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. 2025 Jun 26;58(5):383–389. [Article in German] doi: 10.1007/s00391-025-02452-2

Soziale Netzwerke und Pflege von älteren lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und inter* Personen

Social networks and care for older lesbian, gay, bisexual, transgender, and intersex persons

Scoping review of family of choice resources for support

Maria Magdalena Acosta 1, Ralf Lottmann 1,
PMCID: PMC12321908  PMID: 40569420

Abstract

Background

Social relationships are an important source of practical, emotional and nursing support, especially in the context of the need for care. As older lesbian, gay, bisexual, transgender, and intersex (LGBTI*) people frequently live alone and have children less often, non-kinship relationships take on a particularly important role. The extent to which non-heterosexual individuals develop (potentially compensatory) strategies to cope with episodes of needing care has, to date, rarely been the focus of research on aging.

Objective

To investigate the role of social support for older LGBTI* people with long-term care needs, including any implications for how this should be approached.

Methods

The international scoping review was conducted using the scientific databases: APA PsycInfo, CINAHL, Psychology and Behavioral Sciences Collection, PSYNDEX literature with PSYNDEX tests, BASE, Livivo, Pubpsych, PubMed, and Google Scholar. A total of 19 articles were identified for analysis.

Conclusion

This article highlights three key themes related to social networks and care for older LGBTI* individuals: sociodemographic challenges, support resources, and structures for care of older persons and strategies for good quality of care. Family of choice connections are the backbone of social support for LGBTI* individuals but are also perceived as fragile when it comes to long-term care. Strategies for good quality of care include visibility of non-conforming sexual or gender identity, stigma management in long-term care facilities and proactive care planning. In order to support the compensatory effect of chosen family relationships among LGBTI* seniors, the development of diversity sensitive care and work with caregivers is needed. How this has been addressed to date and recommendations for future themes in gerontological diversity research are discussed.

Keywords: Sexual and gender identity, Long-term care, Social support, Family of choice, Quality of care

Einleitung

Ältere und hochaltrige lesbische, schwule, bisexuelle, trans*- und intergeschlechtliche (LSBTI*-) Personen haben Phasen der gesellschaftlichen Entwicklung, die sich durch Geschlechterverhältnisse und Umgangsweisen mit Sexualität stark verändern, und Repression erlebt. Während ältere LSBTI*-Personen mitunter Kinder und Ehepartner:innen durch Scheinheiraten oder sehr späte Coming-out-Prozesse hatten [20], leben jüngere Generationen mittlerweile vermehrt in Regenbogenfamilien (mindestens ein Elternteil ist LSBTI*). In zahlreichen Studien ist die Relevanz nicht-verwandtschaftlicher oder „wahlfamilialer“ Beziehungen nachgewiesen worden [18]. Diskriminierungen über den Lebensverlauf haben Auswirkungen auf die Gesundheit und den Zugang zur Gesundheitsversorgung sowie zur informellen Unterstützung [1012, 14]. Insbesondere bei Pflegebedürftigkeit sind soziale Beziehungen eine praktische, emotionale und pflegerische Unterstützung. Im höheren Erwachsenenalter sind soziale Beziehungen zu (Ehe)partner:innen und erwachsenen Kindern (Herkunftsfamilie/ „family of origin“) oft die wichtigsten Quellen der Unterstützung [33]. Ältere LSB(TI)*-Erwachsene haben vergleichsweise seltener (Ehe-)partner:innen oder Kinder [7, 19] und seltener intensivere Beziehungen zur eigenen Verwandtschaft (etwa zu Geschwistern, Nichten oder Neffen; [5, 18]), weshalb sie häufiger freundschaftliche bzw. wahlfamiliale Beziehungen („family of choice“) haben und diese als „Rückgrat der sozialen Unterstützung im Alter“ bezeichnet werden [4, 23]. Zusammenfassungen unter dem Akronym LSBTI* suggerieren bisweilen eine Homogenität, die für diese heterogene Bevölkerungsgruppe nicht gegeben sein muss. In dieser Literaturarbeit wird insbesondere im Ergebnisteil versucht, Unterschiede etwa zwischen sexueller und geschlechtlicher Identität zu verdeutlichen.

Frühere Untersuchungen zeigen, dass ältere LSBTI*-Personen aus Angst vor Diskriminierung eher zögern, formelle Pflegedienste in Anspruch zu nehmen und ein starkes, antizipiertes Unbehagen insbesondere gegenüber Einrichtungen der Langzeitpflege mit hohem Institutionalisierungsgrad und niedrigen Betreuungsquoten besteht [16, 18, 24, 31]. Vor diesem Hintergrund wird dieser Beitrag analysieren, wie in der bisherigen Alterns- und Pflegeforschung die soziale Unterstützung bei möglichen und eingetretenen Pflegeereignissen sowie für eine gute Lebens- und Pflegequalität untersucht und bewertet wurde. Dabei fokussieren wir stationäre Einrichtungen mit Blick auf Handlungsempfehlungen, doch wurden auch ambulante und informelle Pflegeformen in den Studien berücksichtigt. Daraus entstehende Konsequenzen für die Gesundheitsversorgung werden diskutiert.

Methoden

Um die Fragestellung zu untersuchen, wurde eine umfassende Literaturrecherche in Form eines Scoping-Review durchgeführt [28, 30]. Die Literaturrecherche erfolgte zwischen September 2024 und Februar 2025 in den wissenschaftlichen Datenbanken Ebsco (mit APA PsycArticles, Psychology and Behavioral Sciences collection, APA PsycINFO, PSYNDEX Literature und PSYNDEX Test), PubMed, CINAHL, BASE, Livivo, PubPsych sowie Google Scholar. Die Suchstrategie wurde explorativ entwickelt; sie kombinierte die Bool-Operatoren AND und OR und fokussierte folgende vier Themenbereiche: sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität (z. B. „LGBT*“, „lesbian“, „gay“, „bisexual“, „trans*“, „intersex“), Alter (z. B. „older adults“, „geriatric“, „senior“, „aged 65+“), Langzeitpflege (z. B. „long-term care“, „residential care“, „nursing homes“, „home care“, „palliative care“) sowie soziale Unterstützung (z. B. „social support“, „social networks“, „caregiver“, „friend“ „family“). Ein Beispiel für die verwendete Suchlogik lautet: (LGBT OR lesbian OR gay) AND (older adults OR geriatric) AND (long-term care OR home care) AND (social support OR caregiver). Die Begriffe in Klammern sind Beispiele für die in der Suche – auch auf deutsch – verwendeten Schlagwörter.

Die Auswahl der Studien erfolgte anhand der in Tab. 1 definierten Ein- und Ausschlusskriterien. Die Einbeziehung von Personen ab 40 Jahren erfolgt, da eine mögliche Planung pflegerischer Versorgung früher relevant wird [32]. Eingeschlossen wurden Arbeiten, die soziale Unterstützung durch Partner:innen, (Wahl‑)Familie, Freund:innen oder Community-Mitglieder sowie Prozesse der Langzeitpflegeplanung, Inanspruchnahme formeller Pflege und Umsetzung informeller Betreuungsarrangements thematisierten. Pflege umfasste häusliche, stationäre und palliative Versorgung. Publikationen, die ausschließlich gesundheitliche Ungleichheiten oder medizinische Leistungen fokussierten, wurden ausgeschlossen. Die endgültige Auswahl umfasste 19 Studien, die in Tab. 2 zusammengefasst sind.

Tab. 1.

Ein- und Ausschlusskriterien des Scoping-Review

Kriterien Einschluss Ausschluss
Population

– LSBTI+-Personen ab 40 Jahren

– Informelle Pflegepersonen/soziale Kontakte der oben genannten Personen

– Jüngere Erwachsene

– Ausschließlich heterosexuelle Stichproben

– Stichproben, die ausschließlich aus Gesundheits- oder Sozialfachkräften bestehen

Studiendesign und Publikationsart Quantitative und qualitative Studien; „peer-reviewed journals“
Publikationszeitraum 2004–2024
Sprache Deutsch- und englischsprachige Studien

LSBTI lesbisch, schwul, bisexuell, trans* und inter*

Tab. 2.

Übersicht der analysierten Studien (in alphabetischer Reihenfolge)

Studie Land Design Stichprobe Forschungsziel
Almack et al. [1] UK Qualitatives Design; Fokusgruppen 10 Männer und 5 Frauen (n = 15); Alter: 55 und 74 Jahre Erfahrungen im Kontext von Palliativpflege und Trauerbewältigung
Barret et al. [2] AUS 2 qualitative Studien; thematische Analyse 30 LSBT-Personen, einschließlich Partner:innen von Menschen mit Demenz; Alter: 47 bis 79 Jahre Erfahrungen mit und Bedürfnisse von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans (LSBT-)Personen mit Demenz
Bradford et al. [3] USA Fokusgruppen; thematische Analyse 4 Fokusgruppen mit 26 lesbischen Frauen (64 bis 71 Jahre) Erwartungen lesbischer Frauen an gesundes Altern und die Rolle der Community in Wohn- und Lebenspräferenzen
Brennan-Ing et al. [4] USA „Mixed-methods“-Ansatz n = 210 (71 % Männer, 24 % Frauen, 5 % trans*/intersex); Alter: 50 bis 70+ Jahre Analyse sozialer Netzwerke älterer LSBT-Personen und Nutzung formeller Dienste und Versorgungsdefizite
Butler [5] USA Qualitative Studie 20 lesbische Frauen, Alter: 66 bis 86 Jahre und 6 pfleg. Angehörige; Alter: 62 bis 76 Jahre Integration formeller Pflege in informelle Netzwerke, Beziehungen zu Pflegekräften
Clark et al. [6] USA Quantitative Studie 215 lesbische und heterosexuelle Frauen; Alter: 41 bis 78 Jahre Strategien zur Pflegeplanung
Croghan et al. [7] USA Quantitative Studie n = 495 LSBT-Personen; Alter: 48 bis 75+ Jahre Kennzeichen von Inanspruchnahme u. a. von Pflege
De Vries et al. [8] CAN Qualitative Studie; Fokusgruppen und Interviews; thematische Analyse 93 LSBT-Personen; Alter: 55 bis 89 Jahre Einstellungen zur „End-of-life“-Versorgung
De Vries et al. [9] CAN Quantitative Studie 91 LSBT-Personen; Alter: 55 bis 89 Jahre Einflussfaktoren und Kennzeichen zur End-of-life-Versorgung
Gabrielson [15] USA Qualitatives-Fallstudien-Design; narrative Analyse 10 lesbische Frauen, alle in Partnerschaften; Alter: 55 bis 65 Jahre Einflussfaktoren auf Entscheidung für ein LSBT-Pflege-Wohn-Projekt
Grassau et al. [17] CAN Qualitative Studie; Fokusgruppen; reflexive thematische Analyse 9 LSBTQ+ Personen; Alter: 67 bis 78 End-of-life-Unterstützungsnetzwerke
Ismail et al. [19] CAN Quantitative Studie Canadian Longitudinal Study on Aging (CLSA)) n = 51.338; Alter 45 bis 85 Jahre, davon 1057 (2 %) LSB Vergleich sozialer Netzwerke und Pflegeerfahrungen älterer LSB- und heterosexueller Personen
Lo et al. [21] CHN Qualitatives Design; narrative Analyse 14 LS-Personen; Alter 45 bis 79 Jahre Soziale Netzwerke im Alter sowie Balance zwischen Intimität und gesellschaftlichen Erwartungen
Lottmann [22] DEU Qualitative Studie; rekonstruktive Fallanalyse 8 LS(B)TI-Pflegebedürftige; Alter: 59 bis 92 Jahre Relevanz und Besonderheiten sozialer Netzwerke und Angehörigenarbeit
Lottmann und King [23] UK Quantitative Analyse 175 LSB-Personen; Alter: 50+ Jahre Soziale Netzwerke und Wohn‑, Betreuungs- und Unterstützungspräferenzen in UK
Muraco und Fredriksen-Goldsen [25] USA Qualitative Studie; thematische Analyse 18 LSB-Pflege-Dyaden (n = 36), Alter: 50 bis 59 Jahre Informelle Pflege chronisch kranker LSB-Erwachsener; freundschafts- und familiäre Beziehungen
Muraco und Fredriksen-Goldsen [26] USA Qualitative Studie. Halbstrukturierte Interviews. Thematische Analyse 36 LSB-Pflege-Dyaden (n = 72) und Pflegepersonen (auch heterosexuell) Erfahrungen in der informellen Pflege und Beziehungsstrukturen
Pang et al. [27] CAN Qualitative Studie; Fokusgruppen und Interviews 24 trans* Personen (6 trans Männer, 18 trans Frauen); Alter: 55 bis 89 Jahre Pflegewahrnehmung, -planung und Unterstützungsstrukturen
Reygan und Henderson [29] ZAF Qualitative Studie; Fokusgruppen 22 LSBT-Personen; Alter: 50 bis 72 Jahre Erfahrungen zu sozialer Inklusion, rechtlichen Rahmenbedingungen und Unterstützungsnetzwerken im Alter

AUS Australien, CAN Kanada, CHN China, UK Vereinigtes Königreich, USA Vereinigte Staaten von Amerika, ZAF Südafrika CLSA Canadian Longitudinal Study on Aging

Wie bei Scoping-Reviews üblich, wurde keine explizite Beurteilung der Qualität der einzelnen Studien vorgenommen, jedoch wurden ausschließlich Peer-reviewed-Beiträge einbezogen, die im Hinblick auf unsere Untersuchungsfragen entsprechend den Kriterien der Preferred Reporting Items for Systematic Reviews and Meta-Analyses (PRISMA, [30]) untersucht wurden. Der Prozess ist im PRISMA-Flussdiagramm dargestellt (Abb. 1).

Abb. 1.

Abb. 1

Flussdiagramm gemäß den Preferred Reporting Items for Systematic Reviews and Meta-Analyses (PRISMA)

Ergebnisse

Die inkludierten Studien variierten bezogen auf das Studiendesign und wurden hauptsächlich im angloamerikanischen Raum durchgeführt (8 in den USA, 5 in Kanada, eine in Australien). Jeweils eine Studie aus China, Südafrika und Deutschland konnten die Literaturstudie erweitern.

Die folgenden Ergebnisse basieren auf einer strukturierenden inhaltlichen Analyse, die aus der Forschungsfrage abgeleitet wurde und sich nachfolgend entsprechend in drei zentrale Themenkategorien gliedert.

Soziodemografisch bedingte Herausforderungen im Alter

Zahlreiche Studien weisen die oben genannten soziodemografischen Besonderheiten für die Unterstützungspotenziale bei älteren LSBTI*-Personen auf; diese sind durch häufiges Alleinleben sowie geringes Vorhandensein von Partner:innen und Kindern geprägt [3, 7, 9, 19]. Ältere LSBTI*-Personen ab 50 Jahren haben wenige intensive/belastbare Beziehungen zur eigenen Verwandtschaft wie zu Geschwistern, Nichten oder Neffen [2, 4, 15]. Wahlfamiliale Beziehungen werden von zahlreichen Studien als besonders bedeutsam – und teilweise kompensatorisch – für ältere LSBTI*-Personen angesehen [1, 7, 9, 15, 19, 23]. Eine britische Studie beschreibt nicht-verwandtschaftliche Beziehungen als „reference to the ‚family-like‘ bond of these relationships. It has been noted elsewhere that even those who have lived lives outside conventional boundaries invoke a core notion of ‚family‘ to describe the depth of their friendships“ [1, S. 913]. Doch verweisen verschiedene Studienautoren darauf, dass soziale Netzwerke von LSBTI* häufig altershomogen sind und die Hilfebedarfswahrscheinlichkeit dadurch als fragil bewertet werden [4, 22, 25]. Bei trans* Personen werden zudem Herausforderungen finanzieller Art im Alter hervorgehoben [8]. Lesbische Befragte in Städten haben häufiger als Frauen in ländlichen Gemeinden mehrere (und nicht lediglich singuläre) Unterstützungsquellen [3], und lesbische Frauen scheinen im Vergleich zu schwulen Männern belastbarere soziale Netzwerke aufzuweisen [8]. Eine andere kanadische Studie nimmt nicht (wie häufig) nur LSB-Personen, sondern auch heterosexuelle Ältere ins Sample auf und stellt im Vergleich zu heterosexuellen Männern wiederum fest: „with respect to caregiving, gay and bisexual men were more likely to report providing support in comparison to heterosexual men“ [19, S. 13].

Unterstützungsressourcen und Hilfearten

Werden wahlfamiliale Unterstützungspotenziale im Alter nach verschiedenen Hilfearten differenziert, sind diese Netzwerke insbesondere bei der emotionalen und praktischen Unterstützung (etwa haushälterisch) die wichtigste Stütze. Doch je intimer die Form der Hilfeart (pflegerische Leistungen), desto geringer ist die Chance auf wahlfamiliale Unterstützung [23]. Trans* Personen fühlen sich seltener in LSB Communities eingebunden und sind auf transspezifische Netzwerke angewiesen [8]. Sind Partner:innen vorhanden, sind diese meist die Hauptunterstützungsressource [5, 9], mit denen die Pflegeplanung – häufiger als bei Freund:innen – ein Thema ist [6, 9]. De Vries et al. halten zur „End-of-life“-Versorgung kritisch fest: „chosen families were not significantly related to end-of-life preparations; they may not be the untapped resource that has often been proposed“ [9, S. 93]. Auf kulturelle Unterschiede verweisen Studien aus China [21] und Südafrika [29], wonach verwandtschaftliche Unterstützung auch bei LSBTI*-Personen zentral bleiben (sollen). Während verschiedene Studien Isolation und Ausgrenzung insbesondere im Kontext der Gesundheitsversorgung betonen [3, 15, 27], hebt die südafrikanische Studie hervor, dass ältere LSBT*-Personen trotz struktureller Benachteiligungen häufig soziale Einbindung und Unterstützung durch Familie, Freund:innen und Communities erfahren [29]. Auch hier werden – differenziert in Hinsicht auf Bedarfe innerhalb der LSBTI*-Bevölkerungsgruppe – für die Alternsforschung Forschungsdesiderate festgestellt.

Versorgungsstrukturen – Strategien für eine gute Lebens- und Pflegequalität

Die oben beschriebenen soziodemografischen Situationen älterer LSBTI*-Personen lassen eine größere Abhängigkeit von formalen Leistungen der Gesundheitsversorgung erkennen [22], weshalb den Regeldiensten eine hohe Verantwortung bei der Gewährleistung einer guten Lebens- und Pflegequalität für ältere LSBTI*-Personen zukommt [2, 3, 5]. Da die sexuelle und/oder geschlechtliche Identität in professionellen Settings nicht immer offenkundig wird, übersehen oder aufgrund von Tabusierungen beschwiegen werden, gehört ein Sichtbarmachen von Differenz (hier zu sexueller oder geschlechtlicher Identität) zum Gegenstand der Strategien älterer LSBTI*-Personen, die für eine gute Lebens- und Pflegequalität eingesetzt werden. Die Ergebnisse der eingeschlossenen Studien zeigen, dass es für die Befragten immer wieder nötig wurde, proaktiv Teilhabe herzustellen, um Lebensweltbezüge etwa zu LSBT* Communities auch im (hohen) Alter zu gewährleisten [15, 17, 19]. Studien zur Versorgung älterer trans* und inter* Personen berichten von einem erheblichen Einfluss früherer negativer Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem auf das spätere Leben und das Vertrauen in Versorgungseinrichtungen [8, 17, 22]. Es werden Diskrepanzen zwischen LSBT*-freundlichen Prinzipien und der tatsächlichen Praxis im Gesundheitssystem, die die Relevanz personenzentrierter Versorgung unterstreichen, erkennbar [8, 27]. In cis-heteronormativ erlebten Settings können die Bedarfe von LSBTI*-Personen – oftmals unabsichtlich – negiert, nicht erkannt oder für irrelevant erachtet werden (als Herausforderungen werden in den Studien insbesondere soziale Teilhabe, Angehörigenarbeit, demenzielle Erkrankungen sowie Traumata über den Lebensverlauf erwähnt). Daher wird in zahlreichen Studien eine diversitätssensible Versorgungsstruktur, die etwa Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem, soziodemografische Besonderheiten und Lebensweltkenntnisse berücksichtigt, empfohlen, um im Alter eine gute Pflege- und Lebensqualität zu ermöglichen und Diskriminierungen vorzubeugen [2, 5, 15, 17, 22, 2527].

Diskussion

Die in diesem Scoping-Review vorgesehene breite Herangehensweise hat 19 Studien mit unterschiedlichen Schwerpunkten ergeben; diese beleuchten den Forschungsstand zur Relevanz sozialer Netzwerke für die Organisation von Pflege von älteren LSBTI*-Personen und die Rolle wahlfamilialer Unterstützungsressourcen. Die internationalen Studien aus vier Kontinenten betonen grundsätzlich die hohe Bedeutung wahlfamilialer Beziehungen bei LSBTI-Personen im Alter. Dabei werden innerhalb der Gruppe von LSBTI* Unterschiede thematisiert, die Hilfearten und Unterstützungsniveaus oder Erfahrungen über den Lebensverlauf mit (wahl-)familialen Beziehungen betreffen [3, 7, 9, 19]. Beim Erleben von Versorgungsstrukturen werden Reaktionen auf lebenslaufbezogene Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem erkennbar [15, 27]; gleichwohl adressieren bisherige Untersuchungen Strategien und Umgang nur randständig. Es werden Forschungsdesiderate benannt, die insbesondere für trans*- und intergeschlechtliche Personen, für bildungsferne, einkommensschwache und alleinstehende ältere Lesben und Schwule sowie für bisexuelle Senior:innen erkennbar werden, zumal diese auch in den inkludierten Studien häufig nicht explizit untersucht werden.

Es zeigen sich in den Studien Herausforderungen für eine kompensatorische Wirkung wahlfamilialer Beziehungen bei LSBTI*-Senior:innen, wenn diese auf Versorgungsstrukturen treffen, die durch traditionelle Akteur:innen wie erwachsene Kinder (und, wenn vorhanden, Partner:innen) geprägt oder dominiert sind. Insbesondere bei der Gestaltung des Lebensendes werden verstärkt Cis-Heteronormativitäten sichtbar, und Wahlfamilien lassen eine fragile Belastungsfähigkeit insbesondere bei Pflegeereignissen erkennen. Wie LSBTI* mit ihren Strategien und Ressourcen verlässliche soziale Netzwerke aufbauen und wie tatsächlich inklusive Versorgungsstrukturen erreicht werden können, sollte verstärkt Gegenstand gerontologischer Diversitätsforschung werden [1, 5, 8, 9].

Fazit für die Praxis

  • Aufgrund soziodemografischer Herausforderungen wie Alleinleben erhalten soziale Netzwerke, insbesondere nicht-verwandtschaftliche, eine zentrale Bedeutung für ältere LSBTI*-Personen.

  • Neben dem Umgang und dem Sichtbarmachen einer non-konformen sexuellen oder geschlechtlichen Identität ist eine vorausschauende Pflegeplanung ein relevanter Aspekt in Hinsicht auf Unterstützungsressourcen und Strategien in dieser Bevölkerungsgruppe.

  • Um die Unterstützungspotenziale bei älteren LSBTI* zu fördern, ist eine diversitätssensible Gesundheitsversorgung und Angehörigenarbeit nötig.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

M.M. Acosta und R. Lottmann geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht. Diese Literaturrecherche ist Teil der DFG-geförderten Studie „Bewältigung von Pflegeereignissen im wahlfamilialen Kontext am Beispiel von LSBT* Pflegebedürftigen – Relevanz sozialer Netzwerke in der Pflege“ (PflewaK).

Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.

Footnotes

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Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

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