Zusammenfassung
Ziel der Studie Bisher fehlt es hierzulande an Erkenntnissen zur Einstellung zur Grippeimpfung in der Grippesaison 2021/2022. Basierend auf der COSMO-Befragung („COVID-19 Snapshot Monitoring“) ist es daher das Ziel dieser Studie, die Einstellung zur Grippeimpfung näher zu beleuchten.
Methodik Welle 49 (10. und 11. August 2021) der COSMO-Studie (n=967; deutschlandweite nicht-probabilistische Quotenstichprobe; 18 bis 74 Jahre).
Ergebnisse Dieses Jahr plant ca. ein Drittel der Befragten (und der Beschäftigten im Gesundheitswesen) eine Grippeimpfung und bei der Risikogruppe der über 60-Jährigen (bis 74 Jahre in unserer Stichprobe) mehr als die Hälfte. Entsprechende Korrelate (wie das Geschlecht: Frauen mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit einer beabsichtigten Grippeimpfung) wurden identifiziert.
Schlussfolgerung Ärztinnen und Ärzte sollten insbesondere auch Frauen über die Vorteile der Grippeschutzimpfung, gerade auch in der Pandemie, informieren und Daten zur nachgewiesenen Schutzwirkung der Grippeimpfung möglichst überzeugend (z. B. unter Nutzung bestehender Broschüren) kommunizieren.
Schlüsselwörter: Grippe, Influenza, Grippeimpfung, Bildung, Impfbereitschaft
Abstract
Aim of the study There is a lack of knowledge about attitudes to influenza vaccination in Germany in 2021/2022. Based on the COSMO survey (“COVID-19 Snapshot Monitoring”), the aim of this study was to shed some light on this topic.
Methods Wave 49 (August 10 and 11, 2021) of the COSMO survey (n=967; Germany-wide non-probabilistic quota sample; 18 to 74 years).
Results This year, about one-third of respondents (and health care workers) plan to get a flu shot, and among the at-risk group of people aged 60 and older (up to 74 years in our sample), more than half. Correlates (such as gender: women with a lower likelihood of a planned flu shot) were identified.
Conclusion Physicians should inform women in particular about the advantages of influenza vaccination, especially during the pandemic, and communicate data on the proven protective effect of influenza vaccination as convincingly as possible (e. g., using existing brochures).
Key words: flu, influenza, flu vaccination, education, vaccination preparedness
Einleitung
Vermutlich bedingt durch die Maßnahmen gegen die Ausbreitung von SARS-CoV-2 (z. B. Kontaktbeschränkung und Hygienemaßnahmen) gab es im Herbst/Winter 2020/21 nur einige hundert bestätigte Fälle der saisonalen Grippe 1 . Vor dem Hintergrund dessen, dass ein erheblicher Anteil der Bevölkerung bereits gegen SARS-CoV-2 geimpft ist, werden die Maßnahmen künftig möglicherweise weniger streng ausfallen. Dies könnte mit einem Anstieg der Grippe-Fälle einhergehen. Außerdem könnte ebenso eine geringe Immunität in der Bevölkerung bestehen und eine vulnerablere Bevölkerung begünstigen, da durch die letztjährige geringe Zirkulation von Influenzaviren (im Zuge der damaligen Maßnahmen) eine natürliche Boosterung der Bevölkerung weitestgehend fehlte. So ist im Vergleich zur Grippesaison 2020/2021 national und international eine erhöhte Influenza-Aktivität in dieser Saison zu beobachten 2 . Außerdem bestimmt Covid-19 weiterhin die Medien, wodurch die Grippeimpfung in den Hintergrund rücken könnte. Dies ist problematisch, da die Grippe einen schweren Krankheitsverlauf nehmen (inkl. Hospitalisierung) sowie Langzeitfolgen haben kann. Die Grippeimpfung wird gemäß STIKO wegen erhöhten Risikos für chronisch Kranke, Personen ab 60 Jahre, Frauen, die während des Winterhalbjahrs schwanger sind, sowie für medizinisches Personal empfohlen. Bisher fehlt es hierzulande an Erkenntnissen zur Einstellung zur diesjährigen Grippeimpfung. Basierend auf der COSMO-Befragung („COVID-19 Snapshot Monitoring“) ist es daher das Ziel dieser Studie, die Einstellung zur Grippeimpfung näher zu beleuchten.
Stichprobe
Am 10. und 11. August 2021 fand Welle 49 der COSMO-Studie statt (n=967; deutschlandweite nicht-probabilistische Quotenstichprobe; 18 bis 74 Jahre). Weitere Details zur COSMO-Studie finden sich hier: 3 .
Stichprobenbeschreibung
Das mittlere Alter in der Stichprobe lag bei 44,9 Jahren (SD: 15,6 Jahre, 18–74 Jahre) und 50,8% waren weiblich. Hinsichtlich einiger zentraler Risikogruppen für die Grippeimpfung erwähnenswert: 81 Personen (8,4%) hatten einen Beruf im Gesundheitswesen, 212 Personen (21,9%) waren mind. 60 Jahre und 360 Personen (38,1%) hatten mindestens eine chronische Krankheit.
Impfabsicht für die Grippeschutzimpfung
Aus der gesamten Stichprobe planten 312 Befragte (32,3%) sich diesen Herbst/Winter gegen die saisonale Grippe impfen zu lassen. Hingegen verfolgten 507 Befragte (52,4%) diesen Plan nicht und 148 Befragte (15,3%) wussten es zum Zeitpunkt der Befragung nicht. Bei der Risikogruppe der über 60-Jährigen war die Absicht erwartungsgemäß höher (52,4% der Befragten planten es, 35,4% der Befragten planten es nicht und 12,2% der Befragten wussten es nicht). Bei Personen mit einem Beruf im Gesundheitswesen war die Absicht im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung recht ähnlich (29,6% der Befragten planten es, 55,6% der Befragten planten es nicht und 14,8% der Befragten wussten es nicht).
Gründe gegen Grippeimpfung
Häufigste Gründe für eine ablehnende Haltung waren: fehlende Zugehörigkeit zu einer Gruppe, für die eine Impfung empfohlen wird (193 Befragte; 29,5%); fehlendes Vertrauen in die Wirkung (144 Befragte; 22,0%), Grippe wird nicht als besonders schwere Krankheit betrachtet (125 Befragte; 19,1%), fehlender Hinweis auf die Notwendigkeit einer derartigen Impfung (109 Befragte; 16,6%).
Ähnliche Begründungen wurden auch bei der Risikogruppe der über 60-Jährigen gegeben. Vergleichbar war das Bild bei Personen, die im Gesundheitswesen tätig sind.
Determinanten der Impfabsicht (Regressionsanalysen)
Die Ergebnisse der multiplen logistischen Regression (0=keine Grippeimpfung geplant bzw. „weiß nicht“ und 1=Grippeimpfung geplant) finden sich in Tab. 1 . Es zeigte sich, dass die Wahrscheinlichkeit einer beabsichtigten Grippeimpfung positiv assoziiert ist mit dem Alter (OR: 1,03, 95% CI: 1,02–1,04), dem männlichen Geschlecht (OR: 1,59, 95% CI: 1,18–2,15), dem Vorhandensein mind. einer chronischen Krankheit (OR: 1,61, 95% CI: 1,18–2,21), einer größeren wahrgenommenen Wahrscheinlichkeit einer Covid-19 Infektion (OR: 1,15, 95% CI: 1,01–1,37) und wahrgenommenen schwerwiegenderen gesundheitlichen Konsequenzen einer potenziellen Covid-19 Infektion (OR: 1,36, 95% CI: 1,22–1,51).
Tab. 1 Determinanten der intendierten Grippeimpfung. Ergebnisse einer multiplen logistischen Regression.
| Variablen | Absicht der Grippeimpfung |
|---|---|
| Alter | 1,03*** (1,02–1,04) |
| Geschlecht: Mann (Referenz: Frau) | 1,59** (1,18–2,15) |
| Familienstand: In einer Beziehung/verheiratet (Referenz: Nicht in einer Beziehung/nicht verheiratet) | 0,82 (0,60–1,13) |
| Bildung: - Mindestens 10 Jahre Schulbildung (ohne Hochschulreife) (Referenz: Bis zu 9 Jahre Schulbildung) | 1,49 (0,88–2,52) |
|
1,30 (0,78–2,18) |
| Beruf im Gesundheitswesen: Nein (Referenz: Ja) | 0,97 (0,56–1,71) |
| Größe des Wohnortes: - 5001–20 000 Einwohner (Referenz: bis 5000 Einwohner) | 0,90 (0,55–1,47) |
|
1,06 (0,65–1,71) |
|
1,64+ (0,98–2,73) |
| >500 000 Einwohner | 1,49 (0,89–2,51) |
| Gesundheitliche Auswirkungen einer Infektion mit dem Coronavirus (von 1=völlig harmlos bis 7=extrem gefährlich) | 1,31*** (1,18–1,47) |
| Infektion mit dem Coronavirus (von 1=extrem unwahrscheinlich bis 7=extrem wahrscheinlich) | 1,15* (1,01–1,30) |
| Coronavirus: Noch nicht infiziert gewesen (Referenz: Bereits infiziert gewesen) | 0,73 (0,39–1,37) |
| Mindestens eine chronische Krankheit (Referenz: Keine chronische Krankheit) | 1,61** (1,18–2,21) |
| Konstante | 0,01** * (0,00–0,08) |
| Zahl der Beobachtungen | 945 |
| Pseudo R² | 0,12 |
Odds Ratios werden dargestellt (95% Konfidenzintervalle in Klammern), *** p<0,001, ** p<0,01, * p<0,05,+p<0,10.
Diskussion
Unsere Befunde decken sich lediglich teilweise mit früheren Studien: Basierend auf Daten von Welle 16 der COSMO-Studie im vergangenem Sommer (7. bis 8. August 2020) konnte bspw. eine grundsätzlich recht hohe Impfbereitschaft bzgl. einer Grippe-Impfung gezeigt werden (erfasst auf einer 7-er Skala von 1=auf keinen Fall impfen bis 7=auf jeden Fall impfen: Mittelwert von 4,95). Diese Bereitschaft war vor allem bei Personen 60 Jahre und älter hoch (Mittelwert von 5,56). Hingegen hatten Personen in einem Gesundheitsberuf eine verhältnismäßig geringe Impfbereitschaft (Mittelwert von 4,15) 4 . Darüber hinaus deckt sich die Skepsis hinsichtlich der Grippeimpfung bei Beschäftigten im Gesundheitswesen mit jüngsten Daten aus Italien 5 – und auch mit Daten aus Deutschland (Krankenhauspersonal) zu Zeiten vor der Pandemie 6 .
Ferner sind die von uns identifizierten Korrelate (u. a. Geschlecht) mehrheitlich im Einklang mit jüngsten internationalen Studien zur Einstellung gegenüber Grippeimpfungen (z. B. 7 ). Bemerkenswert ist dabei, dass Schulbildung und ein beruflicher Bezug zum Gesundheitswesen nicht mit der Impfabsicht assoziiert waren. Letzteres könnte durch eine große Heterogenität in der Impfbereitschaft zwischen den Berufen des Gesundheitswesens bedingt sein (bspw. ist der Anteil der Ärzteschaft in unserer Studie unklar). So konnten bspw. im Rahmen der Onlinebefragung von Krankenhauspersonal OKaPII deutliche Unterschiede in den Influenza-Impfquoten zwischen den Berufsgruppen Ärzteschaft und Pflegedienst aufgezeigt werden (Saison 2019/20 bspw. eine Impfquote bei ersterer Gruppe von 79,3% und bei letzterer Gruppe von 46,7%) 8 . In der besagten Studie wurden bei der Ärzteschaft primär bestimmte Einschränkungen (z. B. organisatorische Gründe) als Gründe für eine Nichtimpfung angegeben, während das Pflegepersonal vor allem auf mangelndes Vertrauen in den Impfstoff verwies 6 . Weitere Forschungen zu den Hintergründen wären allerdings wünschenswert.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass dieses Jahr ca. ein Drittel der Befragten (und der Beschäftigten im Gesundheitswesen) eine Grippeimpfung plant und bei der Risikogruppe der über 60-Jährigen (bis 74 Jahre in unserer Stichprobe) mehr als die Hälfte. Ärztinnen und Ärzte sollten insbesondere auch Frauen über die Vorteile der Grippeschutzimpfung, gerade auch in der Pandemie, informieren und Daten zur nachgewiesenen Schutzwirkung der Grippeimpfung möglichst überzeugend (z. B. unter Nutzung bestehender Broschüren) kommunizieren.
Footnotes
Interessenkonflikt Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Literatur
- 1.dpa/aerzteblatt.de: RKI: Grippewelle ausgeblieben – Novum mindestens seit 1992;https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/123211/RKI-Grippewelle-ausgeblieben-Novum-mindestens-seit-1992
- 2.Buda S, Dürrwalt R, Biere B . Berlin: Arbeitsgemeinschaft Influenza – Robert Koch-Institut; 2022. ARE-Wochenbericht KW 2/2022. [Google Scholar]
- 3.Betsch C, Wieler L H, Habersaat K. Monitoring behavioural insights related to COVID-19. The Lancet. 2020;395:1255–1256. doi: 10.1016/S0140-6736(20)30729-7. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
- 4.Betsch C, Korn L, Felgendreff L 2020.
- 5.Della Polla G, Licata F, Angelillo S et al. Characteristics of Healthcare Workers Vaccinated against Influenza in the Era of COVID-19. Vaccines. 2021;9:695. doi: 10.3390/vaccines9070695. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
- 6.Neufeind J, Wenchel R, Boedeker B et al. Monitoring influenza vaccination coverage and acceptance among health-care workers in German hospitals – results from three seasons. Human Vaccines & Immunotherapeutics. 2021;17:664–672. doi: 10.1080/21645515.2020.1801072. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
- 7.Sturm L, Kasting M L, Head K J et al. Influenza vaccination in the time of COVID-19: A national US survey of adults. Vaccine. 2021;39:1921–1928. doi: 10.1016/j.vaccine.2021.03.003. [DOI] [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]
- 8.Rieck T, Steffen A, Schmid-Küpke N et al. Impfquoten bei Erwachsenen in Deutschland – Aktuelles aus der KV-Impfsurveillance und der Onlinebefragung von Krankenhauspersonal OKaPII. Epidemiologisches Bulletin. 2020;47:3–26. [Google Scholar]
