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. 2026 Sep 23;75(10):737–744. [Article in German] doi: 10.1007/s00101-026-01732-9

Autoimmunenzephalitiden in der Intensivmedizin

Autoimmune encephalitis in intensive care medicine

Differentiation from infectious encephalitis

Albrecht Günther 1,✉, Dirk Brämer 1
PMCID: PMC13633355  PMID: 42776201

Abstract

Autoimmune encephalitis (AIE) is a relatively new group within the spectrum of encephalitic diseases. Awareness and the pathophysiological understanding of these conditions are increasing. They are also gaining importance in the field of intensive care medicine as severe cases are frequently accompanied by unconsciousness, epileptic seizures up to treatment-refractory status epilepticus, autonomic dysregulation and the need for mechanical ventilation. A major challenge is the early differentiation between autoimmune and infectious encephalitides as symptoms, cerebrospinal fluid findings and changes in imaging examinations can often appear similar. While infectious encephalitis requires rapid anti-infective therapy, autoimmune forms necessitate early initiation of immunotherapy. Delays in commencing treatment worsen the prognosis. This article addresses the diagnostic criteria, antibody diagnostics, complications in intensive care settings and current immunotherapies.

Keywords: Anti-NMDA-receptor encephalitis, Antibody diagnostics, Status epilepticus, Immunotherapy, Differential diagnosis

Lernziele

Nach der Lektüre dieses Beitrags kennen Sie

  • typische klinische Manifestationsformen schwerer Autoimmunenzephalitiden,

  • Unterschiede autoimmuner und infektiöser Enzephalitiden, die sich anhand der Befunde klinischer, laborchemischer und bildgebender Untersuchungen ergeben.

  • relevante intensivmedizinische Komplikationen, wie Status epilepticus, autonome Dysfunktion und Beatmungspflichtigkeit.

  • wichtige Immuntherapien.

  • prognostische Faktoren und Langzeitverläufe von Autoimmunenzephalitiden.

Einleitung

Autoimmunenzephalitiden (AIE) gehören zu den wichtigsten differenzialdiagnostischen Ursachen akuter enzephalitischer Syndrome. Ihre Inzidenz liegt mit 0,8 vs. 1,0 pro 100.000 Personenjahre [1, 2] minimal unter der von infektiösen Enzephalitiden. Besonders schwere Verläufe führen häufig auf die Intensivstation [3, 4]. Da die klinischen Manifestationen denen infektiöser Enzephalitiden ähneln, ist eine rasche diagnostische Unterscheidung essenziell. Frühzeitige Immuntherapien verbessern das Outcome und reduzieren intensivmedizinische Komplikationen [5].

Fallbeispiel

Eine 22-jährige Informatikstudentin fällt im Studium zunehmend durch eine Leistungsschwäche und Unzuverlässigkeit auf. Nachdem sie sich auch von ihren Freunden immer mehr zurückzieht, wird sie an einem Samstag nachts im Regen von einer Polizeistreife aufgesammelt und in eine Psychiatrie eingeliefert. Hier wird nach unauffälligem Befund einer toxikologischen Untersuchung initial von einer erstmaligen Psychose ausgegangen. Bei zunehmender Vigilanzminderung erfolgen eine Lumbalpunktion und nach neurologischer Rücksprache die Bestimmung von Autoimmunenzephalitisantikörpern. Hier zeigen sich hochtitrig Anti-NMDA-Rezeptor-Antikörper im Liquor. Daraufhin wird sie in die Neurologie übernommen und eine Plasmapheresetherapie begonnen. Zudem erfolgt eine Tumorsuche, bei der ein Tumor im Bereich des linken Ovars auffällig wird, der sich nach seiner Entfernung histologisch als ein Teratom herausstellt. Unter der Apheresetherapie und folgend Rituximabgabe bildet sich die Symptomatik innerhalb von 6 Monaten vollständig zurück, und die Patientin kann im Verlauf ihr Studium erfolgreich abschließen.

Autoimmune- und erregerbedingte Enzephalitiden

Die AIE sind eine relativ junge [6] und heterogene Gruppe immunvermittelter, insbesondere mit Antikörpern gegen synaptische bzw. neuronale Oberflächenantigene verbundene Entzündungen des Zentralnervensystems.

Pathophysiologie

Pathophysiologisch unterscheidet man Erkrankungen mit Antikörpern gegen synaptische oder neuronale Oberflächenantigene

Oberflächenantigene

von den insgesamt selteneren, klassischen paraneoplastischen Syndromen mit Antikörpern gegen intrazelluläre Antigene

intrazelluläre Antigene

[7]. Nur bei der ersten Gruppe sind die Autoantikörper klinisch relevant. Ihre Bindung führt unter anderem zu Störungen der synaptischen Signalübertragung

synaptischen Signalübertragung

mit daraus resultierenden, prinzipiell reversiblen synaptischen Funktionsstörungen. Darauf beruht die potenziell gute Reversibilität unter frühzeitiger Immuntherapie [8, 9]. Häufig nachgewiesene Antikörper sind gerichtet gegen den NMDA-Rezeptor, LGI1, CASPR2, GABA-B-Rezeptoren oder AMPA-Rezeptoren [9, 10]. Bei den Erkrankungen mit intrazellulär gerichteten Antikörpern kommt es jedoch zu irreversiblen Untergängen neuronaler Zellen, verbunden mit einem schlechten Ansprechen auf Immuntherapien.

Viral bedingte, infektiöse Enzephalitiden entstehen dagegen durch direkte Erregerinvasion

direkte Erregerinvasion

(para- oder transzelluläre Invasion) oder immunvermittelte Folgeprozesse nach Infektion (sekundäre Enzephalitis

sekundäre Enzephalitis

, z. B. als „Trojanisches Pferd“ bei SARS-CoV-2) [11]. Häufige Erreger sind Herpes-simplex-Viren, Varizella-Zoster-Viren, Enteroviren oder bakterielle Erreger wie Listerien [12, 13]. Die Infektion führt zu einer entzündlichen Gewebeschädigung, resultierend aus direkter Zellschädigung sowie überschießender Immunantwort.

Merke

Autoimmunenzephalitiden führen in erster Linie zu Funktionsstörungen, infektiöse Enzephalitiden zu Gewebeschäden.

Klinische Präsentation

Autoimmunenzephalitiden beginnen typischerweise subakut über Tage bis Wochen mit neuropsychologischen Auffälligkeiten

neuropsychologischen Auffälligkeiten

. Früh zeigen die Patienten Verhaltensauffälligkeiten, Gedächtnisstörungen, psychiatrische Symptome oder epileptische Anfälle ([14]; Infobox 1). Im weiteren Verlauf treten häufig Dyskinesien, Bewusstseinsstörungen und autonome Dysregulationen auf [3].

Infobox 1 Diagnosekriterien der Autoimmunenzephalitis

(Nach Graus et al. [14])

Eine Autoimmunenzephalitis ist wahrscheinlich, wenn drei Kriterien erfüllt sind:

  1. Subakuter Beginn (< 3 Monate)

    Mindestens eines der folgenden Symptome:
    • Gedächtnisstörung
    • Veränderung des Bewusstseins
    • Psychiatrische Symptome
  2. Mindestens eines der folgenden Zusatzkriterien:
    • Neu aufgetretene fokalneurologische Defizite
    • Epileptische Anfälle ohne bekannte Epilepsie
    • Liquorpleozytose (> 5 Leukozyten/µl)
    • MRT-Veränderungen, vereinbar mit einer Enzephalitis
  3. Ausschluss alternativer Ursachen:

    Insbesondere:
    • Infektiöse Enzephalitis
    • Metabolische Ursachen
    • Toxische Enzephalopathien
    • Primär psychiatrische Erkrankungen

Die Autoimmunenzephalitis ist gesichert, wenn zusätzlich ein Antikörpernachweis (aus Liquor und/oder Serum) gelingt.

Die häufigste AIE, die Anti-N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptor-Enzephalitis

Anti-N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptor-Enzephalitis

(Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis), manifestiert sich charakteristisch nach vorangegangenen unspezifischen Prodromi

unspezifischen Prodromi

mit psychiatrischen Symptomen, gefolgt von orofazialen Dyskinesien oder auch generalisierten Hyperkinesien, Hypoventilation, Katatonie, Vigilanzstörungen und autonomer Instabilität mit entsprechender Intensivpflichtigkeit. Die Symptome nehmen einen phasenhaften Verlauf

phasenhaften Verlauf

und bilden sich in der Reihenfolge ihres Auftretens zurück [6].

„Leucine-rich-glioma-inactivated-protein-1“-Enzephalitiden

„Leucine-rich-glioma-inactivated-protein-1“-Enzephalitiden

(LGI1-Enzephalitiden) zeigen dagegen häufiger faziobrachio-dystone Anfälle und Hyponatriämien [10].

„Anti-γ-aminobutyric-acid-B-receptor“-Enzephalitiden

„Anti-γ-aminobutyric-acid-B_receptor“-Enzephalitiden

(Anti-GABA-B-Rezeptor-Enzephalitiden) präsentieren sich oft mit schwer kontrollierbaren epileptischen Anfällen [9].

Infektiöse Enzephalitiden beginnen im Gegensatz dazu häufig akut. Die Betroffenen weisen früh Fieber und Kopfschmerzen und seltener auch einen Meningismus auf. Bewusstseinsstörungen und fokalneurologische Defizite treten früh dazu.

Cave

Es bestehen erhebliche Überlappungen zwischen autoimmunen und infektiösen Enzephalitiden, sodass klinische Kriterien zur Differenzierung allein selten ausreichen.

Differenzialdiagnose zwischen autoimmuner und infektiöser Enzephalitis

Die Abgrenzung zur infektiösen Enzephalitis ist eine Herausforderung (Tab. 1). Entscheidungen ergeben sich aus der Kombination der Befunde klinischer, laborchemischer und bildgebender Untersuchungen.

Tab. 1.

Klinische Hinweise und typische Antikörper bzw. Erreger von Enzephalitiden (Listen unvollständig)

Klinische Hinweise Nachweis
Autoimmunenzephalitis

Subakuter Verlauf

Prominente psychiatrische Symptome

Dyskinesien

Autonome Dysregulation

Refraktärer Status epilepticus

Fehlender hochfieberhafter Verlauf

[8, 14]

Typische Antikörper gegen:

– NMDA-Rezeptor

– LGI1 (Leucine-rich glioma-inactiv. protein 1)

– CASPR2 (Contactin-assoziiertes Protein 2)

– GABA-B-Rezeptoren

– AMPA-Rezeptoren

– DPPX (Dipeptidyl-peptidase-like protein-6)

Enzephalitis infektiöser Genese

Akutes hohes Fieber

Rasche Vigilanzminderung

Deutlich erhöhte Entzündungsparameter

Meningismus

Nachweis von Erregern mittels PCR oder Kultur

[12, 13, 15]

Typische Erreger:

– Viren: HSV, VZV, Adenoviren, Enteroviren, FSME, Masern, CMV, HIV

– Bakterien: Borrelien, Listerien

– Parasiten/Pilze: Toxoplasmen, Kryptokokken

Laborchemische Untersuchungen

Die Erregerdiagnostik

Erregerdiagnostik

(z. B. PCR-Diagnostik auf Herpes-simplex-Viren) bleibt essenziell. Bei hinreichendem klinischem Verdacht sollte Aciclovir bis zum negativen PCR-Befund probatorisch gegeben werden [12].

Liquoruntersuchungen

Liquoruntersuchungen

zeigen typischerweise bei beiden Formen lymphozytäre Pleozytosen, bei Autoimmunenzephalitiden können Liquorbefunde jedoch diskreter oder sogar normal sein. Oligoklonale Banden sprechen eher für eine autoimmune Genese, sind jedoch unspezifisch [16]. Zu erwähnen ist hier die Mollaret-Meningitis

Mollaret-Meningitis

, eine „aseptische“ Meningitis mit lymphozytärer Pleozytose und ungewöhnlich großen Monozyten mit polymorphen Zellkernen (Mollaret-Zellen), die eine Assoziation zu einer HSV-2-Infektion hat [17].

Die Diagnostik neuronaler Antikörper

neuronaler Antikörper

ist der wichtigste Bestandteil der differenzialdiagnostischen Abklärung. Antikörper sollten parallel in Serum und Liquor bestimmt werden. Liquoranalysen besitzen – insbesondere bei Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis – die höhere Sensitivität [18].

Bei unklaren Fällen (z. B.: klassisches klinisches Bild bei negativem Antikörperbefund) kann über das GENERATE-Netzwerk Kontakt zu spezialisierten Zentren im deutschsprachigen Raum aufgenommen werden (Deutsches Netzwerk zur Erforschung der autoimmunen Enzephalitis – GENERATE – GErman NEtwork for Research on AuToimmune Encephalitis).

Cave

Eine negative Antikörperdiagnostik schließt eine Autoimmunenzephalitis nicht aus.

Besonders zu erwähnen ist die HSV-getriggerte, postherpetische Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis. Ein biphasischer Verlauf (initial HSV-Enzephalitis und Wochen bis Monate später Auftreten einer autoimmunen Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis) ist genau das Bindeglied zwischen den beiden Entitäten und intensivmedizinisch hochrelevant [19].

Bildgebung und Elektroenzephalographie

Die kranielle MRT zeigt bei AIE häufig bilaterale mesiotemporale Hyperintensitäten in T2- oder FLAIR-Sequenzen. Allerdings bleibt die MRT insbesondere bei Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitiden auch nicht selten unauffällig (Abb. 1).

Abb. 1.

Abb. 1

Recoverinantikörper-positive AIE: Symmetrische mesiotemporale Läsionen in der T2w-FLAIR des MRT (Danksagung: Prof. Gawlitza, Sektion Neuroradiologie, Institut für diagnostische und interventionelle Radiologie, Universitätsklinikum Jena)

Die Herpes-simplex-Enzephalitis

Herpes-simplex-Enzephalitis

geht typischerweise mit asymmetrischen temporobasalen Läsionen (Abb. 2) mit einer Neigung zur Einblutung

Einblutung

einher. Auch Diffusionsstörungen und Kontrastmittelanreicherungen sind typisch [12].

Abb. 2.

Abb. 2

Herpes-simplex-Enzephalitis mit asymmetrischen temporobasalen Läsionen in der T2 des MRT (Danksagung: Prof. Gawlitza, Sektion Neuroradiologie, Institut für diagnostische und interventionelle Radiologie, Universitätsklinikum Jena)

Im EEG finden sich bei AIE häufig diffuse Verlangsamungen

diffuse Verlangsamungen

oder epileptiforme Potentiale

epileptiforme Potentiale

. Das „Extreme-delta-brush“-Muster (Abb. 3) gilt als relativ spezifisch für eine Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis [20, 21].

Abb. 3.

Abb. 3

„Extreme-delta-brush“-Muster im EEG bei einer Patientin mit Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis

Intensivmedizinische Komplikationen

Die Bedeutung der AIE in der Intensivmedizin nimmt zu. Bis zu 70 % der Patienten mit einer Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis benötigen eine intensivmedizinische Behandlung. Gründe hierfür sind Vigilanzstörungen, zum Teil therapierefraktäre epileptische Anfälle, autonome Instabilitäten sowie die respiratorische Insuffizienz [3, 22].

Delir und psychiatrische Symptome

Psychiatrische Symptome erschweren häufig das intensivmedizinische Management. Sedativa und Neuroleptika müssen vorsichtig eingesetzt werden, da extrapyramidale Nebenwirkungen und autonome Dysregulationen verstärkt werden können.

Status epilepticus

Ein refraktärer Status epilepticus gehört zu den häufigsten intensivmedizinischen Problemen. Ein EEG-Monitoring bzw. wiederholte EEG sind sinnvoll. Die Therapie erfolgt nach etablierten Eskalationsalgorithmen

etablierten Eskalationsalgorithmen

mit Benzodiazepinen, Antikonvulsiva und gegebenenfalls i.v.-Gabe von Anästhetika. Gleichzeitig muss frühzeitig eine Immuntherapie eingeleitet werden, da die epileptische Aktivität häufig Ausdruck der zugrunde liegenden Immunpathologie ist [31].

Respiratorische Insuffizienz

Beatmungspflichtigkeit

Beatmungspflichtigkeit

entsteht durch Vigilanzminderung, zentrale Hypoventilation oder schwere Dyskinesien. Besonders Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitiden führen häufig zu prolongierten Beatmungsverläufen.

Autonome Dysfunktion

Autonome Instabilitäten mit Blutdruckschwankungen, Herzrhythmusstörungen, Hyperthermie oder Hypersalivation können lebensbedrohlich verlaufen. Eine kontinuierliche intensivmedizinische Überwachung

intensivmedizinische Überwachung

ist erforderlich. Therapeutisch sind überwiegend symptomorientierte Behandlungen

symptomorientierte Behandlungen

erfolgreich (externe Kühlung bei Fieber, ggf. sogar Off-Label-Gabe von Dantrolen, Katecholamine bei Hypotonien usw.) [11, 23].

Cave
  • Enzephalitisbedingte autonome Dysfunktionen können den Intensivmediziner in die Irre führen.

  • Nach Ausschluss anderer Ursachen (Infektionen bei Fieber, Volumenstatus bei Tachykardien und Hypotonien usw. …) ist eine zentrale Genese zu erwägen.

Therapie

Initiale Therapie

Da infektiöse Ursachen initial oft nicht sicher ausgeschlossen werden können, erfolgt häufig zunächst eine empirische antiinfektive Therapie

antiinfektive Therapie

mit Aciclovir und Antibiotika, teilweise in Kombination mit Dexamethason (entsprechend der DGN-Leitlinien [24]). Parallel sollten eine immunologische Diagnostik und Antikörperbestimmungen eingeleitet werden. Bei unauffälliger Erregerdiagnostik und rascher Progredienz ist eine probatorische Immuntherapie

probatorische Immuntherapie

indiziert [8].

Immuntherapie

Die First-Line-Therapie umfasst hochdosierte Glukokortikoide

hochdosierte Glukokortikoide

, intravenöse Immunglobuline

intravenöse Immunglobuline

oder eine Apherese. Häufig werden Glukokortikoide und Apherese

Apherese

auch in Kombination eingesetzt, eine Kombination aus Immunglobulingabe und Apherese ist nicht sinnvoll.

Bei unzureichendem Ansprechen folgen zeitnah Second-Line-Therapien mit Rituximab

Rituximab

oder Cyclophosphamid

Cyclophosphamid

[25]. Eine frühzeitige Eskalation

frühzeitige Eskalation

verbessert das Langzeit-Outcome ([26], Infobox 2).

Infobox 2 Therapielinien der AIE

First Line:

  • 3 bis 5 Tage 1 g Methylprednisolon i.v. (ggf. Eskalation mit 2 g)

  • Immunglobuline 0,4 g/kgKG für 5 Tage

  • Plasmapherese (insg. 250 ml Plasma/kgKG) auf 5 Sitzungen umtägig (5 %-Albumin-Substitution)

  • Immunadsorption (4 bis 5 Sitzungen, täglich möglich)

Second Line:

  • Rituximab 375 mg/m2KOF einmal wöchentlich über 4 Wochen, alternativ: 1 g Tag1 und Tag15

  • Cyclophosphamid 750 mg/m2KOF mit der 1. Rtx-Dosis, dann einmal im Monat

Third Line:

  • Bortezomib (2,6 mg s.c. an den Tagen 1, 4, 8,11) (GENERATE-BOOST-Studie [30])

  • Tocilizumab (8 mg/kgKG) einen Monat nach Rituximab; mindestens 2 Injektionen im Abstand von 4 Wochen.

Weitere Optionen:

  • Inebilizumab (Anti-CD19-Antikörper) bei Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis, Rozanolixizumab (FcRn-Inhibitor)

Tumorsuche

Assoziationen mit einem Tumorleiden sind nicht selten (zw. < 10 und ca. 70 %) [27]. Besonders Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitiden sind bei jungen Frauen mit Ovarialteratomen

Ovarialteratomen

assoziiert. Anti-GABA-B-Rezeptor-Enzephalitiden weisen häufig Zusammenhänge mit kleinzelligen Bronchialkarzinomen

kleinzelligen Bronchialkarzinomen

auf. Eine strukturierte Tumorsuche und, wenn möglich, Tumorentfernung sind obligat [7].

Merke

Tumorassoziationen sind häufig; eine Tumorsuche ist wichtig.

Prognose

Das Outcome hängt entscheidend von der frühzeitigen Diagnosestellung

frühzeitigen Diagnosestellung

und frühzeitige Therapieeinleitung

frühzeitige Therapieeinleitung

ab. Unter adäquater Immuntherapie erreichen viele Patienten gute funktionelle Ergebnisse [28]. Dennoch bleiben neurokognitive Defizite, epileptische Residuen oder psychiatrische Symptome nicht selten langfristig bestehen [26]. Speziell bei der Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis kann der NEOS2-Score frühzeitig aus den Faktoren höheres Alter, verzögerter Therapiebeginn, Bewegungsstörungen, intensivmedizinische Behandlungspflicht und hohe Liquorzellzahl eine valide Prognose hochrechnen [29].

Schlechte prognostische Faktoren umfassen [4]:

  • verzögerte Immuntherapie

  • prolongierte Intensivbehandlung

  • refraktären Status epilepticus

  • autonome Dysfunktion

  • antikörpernegative Verlaufsformen

Fazit für die Praxis

  • Autoimmunenzephalitiden sind eine wichtige Ursache schwerer enzephalitischer Syndrome in der Intensivmedizin.

  • Symptome, Liquorbefunde und bildgebende Veränderungen können sich ähneln; entscheidend ist ein strukturiertes diagnostisches Vorgehen mit frühzeitiger Liquoranalytik, MRT und Antikörperdiagnostik, sowie Tumorsuche.

  • Da eine verzögerte Immuntherapie das Outcome deutlich verschlechtert, sollte bei klinischem Verdacht frühzeitig eine immunmodulatorische Behandlung begonnen werden, während gleichzeitig infektiöse Ursachen empirisch behandelt oder ausgeschlossen werden müssen.

  • Refraktärer Status epilepticus, autonome Dysregulationen und prolongierte Beatmungspflichtigkeit bestimmen häufig den intensivmedizinischen Verlauf.

  • Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Neurologie, Intensivmedizin, Infektiologie und Psychiatrie ist essenziell.

  • Durch moderne Diagnostik und konsequente Frühtherapie konnten Prognose und funktionelles Outcome in den letzten Jahren deutlich verbessert werden.

CME-Fragebogen

Was ist charakteristisch für eine Autoimmunenzephalitis?

Sie ist deutlich häufiger als infektiöse Enzephalitiden.

Sie betrifft ausschließlich junge Frauen.

Eine frühe Immuntherapie verbessert die Prognose erheblich.

Liquorbefunde sind immer hochpathologisch.

MRT-Veränderungen sind obligat.

Welcher Antikörper ist am häufigsten mit psychiatrischen Symptomen und Dyskinesien assoziiert?

Anti-Hu

Anti-Yo

Anti-MOG

Anti-NMDA-Rezeptor

Anti-AQP 4

Welcher Befund spricht eher für das Vorliegen einer infektiösen Enzephalitis als für eine Autoimmunenzephalitis?

Faziobrachiale dystone Anfälle

Subakuter Verlauf über Wochen

Orofaziale Dyskinesien

Hohes Fieber und Meningismus

Autonome Dysregulation

Welche Untersuchung ist essenziell zum Ausschluss einer Herpes-simplex-Enzephalitis?

Muskelbiopsie

Liquor-PCR auf HSV

Serumelektrophorese

Echokardiographie

PET-CT

Welche intensivmedizinische Komplikation tritt bei Autoimmunenzephalitiden besonders häufig auf?

Akute Leberinsuffizienz

Lungenembolie

Refraktärer Status epilepticus

Massive gastrointestinale Blutung

Akutes Nierenversagen

Welche Therapie gehört zur First-Line-Behandlung der Autoimmunenzephalitis?

Acetylsalicylsäure

Dialyse

Hochdosierte Glukokortikoide

Antikoagulation

Interferon-beta

Was ist in Bezug auf eine MRT-Diagnostik bei Verdacht auf Vorliegen einer Enzephalitis charakteristisch?

Der MRT-Befund ist bei Autoimmunenzephalitiden immer normal.

Temporobasale hämorrhagische Läsionen sprechen für eine HSV-Enzephalitis.

Eine Kontrastmittelgabe ist kontraindiziert.

Die MRT ersetzt die Liquordiagnostik.

Mesiotemporale Veränderungen sind typisch für eine bakterielle Meningitis.

Was ist bezüglich der Antikörperdiagnostik bei Enzephalitiden zu beachten?

Antikörper sollten ausschließlich im Serum bestimmt werden.

Negative Antikörper schließen eine Autoimmunenzephalitis aus.

Liquor und Serum sollten parallel untersucht werden.

Antikörperdiagnostik ist nur bei Tumorverdacht sinnvoll.

Die Diagnostik spielt in der Intensivmedizin keine Rolle.

Welche Tumorassoziation ist typisch für die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis?

Hepatozelluläres Karzinom

Ovarialteratom

Schilddrüsenkarzinom

Prostatakarzinom

Nierenzellkarzinom

Welcher prognostische Faktor ist mit einem schlechteren Outcome assoziiert?

Frühe Immuntherapie

Rasche Diagnosestellung

Kurzer Intensivaufenthalt

Refraktärer Status epilepticus

Mildes EEG ohne epileptiforme Aktivität

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