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. 2026 Jul 10;38(5):290–302. [Article in German] doi: 10.1007/s00064-026-00945-w

MPFL-Doppelungs- und laterale Erweiterungsplastik („Weichteilbalancing“) nach Urs W. Müller

Medial patellofemoral ligament duplication and lateral lengthening plasty (‘soft tissue balancing’) according to Urs W. Müller

Partial step in patella stabilization surgery or isolated procedure

Stephan Bernhart 1, Constance Raith 1, Flavio Cagienard 1, Jan-Christoph Stadelmann 1, Urs W Müller 1, Judith Bering 1,✉
PMCID: PMC13601104  PMID: 42429931

Abstract

Objective

Restoration of a functionally intact and stable medial patellofemoral ligament (MPFL).

Indications

a) Persistent patellofemoral instability following patellar dislocation with rupture of the MPFL; b) failure of conservative therapy following patellar dislocation; c) partial step: recurrent patellar dislocations with treatment of risk factors leading to dislocation (e.g., trochlear dysplasia, patella alta) by means of, for example, deepening trochleoplasty or tuberosity osteotomy; d) isolated: traumatic patellar dislocations with no or only minor risk factors; e) no age limits.

Contraindications

a) Failure to address/treat the risk factors leading to patellar dislocation; b) first time dislocation without the need for immediate surgery (e.g., osteochondral lesion); c) no recurrent dislocation with good progress under conservative therapy; d) malcompliance.

Surgical technique

Parapatellar lateral skin incision, two layer incision of the lateral joint capsule and LPFL, sharp dissection of the capsule up to the medial epicondyle, hemostasis. Exposure of the MPFL and incision of the fibrous layer along the fiber direction without opening the synovial layer. Doubling of the MPFL with single sutures and continuous overlock suture, lateral tension-free closure using continuous suture.

Postoperative management

Mobilization in knee brace with weight-bearing according to pain immediately after surgery. Immediate start of physiotherapy according to in-house protocol, depending on the patella stabilizing procedure (e.g., isolated MPFL, trochleoplasty with MPFL, tuberosity osteotomy with MPFL). Thromboembolism prophylaxis using low molecular weight heparin. Removal of suture material 14 days postoperatively.

Results

Between November 2011 and April 2024, 116 patients aged 13–48 years (mean age 19.8) underwent MPFL doubling surgery. Depending on the individual pathologies, 78 (67.2%) patients underwent deepening trochleoplasty, 16 (13.8%) underwent tuberosity osteotomy, and 15 (12.9%) underwent a combination of the three procedures. Seven (6.0%) patients underwent MPFL duplication surgery. Postoperatively, 104 (89.7%) patients were symptom-free and satisfied. Twelve (10.3%) patients experienced postoperative complications.

Keywords: Medial patellofemoral ligament; Patellofemoral instability; Patellar dislocation; Surgical procedure; MPFL reconstruction, patellar tracking

Vorbemerkungen

Die akute laterale Patellaluxation ist eine häufige Verletzung mit einer Inzidenz von 6–7/100.000, bei Adoleszenten mit 30/100.000 sogar um bis das 7‑Fache höher [1, 2]. Im Rahmen der lateralen Luxation kommt es in 90–95 % [3–5] der Fälle zur Verletzung des medialen patellofemoralen Ligaments (MPFL), wobei die Ruptur des MPFL patellar, intraligamentär, femoral oder kombiniert auftreten kann [6, 7].

Ursächlich für die akute laterale Patellaluxation können in seltenen Fällen direkte Traumata bzw. eine direkte mediale Krafteinwirkung sein, meistens tritt die Luxation jedoch ohne Fremdeinwirkung („non-contact injury“) auf, wenn Valgusstress auf das extendierte Knie einwirkt bei zeitgleicher Drehbewegung („pivoting motion“) [8].

Erstluxationen werden in der Regel konservativ therapiert, in wenigen Fällen kann ein operatives Vorgehen nach Erstluxation notwendig sein, beispielsweise bei einem ossären Ausriss des MPFL (Flake-Fraktur) an der medialen Patellafacette, freien Gelenkkörpern, bei nachgewiesenen therapiebedürftigen osteochondralen Defekten [9–12] oder bei anatomischen Varianten, welche ein hohes Risiko für eine patellofemorale Instabilität darstellen (Genu valgum, Patela alta, Rotationsfehler – erhöhte femorale Antetorsion, femorale Retrotorsion, verminderte Aussenrotation im oberen Sprunggelenk) [13]. Rotationsfehler treten nahezu immer mit einem oder mehreren primären Risikofaktoren kombiniert auf.

Bei rezidivierenden Luxationen bzw. einer persistierenden patellofemoralen Instabilität rückt die operative Therapie in den Vordergrund. Hierbei sind die präoperative Diagnostik und Aufarbeitung der anatomischen Grundlagen essenziell, um die zur Luxation prädisponierende Ätiologie der Instabilität zu erfassen und zu therapieren. Im Rahmen der stabilisierenden Operation stellt die Rekonstruktion des MPFL einen zentralen Bestandteil dar und wird oftmals zeitgleich mit der Korrektur der anatomischen, zur Instabilität führenden Ursache, durchgeführt.

Das MPFL wurde erstmalig von Warren und Marshal [14] beschrieben und gilt als einer der wichtigsten passiven Stabilisatoren des patellofemoralen Gelenks zwischen 0 und 30° Flexion; es trägt bis zu 53 % [15] der nach lateral einwirkenden Kraft. Der femorale Ursprung liegt zwischen dem Tuberculum adductorium und dem medialen femoralen Epikondylus, genauer gesagt proximal und posterior des Epikondylus, aber distal und anterior des Tuberculum adductorium, auch Nomura Point genannt [16], wobei in diversen Kadaverstudien auch weitere anatomische Varianten beschrieben wurden [17]. Das MPFL liegt wie auch das mediale Kollateralband (MCL) in der mittleren Schicht des medialen Kapsel-Band-Apparats zwischen der Gelenkskapsel und der superfiziellen Faszienschicht [14, 18] und ist partiell mit dem MCL und mit der tendinösen Aponeurose des Vastus medialis obliquus und teils des Vastus intermedius des M. quadriceps verwachsen [17, 19].

Patellär setzt das MPFL – je nach Konfiguration – an den proximalen zwei Dritteln [20, 21] bzw. der Hälfte [15, 22] der medialen Patellafacette an, wobei die patelläre Insertion flächiger ist als die femorale.

Zur Rekonstruktion des MPFL wurden diverse Techniken [23–25], u. a. unter Einsatz diverser Grafts (Allograft/Autograft [26], Grazilis- [27, 28], Semitendinosussehne [29]) beschrieben, wobei die Rekonstruktion mittels Autograft (Grazilis- oder Semitendinosussehne) die zur Zeit am häufigsten verwendete Technik, als aktueller Goldstandard betrachtet und als statische Rekonstruktion aufgeführt wird. Alternativ dazu wurden dynamische Rekonstruktionen mittels Sehnentransfers der Quadrizepssehne [30–32], Adductor-magnus- [33] oder Grazilissehne [34–37] beschrieben.

Isolierte Weichteilrekonstruktionen im Sinne eines „MPFL-Repairs“ zeigten in den bisherigen Analysen im Direktvergleich mit dem genannten Goldstandard oftmals schlechtere Resultate bezüglich der Reluxationsrate sowie in funktionellen Scores, weshalb sich diese Techniken bisher nicht durchgesetzt haben [38, 39]. Die Analysen haben sich jedoch häufiger auf isolierte MPFL-Eingriffe, ohne Adressieren der Begleitpathologien fokussiert.

Wir stellen mit der hier präsentierten Operationstechnik eine alternative Methode vor, welche basierend auf den anatomischen Kenntnissen des MPFL eine suffiziente Rekonstruktion darstellt ohne das Einbringen einer Spendersehne oder Verstärkung mittels Autograft. Sie ist in unserer Klinik seit mehr als 20 Jahren der Standardeingriff zur Rekonstruktion des nach einer Patellaluxation rupturierten MPFL. Die Verletzung des MPFL ist in der Regel die Folge einer Patellaluxation und nicht ursächlicher Auslöser. Somit sollte unbedingt die zu Grunde liegende Pathologie adressiert werden (z. B. Trochleadysplasie, Patella alta, erhöhter TT-TG). Die MPFL-Doppelungsplastik stellt einen Teilschritt einer Patella-stabilisierenden Operation (z. B. vertiefende Trochleaplastik, Tuberositasosteotomie) dar. Nur in sehr ausgenommenen Einzelfällen ist eine isolierte MPFL-Doppelungsplastik indiziert (rein traumatische Patellaluxation ohne oder mit nur sehr milden Risikofaktoren). Daraus resultiert auch, dass eine isolierte Betrachtung dieser Operationstechnik in Bezug auf funktionelle Resultate kaum möglich ist. Eine detaillierte Beschreibung dieser Operationstechnik ist nach den Resultaten der Literaturrecherche noch nicht publiziert.

Operationsprinzip und -ziel

Wiederherstellung eines suffizienten MPFL als wichtigsten passiven Stabilisator der Patella. Dies bedingt eine zentrierte, balancierte Führung der Patella durch angleichende laterale Erweiterungsplastik („Weichteilbalancing“). Die Technik führt zu einer zuverlässigen Reduktion des Reluxationsrisikos (Eingriff selten isoliert, Standard-Teilschritt z. B. bei vertiefender Trochleaplastik oder Tuberositasosteotomie) und ist anderen Techniken zur MPFL-Rekonstruktion nicht unterlegen.

Vorteile

  • Keine Sehnenentnahme (Autograft) oder Allograft notwendig

  • Kein Einbringen von Fremdmaterial (Anker, Schraube, Button), abgesehen von Fäden

  • Keine ossären Bohrkanäle, damit kein Risiko für Frakturen oder Tunnelfehlplatzierungen

  • Keine Röntgenstrahlung, da kein BV notwendig

Nachteile

  • Hohe Compliance in der Nachsorge gefordert

  • Initiale Ruhigstellung im Knie-Brace

  • Relativ langer lateraler parapatellärer Hautschnitt mit oft verbreiterter Narbenbildung

Indikationen

  • Persistierende patellofemorale Instabilität infolge Patellaluxation mit Ruptur des MPFL

  • Versagen der konservativen Therapie nach Patellaluxation

  • Teilschritt: rezidivierende Patellaluxationen mit Behandlung der zur Luxation führenden Risikofaktoren (z. B. Trochleadysplasie, Patella alta) mittels z. B. vertiefender Trochleaplastik oder Tuberositasosteotomie

  • Isoliert: traumatische Patellaluxationen mit fehlenden oder nur gering ausgeprägten Risikofaktoren

  • Keine Altersgrenzen

Kontraindikationen

  • Fehlendes Adressieren/Sanieren der zur Patellaluxation führenden Risikofaktoren

  • Erstluxation ohne Notwendigkeit einer sofortigen Operation (z. B. osteochondrale Läsion)

  • Fehlende Rezidivluxation mit gutem Verlauf unter konservativer Therapie

  • Malcompliance

Patientenaufklärung

  • Allgemeine Operationsrisiken

  • Längs verlaufende parapatelläre Hautinzision, ca. 10–15 cm lang mit Präparation auf der Kniegelenkkapsel nach medial bis zum medialen Epikondylus (große Wundfläche)

  • Mögliche Gefäß-Nerven-Verletzungen (z. B. medial R. infrapatellaris des N. saphenus, lateral N. cutaneus surae lateralis aus N. peroneus communis) mit Hyp‑/Dysästhesien

  • Eingriff im stationären Setting (2–3 Tage Hospitalisation)

  • Ruhigstellung in Knie-Brace (Dauer und Einstellung Brace abhängig von der mit der MPFL-Doppelungsplastik durchgeführten Patella stabilisierenden Operation), darin erlaubte Belastung gemäß Schmerzen

  • Restbeschwerden (Schmerzen, Narbe, Bewegungseinschränkungen)

  • Wiederaufnahme der schulischen bzw. beruflichen Tätigkeit im Büro nach 4–6 Wochen, bei körperlicher Tätigkeit nach 8–12 Wochen

  • Gute bis sehr gute Patientenzufriedenheit mit Erfolgschancen von 95 % bezüglich patellofemoraler Stabilität

Operationsvorbereitungen

  • Vollständige Anamnese und klinische Untersuchung mit Analyse aller Pathologien, die zur Instabilität führen

  • Belastete Röntgenaufnahme des Knies in 3 Ebenen, Ganzbeinaufnahme sowie MRT nativ

  • Lokale Rasur (entsprechend Behaarung)

  • Gabe von Kefzol 2 g i.v.

  • Sterile Desinfektion und Abdeckung des gesamten Beines

  • Sterile Oberschenkelblutsperre 250 mm Hg

Instrumentarium

  • Skalpell Größe 10

  • Präparier- und Fadenschere

  • Feine und grobe Pinzette

  • Scharfe Haken und Langenbeck-Haken

  • Klemmen

  • Monopolare Diathermie und Strompinzette

  • Sauger

  • Nahtmaterial: wechselweise 1er Ethibond OS4 und einzelne 2er Vicryl (Doppelung), 1er Vicryl CT‑1 (Überwendelungsnaht MPFL und lateraler Arthrotomieverschluss), 2‑0 Vicryl SH plus (Subkutannaht), 3‑0 Ethilon (fortlaufende Hautnaht mit Unterlegfaden)

Anästhesie und Lagerung

  • Spinale oder allgemeine Anästhesie

  • Femoraliskatheter für erste 48 h, alternativ Femoralis- oder Saphenus-Single-shot

  • Rückenlage

  • Große sterile Rolle

Operationstechnik

(Abb. 1, 2, 3, 4, 5, 6 und 7)

Abb. 1.

Abb. 1

Der Zugang erfolgt mittels lateral parapatellär längs verlaufendem Hautschnitt. Scharfe Präparation in die Tiefe bis auf die Gelenkkapsel, Präparation nach medial bis zum medialen Epikondylus zur Darstellung des MPFL (Ansicht von vorne, Pinzette hält eröffnete Gelenkkapsel lateral)

Abb. 2.

Abb. 2

Nach Blutstillung erfolgt ca. 1–1,5 cm lateral des lateralen Patellarands die zweischichtige Längsinzision des LPFL – oberflächlich fern des Patellarands, tief mit Arthrotomie am Patellarand, Erweiterung nach kranial Richtung Quadrizepssehne und distal parallel zur Patellarsehne unter Schonung des lateralen Meniskus (Ansicht von anterolateral). Durchführung der Patella stabilisierenden Schritte (z. B. vertiefende Trochleaplastik, Tuberositasosteotomie)

Abb. 3.

Abb. 3

Zur Rekonstruktion des MFPL wird die fibröse Schicht im Faserverlauf des MPFL mit dem Messer inzidiert (a Ansicht von vorne), die synoviale Schicht wird dabei geschont und das Gelenk medial nicht eröffnet. b Ansicht von anterolateral, im Faserverlauf inzidiertes MPFL (ohne synoviale Schicht), blaue Pinzette hält distales Blatt, silberne Pinzette hält proximales Blatt

Abb. 4.

Abb. 4

Zur Doppelung des MPFL werden von medial, nahe des femoralen Ansatzes beginnend, zum medialen Patellarand Fäden vorgelegt, wechselweise 1er Ethibond (grüner Faden) und 2er Vicryl (violetter Faden). Ziel ist es, das distale unter das proximale Blatt zu nähen. Die Nahttechnik erfolgt so, dass man am distalen Blatt ca. 1 cm vom freien Rand von außen nach innen einsticht (1) und kurz vor Erreichen des freien Randes wieder von innen nach außen aussticht (2). Am proximalen Blatt wird von innen nach außen mit ca. 1 cm Abstand vom freien Rand eingestochen (3) und von außen nach innen kurz vor Erreichen des freien Randes wieder ausgestochen (4). Die Fäden werden je mit einer Klemme gehalten, bis alle Fäden vorgelegt sind. Eine genaue Darstellung der Nahttechnik findet sich in Supplement 1

Abb. 5.

Abb. 5

a Die Fäden werden nacheinander geknüpft und abgeschnitten (1). Das MPFL ist damit „gedoppelt“. b Darüber wird mit einem 1‑Vicryl-Faden noch eine fortlaufende Überwendelungsnaht gelegt (2)

Abb. 6.

Abb. 6

Abschließend erfolgt der Verschluss der Arthrotomie lateral mit einer fortlaufenden Naht (1er Vicryl) von proximal nach distal. Da sich die Patella nach der MPFL-Doppelungsplastik wieder besser zentriert einstellt, gelingt der Verschluss lateral häufig nur mittels einer Verlängerung des LPFL, welches beim Zugang zweischichtig inzidiert wurde. Soweit spannungsfrei möglich, wird der Verschluss dadurch erzielt, dass die beiden oberflächlichen Inzisionsränder direkt adaptiert werden. Meist wird jedoch die oberflächliche Inzision am lateralen Patellarand mit dem Inzisionsrand der tiefen Schicht (laterale Kapsel/LPFL) vernäht. Damit kann das LPFL beim Verschluss um ca. 1–1,5 cm verlängert (gelber Pfeil) und eine ausgeglichene Spannung eingestellt werden (Weichteilbalancing). a Ansicht von lateral. Die beiden Pinzetten halten die ursprünglichen Ränder der oberflächlichen Inzision des LPFL (1), und man kann erkennen, dass man die beiden Ränder nicht mehr direkt adaptieren kann, es besteht eine Dehiszenz von ca. 1–1,5 cm (2). b Ansicht von lateral. Die beiden Pinzetten halten die ursprünglichen Ränder, einmal der oberflächlichen Inzision des LPFL (1) wie im Bild zuvor, bzw. an der tiefen Inzision der Arthrotomie, die nahe am Patellarand lateral durchgeführt wurde (2). Durch diese Verlängerung (gelber Pfeil) gelingt der spannungsfreie Verschluss der lateralen Arthrotomie

Abb. 7.

Abb. 7

Ansicht von lateral. Abgeschlossener fortlaufender Arthrotomieverschluss lateral mit Verlängerung des LPFL. Die beiden Pinzetten zeigen auf die ursprünglichen Ränder der oberflächlichen Inzision des LPFL (1) bzw. ca. 1–1,5 cm lateral vom lateralen Patellarand (2). Der gelbe Pfeil zeigt die verlängerte Distanz

Postoperative Behandlung

  • Direkt postoperativ Anlage eines Knie-Brace (Universal Knieschiene MKIII®)

    Einstellung Brace (F/E) abhängig von der Patella stabilisierenden Operation

  • Vollbelastung gemäß Schmerzen mit Unterarmgehstöcken im Knie-Brace ab direkt postoperativ erlaubt

  • Gewichtsadaptierte Thrombembolieprophylaxe mittels niedermolekularem Heparin (Dalteparin®)

  • Physiotherapeutische Nachbehandlung gemäß hausinternem Schema (werden auf klinikeigener Homepage aufgeschaltet: www.luot.ch)

  • „Patellastabilisation/Weichteilstabilisation Patella“

  • „Trochleaplastik“

  • „Tuberositasosteotomie“

  • Klinisch-radiologische Nachkontrolle 6 Wochen und 1 Jahr postoperativ, klinisch 3 und 6 Monate postoperativ

Fehler, Gefahren, Komplikationen

  • Erhöhter medialer Anpressdruck der Patella durch Überkorrektur: kann durch Zentrierung der Patella und Weichteilbalancing verhindert werden mit Testung der Naht bis mindestens 90° Flexion

  • Akzidentelles Eröffnen der synovialen Gelenkkapsel auch medial: kann durch schonende Präparation verhindert werden, im Falle des Eröffnens des Gelenkes sollte die synoviale Schicht separat verschlossen werden.

  • Reluxation bei nicht ausreichender Korrektur der zur Luxation führenden Risikofaktoren: ggf. ergänzende Korrektur der zugrundeliegenden Pathologie

  • Eingeschränkte Kniegelenkbeweglichkeit bis Arthrofibrose: intensive Bewegungs- und Physiotherapie bis hin zur Mobilisation in Narkose

  • Dys‑/Hyp‑/Parästhesien infolge Verletzung der sensiblen Nervenäste im Operationsgebiet: zunächst konservative Behandlung (Physiotherapie, Analgetika), spontanen Verlauf abwarten (bis 1 Jahr postoperativ), ggf. Infiltration oder operative Revision des Nervs bei Langzeitbeschwerden

  • Infekt: Antibiotikaprophylaxe, steriles Arbeiten

  • Thrombose, Embolie: postoperative Thromboseprophylaxe, Frühmobilisation

  • Größere Wundfläche als bspw. bei der minimal-invasiven Rekonstruktion mittels Autograft mit entsprechend höherem Risiko von Wundheilungsstörungen und Narbenbildung

  • Persistierende Schmerzen: adäquate postoperative Schmerztherapie

Ergebnisse

Zwischen November 2011 und April 2024 wurden in unserer Klinik am Luzerner Kantonsspital 116 Patient*innen im Alter von 13–48 Jahren (Mittelwert 19,8; Abb. 8a) mit einer MPFL-Doppelungsplastik versorgt; 49 (42,2 %) Patient*innen waren männlich, 67 (57,8 %) weiblich (Abb. 8b).

Abb. 8.

Abb. 8

a, b Alters- und Geschlechtsverteilung

Von den Patient*innen waren 21 (18,1 %) anamnestisch am betroffenen Kniegelenk voroperiert:

  • 9 (7,8 %) Kniegelenkarthroskopie mit Entfernung osteochondraler Flakes

  • 3 (2,6 %) isolierte Raffung des MPFL

  • 2 (1,7 %) isolierte MPFL-Plastik nach Schöttle

  • 2 (1,7 %) distalisierende Tuberositasosteotomie

  • 2 (1,7 %) Derotationsosteotomie

  • 1 (0,9 %) Bohrepiphysiodese

  • 1 (0,9 %) Exostosenabtragung

  • 1 (0,9 %) Mikrofrakturierung mit Knorpelplastik

Die präoperative Symptomatik ist in Abb. 9 aufgeführt: 87 (75,0 %) Patient*innen litten unter rezidivierenden Patellaluxationen (≥ 2 Luxationen). Bei 26 (22,4 %) bestand der Status nach Erstluxation mit persistierender Instabilität und chronischer Schmerzsymptomatik. Drei (2,6 %) Patient*innen wurden aufgrund einer symptomatischen Instabilität ohne stattgehabte Luxation bei deutlicher Pathologie der Trochlea und Patellamaltracking operiert.

Abb. 9.

Abb. 9

Indikationen zur operativen Versorgung

Bezüglich der Risikofaktoren lag bei 111 (95,7 %) Patient*innen eine Trochleadysplasie in unterschiedlicher Ausprägung vor (Abb. 10). Am häufigsten zeigte sich eine Dysplasie nach Déjour Typ C in 36 (31,0 %) Fällen, gefolgt von 29 (25,0 %) Typ C–D, 16 (13,8 %) Typ B, 14 (12,1 %) Typ D, 12 (10,3 %) Typ B–C sowie je 2 (1,7 %) Typ A und Typ A–B.

Abb. 10.

Abb. 10

Verteilung Trochleadysplasie nach Déjour

Der präoperativ erhobene Caton-Deschamps-Index (CDI) erwies eine Range von 0,6–1,8 (Mittelwert 1,2), der Tuberositas-Tibiae-Trochlea-Groove-Abstand (TT-TG) 1,2 mm bis 27,0 mm (Mittelwert 14,1 mm) und der Body-Mass-Index 17,3 kg/m2 bis 41,8 kg/m2 (Mittelwert 22,8 kg/m2; Abb. 11).

Abb. 11.

Abb. 11

Präoperativer Caton-Deschamps-Index (CDI) und Tuberositas-Tibiae-Trochlea-Groove-Abstand (TT-TG)

Entsprechend der individuell vorliegenden Pathologien wurde bei 78 (67,2 %) Patient*innen eine vertiefende Trochleaplastik, bei 16 (13,8 %) eine Tuberositasosteotomie und bei 15 (12,9 %) eine Kombination der 3 Eingriffe durchgeführt. Sieben (6,0 %) Patient*innen erhielten eine isolierte MPFL-Doppelungsplastik (Abb. 12).

Abb. 12.

Abb. 12

Techniken der durchgeführten Operationen

Postoperativ waren 104 (89,7 %) Patient*innen beschwerdefrei und zufrieden.

Vier (3,4 %) Patient*innen erhielten einen geplanten Folgeeingriff zur Entfernung der Schrauben an der Tuberositas tibiae bei störendem Material.

In 12 (10,3 %) Fällen traten postoperative Komplikationen auf (Abb. 13a), bei 11 (9,5 %) Patient*innen wurde ein Revisionseingriff durchgeführt (Abb. 13b):

  • 7 (6,0 %) störende Flexionsdefizite mit 5 (4,3 %) Kniegelenkmobilisationen unter Narkose und 2 (1,7 %) arthroskopischen Débridements

  • 4 (3,4 %) Reluxationen mit 2 (1,7 %) Re-MPFL-Doppelungen und 1 (0,9 %) vertiefender Trochleaplastik

  • 1 (0,9 %) postoperativer Infekt mit arthroskopischer Spülung und Infektsanierung

  • 1 (0,9 %) erfolgreich konservativ behandelt

Abb. 13.

Abb. 13

Raten für die Komplikationen und Revisionseingriffe

Supplementary Information

Acknowledgments

Förderung

Für diese Arbeit wurde keine Förderung erhalten.

Abkürzungen

BV

Bildverstärker

F/E

Flexion/Extension

LPFL

Laterales patellofemorales Ligament

MPFL

Mediales patellofemorales Ligament

TT-TG

Tuberostias tibiae – Trochlea groove

Datenverfügbarkeit

Alle dieser Arbeit zugrunde liegenden Daten sind in diesem Artikel enthalten.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

S. Bernhart, C. Raith, F. Cagienard, J.-C. Stadelmann, U.W. Müller und J. Bering geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Am LUKS wird seit 2016 ein Generalkonsent für die Weiterverwendung von Daten standardisiert verwendet, so dass wir keinen separaten Ethikantrag gestellt haben. Wir betrachten die Fälle retrospektiv in Bezug auf die patellofemorale Stabilität, das damit verbundene funktionelle Outcome und die Patientenzufriedenheit. Dieser Beitrag beinhaltet keine Studien an Tieren.

Footnotes

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Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

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