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. 2026 Aug 19;88(08-09):542–551. [Article in German] doi: 10.1055/a-2887-6200

Professionelle Gesundheitskompetenz von Hebammen – Ergebnisse einer standardisierten Online-Befragung in Bayern

Professional Health Literacy Among Midwives – Findings from a Standardised Online Survey Conducted in Bavaria

Sonja Sponsel 1,✉, Larissa Pfaller 1, Linda Karrer 2, Oliver Schöffski 3, Matthias Wilhelm Beckmann 1,2, Alexander Mocker 2
PMCID: PMC13489684  PMID: 42617637

Abstract

Background

Womens health literacy before, during and after childbirth is of considerable public health importance. As midwives frequently serve as primary care providers and first professional contacts during this critical stage of life, they are strategically positioned to support and enhance women’s health literacy. The effective fulfilment of this role, however, requires a well-developed level of professional health literacy among midwives themselves. Empirical evidence on this construct remains limited. The aim of this study was to provide a systematic assessment of professional health literacy among midwives in Bavaria.

Methods

A cross-sectional design was applied using data from a standardised online survey conducted within the HELPER study. Between November 2023 and May 2024, 668 midwives practising in Bavaria participated. Professional health literacy was assessed using the PROF-HL-Q, a 34-item instrument covering four competency domains. Data were analysed through descriptive and inferential statistics, including independent samples t-tests and correlation analysis.

Results

Mean scores across the four competency domains ranged from 48.6 to 78.0 (scale range: 0–100). Patient-centred communication achieved the highest mean scores and was perceived as the least challenging domain. In contrast, professional digital health literacy showed the lowest mean scores and was rated as the most challenging.

Conclusion

The findings underline the pivotal role of midwives as providers of health-related information and guidance through-out the perinatal period. Simultaneously, domain-specific competency gaps were identified, indicating a need for curricular refinement in both pre-registration education and continuing professional development. Targeted measures, particularly in the areas of digital competencies, evidence-informed practice, and advanced communication skills, appear warranted.

Keywords: professional health literacy, midwives, healthcare professionals, academic professionalisation, digitalisation, health services research

Hintergrund

Das nationale Gesundheitsziel „Gesundheit rund um die Geburt“ weist nicht nur die Unabdingbarkeit geeigneter Versorgungsstrukturen von Frauen vor, während und nach der Geburt aus, sondern verdeutlicht auch die gesellschaftliche Relevanz der individuellen Gesundheitskompetenz (GK) von Frauen in dieser besonderen Phase 1 . Denn in diesem Lebensabschnitt sind Frauen einerseits sowohl für ihre eigene Gesundheit, die von körperlichen, hormonellen und psychosozialen Veränderungen geprägt ist, als auch für die Gesundheit ihres Kindes verantwortlich 2 . Andererseits ist diese Phase geprägt von einer Vielzahl von Entscheidungen, wie zum Beispiel im Rahmen der Pränataldiagnostik 3 . Dies hat zur Folge, dass der Bedarf an Gesundheitsinformationen hoch ist 2 4 . Die hohe Informationsdichte mit teils widersprüchlichen und fehlerhaften Inhalten stellt jedoch eine große Herausforderung für die Frauen dar, denn die Qualität und Korrektheit der gefundenen Gesundheitsinformationen einzuschätzen ist eine schwierige Aufgabe und bedarf einer hohen GK 5 6 . Allerdings zeigt eine im Januar 2021 erschienene Studie, dass 58,8% der Bevölkerung in Deutschland eine geringe GK aufweisen und sich somit mit der Schwierigkeit konfrontiert sehen, Informationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anwenden zu können 7 8 . Vorliegende Studien, die die GK bei Schwangeren untersuchen, zeigen moderate bis schlechte Kompetenzen auf 3 9 . Zudem konnten sie zeigen, dass eine geringe GK mit negativen Konsequenzen nicht nur für die Mutter sondern auch für das Kind verbunden ist. So wird beispielsweise seltener Folsäure eingenommen, häufiger geraucht und auch weniger gestillt 3 9 . Dies macht deutlich, dass Hebammen eine zentrale Rolle zur Unterstützung bei der Informationsnutzung und somit der Förderung der GK zukommt 10 11 . Denn im Rahmen der Schwangerenvorsorge sind es neben Ärzt/-innen im Besonderen Hebammen, die Frauen und deren Familien beraten und betreuen 12 13 . Sie stellen häufig die erste Anlaufstelle zum Erhalt von Gesundheitsinformationen dar 7 14 15 , was nicht zuletzt mit dem hohen Maß an Vertrauen zusammenhängt, das ihrem Fachwissen entgegengebracht wird 16 17 . Damit verbunden sind allerdings auch hohe Erwartungen an eine verständliche Informationsvermittlung 16 17 . Hebammen und Ärzt/-innen müssen daher ihrerseits über eine hohe GK verfügen – die sogenannte „professionelle Gesundheitskompetenz“ 18 , die wie folgt definiert wird:

„Professionelle Gesundheitskompetenz umfasst die Motivation, das Wissen und die Fähigkeiten, professionell relevantes Wissen und Informationen in unterschiedlicher Form finden, verstehen, beurteilen und nutzen zu können, um im Berufsalltag professionell nach dem „State of the Art“ agieren, und gesundheits- und krankheitsrelevantes Wissen und ebensolche Informationen so aufbereiten, vermitteln und kommunizieren zu können, dass sie von Patientinnen/Patienten verstanden, (kritisch) beurteilt und zur Entscheidungsfindung über Gesundheitsfragen genutzt werden können .“ 5

Allerdings ist aktuell noch kaum etwas darüber bekannt, ob sich Hebammen in der Lage fühlen, diese Aufgabe kompetent ausführen zu können. Um den Status Quo der professionellen GK von Gesundheitsprofessionen zu ermitteln, wurde 2023 ein neues Instrument zur Messung der professionellen GK entwickelt und in den DACH-Regionen validiert. Daraufhin konnte in Deutschland die professionelle GK erstmals von Ärzt/-innen und Pflegefachpersonen ermittelt werden 19 . Von Hebammen wurde die professionelle GK 2023 bereits in Österreich erhoben 20 . In Deutschland allerdings liegen von Hebammen lediglich Daten zur individuellen GK und nicht zur professionellen GK vor 21 . Ziel des vorliegenden Artikels ist es, diese Forschungslücke zu schließen und folgende Fragen zu beantworten:

  • Wie schätzen bayerische Hebammen ihre professionelle GK ein?

  • Welche Aufgaben zur Förderung der professionellen GK werden von Hebammen als besonders schwer eingeschätzt?

  • In welchem Zusammenhang steht die professionelle GK in den vier Aufgabenbereichen mit dem Alter, den Berufsjahren und dem Bildungsabschluss?

Methodisches Vorgehen

Das Projekt „HELPER“

Die Analyse wurde im Rahmen des Projekts Fachkräftemonitoring für Hebammen und Heilmittelerbringer in Bayern , kurz HELPER 1 , durchgeführt. Dabei handelt es sich um ein vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention finanziertes Forschungs- und Entwicklungsvorhaben, welches die Sicherstellung einer effizienten, bedarfsgerechten und flächendeckenden Versorgung der Bevölkerung des Freistaats Bayern mit Hebammen und Heilmittelerbringern verfolgt. Deshalb ist es das Ziel dieses Monitorings, den bestehenden und zukünftigen Bedarf an Fachkräften in den jeweiligen Berufsgruppen zu erfassen und (regionale) Versorgungsengpässe rechtzeitig zu identifizieren 22 . Das Vorhaben verfolgt das Ziel, die professionelle GK der Hebammen und Heilmittelerbringer zu erfassen und interprofessionell vergleichen zu können.

Datenerhebung

Bei der Befragung handelt es sich um eine Vollerhebung in Bayern, bei der alle Hebammen eingeschlossen wurden, die die Erlaubnis zur Führung der Berufsbezeichnung „Hebamme“ besitzen und ihre Versorgungsleistungen im Freistaat Bayern erbringen. Die Daten wurden mittels quantitativer Online-Befragung erhoben. Die Rekrutierung der Hebammen erfolgte von November 2023 bis Mai 2024 in Form von Einladungen zur Studienteilnahme per E-Mail durch den Bayerischen Hebammenlandesverband e.V., die bayerischen Gesundheitsämter und die Geburtskliniken in Bayern. Zusätzlich wurden Hebammen über Flyer auf Fachkongressen, Verbands-Newsletter sowie Pressemitteilungen der bayerischen Gesundheitsministerin zur Teilnahme eingeladen 23 .

Im Jahr 2023 waren circa 29 000 Hebammen in Deutschland tätig, somit entspricht die Stichprobe mit n=668 einem Anteil von 2,3% aller deutschen Hebammen 24 . Da es sich um eine regionale Erhebung handelt, wird keine statistische Repräsentativität beansprucht. Gleichwohl sprechen einige Faktoren für eine inhaltliche Generalisierbarkeit der Daten auf den gesamtdeutschen Raum. So gelten für Hebammen bundesweit weitgehend einheitliche rechtliche, institutionelle und berufspolitische Rahmenbedingungen 13 25 26 . Ebenfalls spricht die strukturelle Heterogenität in Bayern mit seinen urbanen und ländlichen Versorgungssettings für die Annahme einer grundsätzlichen Übertragbarkeit.

Die Studie wurde von der Ethik-Kommission der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg geprüft und als unbedenklich bewertet (24-59-ANF).

Das Erhebungsinstrument „PROF-HL-Q“

Die professionelle GK wurde mit dem Erhebungsinstrument PROF-HL-Q ermittelt, das diese in 34 Items operationalisiert 19 . Erfasst wird dabei die subjektive Selbsteinschätzung von Gesundheitsfachpersonen in vier Aufgabenbereichen, welche diese bei der Steigerung der GK von Patient/-innen erfüllen müssen. Die vier Aufgabenbereiche setzen sich wie folgt zusammen: Informations- und Wissensmanagement (7 Items), Informations- und Wissensvermittlung (17 Items), patientenzentrierte Kommunikation (6 Items) und professionelle digitale Gesundheitskompetenz (4 Items). Den Befragten steht für die Beantwortung der Fragen eine fünfstufige Likert-Skala mit den Antwortmöglichkeiten „sehr einfach“, „eher einfach“, „weder einfach noch schwierig“, „eher schwierig“ und „sehr schwierig“ zur Verfügung. Für die Auswertung sieht das Instrument vor, für jeden der vier Aufgabenbereiche einen zusammenfassenden Punktwert zu berechnen. Dieser wird im Anschluss aufsummiert und auf Werte von 0–100 skaliert. Dabei stellt 100 den höchstmöglichen Wert dar 19 . Bei der Befragung wurden alle Items als Pflichtfelder programmiert, weshalb keine fehlenden Werte im Rahmen der Auswertung berücksichtigt werden mussten. Um einen möglichen Einfluss von demographischen und berufsbezogenen Faktoren auf die Selbsteinschätzung der professionellen GK aufzeigen zu können, wurden ergänzend das Alter, der Bildungsabschluss und die Berufsjahre erhoben.

Datenanalyse

Die Analyse der Daten erfolgte mit Hilfe der Statistiksoftware SPSS 29.0. Die Stichprobe, die durchschnittlichen Punktwerte der vier Aufgabenbereiche sowie die am schwierigsten und einfachsten eingeschätzten Items pro Aufgabenbereich werden im Folgenden deskriptiv dargestellt. Zur Identifikation soziodemographischer und berufsbezogener Einflussgrößen wurden weiterführende Analysen mittels t-Test und Korrelationsanalyse (Pearsons r) durchgeführt.

Ergebnisse

Im Rahmen der Befragung haben insgesamt 668 bayerische Hebammen den Fragebogen „PROF-HL-Q“ ausgefüllt. Diese waren im Durchschnitt 45,8 Jahre alt. Mit Blick auf den Bildungsabschluss wird ersichtlich, dass 545 (81,7%) der befragten Hebammen über kein Studium (Hauptschulabschluss, Mittlere Reife, Abitur) verfügen und 122 (18,2%) ein Studium abgeschlossen haben (Bachelor, Master, Promotion). Von den befragten Hebammen führen 280 (41,8%) den Beruf 15 oder weniger Jahre aus, während 388 (58,1%) den Beruf bereits mehr als 15 Jahre ausüben. Die vollständige Samplebeschreibung ist Tab. 1 zu entnehmen.

Tab. 1 Samplebeschreibung nach ausgewählten soziodemographischen und beruflichen Merkmalen.

Variable Fallzahl (n) Häufigkeiten (%)
Alter 668
20–30 Jahre 72 10,8
31–40 Jahre 155 23,2
41–50 Jahre 200 29,9
51–60 Jahre 173 25,9
>60 Jahre 68 10,2
arithmetisches Mittel; SD; min.-max. 668 45,8; 11,2; 22–76
Geschlecht 668
Männlich 1 0,1
Weiblich 667 99,9
Staatsangehörigkeit 668
Deutsch 652 97,6
Andere 16 2,4
Bildungsabschluss 667
Hauptschulabschluss 6 0,9
Mittlere Reife 199 29,8
Abitur 340 51,0
Bachelor 75 11,2
Master 41 6,1
Promotion 6 0,9
Habilitation 0 0,0
Berufsjahre 668
<1 Jahr 25 3,7
1–2 Jahre 24 3,6
>2 Jahre–5 Jahre 47 7,0
>5 Jahre–15 Jahre 184 27,5
>15 Jahre–25 Jahre 169 25,3
>25 Jahre 219 32,8

Professionelle Gesundheitskompetenz von Hebammen in Bayern

In der durchgeführten Befragung haben die bayerischen Hebammen ihre professionelle GK je nach Aufgabenbereich im Durchschnitt zwischen 48,6 und 78,0 von 100 möglichen Punkten ( Abb. 1 ) 2 eingeschätzt. Den Aufgabenbereich patientenzentrierte Kommunikation empfinden Hebammen mit einem Punktwert von 78,0 am einfachsten und den Aufgabenbereich professionelle digitale Gesundheitskompetenz mit einem Punktwert von 48,6 als am schwierigsten.

Abb. 1.

Abb. 1

Professionelle Gesundheitskompetenz von Hebammen in Bayern nach Aufgabenbereichen.

Aufgabenbereich Informations- und Wissensmanagement

Im Aufgabenbereich Informations- und Wissensmanagement fallen den befragten Hebammen alle sieben Aufgaben zur Förderung der GK eher einfach (33,8%–68,7%), als schwer (5,0%–30,7%). ( Abb. 2 ) 3 .

Abb. 2.

Abb. 2

Aufgaben im Aufgabenbereich Informations- und Wissensmanagement - Schwierigkeit

Aufgabenbereich Informations- und Wissensvermittlung

Im Aufgabenbereich Informations- und Wissensvermittlung wird als besonders schwierig empfunden, „mit fehl- oder falschinformierten Patient/-innen umzugehen“ (PHL21: 38,3%). Dabei handelt es sich um das einzige der 17 Items des Aufgabenbereichs, welches mehr Hebammen als schwierig (38,3%) anstatt als einfach (28,5%) einschätzen ( Abb. 3 ).

Abb. 3.

Abb. 3

Aufgaben im Aufgabenbereich Informations- und Wissensvermittlung- Schwierigkeit

Aufgabenbereich Patientenzentrierte Kommunikation

Der Aufgabenbereich Patientenzentrierte Kommunikation wird insgesamt als am einfachsten eingeschätzt. Schwierigkeiten in der Förderung von Gesundheitskompetenz geben in den insgesamt sechs Items lediglich zwischen 0,7% und 5,7% der Hebammen an, wohingegen 73,2% bis 90,7% diese Aufgaben als einfach beurteilen ( Abb. 4 ).

Abb. 4.

Abb. 4

Aufgaben im Aufgabenbereich Patientenzentrierte Kommunikation- Schwierigkeit

Aufgabenbereich Professionelle digitale Gesundheitskompetenz

Ein gegensätzliches Bild zeigt sich im Aufgabenbereich Professionelle digitale GK. Lediglich das Item PHL32 „die gefundenen digitalen Gesundheitsinformationen zu verstehen“ wird von mehr Hebammen als leicht (30,8%) denn als schwer (21,4%) beurteilt. Bei den restlichen Items überwiegen die Angaben der Hebammen, die Schwierigkeiten bei der Durchführung dieser Aufgaben zur Förderung der GK haben ( Abb. 5 ).

Abb. 5.

Abb. 5

Aufgaben im Aufgabenbereich Professionelle digitale Gesundheitskompetenz- Schwierigkeit

Einflussfaktoren der professionellen GK

Im t-Test zeigt sich ein signifikanter Unterschied zwischen Hebammen, die über 15 Jahre Berufserfahrung gesammelt haben und denjenigen mit weniger Erfahrung im Aspekt „Informations- und Wissensmanagement“, die Effektstärke ist allerdings mit unter 0,2 zu vernachlässigen. Analog verhält es sich mit dem Alter, bei dem sich die Korrelationskoeffizienten in allen vier Aspekten unter 0,1 bewegen.

Die akademisierten Hebammen schätzen sich in den Aspekten „professionelle digitale Gesundheitskompetenz“ und „Informations- und Wissensmanagement“ signifikant besser ein als ihre nicht-akademisierten Kolleg/-innen. Die Effektstärke ist dabei gering bis mittel und damit durchaus relevant für die Interpretation. Der signifikante Unterschied im Aspekt „Informations- und Wissensvermittlung“ ist hingegen mit unter 0,2 zu vernachlässigen ( Tab. 2 ).

Tab. 2 Zusammenhang von professioneller GK mit Bildungsabschluss, Berufsjahren und Alter (Korrelationen und t-Tests).

Informations- und Wissensmanagement Informations- und Wissensvermittlung Patientenzentrierte Kommunikation Professionelle digitale Gesundheitskompetenz
Akademisierung kategoriale Abfrage
  p – einseitig <0,001 0,032 0,495 <0,001
  Cohen’s d 0,677** 0,185* −0,001 0,317**
kein Studium (n=545)
  arithmetisches Mittel 58,6 63,3 78,0 47,5
  Standardabweichung 15,3 12,0 12,5 17,5
Studium (n=122)
  arithmetisches Mittel 69,1 65,6 78,0 53,2
  Standardabweichung 16,8 13,1 13,3 19,8
Berufserfahrung kategoriale Abfrage
  p – einseitig 0,014 0,406 0,232 0,216
  Cohen’s d 0,172* −0,019 −0,057 −0,062
≤15 Jahre (n=280)
  arithmetisches Mittel 58,9 63,9 78,5 49,2
  Standardabweichung 17,2 12,3 12,6 18,5
>15 Jahre (n=388)
  arithmetisches Mittel 61,7 63,6 77,7 48,1
  Standardabweichung 15,2 12,2 12,6 17,7
Alter in Jahren
  n 668 668 668 668
  Pearson-Korrelation 0,095* −0,015 −0,070 –0,081*
  p - zweiseitig 0,014 0,705 0,069 0,036

* Signifikant auf dem Niveau von 0,05. ** Signifikant auf dem Niveau von 0,01.

Insgesamt zeigt sich also, dass Alter und Berufsjahre keinen messbaren Einfluss auf die vier Aufgabenbereiche haben, der Bildungsgrad allerdings einen positiven Effekt zeigt.

Diskussion

Die vorliegende Studie zeigt zum ersten Mal die professionelle GK von Hebammen in Bayern auf. Insgesamt schätzen die befragten Hebammen ihre professionelle GK relativ moderat bis gut ein. Die Punktwerte in den vier Aufgabenbereichen bewegen sich zwischen 48,6 und 78,0. Damit zeigen Hebammen ähnliche Ergebnisse wie andere Gesundheitsprofessionen. So liegen die Werte bei deutschen Hausärzt/-innen zwischen 53,1 und 72,7 18 und bei Pflegefachpersonen zwischen 54,5 und 74,3 27 , bei nahezu gleicher Rangfolge der Aufgabenbereiche. Da die Ergebnisse auf einem Selbsteinschätzungstool 19 basieren, muss bei der Interpretation der Ergebnisse beachtet werden, dass 58,1% der befragten Hebammen seit über 15 Jahren im Beruf tätig sind, was auf eine hohe berufliche Routine und Sicherheit in der eigenen Arbeitsweise schließen lässt. Zudem unterliegen Hebammen gemäß den jeweiligen Berufsordnungen einer Fortbildungspflicht von mindestens 40 Stunden innerhalb von drei Jahren, wodurch die Strukturqualität zwar grundsätzlich gestärkt wird 28 ; allerdings ist kritisch anzumerken, dass aufgrund des noch vergleichsweise jungen Akademisierungsprozesses im Hebammenwesen die Vermutung besteht, dass Fortbildungen teilweise weiterhin mehr Erfahrungswissen als evidenzbasierte Inhalte vermitteln. Dies kann ebenfalls dazu führen, dass die befragten Hebammen sich in einzelnen Aufgabenbereichen positiver einschätzen.

Besonders im Aufgabenbereich Patientenzentrierte Kommunikation schätzen die befragten Hebammen (78,0 Punkte) noch mehr als Pflegefachpersonen (74,3 Punkte) und Hausärzt/-innen (72,7 Punkte) ihre Fähigkeiten als recht hoch ein. Dieses Ergebnis überrascht wenig, da Vertrauensbildung zwischen Hebammen und Frauen die Arbeitsbeziehung prägt, und zwar nicht zuletzt durch transparentes, also von Kommunikation begleitetem Handeln 29 . Dennoch fällt es den Hebammen hier am schwersten, den Frauen aktiv zuzuhören, ohne sie zu unterbrechen (5,7%). Zugleich sind Geburtserlebnis und frühe Elternschaft mit hohen Erwartungen verbunden, deren Nichtberücksichtigung zu Enttäuschungen führen kann; aktives Zuhören stellt daher eine zentrale Voraussetzung dar, welche in Kommunikationstrainings zukünftig weiter gefördert werden sollte.

Im Aufgabenbereich der Informations- und Wissensvermittlung sehen die Hebammen (38,3%) – ähnlich wie Pflegefachpersonen (37,0%) und Hausärzt/-innen (44,5%) 18 27 – die größte Schwierigkeit im Umgang mit fehl- oder falschinformierten Patient/-innen. Für die Pflegenden und Hausärzt/-innen ist dies sogar das als am schwierigsten beurteilte Item der professionellen GK insgesamt. Die Frauen haben zwar ein großes Vertrauen in das Fachwissen ihrer Hebammen 16 17 , allerdings muss die Hebamme auch die Kompetenz besitzen, dieses Wissen verständlich zu vermitteln. Um diese edukativen Kompetenzen zu fördern, sind Kommunikationstrainings mit Simulationspatientinnen oder Supervision in der Ausbildung von Hebammen ein zentraler Bestandteil geworden 30 31 .

Der Aufgabenbereich Informations- und Wissensmanagement wird mit 60,5 Punkten als zweitschwerster Bereich bewertet. Die größte Schwierigkeit besteht für 30,7% der Befragten darin, statistische Ergebnisse korrekt einzuordnen. Dies ist möglicherweise darauf zurückzuführen, dass die Hebammenausbildung bis 2020 in Deutschland nicht vollständig akademisch ausgerichtet 13 und Evidenzbasierung noch kein zentraler Bestandteil der Ausbildung war 32 . Angesichts der zunehmenden Komplexität der Versorgung und der wachsenden Verfügbarkeit internationaler Studien unterschiedlicher Qualität gewinnt diese Kompetenz jedoch erheblich an Bedeutung 5 . Auch sind wissenschaftliche Kenntnisse von hoher Relevanz, um die noch in den Kinderschuhen steckende Hebammenforschung in Deutschland weiterzuentwickeln und die Rolle der Hebamme neu zu denken 33 . Die Ergebnisse der vorliegenden Studie zeigen, dass die befragten akademisch ausgebildeten Hebammen ihre Kompetenzen im Informations- und Wissensmanagement und der digitalen GK höher einschätzen als nicht-akademisierte Kolleg/-innen, was darauf schließen lässt, dass die Akademisierung ein Weg in die richtige Richtung zur Stärkung der professionellen GK darstellt. Zu beachten ist, dass aktuell die Mehrheit der berufstätigen Hebammen (hier 81,7%) nicht über eine akademische Ausbildung verfügt. Hier wäre es zu empfehlen, deren professionelle GK durch staatlich geförderte, berufsbegleitende Nachqualifizierungsstudiengänge mit kürzerer Laufzeit, in denen der Schwerpunkt auf dem wissenschaftlichen Arbeiten und der Methodenkompetenz liegt, zu steigern.

In allen Berufsgruppen zeigen sich die größten Schwierigkeiten im Aufgabenbereich professionelle digitale GK. Mit Blick auf die fortschreitende Digitalisierung ergibt sich jedoch im Gesundheitsbereich ein gesamtgesellschaftliches Problem, denn ganze 76% der deutschen Bevölkerung verfügen nur über eine geringe digitale GK 8 . Erschwerend wird hierbei die Flut an digitalen Informationen empfunden, die ungefiltert zur Verfügung stehen. Damit besteht eine Koexistenz von seriösen und unseriösen digitalen Quellen 34 . Vor allem in der sensiblen Phase Schwangerschaft und Geburt spielt dies eine große Rolle, da diese mit viel Verunsicherung verbunden ist. Das führt dazu, dass Hebammen in der Lage sein müssen, falsches Wissen zu korrigieren und das Vertrauen der Frauen in evidenzbasierte Informationen zu stärken. Allerdings geben 40,0% der befragten Hebammen an, Schwierigkeiten dabei zu haben, Patient/-innen darin zu unterstützen, die Vertrauenswürdigkeit der digitalen Gesundheitsinformationen einzuschätzen. Dies stellt für die Hebammen sogar das am Schwierigsten eingeschätzte Item der professionellen GK insgesamt dar. Hier zeigt sich, dass die digitale Kompetenz der Gesundheitsfachpersonen verbessert werden muss, auch wenn bereits politische Maßnahmen durch die Aufnahme des §20k SGB V im Jahr 2019 getroffen wurden, in dem die gesetzlichen Krankenkassen zur Förderung der digitalen GK der Gesamtbevölkerung verpflichtet werden 35 . Denn nur so können diese auch zukünftig als wichtige Informationsquelle der Bevölkerung agieren und darin unterstützen, vertrauenswürdige Informationen zu finden und zu erkennen. Wünschenswert wäre es daher, dass zukünftig vermehrt Projekte durchgeführt werden, in denen Gesundheitsfachpersonen selbst vertrauenswürdige Gesundheitsinformationen entwickeln und sichtbarer machen.

Limitationen

Bei der Einordnung der Ergebnisse dieser Studie ist zu beachten, dass das genutzte Messinstrument PROF-HL-Q zur Erhebung der professionellen GK auf Selbsteinschätzung beruht. Es besteht hier also die Gefahr der Über- oder Unterschätzung in bestimmten Aufgabenbereichen, da keine objektive Messung – zum Beispiel anhand von Wissensfragen – erfolgt 19 . Eine weitere Limitation der Studie betrifft die Rekrutierung der Teilnehmenden. Die Befragung erfolgte im Rahmen eines Monitorings mit dem Ziel, alle Hebammen in Bayern zu erreichen. Da jedoch kein zentrales Register existiert und keine verpflichtende Verbandsmitgliedschaft vorliegt, konnte die Grundgesamtheit der tatsächlich erreichbaren Hebammen nicht bestimmt werden. Zudem erfolgte die Rekrutierung über verschiedene, nicht vollständig kontrollierbare Kanäle, sodass die tatsächliche Reichweite unklar bleibt. Vor diesem Hintergrund ist die Bestimmung eines validen Nenners und damit die Berechnung einer Rücklaufquote nicht möglich. Die Datenerhebung erfolgte rein digital, was vermuten lässt, dass nur Hebammen mit digitalen Vorkenntnissen teilgenommen haben. Außerdem ist kritisch anzumerken, dass in der vorliegenden Erhebung keine Rahmenbedingungen abgefragt wurden. Somit bleibt unklar, wie die befragten Hebammen Informationen erwerben und vermitteln. Dies sollte bei weiteren Forschungsvorhaben Beachtung finden.

Fazit

Das Messinstrument PROF-HL-Q hat sich in der vorliegenden Studie als differenziertes Tool zur Erhebung der professionellen GK erwiesen. So konnte der vorliegende Artikel nicht nur erstmals die professionelle GK von deutschen Hebammen aufzeigen, sondern auch bestehende Unterschiede zu anderen Gesundheitsfachberufen differenziert nach Aufgabenbereichen begründen. Zudem konnten mögliche spezifische Einflussfaktoren auf die professionelle GK der Hebammen benannt und diese Ergebnisse in aktuelle bildungs- und professionspolitische Entwicklungen eingeordnet werden.

Zusammenfassend stellt die Verbesserung der professionellen GK – auch bei Hebammen – weiterhin eine große Herausforderung an Politik und Gesundheitswesen dar und bedarf weiterer Forschung mit sowohl quantitativen als auch qualitativen Ansätzen. Im Zuge der laufenden Akademisierung in den Gesundheitsfachberufen und der Überarbeitung der ärztlichen Approbationsordnung sollten deshalb vor allem die Themen Evidenzbasierung, wissenschaftliches Arbeiten, Digitalisierung und Kommunikation in den Curricula zunehmend Beachtung finden. Zusätzlich sollte die professionelle GK von bereits ausgebildeten Hebammen durch regelmäßige Fort- und Weiterbildungsangebote weiter verbessert werden.

Fördermittel

Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention (StMGP) — G31e-A0720-2022/1-87

Danksagung

Besonderer Dank gilt dem Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention sowie den Gesundheitsämtern, Geburtskliniken und dem Hebammenlandesverband in Bayern für die Unterstützung bei der Rekrutierung von Hebammen. Anmerkungen: Die vorliegende Arbeit wurde von Sonja Sponsel als Teil der Anforderungen zur Erlangung des Grades „Dr. rer. biol. hum.“ an der Medizinischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) angefertigt.

Interessenkonflikt Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1 Durchführendes Organ: Universitätsklinikum Erlangen, Projektleitung: Prof. Dr. med. Matthias W. Beckmann (Direktor der Frauenklinik am Universitätsklinikum Erlangen)

2 Abweichungen von 100 in den Abbildungen ergeben sich aus Rundungseffekten

3 PHL=Professional Health Literacy 19

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Articles from Gesundheitswesen (Bundesverband Der Arzte Des Offentlichen Gesundheitsdienstes (Germany) are provided here courtesy of Thieme Medical Publishers

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