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. 2024 Jul 24;86(12):761–768. [Article in German] doi: 10.1055/a-2335-2251

Erfahrungen und Auswirkungen von nicht-pharmakologischen Maßnahmen in der COVID-19 Pandemie bei Jugendlichen – eine Querschnittstudie unter 649 Schüler:innen der 10. Klassen in Witten (GeWIT-Studie)

Impact of Non-Pharmacological Measures during COVID-19 Pandemic in Adolescents – A Cross-sectional Study of 649 10 th Grade Pupils in the City of Witten, Germany (GeWIT-Study)

Paul Wiesheu 1,2,✉, Anne-Lisa Heye 1, Judith Tillmann 1, Nessia Rachma Dianti 1, Klaus Völkel 3, Klaus Weckbecker 1, Eva Münster 1
PMCID: PMC11626913  PMID: 39047787

Abstract

Aim The aim of this study was to examine the impact of the COVID-19 pandemic and non-pharmacological interventions, with a particular focus on the subjective experiences of pupils in relation to the measures, the extent to which quarantine and illness with COVID-19 influenced their perception of the disease, the protective measures taken and the groups that were particularly affected.

Methods: From November 2021 to February 2022, a written survey of tenth grade pupils from all nine secondary municipal schools in the city of Witten, Germany was conducted. Descriptive statistics were used to analyze and evaluate the data.

Results 98.3% of the pupils present in class (n=649) were included in the survey. Of the study population, 12.9% stated that they had already had COVID-19 and 43.6% had been quarantined. 27.3% of the pupils reported that mask-wearing was not easy for them, while 65.2% found wearing a mask easy. Furthermore, 33.4% reported that distance learning had negatively impacted their well-being, and 6.9% of the pupils reported that they had experienced more violence during the pandemic. Fear of COVID-19 was reported by 10% of the pupils, and was less frequently reported if pupils had already been infected with COVID-19 or had been quarantined. 75.7% reported no fear of COVID-19.

Conclusion The COVID-19 pandemic and the non-pharmacological measures to address it presented significant challenges and were a substantial burden on the pupils. The present study shows that the pandemic and/or the measures had a negative impact on the pupils. It is imperative to critically examine the measures, particularly in relation to vulnerable groups such as gender-diverse or socio-economically disadvantaged pupils. Education that is needs-based and target group-oriented can facilitate increased acceptance and perceptions of safety of implemented measures among pupils.

Keywords: COVID-19, non-pharmacological measures, adolescents, schools, Germany, cross-sectional study

Einleitung

Nicht-pharmakologische Interventionen (NPI) waren ein zentraler Pfeiler der Präventionsmaßnahmen in der COVID-19-Pandemie (corona virus disease 2019) 1 , ausgerufen durch die World Health Organisation (WHO) am 11.03.2020 und beendet am 05.05.2023 1 . In Deutschland wurde seit April 2020 das Tragen von Alltagsmasken in der Öffentlichkeit zunächst empfohlen 2 und kurze Zeit später verpflichtend geregelt 3 . Nach den ersten Schulschließungen im Zuge des ersten sog. Lockdowns ab dem 13. März 2020 4 wurde die schrittweise Öffnung dieser im Mai 2020 begleitet von strengen Hygienemaßnahmen, die unter anderem das Tragen des Mund-Nasenschutz (MNS) als „ergänzende[n] Fremdschutz“ 5 empfahlen. Als weitere NPI wurde am 16.01.2022 die zunächst 14-tägige Isolationspflicht bei Nachweis einer SARS-CoV-2-Infektion (severe acute respiratory syndrome coronavirus 2) bzw. Quarantäne für Haushaltsangehörige einer infizierten Person (CoronaTestQuarantäneVO) auf einen zehntägigen Zeitraum verkürzt mit der Möglichkeit der „Freitestung“ nach frühestens fünf Tagen 6 . Für Kontaktpersonen, die nicht im selben Haushalt lebten, sah die QuarantäneVO sowohl in ihrer Form vom November 2020 7 als auch in ihrer Form vom Januar 2022 6 keine grundsätzliche Quarantäne-Pflicht vor, jedoch wurde häufig durch das zuständige Gesundheitsamt eine Quarantänepflicht für z. B. Sitznachbarn eines infizierten Kindes in der Schule ausgesprochen. Die gesetzlich vorgeschriebenen NPI wurden mit Ende der durch §28b IfSG geregelten Laufzeit zum 08.04.2023 beendet. Diese Regelungen und/oder Empfehlungen waren über den Verlauf der Pandemie immer wieder Teil politischer Diskussionen. Neben der Frage des Nutzens von MNS, welcher im Folgenden kurz erläutert werden soll, wurde immer wieder diskutiert, ob und in welchem Ausmaß Schulen bzw. die Durchführung des Präsenzbetriebs an Schulen zu einem erhöhten Infektionsrisiko für Schüler:innen führten und welche Hygieneschutzmaßnahmen hier angemessen und den Schüler:innen zumutbar waren. Dabei wurde die geringere Suszeptibilität von Kindern gegenüber des SARS-CoV-2 Wildtyps schon 2020 durch Studien belegt 8 . Es ist fraglich, ob und welche NPI in Bildungseinrichtungen gerechtfertigt waren. Weiterhin ist das Ausmaß des präventiven Nutzens von Masken im Hinblick auf virale Atemwegserkrankungen nach wie vor Gegenstand von Diskussionen. So konnten bspw. Liang et. al in einer Meta-Analyse protektive Effekte von MNS nachweisen 9 . In der 2023 aktualisierten Version des Cochrane-Reviews zu diesem Thema konnten die Autor:innen keine protektiven Effekte auf Gesellschaftsebene beobachten und bemängelten die niedrige Qualität der eingeschlossenen Studien 10 . Mit Ausnahme eines jugendpolitischen Programms des Landes Sachsen-Anhalt 11 , mangelte es bundesweit am politischen Interesse, die Perspektive der Jugendlichen in der Pandemie zu berücksichtigen. Bisherige Erhebungen konnten die Belastungen von Kindern und Jugendlichen in der COVID-19-Pandemie belegen 12 13 sowie die subjektiven Betrachtungen berichten 14 . Insgesamt findet sich jedoch wenig Evidenz über den Nutzen und die Auswirkungen der NPI in den Schulen sowie über die subjektiven Perspektiven der Schüler:innen. Baros et al. konnten bspw. zeigen, wie wichtig die Betrachtung des Umgangs der Schüler:innen mit Krisen wie der COVID-19-Pandemie ist 14 . Kritische Stimmen bezüglich der „‚schützenden‘ Auswirkung[en] von Schulschließungen“ 15 im Jahr 2020 häufen sich. Drössler et al. konnten negative Auswirkungen von MNS-Tragen in der Schule in einer qualitativen Untersuchung zeigen 16 . Trotzdem bleiben die Perspektiven der Schüler:innen weitestgehend ungehört und Beobachtungen der Situation in den Schulen unterrepräsentiert. Erstmalig für Deutschland wird im Folgenden die Anwendung, Erfahrung und subjektive Auswirkung der COVID-19-Pandemie und/oder der NPI bei Jugendlichen in der Schule untersucht. Die vorliegende Analyse ist Teil einer Primärerhebung, die im Gesamtprojekt „Gesunde Stadt Witten (GeWIT)“ durchgeführt wurde. Das Projekt „Gesunde Stadt Witten“ ist ein Kooperationsprojekt der Stadt Witten und des Instituts für Allgemeinmedizin und Ambulante Gesundheitsversorgung (iamag) der Universität Witten/Herdecke, dessen Fokus u. a. die Gesundheitsförderung von Jugendlichen ist. Aufgrund der Aktualität und hohen Relevanz der COVID-19-Pandemie, wurde das Erhebungsinstrument kurzfristig um selbst konstruierte Fragen bezüglich der COVID-19-Pandemie und der NPI ergänzt (siehe S- Tab.1 ).

Tab. 1 Charakteristika der Studienpopulation; GeWIT-Studie (n=649).

n %
Alter 15 385 59,3
16 207 31,9
≥17 57 8,8
Geschlecht Männlich 307 47,3
Weiblich 308 47,5
Divers 34 5,2
Schulform Gymnasium 230 35,4
Realschule 175 27,1
Hauptschule 36 5,5
Gesamtschule 208 32,0

Methoden

Studiendesign und Setting

In der vorliegenden Querschnittsstudie wurde im Zeitraum vom 02. November 2021 bis 25. Februar 2022 eine schriftliche Erhebung in den neun städtischen Sekundarschulen der Stadt Witten durchgeführt (n=28 Klassen). Nach dem positiven Votum der Ethikkommission (97/2019) 2 sowie Einholen eines positiven Datenschutzvotums wurde das Einverständnis des zuständigen Schulamts des Ennepe-Ruhr-Kreises eingeholt. Nach Zustimmung der Schulleitungen wurden zwei Woche vor der Studiendurchführung Studieninformationen an die benannten Ansprechpersonen aus der Lehrer:innenschaft gesendet, die diese an die Erziehungsberechtigten sowie die Schüler:innen selbst weiterleiteten. Die Lehrpersonen der betroffenen Klassen wurden durch die Schulleitung über das Forschungsvorhaben informiert. Zur Sicherstellung der Informiertheit aller Proband:innen wurden direkt vor der Durchführung vor Ort nochmals Inhalt, Ziele, Teilnahmekriterien, Datenschutzvorgaben und auch die Freiwilligkeit, Anonymität sowie der jederzeit mögliche Abbruch mit den Schüler:innen besprochen. Das Projekt wurde in Kooperation mit der Stadt Witten im Rahmen des „Gesunde Stadt Witten“ (GeWIT) Projekts durchgeführt, welches von der Techniker Krankenkasse (TK) finanziell gefördert wird.

Studienpopulation, Rekrutierung, Durchführung

Es wurden alle Schüler:innen der 10. Jahrgangstufe eingeschlossen, die zum Zeitpunkt der Erhebung anwesend, der entsprechenden Klasse zugehörig und mindestens 15 Jahre alt waren (n=655). Ausgeschlossen wurden jüngere Schüler:innen sowie Schüler:innen, die zum Zeitpunkt der Erhebung nicht anwesend waren. Mit der Abgabe des ausgefüllten, circa 25-minütigen Fragebogens stimmten die Schüler:innen automatisch der Teilnahme zu. Die Daten wurden vollständig anonymisiert erfasst, ein Follow-Up fand nicht statt. Die standardisierten Fragebögen wurden von den Schüler:innen in den Klassenräumen während des Unterrichts per Hand ausgefüllt, begleitet von zwei Projekt-Mitarbeiter:innen.

Erhebungsinstrument

Als Erhebungsinstrument diente ein 13-seitiger, schriftlich durch die Schüler:innen auszufüllender, standardisierter Fragebogen. Dieser enthielt Fragen zu Gesundheit und Bewegung, Gefühlen, Familie, Freund:innen und Freizeit, Schulsituation, Mobbing, Ernährung, körperliche Entwicklung, Gesundheitsverhalten, -kompetenz und -förderung, Social Media, Nutzung medizinischer Leistungen, COVID-19-Pandemie, COVID-19-Maßnahmen und zur Soziodemografie. Die Antworten erfolgten über Einfachantwort-Felder, zum Teil in Form von Likert-Skalen, Mehrfachantwort-Angaben sowie ergänzenden Freitextfeldern. In die vorliegenden Analysen gingen folgende Zielgrößen ein: Ob das Tragen des MNS der Person leicht oder schwer fiel, ob durch den Lockdown Gewichtsveränderungen auftraten, ob der Distanzunterricht den Schüler:innen genutzt oder geschadet hat, ob in der COVID-19-Pandemie mehr Gewalt erfahren wurde und ob die Proband:innen Angst vor COVID-19 hatten (siehe S- Tab. 1 ). Weiterhin wurde abgefragt, ob die Jugendlichen schon in Quarantäne waren und/oder bisher oder jemals an COVID-19 erkrankt waren (siehe S- Tab. 1 ). Um beeinflussende Faktoren zu identifizieren, wurden Schulform, Alter und Geschlecht der Proband:innen erfasst und werden bei signifikanten Unterschieden im Text berichtet. Die genannten Variablen wurden über Einfachantwort-Felder erfasst. Die Schulform wurde in den Analysen genutzt, um Cluster-Effekte zu identifizieren und um auf den sozioökonomischen Status (SES) der Schüler:innen zu schließen. Der Zusammenhang zwischen SES und Schulform konnte unter anderem mithilfe der Daten des Statistischen Bundesamtes durch Blaeschke und Freitag 17 dargestellt werden.

Statistische Analysen

Die Fragebogenangaben wurden mithilfe des Scan-Systems FormPro in digitale Form übertragen. Sie wurden anschließend anhand des statistischen Auswertungsprogramms IBM SPSS Statistics, Version 27, plausibilitätsgeprüft, aufbereitet und anhand von uni-, bi- und multivariablen Analysen ausgewertet. Dabei wurde von einem Signifikanzniveau mit der Irrtumswahrscheinlichkeit von α=0,05 ausgegangen. In deskriptiven Analysen wurden Missings (fehlende Angaben) separat berichtet und, wenn vorhanden, der Kategorie „ weiß nicht“ zugeordnet. Mögliche Unterschiede bzgl. soziodemografischer und epidemiologischer Daten und den subjektiven Auswirkungen der COVID-19-Pandemie und/oder Maßnahmen wurden mittels Chi²-Tests berechnet.

Ergebnisse

Charakteristika der Studienpopulation

Regulär befanden sich 782 Schüler:innen in den zehnten Klassen der teilnehmenden Schulen. Insgesamt haben 655 Schüler:innen an der Befragung teilgenommen. In die Analysen gingen 649 Fragebögen ein (Rücklaufquote: 98,3%). Hauptgrund für die reduzierte Teilnahmeanzahl war der Umstand, dass die Schüler:innen zum Zeitpunkt der standardisierten Befragung nicht in der Schule anwesend waren (siehe Abb. 1 ). Die Schüler:innen waren durchschnittlich 15,5 Jahre alt (min. 15 Jahre, max. 19 Jahre). Die Geschlechter männlich und weiblich waren annähernd gleich verteilt. Ca. jede zwanzigste Person gab an, divers zu sein (siehe Tab. 1 ). Über ein Drittel der Schüler:innen besuchten ein Gymnasium, gefolgt von einem knappen Drittel Gesamtschüler:innen und mehr als einem Viertel Realschüler:innen. Nur 1/20 ging auf eine Hauptschule (siehe Tab. 1 ). Über den gesamten Zeitraum der Erhebung galt in NRW eine Isolationspflicht von mindestens 10 Tagen, sowie eine MNS-Trage-Pflicht in Innenräumen der Schulen 4 5 6 .

Abb. 1.

Abb. 1

Fließdiagramm der Auswahl der teilnehmenden Schüler:innen der GeWIT-Studie.

COVID-19 Erkrankungen und Quarantäne

Insgesamt gab etwa ein Zehntel der Schüler:innen an, an COVID-19 erkrankt gewesen zu sein (siehe Abb. 2 ). Dabei konnten Cluster-Effekte bezogen auf die Schulform beobachtet werden (p=0,05). Denn in Realschulen gaben 20,6% der Schüler:innen an, COVID-19 gehabt zu haben, gefolgt von den Gymnasien (10,9%), Gesamtschulen (9,6%) und Hauptschulen (8,3%) (siehe S- Tab. 2 ). Bezogen auf die Quarantäne ergaben sich keine signifikanten Cluster-Effekte (p=0,82), die Häufigkeitsverteilung der Schulformen folgt der Variable COVID-19 (siehe S- Tab. 2 ).

Abb. 2.

Abb. 2

Epidemiologische Daten der Schüler:innen, die an COVID-19 erkrankt und/oder in Quarantäne waren; GeWIT-Studie (n=649).

Tab. 2 Subjektive Auswirkungen der Corona-Pandemie und/oder Maßnahmen; GeWIT-Studie (n=649)

n %
Maske tragen fällt mir… leicht 423 65,2
nicht leicht 177 27,3
weiß nicht/k.A. 49 7,5
Ich habe durch den Lockdown an Gewicht… zugenommen 172 26,5
verloren 136 21,0
zugenommen und verloren 15 2,3
weder zu noch abgenommen 245 37,7
weiß nicht/k.A. 81 12,5
Gewichtsveränderung kumulativ 323 49,8
Distanzunterricht hat mir… geschadet 217 33,4
nicht geschadet 394 60,7
weiß nicht/k.A. 38 5,9
Ich habe in der Corona-Zeit mehr Gewalt erfahren. Ja 45 6,9
Nein 546 84,1
weiß nicht/ k.A. 58 9,0
Corona macht mir Angst. Ja 65 10
Nein 491 75,7
weiß nicht/ k.A. 93 14,3

Maskengebrauch und Distanzunterricht

Insgesamt gab mehr als jede:r Vierte an, dass eine Maske zu tragen nicht leicht fiel, während es ca. zwei Dritteln der Schüler:innen leicht fiel (siehe Tab. 2 ). Zwischen den Schulformen ergaben sich signifikante Unterschiede (p=0,024), dabei gaben die Schüler:innen der Gymnasien mit 70,3% am häufigsten an, dass ihnen Maske tragen leicht fiel, gefolgt von den Gesamtschulen mit 67,1%, den Realschulen mit 57,7% und Hauptschulen mit 55,6% (siehe S- Tab. 2 ). Jede:r Dritte gab an, dass ihnen der Distanzunterricht während der COVID-19-Pandemie geschadet habe (siehe Tab. 2 ).

Gewichtsveränderungen

Die Hälfte der Schüler:innen gab Gewichtsveränderung durch den Lockdown an. Es wurde nur ein geringer Unterschied in der Verteilung zwischen der Angabe „ Gewicht zugenommen“ (26,5%) und „- verloren“ (21,0%) festgestellt (siehe Tab. 2 ). Nach Geschlecht stratifiziert gaben Schülerinnen mit 55,8% signifikant häufiger Gewichtsveränderung an als männliche (43,3%) und diverse (52,2%) Schüler:innen (p=0,003).

Gewalterfahrungen und Ängste

Weniger als 1/10 gab an, mehr Gewalt während der COVID-19-Pandemie erfahren zu haben (siehe Tab. 2 ). Diese Variable war signifikant abhängig von der Schulform (siehe S- Tab. 2 ; p<0,001). So gaben Schüler:innen an Gymnasien mit 3,9% am seltensten Gewalterfahrungen an, gefolgt von den Gesamtschulen (6,3%), den Realschulen (9,1%) und den Hauptschulen mit 19,4% (siehe S- Tab. 2 ). Des Weiteren wurden hier signifikante Unterschiede zwischen den Geschlechtern beobachtet (p<0,001). 26,5% der diversen Schüler:innen gaben vermehrte Gewalterfahrungen während der COVID-19-Pandemie an, während die Antworten der männlichen (5,2%) und weiblichen (6,5%) Schüler:innen vergleichbar mit dem Durchschnitt des Kollektivs waren. Die Aussage „Corona macht mir Angst“ beantwortete jede:r Zehnte mit Ja (siehe Tab. 2 ). Hierbei konnten wieder signifikante Unterschiede zwischen den Schulformen beobachtet werden (p=0,019). Lediglich in der Gruppe der Gymnasialschüler:innen wurde häufiger als im Durchschnitt mit Ja geantwortet (13,9%), gefolgt von den Gesamtschüler:innen (9,6%), den Hauptschüler:innen (8,3%) und den Realschüler:innen mit 5,7% (siehe S- Tab. 2 ). Weiterhin konnte ein signifikanter Zusammenhang zwischen den Schüler:innen, die noch keine COVID-19 Erkrankung durchgemacht oder sich noch nicht in Quarantäne befunden haben und der Aussage „Corona macht mir Angst“ beobachtet werden (siehe Tab. 3 ).

Tab. 3 Auswirkungen COVID-19 und einer Quarantäne auf Schüler:innen; GeWIT-Studie (n=649), *Spaltenprozente.

Bisher oder jemals an COVID-19 erkrankt
Ja Nein Weiß nicht/k.A.
n %* n %* n %* p
Corona macht mir Angst Ja 3 3,6 53 10,9 9 11,4 0,017
Nein 68 81,0 372 76,5 51 64,5
weiß nicht/k.A. 13 15,4 61 12,6 19 24,1
Distanzunterricht hat mir… geschadet 27 32,1 164 33,7 26 32,9 0,793
Nicht geschadet 53 63,1 295 60,7 46 58,2
weiß nicht/k.A. 4 4,8 27 5,6 7 8,9
Ich habe in der Corona-Zeit mehr Gewalt erfahren. Ja 7 8,3 32 6,6 6 7,6 0,06
Nein 65 77,4 422 86,8 59 74,7
weiß nicht/k.A. 12 14,3 32 6,6 14 17,7
In Quarantäne gewesen
Ja Nein Weiß nicht/k.A. p
n %* n %* n %*
Corona macht mir Angst Ja 20 7,1 41 12,5 4 10,3 0,049
Nein 224 79,2 242 74,0 25 64,1
weiß nicht/k.A. 39 13,8 44 13,5 10 25,6
Distanzunterricht hat mir… Geschadet 94 33,2 113 34,6 10 25,6 0,119
Nicht geschadet 174 61,5 197 60,2 23 59
weiß nicht/k.A. 15 5,3 17 5,2 6 15,4
Ich habe in der Corona-Zeit mehr Gewalt erfahren. Ja 19 6,7 25 7,7 1 2,6 <0,001
Nein 237 83,8 282 86,2 27 69,2
weiß nicht/k.A. 27 9,5 20 6,1 11 28,2

Diskussion

In dieser annähernden Vollerhebung konnte neben den subjektiven Auswirkungen der COVID-19-Pandemie und/oder der NPI die epidemiologische Lage der Schüler:innen der zehnten Jahrgangstufe in Witten dargestellt werden. Cluster-Effekte finden sich sowohl in den Quarantäne- als auch in den COVID-19-Erkrankungs-häufigkeiten. Der Schulform-abhängige Effekt bezogen auf das subjektive Empfinden des MNS-Tragens kann als Bildungsgrad-abhänginger Effekt interpretiert werden. Ähnliche Ergebnisse konnten in einer 2021 durchgeführten Befragung Erwachsener U.S.-Bürger:innen gewonnen werden, indem ein positiver Zusammenhang zwischen einem Hochschulabschluss und MNS-Tragen gezeigt werden konnte 18 . In einer 2020 durchgeführten Online-Befragung konnte eine Korrelation zwischen dem Wissen über Schutzmaßnahmen und der Akzeptanz des MNS-Tragens in der Schule nachgewiesen werden 19 . Drössler et al. beschreiben in einer Interviewstudie „Einschränkungen in der Kommunikation [zwischen Schüler:innen und Lehrer:innen] aufgrund reduzierter verbaler und nonverbaler Informationen“ 16 . Folgt man diesen Erkenntnissen, ist es vorstellbar, dass diese Einschränkungen durch Bildungsinfrastrukturen, wie z. B. Klassengröße, verstärkt werden könnten. Als Gesundheitsindikator wurden Gewichtsveränderungen 20 während der Pandemie abgefragt. Möglicherweise wurde diese Variable auch durch Kontaktverbote und Ausgangsbeschränkungen, die zu weniger Bewegung geführt haben können, beeinflusst. Ob bei der Hälfte der Schüler:innen, die Gewichtsveränderungen während der COVID-19-Pandemie angegeben haben, ein Rückschluss auf somatische oder psychsiche Symptome und/oder Erkankungen gefolgert werden kann, bleibt in der vorliegenden Erhebung fraglich. Eine Zunahme von Esstörungen 21 sowie erhöhte Hospitalisierungsraten bei Anorexia Nervosa 22 im Rahmen der Pandemie wurden international beobachtet. Im Kontrast dazu konnte in einer Analyse der COPSY-Studie (COVID-19 and Psychological Health) eineReduktion von Esstörungs-Symptomen bei Mädchen während der COVID-19-Pandemie beobachtet werden, während in der männlichen Gruppe das Risiko anstieg 23 . Lockdowns scheinen insgesamt einen negativen Effekt auf die Gesundheit zu haben. In einem systematischen Review konnte ebenfalls ein Anstieg des Körpergewichts (bei Erwachsenen) während der Pandemie gezeigt werden 24 . Aus den Daten des Präventionsradars 2021 geht hevor, dass Kinder in der Pandemie deutlich häufiger Beschwerden wie Müdigkeit und Schlafprobleme berichteten 25 . Anschließend an die psychische Gesundheit der Schüler:innen wurde nach den Auswirkungen des Distanzunterrichts gefragt. Ein Drittel der Befragten gibt hier einen nicht weiter definiert Schaden an. Diese Ausprägung scheint nicht abhängig von der Schulform zu sein. Dies ist bemerkenswert, da die Durchführung des Distanzunterrichts von jeder Schule individuell organisiert wurde und Schulform-abhängige Effekte erwartbar wären. Somit wird auch ein SES-abhängiger Effekt unwahrscheinlicher. Der erfahrene Schaden durch den Distanzunterricht kann sich bei den Schüler:innen sowohl direkt auf die Schulleistungen als auch auf körperliche oder soziale Themen beziehen, deshalb sollten diese Ergebnisse eher als Trend bezüglich der Akzeptanz von NPI verstanden werden. Die ebenfalls abgefragten Gewalterfahrungen der Schüler:innen sollten im Zusammenhang mit den Daten des Statistischen Bundesamtes zur Meldung von Kindeswohlgefährdung betrachtet werden. Hier wurden im Jahr 2022 4% mehr Fälle im Vergleich zum Vorjahr gemeldet 26 . In den USA konnte in einem Online-Survey ebenfalls eine Assoziation zwischen elterlicher Isolation durch die Pandemie und Kindesmisshandlung hergestellt werden 27 . Sowohl die Schüler:innen, die als Geschlechtskategorie „divers“ angaben, als auch die Gruppe der Hauptschüler:innen weisen ein erhöhtes Risiko für Gewalterfahrungen auf. Sie erscheinen in dieser Hinsicht besonders vulnerabel und gefährdet zu sein und sollten in den Fokus von Schutzkonzepten gerückt werden. Bemerkenswert scheint auch, dass 5,2% der Schüler:innen als Geschlechtskategorie divers angegeben haben (siehe Tab. 1 ). Hierzu findet sich kaum vergleichbare Literatur 28 . Diese Beobachtung sollte jedoch mit größter Vorsicht interpretiert werden, da nicht klar ist, warum sich für die Geschlechtskategorie divers entschieden wurde. Neben Personen, die sich geschlechtlich als nicht-binär (bspw. inter*) identifizieren sind Protest- oder Spaßantworten denkbar. Weiterhin ist unklar, ob in den Antworten eindeutig zwischen Sexualität und Geschlechtsidentität unterschieden wurde. Hier bedarf es soziologischer Forschung, die das Verständnis um die Begrifflichkeit „divers“ bei Jugendlichen untersucht.

Mithilfe der Studie wurde ein Zusammenhang zwischen COVID-19-Erkrankung bzw. Quarantäne und einer geringeren Wahrscheinlichkeit, Angst vor COVID-19 zu haben, hergestellt. Ein Erklärungsansatz könnte der überwiegend milde Krankheitsverlauf von COVID-19 bei Kindern 29 sein. Ob sich die Beobachtung, dass Gymnasialschüler:innen signifikant häufiger als Schüler:innen von anderen Schultypenangaben, Angst vor COVID-19 zu haben, auf einen Effekt durch den Bildungsgrad bzw. Wissensstand zurückführen lässt, bleibt fraglich. Nicht zuletzt, da sich hierzu kaum vergleichbare Literatur fand. In Deutschland wurde die Akzeptanz von Lockdown-Maßnahmen bei Erwachsenen am stärksten durch die Dauer der NPI beeinflusst 30 . Sozioökonomische Faktoren scheinen, im Vergleich zu Ideologien und kommunikativen Aspekten eine untergeordnete Rolle zu spielen 31 . Zusammengefasst lassen sich die Ergebnisse bezüglich der Schulform nicht einfach auf die SES oder den Bildungsgrad zurückführen. Weiterhin handelt es sich hierbei nur um eine Momentaufnahme während der dynamischen Lage der Pandemie.

Limitationen

Limitierend muss festgestellt werden, dass es sich um Daten an Schulen der Stadt Witten handelt, daher können die Ergebnisse regional abweichen und sollten nicht generalisiert werden. Es wurden nur die städtischen Sekundarschulen der Stadt Witten eingeschlossen, was Auswirkungen auf die Ergebnisse haben kann. Trotz Festlegung und Besprechung von „Regeln“ vor Teilnahme der Schüler:innen, z. B. das stille Ausfüllen der Fragebögen, sowie die Gewährung der individuellen Privatsphäre, kann dies nicht vollständig gewährleistet werden. Vier Schüler:innen mussten aufgrund von offensichtlichen, durchgängigen Spaßantworten aus dem Datensatz entfernt werden; dies wird als aktive Nicht-Teilnahme gewertet.

Fazit für die Praxis

Die COVID-19-Pandemie und die damit einhergehenden NPI stellten große Belastungen und Einschränkungen für einen Teil der Schüler:innen dar. Mithilfe der vorliegenden Untersuchung ergaben sich Hinweise, dass die COVID-19-Pandemie und/oder die Maßnahmen negative Auswirkungen auf die Schüler:innen hatten. Die kritische Reflektion der Maßnahmen sollte insbesondere im Hinblick auf vulnerable Gruppen bspw. geschlechtlich diverse Schüler:innen oder Schüler:innen mit einem niedrigen SES betrachtet werden. Eine alters- und bedürfnisadaptierte Aufklärung über die COVID-19-Pandemie und die NPI in der Schule kann zu einer verbesserten Akzeptanz führen. Weiterhin sollten die gemachten Erfahrungen der Schüler:innen gemeinsam in einem angemessenen Rahmen in der Schule aufgearbeitet werden. Weiterhin zeigt sich ein nach wie vor großer Forschungsbedarf bezüglich der NPI in der COVID-19-Pandemie. Diese Erkenntnisse sind deshalb ein erster Schritt, um in zukünftigen pandemischen Situationen besser und differenzierter reagieren zu können, vor allem in Hinblick auf vulnerable Gruppen. Weitere Forschung insbesondere zur subjektiven Wahrnehmung, Akzeptanz und Auswirkung von NPI erscheint gerechtfertigt und notwendig.

Funding Statement

Fundref Information Techniker Krankenkasse — http://dx.doi.org/10.13039/501100024074; Förderprogramm „Gesunde Kommune“, Prävention

Interessenkonflikt Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1

Im Folgenden soll diese Bezeichnung verwendet werden, um die gesamt-gesellschaftlichen, sozialen als auch medizinischen Auswirkungen zu adressieren.

2

Das Erhebungsinstrument inklusive des Prüfplans wurde in einem Amendment vom 29.07.2021 der Ethik-Kommission vorgelegt und positiv votiert.

Zusätzliches Material

10-1055-a-2335-2251-gesu-2023-11-1958-oa.pdf (190.1KB, pdf)

Zusätzliches Material

Zusätzliches Material

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