalen Debatten über Qualitätssicherung der Langzeitpflege dominieren bzw. sich in den strategischen Zielen des New Public Managements – Kunden-, Wettbewerbs- und Qualitätsorientierung – wiederfinden 16 .

Entgegen der Verheißungen von Freiheit und Selbstbestimmung, wird in der (sozial)wissenschaftlichen Literatur hinter dem Pflegegeld u. a. eine neoliberale Strategie aktivierender Sozialpolitik verortet 17 . Da das Pflegegeld die entstehenden Pflegekosten nicht gänzlich abdecken kann, bedeutet dies vor allem für einkommensschwache Haushalte, die Pflege selbst zu erledigen. Zudem ist nicht überall ein professionelles Angebot überhaupt vorhanden. Der kritische Blick auf eine Zunahme informeller Betreuungsverhältnisse im Rahmen prekärer Beschäftigungsverhältnisse meist ausländischer Frauen stellt Fragen einer qualitativ hochwertigen Pflegevorsorge in das Spannungsfeld sozialer Gerechtigkeit 18 19 .

Dem Pflegegeld folgten zahlreiche weitere Reformen der Pflegevorsorge, die in erster Linie auf eine finanzielle Sicherung der Pflege zu Hause abzielen, etwa die kostenlose Pensions- und Krankenversicherung für pflegende Angehörige, Pflegekarenz, Familienhospizkarenz/-teilzeit oder die Legalisierung von 24-h Betreuungsverhältnissen im Jahr 2007 (siehe dazu [20]).

Methodik

Theoretischen Hintergrund dieser Studie bildet der an Foucault anschließende Diskursbegriff. Als Diskurs werden nicht einzelne Aussagen verstanden, sondern alle Äußerungen gefasst, die zu einem bestimmten Sachverhalt getätigt werden und die in einer Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt als selbstverständlich wahrgenommen werden 21 22 . Foucault schlägt vor, Diskurse als Praktiken zu behandeln, „die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen“ [23 (S. 74)] und verweist damit auf die Tatsache, dass Sprache die soziale Realität nicht nur beschreibt, sondern soziale Realität schafft.

Für eine Interpretation und Deutung von Wirklichkeit stehen in der Regel Interpretationsschemata zur Verfügung, sogenannte „Rahmen“ oder „frames“. Eine „Rahmenanalyse politischer Diskurse“ bzw. eine „critical frame analysis“ untersucht, wie eine bestimmte Definition von Realität allgemeine Gültigkeit erlangt und zeigt die Legitimität und Dominanz von Rahmen bzw. Deutungen auf 24 25 26 . Sie analysiert, welche Argumentationen sich im politischen Diskurs durchsetzen, wie politische Probleme und deren Lösungen diskursiv geformt und konstruiert werden bzw. auf welche bestehenden Rahmen (Deutungen) verwiesen wird, um die Rezipient*innen zu überzeugen 24 .

Ein wichtiger „Schauplatz“ des politischen Diskurses zur Qualitätssicherung in der Pflege liegt im Parlament, wo auch über entsprechende Gesetzesänderungen abgestimmt wird. Es wurde daher auf der Homepage des Österreichischen Parlamentes nach inhaltlich relevanten Dokumenten für den Zeitraum 1993 (Einführung Pflegegeld) bis 2021 mit den Suchbegriffen Qualität+Pflege; Qualität+informelle Pflege; pflegende Angehörige; Hausbesuch+Pflege; Kontrolle+Pflege gesucht, sowie eine gezielte Suche nach Dokumenten rund um die Bundespflegegesetz-Änderung 2001 sowie die Einführung von §33a zur Qualitätssicherung durchgeführt.

Ebenfalls zum Datenkorpus zählen die Pflegevorsorgeberichte (PVB) Österreichs, die seit 1993 vom Sozialministerium herausgegeben werden, um die Öffentlichkeit über Maßnahmen und Probleme der Pflegevorsorge zu informieren (PVB 1995, S.1). Berücksichtigt wurden alle zum Zeitpunkt der Erhebung zugänglichen Berichte; somit alle Jahrgänge von 1995 (Berichtszeitraum 94/95) bis einschließlich 2020 (letztveröffentlichter Bericht zum Erhebungszeitpunkt).

Im Sinne eines „purposive samplings“ [27 (S. 165)] wurden jene Textteile (Diskursfragmente) ausgewählt, die als inhaltlich relevant erachtet wurden, d. h. die sich thematisch tatsächlich auf die Verbindung von „Qualität“ und „informeller Pflege“ bezogen.

Dieser Textkorpus wurde von beiden Autorinnen im 4-Augen-Prinzip deduktiv entlang eines Kategoriensystems codiert, das sich in Anlehnung an Mike Verloo 28 an den beiden Hauptkategorien „Problembeschreibung“ und „Problemlösung“ orientiert (siehe Tab. 1 ).

Tab. 1 Kategoriensystem einer „critical frame analysis“ in Anlehnung an Verloo.[30 (S. 30-31)].

Hauptcodes Subcodes Beschreibung
Problembeschreibung Beschreibung_Problem Was ist das Problem?
Problem_Argumentation Warum? Wie wird ein Sachverhalt zu einem Problem?
Problem_Kausalität Wer/was verursacht das Problem?
Problem_Rolle Wer ist verantwortlich für das Problem?
Problemlösung Beschreibung_Problemlösung Was soll getan werden?
Lösungsstrategie Wie soll das Problem gelöst werden (Strategien, Instrumente)?
Lösung_Argumentation Warum ist das die beste Lösung? Was wird als wünschenswert dargestellt?
Lösung_Rolle Wer ist verantwortlich für die Problemlösung?

In einer anschließenden Feinanalyse wurden ausgewählte Passagen des gesamten Textkorpus von beiden Autorinnen im 4-Augen Prinzip einer Sequenzanalyse (Wort für Wort bzw. Satz für Satz) unterzogen, um Deutungsrahmen zu identifizieren. Dazu wurden die Form (Argumentation, Stil, Überzeugungen, Metaphern, etc.) sowie der latente Inhalt der Diskursfragmente diskutiert und von den Autorinnen zu Themen formuliert. Diese Themen wurden im Verlauf der weiteren Analyse überprüft, verworfen oder präzisiert und mündeten letztlich in den „überzeugendsten“ Deutungsmustern bzw. Interpretationen 29 .

Ergebnisse

Problembeschreibung und -ursache

Als Ausgangspunkt der gesetzlichen Verankerung einer Qualitätssicherung in der informellen Pflege und den damit verbundenen Hausbesuchen lässt sich ein politisches Misstrauen hinsichtlich der „zweckmäßigen Verwendung“ bzw. „Treffsicherheit“ des Pflegegeldes festmachen.

Vermutet bzw. kritisiert werden u. a. „Zuwendungen an Angehörige“, die „Vergrößerung des späteren Nachlasses“ bzw. Situationen „wo das Pflegegeld am Sparbüchel für Enkel landet“ [15 (S. 100), 32, 33 (S. 132)]. Mit diesen und ähnlichen Argumenten wird die Kontrolle einer zweckmäßigen Verwendung des Pflegegeldes eingefordert, befürwortet und 2001 im Rahmen der Gesetzesnovelle zum Bundespflegegeldgesetz auf den Weg gebracht.

Die naheliegende Vermutung, eine Qualitätssicherung der informellen Pflege würde sich auf mögliche oder nachgewiesene Qualitätsmängel einer Pflege durch Angehörige beziehen, wird durch das Diskursmaterial nicht bestätigt. Im Gegenteil: Pflegedefizite oder eine Unterversorgung pflegebedürftiger Menschen zu Hause werden in der Regel als „Annahme“, „Verdachtsfall“ oder „Einzelfall“ formuliert (PVB 1995, S.9; PVB 2003, S.4) [15 (S. 91)]. Es herrscht ein breiter Konsens über die (sehr) hohe Qualität der Angehörigenpflege (PVB 1995, PVB 2000, PVB 2003, PVB 2019), die wiederholt als „sachgerecht“, „vorbildlich“ bzw. „hervorragend“ beschrieben wird (PVB 2000, S.10; PVB 2003, S.4). Etwaige Pflegemängel oder Versorgungslücken werden den hohen Belastungen in der Angehörigenpflege sowie einem nicht näher beschriebenen Informationsdefizit zugeschrieben (PVB 2004).

Die besondere Zurückhaltung und Vermeidung von Vorwürfen oder negativen Zuschreibungen in Richtung der pflegenden Angehörigen geht einher mit dem Einverständnis, dass pflegende Angehörige einen „gesellschaftspolitisch äußerst wertvollen Beitrag leisten“ (PVB 2008, S.21), wofür ihnen Wertschätzung, Dank und Anerkennung gebührt 14 .

In diesem Zusammenhang wird regelmäßig auf die hohe Relevanz der Angehörigenpflege „als tragende/wichtige Säule des österreichischen Pflegevorsorgesystems“ (PVB 2008, S.21) [3 (S. 1), 14 (S. 7)] hingewiesen. In den parlamentarischen Debatten werden auch Zahlen bemüht, die den monetären Wert der informellen Pflege (und somit das Einsparungspotenzial für den Staat) belegen 14 .

Mit diesen Erzählungen erhält die Problematik abnehmender informeller Pflegeressourcen eine besondere Brisanz und wird die Dringlichkeit von Unterstützungs- und Entlastungsangeboten für pflegende Angehörige hervorgehoben.

„Wir müssen pflegende Angehörige bei der Stange halten. […] Da muss man vor allem Unterstützungsmaßnahmen setzen. […] Da muss man natürlich Bemühungen setzen und versuchen, diese nicht durch die Entwicklung – längere Berufstätigkeit, Mobilität und Ähnlichen – zu verlieren.“ 14

Ein wiederkehrendes Motiv ist die Vorstellung von Pflegebedürftigkeit als unerwünschtem Zustand, der Menschen in ihrer Selbstbestimmung und Würde gefährdet. Die Pflegebedürftigen selbst erscheinen als vulnerable und schutzbedürftige Personengruppe, deren passiver Status sich u. a. dadurch verstärkt, dass Diskussionen über, aber selten mit Pflegebedürftigen geführt werden.

Getragen von der Annahme, der „Verbleib im eigenen sozialen Umfeld“ (PVB 1998, S.11) bzw. in „der gewohnten Umgebung“ (PVB 1996, S.22) stelle den „überwiegenden“ Wunsch (PVB 2012, S.24) 14 der Bevölkerung dar, wird die Versorgung pflegebedürftiger Menschen „in den eigenen vier Wänden“ [3 (S. 5)] zum Inbegriff eines würdevollen und selbstbestimmten Lebens. Die – weitgehend unhinterfragte – Wunschvorstellung „so lange wie möglich zu Hause bleiben zu können“ [14 (S. 16), 23 (S. 62)] wird gleichsam zum Leitbild, zum Ziel und zum Zweck einer Qualitätssicherung der informellen Pflege.

Problemlösungen

Die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit einer Unterstützung, Beratung und Entlastung pflegender Angehöriger wird fortlaufend wiederholt und bekräftigt, wobei argumentativ ihr Belastungserleben sowie ein Beratungsbedarf in den Vordergrund gerückt werden.

Dass diverse Maßnahmen (u. a. Pflegekurse, psychologische Unterstützung, Beratung und Information, soziale Absicherung etc.) die Pflegequalität sichern bzw. verbessern, stellt eine implizite und allgemein geteilte Annahme dar, die nicht hinterfragt, erläutert oder evaluiert wird. Die Wirkweise von Unterstützungsmaßnahmen scheint überhaupt nicht weiter begründungsbedürftig. Dies zeigt sich etwa in den rein deskriptiven Beschreibungen der implementierten Maßnahmen in den PVB, die ohne jegliche Erklärung über Ziel und Zweck der Maßnahmen auskommen (z. B. Bericht über das Pflegetelefon, PVB 2006).

Zu den Hausbesuchen, die mit der Gesetzesnovelle 2011 als „das“ Instrumentarium der Qualitätssicherung der informellen Pflege implementiert werden, findet keinerlei parlamentarische Debatte statt. Weder ihre Einführung selbst, noch das konkrete Vorgehen oder das angewandte Erhebungsinstrumentarium werden in irgendeiner Form diskutiert. Auch finden sich keinerlei Bezugnahmen zu den eingelangten Stellungnahmen zum Gesetzesentwurf, die u. a. Fragen der Finanzierung und Organisation, aber z. B. auch Kritik an einem Eingriff in die Persönlichkeitsrechte von Pflegebedürftigen enthalten.

Stattdessen zeigt sich eine generelle, jedoch auch unspezifische Zustimmung zur Qualitätssicherung im Allgemeinen, die als „wesentliche Verbesserung“, als „besonders wichtig“ und letztlich als selbstverständlich dargestellt wird:

„Die Sinnhaftigkeit der legistischen Einführung einer zusätzlichen Qualitätssicherung kann wohl von niemandem ernsthaft in Frage gestellt werden.“ [31 (S. 132)]

Obwohl sich weder ein systematischer Missbrauch von Pflegegeldern, noch gravierende Qualitätsmängel nachweisen lassen, können sich die Hausbesuche als bestimmendes Instrument der Qualitätssicherung in der informellen Pflege etablieren. Begleitet wird dieser Prozess durch einen Motivwechsel. Hausbesuche, denen auch Sanktionierungsmaßnahmen entwachsen können (bis hin zum Entzug des Pflegegeldes), werden nicht als Kontrollmaßnahme verstanden, sondern als Unterstützungs- und Beratungsinstrument gerahmt 10 . Ab dem Jahr 2005 lässt sich dahingehend auch eine sprachliche Änderung in den PVB festmachen: häusliche Pflegesituationen werden seither nicht mehr „kontrolliert“, sondern „erfasst“.

Den Hausbesuchen werden eine hohe Zielerreichung und durchwegs positive Effekte zugeschrieben: Sie stellen „eine zielführende und akzeptierte Maßnahme“ dar, die „große Anerkennung“ (PVB 2007, S.27) und „positive Resonanz der betroffenen Personengruppe“ erfährt und zu einer „nicht mehr wegzudenkenden Institution geworden ist“ (PVB 2006, S.16). Debatten über das Erhebungsinstrument selbst oder alternative, qualitätssichernde Maßnahmen werden damit obsolet und Hausbesuche als beste Lösung und bevorzugtes Instrument der Qualitätssicherung bestätigt und prolongiert.

Limitationen

Wie für jede diskursanalytische Arbeit ist auch für die gegenständliche Analyse abschließend nicht zweifelsfrei belegbar, ob der gewählte Materialkorpus tatsächlich alle Dokumente enthält, die für den Diskurs als bedeutsam einzustufen sind oder ob es eventuell weitere politische Schauplätze des Diskurses gibt, die nicht berücksichtigt wurden. Zudem enthalten die analysierten, parlamentarischen Dokumente keine breiteren Auseinandersetzungen, konkurrierende Meinungen oder gar einen politischer „Kampf“ um Deutungen. Die durchgeführte Rahmenanalyse konnte daher keine Analyse von Sprecher:innenpositionen oder Meinungsbildungsprozessen leisten.

Diskussion und Ausblick

Die Auswertung legen nahe, dass es sich bei der österreichischen politischen Debatte zur Qualitätssicherung in der informellen Pflege im Großen und Ganzen um ein Konsensthema handelt. Dieser Eindruck mag bis zu einem gewissen Grad dem Materialkorpus geschuldet sein, da – insbesondere die PVB – keine wechselseitigen Bezugnahmen der Sprecher:innen enthalten. Doch auch die parlamentarischen Debatten verweisen auf eine geteilte Überzeugung, dass Pflegequalität etwas prinzipiell Wichtiges und Wünschenswertes ist. Da die Verantwortung und der gesetzliche Auftrag zur Qualitätssicherung bei der Politik verortet werden 2 , wird auch die Notwendigkeit einer Qualitätskontrolle nicht in Frage gestellt.

Über den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg zeigen sich im gesichteten Diskursmaterial konstante und relativ gleichförmige Problembeschreibungen der informellen Pflege, welche letztlich die immer gleichen Lösungsstrategien anleiten. Diese zielen auf die Bereitstellung von Unterstützungs- und Beratungsangeboten für pflegende Angehörige und dienen in Form einer „Hilfe zur Selbsthilfe“ dazu, Pflege zu Hause weiterhin sicher zu stellen bzw. pflegende Angehörige „bei der Stange zu halten“ [14 (S. 52)]. Im Qualitätsdiskurs zur informellen Pflege nimmt der Sozialstaat in erster Linie eine beratende, unterstützende und kontrollierende Rolle ein. Drängende Fragen der Pflegevorsorge treten dabei in den Hintergrund, wie etwa die Schaffung von ausreichenden, qualitativ hochwertigen und leistbaren Pflegeangeboten zusätzlich oder außerhalb der Familie.

Der Qualitätsbegriff selbst bleibt im politischen Diskurs unterbestimmt. So fehlt jegliche Debatte darüber, was Pflegequalität ist oder anhand welcher Kriterien und Indikatoren Pflegequalität nachgewiesen, gemessen, erreicht oder gesichert werden kann. Insofern mag es nicht verwundern, dass auch keine Überprüfung oder Evaluation einer Zielerreichung der gesetzten Maßnahmen stattfindet. Darüber hinaus bleibt es häufig unausgesprochen und entsprechend unklar, worauf sich eine Qualitätssicherung überhaupt bezieht: auf die Qualität konkreter Pflegehandlungen im Rahmen häuslicher Pflegearrangements oder auf die Ausgestaltung des Pflegevorsorgesystems als solches?

Vor dem Hintergrund des analysierten Qualitätsdiskurses geraten die politischen Bemühungen um eine Qualitätssicherung in der informellen Pflege unter den Verdacht, an Stelle eines Qualitätsproblems vielmehr ein Ressourcenproblem zu adressieren. Das Ziel des Strukturerhalts fügt sich dabei nahtlos in die politische Agenda „häuslich vor stationär“ 3 bzw. „Daheim statt Heim“ 32 ein. Diskursanalytisch konnte gezeigt werden, wie mit dem Deutungsrahmen der „eigenen vier Wände“ bzw. der (unhinterfragten) Idealvorstellung „so lange wie möglich zu Hause zu bleiben“ die Pflege zu Hause als beste und erstrebenswerteste Lösung dargestellt wird. Mit dem Motiv der Selbstbestimmung und Würde verstärkt und prolongiert sie die – in Österreich tief verwurzelten – Vorbehalte gegenüber einer institutionellen Unterbringung pflegebedürftiger Menschen 20 . Mit diesen Ergebnissen schließt die vorliegende Arbeit an jene soziologischen Analysen an, die dem österreichischen „Care Regime“ eine ausgeprägte Pfadabhängigkeit attestieren und zeigen, dass sozialpolitische Maßnahmen und Änderungen in der Pflegevorsorge eine konservativ-familialistische und geschlechtsspezifische Ausrichtung der Pflege prolongieren 18 19 20 33 34 .

Diese Arbeit zeigt das Potenzial einer „critical frame analysis“ unhinterfragte Realitäten, Probleme und Annahmen der Pflegepraxis aufzudecken, sowie jene diskursiven Strukturen freizulegen, die bestimmte Lösungsansätze für bestimmte Pflegeprobleme wahrscheinlicher machen. Im Hinblick auf die Dringlichkeit einer Neuordnung der Pflegevorsorge mag dies Praxisakteur:innen der Pflege, politische Vertreter:innen und andere Stakeholder darin unterstützen, bestehende (diskursive) Strukturen kritisch zu hinterfragen und neue Lösungsstrategien anzuregen. Damit verbunden ist das Plädoyer für eine stärkere Berücksichtigung diskurstheoretischer Ansätze in der (deutschsprachigen) Pflegewissenschaft.

Danksagung

Wir bedanken uns bei Priv.-Doz. Ass.-Prof. Mag. Dr. Bernhard Weicht für die wertvollen Hinweise und Tipps zum Thema, sowie bei Lina Waterreus MSc für ihre Unterstützung in der Planungsphase der Studie.

Footnotes

Interessenkonflikt Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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