Zusammenfassung
Die Hämatologie umfasst alle Erkrankungen, die das Blut, Blutbestandteile und die Blutfunktionen betreffen. In diesem Kapitel werden die Ätiologie, Pathologie, Klinik, Diagnostik und Therapie der wichtigsten Anämien (u. a. Eisenmangel-, Kugelzell-, Sichelzellänamie) und der akuten Leukämien (AML bzw. ALL) behandelt. Des Weiteren stehen maligne Lymphome und das multiple Myelom im Fokus. Darüber hinaus ist ein eigener Abschnitt den Gerinnungsstörungen gewidmet, darunter die Thrombozytopenien, Hämophilien und Koagulopathien. Abschließend wird auf Immundefizienzen und die Amyloidose eingegangen.
Anämien
Anämie = Hämoglobinkonzentration (Hb) ↓ unterhalb des alters-/geschlechtsspezifischen Normwertes
Hb korreliert mit dem Hämatokrit (Hkt), aber nicht direkt mit der Erythrozytenzahl
Jede Anämie bedarf der Ursachenabklärung.>Memo keine Therapie ohne Diagnose!Einteilung der Anämien nach mittlerem korpuskulärem Volumen (MCV) und mittlerem korpuskulärem Hb-Gehalt (MCH) (Tab. 7.1)
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Hypochrom, mikrozytär (MCH und MCV↓) |
Ferritin↑: Thalassämie, Eisenverwertungsstörung | Ferritin↓: Eisenmangelanämie | Ferritin ↔ oder ↑, Retikulozyten ↔: Entzündungs-, Infekt-, Tumoranämie |
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Normochrom, normozytär (MCH und MCV↔) |
Retikulozyten↑: hämolytische Anämie, Blutungsanämie | Retikulozyten↓: aplastische Anämie, renale Anämie | |
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Hyperchrom, makrozytär (MCH und MCV ↑) |
Retikulozyten↔: megaloblastäre Anämie, Alkoholismus, Lebererkrankungen, nach Zytostatika, myelodysplastisches Syndrom | ||
Einteilung der Anämien nach ihrer Ätiologie (Tab. 7.2)
| Ursache | Anämieform |
| Gestörte Erythrozytopoese | Nicht-hämolytische Anämien |
| Störung der Hb-Synthese | Eisenmangelanämie |
| Störung der DNA-Synthese | Megaloblastäre Anämie durch Vitamin-B12- und -Folsäuremangel |
| Störung der Stammzelle | Aplastische Anämie, myelodysplastisches Syndrom, Knochenmarkinfiltration (z. B. Leukämien, Lymphome, Karzinose) oder Knochenmarkschädigung (z. B. toxisch, nach Radiatio) |
| Erythropoetinmangel | Renale Anämie, Tumoranämie |
| Gesteigerter Erythrozytenabbau | Korpuskuläre oder extrakorpuskuläre Hämolyse |
| Membrandefekte | Sphärozytose, Elliptozytose, paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie |
| Enzymdefekte | Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel, Pyruvatkinase-Mangel |
| Hämoglobinopathien | Sichelzellanämie, Thalassämie |
| Isoantikörper | Transfusionszwischenfälle, Rh-Inkompatibilität des Neugeborenen |
| Autoantikörper | Autoimmunhämolytische Anämien (Wärmeantikörper, Kälteantikörper) |
| Physikalische/chemische Schäden | Verbrennung, Herzklappenersatz, »runner’s anemia«, Schlangengift |
| Medikamentös induzierte Immunhämolysen | Phenacetin-Typ, Penicillin-Typ oder α-Methyldopa-Typ |
| Infektionskrankheiten | Malaria |
| Mikroangiopathie | Hämolytisch-urämisches Syndrom, thrombotisch-thrombozytopenische Purpura, mikroangiopathische hämolytische Anämie (z. B. bei metastasierendem Karzinom, medikamenteninduziert) |
| Erythrozytenverlust | Blutungsanämie |
| Verteilungsstörung | Hypersplenismus (»Pooling« in vergrößerter Milz) |
allgemeine Anämiesymptome>Memo klinische Zeichen der Anämie sind charakteristisch, aber nicht spezifisch!- Kopfschmerzen, Konzentrationsschwäche
- Ohrgeräusche
- verminderte Leistungsfähigkeit, leichte Ermüdbarkeit
- Belastungsdyspnoe
- Schwindel- und Schwächegefühl
- Tachykardie, evtl. systolisches Herzgeräusch (Strömungsgeräusch infolge von Turbulenzen bei verminderter Viskosität; DD Endokarditis lenta mit Infektanämie)
- Blässe der Haut und Schleimhäute
Eisenmangelanämie
mit 80 % häufigste Anämieform; 80 % aller Fälle sind Frauen
Eisenverluste durch chronische Blutungen (80 % der Fälle): meist genitale Blutungen bei der Frau (z. B. Uterus myomatosus) oder Blutungen aus dem Verdauungstrakt
mangelnde Eisenzufuhr: v. a. bei Säuglingen, Kleinkindern und Vegetariern
ungenügende Eisenresorption: Anazidität nach Magenresektion, Malassimilationssyndrom, CED
gesteigerter Eisenbedarf: Gravidität, Stillperiode, Wachstum
Klinik
allgemeine Anämiesymptome
- weitere Symptome
- brüchige Nägel, diffuser Haarausfall, trockene Haut mit Pruritus, chronisch-rezidivierende Aphthen der Mundschleimhaut, Mundwinkelrhagaden
- Plummer-Vinson-Syndrom: Zungenbrennen und schmerzhafte Dysphagie infolge sideropenischer Schleimhautatrophie (sehr selten!)
Eisenmangel ohne manifeste Anämie wird Sideropenie oder latenter Eisenmangel genannt.
Diagnostik
Hb↓, Hkt↓, Erythrozyten↓, evtl. Thrombozyten↑
Transferrin↑(kompensatorisch)
Ferritin↓
löslicher Transferrin-Rezeptor (sTfR) ↑>Memo sTfR-Konzentration wird nicht durch akute Leberfunktionsstörungen oder maligne Tumoren beeinflusst; Abschätzung des aktuellen Eisenbedarfs.Diff-BB: Poikilozytose (unregelmäßig geformte Erythrozyten), Anisozytose (unterschiedlich große Erythrozyten), Anulozyten, mikrozytäre hypochrome Erythrozyten (MCV <85 fl, MCH <28 pg)
- Im Vordergrund steht die Ursachenabklärung.
- Ausschluss einer Blutungsquelle im Magen-Darmtrakt (Hämoccult®-Test, Endoskopie)
- oder im Bereich der Urogenitalorgane (gynäkologische bzw. urologische Untersuchung)
- evtl. Ausschluss einer Eisenresorptionsstörung (Eisenresorptionstest)
Therapie
Behandlung der Grunderkrankung
- Eisensubstitution
- orale Eisensubstitution: 100–200 mg Fe(II)/d (verteilt auf zwei Tagesdosen) für 3–6 Monate; Hb und Retikulozyten steigen nach 1 Woche an; UAW: gastrointestinale Beschwerden, Schwarzfärbung des Stuhls
- parenterale Eisensubstitution: wenn orale Gabe nicht möglich, z. B. bei Malabsorption; Eisen(III)-Glukonat oder Eisensaccharat (maximaler Gesamtbedarf in mg = Hb-Defizit in g/dl × KG (kg) × 3); UAW: Kopfschmerzen, Hitzegefühl, Übelkeit, Erbrechen, Metallgeschmack, Herzschmerzen, Kollaps, anaphylaktischer Schock
Megaloblastäre Anämie
meist durch Mangel an Vitamin B12; zunehmende Häufigkeit mit höherem Lebensalter
Mangel-/Fehlernährung: strikte Vegetarier/Veganer, Alkoholiker, einseitige Kost älterer Leute
intestinale Erkrankungen mit Malabsorptionssyndrom
erhöhter Bedarf durch Hämolyse oder in der Schwangerschaft
bakterielle Überwucherung des Dünndarms (»blind loop syndrome« bei Billroth-II-Magen infolge aus der Nahrungspassage ausgeschalteter Dünndarmschlinge)
Intrinsic-Factor-Mangel: Zustand nach Magenresektion, Autoantikörper gegen Parietalzellen und Intrinsic Factor mit atrophischer Autoimmungastritis vom Typ A und Anazidität (perniziöse Anämie)
Medikamente: Methotrexat (Folsäureantagonist), Störung der Folsäuredekonjugation im Darm (Phenytoin)
Fischbandwurm (Diphyllobothrium latum)
Klinik
allgemeine Anämiesymptome; blasse, ggf. strohgelbe Haut (Café au lait-Farbe) als Folge eines diskreten Ikterus bei ineffektiver Erythropoese mit intramedullärer Hämolyse
kutan: Vitiligo (Autoantikörper gegen Melanozyten) bei perniziöser Anämie
gastrointestinal: atrophische Autoimmungastritis vom Typ A mit Achlorhydrie bei perniziöser Anämie (selten!), trophische Schleimhautveränderungen mit glatter, roter, brennender Zunge (Hunter-Glossitis)
neurologisch: funikuläre Myelose mit Markscheidenschwund der Hinterstränge und Pyramidenbahnen, Polyneuropathie mit Störung der Tiefensensibilität, evtl. Areflexie
Vitamin-B 12 -Mangel-Trias: hämatologische, gastrointestinale und neurologische Störungen; bei Folsäuremangel megaloblastäre Anämie ohne funikuläre Myelose
Folsäuremangel: erhöhtes Risiko von Neuralrohrdefekten bei schwangeren Frauen
Diagnostik
Diff-BB: megalozytäre hyperchrome Erythrozyten (MCV >98 fl, MCH >34 pg, MCHC normal), häufig Leukopenie und Thrombopenie
Knochenmarkzytologie: ineffektive Erythro-, Granulo- und Thrombopoese, erythropoetische Hyperplasie, Megaloblasten, hypersegmentierte und riesenstabkernige Granulozyten (Riesen-Metamyelozyten)
Folsäure bzw. Vitamin B12 im Serum ↓, Serumeisen ↑ infolge ineffektiver Erythropoese, LDH↑↑ infolge intramedullärer Hämolyse, indirektes Bilirubin↑
- bei perniziöser Anämie
- Nachweis von Autoantikörpern gegen Parietalzellen, gegen Intrinsic Factor, teilweise auch gegen Schilddrüsengewebe und Melanozyten
- Gastroskopie einschl. Biopsie: chronisch-atrophische Typ-A-Gastritis; Magensaftanalyse: pentagastrinrefraktäre Anazidität
Therapie
Kausaltherapie: bei »Blind-loop«-Syndrom intermittierend Tetracycline, ggf. operative Umwandlung eines Billroth-II- in einen Billroth-I-Magen; Behandlung eines Fischbandwurmes, Ernährungsumstellung etc.
- Vitamin-B12-Substitution
- parenteral: Hydroxycobalamin initial 100 µg täglich oder 1000–2000 µg/Woche i. m. für 2–3 Wochen; anschließend Erhaltungsdosis 100 µg/Monat oder 500 µg alle 3 Monate
- oral: auch bei Intrinsic-Factor-Mangel liegt die Resorptionsquote des oral aufgenommenen Vitamins noch bei etwa 1 %; hochdosierte Erhaltungsdosis grundsätzlich oral möglich
Nach 5–12 Tagen Vitamin-B12-Substitution kommt es durch die gesteigerte Hämatopoese zur Retikulozytenkrise mit erhöhtem Eisen- und Kaliumbedarf.! Cave passagere Thrombozytose mit erhöhtem Thromboembolierisiko
regelmäßige Kontrollgastroskopien bei chronisch-atrophischer Typ-A-Gastritis mit erhöhtem Risiko für Magenkarzinom
Folsäuresubstitution (5 mg/d p. o.)! Cave bei megaloblastärer Anämie niemals alleine Folsäure substituieren, ohne Vitamin-B12-Mangel auszuschließen – funikuläre Myelose!
Kugelzellanämie (hereditäre Sphärozytose)
häufigste angeborene hämolytische Anämie in Nordeuropa
Spektrin-Defekt (autosomal-rezessiver Erbgang) oder Ankyrin-Defekt (autosomal-dominanter Erbgang)>Memo mehr als 200 verschiedene genetische Veränderungen, kein spezifischer Gentest zum Nachweis einer Kugelzellanämie!Membrandefekt führt zu Natrium- und Wassereinstrom in die Erythrozyten
Die kugeligen, schlecht verformbaren Erythrozyten bleiben in den Milzsinus hängen und werden vorzeitig abgebaut, Membranbestandteile werden phagozytiert.
Klinik
im Kindesalter bereits Anämie und/oder Ikterus, positive Familienanamnese (95 % der Fälle)
Splenomegalie, evtl. Bilirubingallensteine
akute hämolytische Krise: Fieber, Schüttelfrost, evtl. Kollaps, Kopf-, Abdominal- und Rückenschmerzen, Ikterus, Hyperbilirubinämie, Hämoglobinurie mit bierbraunem Urin (Komplikation: akutes Nierenversagen)
evtl. lebensbedrohliche aplastische Krisen infolge von Virusinfektionen (Parvo-Virus B19/Ringelröteln)
Diagnostik
normochrome Anämie (MCH und MCV normal); MCV evtl. auch ↓, MCHC↑
Hämolysezeichen: LDH↑, Haptoglobin↓, indirektes Bilirubin↑, Retikulozytose
Diff-BB: Kugelzellen mit kleinem Durchmesser
verminderte osmotische Resistenz (Hämolysebeginn in NaCl-Lösung bereits >0,46 %)
EMA-Test: durchflusszytometrischer Nachweis der Kugelzellen anhand der reduzierten Bindung von Eosin-5-Maleimid an das Bande-3-Protein der Erythrozytenmembran
Therapie
Splenektomie bei rezidivierenden hämolytischen Krisen indiziert; nach Entfernung der Milz, einschl. Nebenmilzen (Milzszintigraphie), normalisiert sich die Erythrozytenlebenszeit! Cave erhöhte Sepsisgefahr bei Milzexstirpation vor dem 5. Lebensjahr – OPSI-Syndrom (»overwhelming postsplenectomy infection«); vor Splenektomie Pneumokokken-, Haemophilus-influenzae-Typ-b- und Meningokokken-Impfung
Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase(G-6-PD-)Mangel (Favismus)
Defektvariante A (Westafrika, Farbige in USA) mit 5–15 % Restaktivität der G-6-PD oder mediterrane Defektvariante mit Restaktivität <1 % der Norm
X-chromosomal rezessive Vererbung
Infolge des G-6-PD-Mangels kommt es zur verminderten Bildung reduzierten Glutathions, welches die Erythrozyten vor Oxidationsschäden schützt.>Memo Heterozygote Anlageträger sind resistenter gegenüber Malariaplasmodien als die übrige Bevölkerung (Selektionsvorteil in Malariagebieten).
Klinik
allgemeine Anämiesymptome
oxidativer Stress durch Infektionen, Genuss von Saubohnen (Favabohnen), Arzneimittel (Sulfonamide, Acetylsalicylsäure, Malariamittel) kann nicht durch Glutathion kompensiert werden und führt zu hämolytischen Krisen
Diagnostik
Blutausstrich: Heinz-Innenkörperchen (Denaturierungsprodukte des Hämoglobins)
G-6-PD-Aktivität der Erythrozyten ↓
Therapie
Meidung auslösender Noxen
keine Steroidtherapie, keine Splenektomie!
Pyruvatkinase-Mangel
PK-Mangel = häufigster hereditärer Glykolysedefekt (autosomal-rezessive Vererbung)
Energiegewinnung kann im reifen Erythrozyten bei fehlenden Mitochondrien nur über die Glykolyse erfolgen
PK-Mangel führt zu ATP-Mangel, wodurch der Na+/K+-Gradient an der Membran nicht mehr aufrechterhalten werden kann
gestörte transmembranöse Ionenverteilung mit konsekutiver Hämolyse
Klinik
hämolytische Anämie nur bei Homozygoten
Splenomegalie
Diagnostik
Blutausstrich: Akanthozyten (nicht spezifische »Stechapfelform«: geschrumpfte Erythrozyten mit Spiculae)
PK-Aktivität der Erythrozyten ↓
Therapie
Splenektomie bei überwiegend lienaler Hämolyse
Sichelzellanämie
häufigste Hämoglobinopathie; vor allem unter Schwarzafrikanern verbreitet
autosomal kodominante Vererbung
Punktmutation im β-Globinlocus auf Chromosom 11 führt zum Austausch der Glutaminsäure durch Valin in Position 6 der β-Kette des Hämoglobins (HbS)
im deoxygenierten Zustand präzipitiert HbS
Verlust der Verformbarkeit der sichelförmigen Erythrozyten führt zu Mikrozirkulationsstörungen mit Organinfarkten
Klinik
Heterozygote meist asymptomatisch, resistenter gegenüber Malariaplasmodien als die übrige Bevölkerung
- Homozygote bereits im Kindesalter symptomatisch
- hämolytische Anämie
- schmerzhafte vasookklusive Krisen (»Sichelzellkrisen«) mit Organinfarkten bei Hypoxämie
- akute abdominelle Schmerzen (DD akutes Abdomen)
- Hand-Fuß-Syndrom mit schmerzhafter Schwellung und Hyperämie durch Gefäßverschlüsse
- Komplikationen
- gesteigerte Neigung zu bakteriellen Infekten als Folge einer Milzatrophie durch multiple Milzinfarkte
- pulmonale Infektionen (Pneumokokken, Haemophilus influenzae)
- Osteomyelitis
- Sepsis
- aplastische Krisen durch Parvo-Virus-B19-Infektionen
Diagnostik
Sichelzelltest: Erythrozyten nehmen auf einem Objektträger unter Luftausschluss (luftdichtes Deckglas) Sichelform an
Hb-Elektrophorese
Differenzialdiagnose
Lungenembolie
Myokardinfarkt
Apoplex
Therapie
kausal: bei Homozygoten allogene Knochenmark-/Stammzelltransplantation
- symptomatisch
- Meidung von Sauerstoffmangelzuständen und Exsikkose
- Infektionsschutz (Penicillinprophylaxe zwischen dem 3. Lebensmonat und mindestens dem 5. Lebensjahr)
- in der Krise: Sauerstoffgabe, parenterale Flüssigkeitsgabe, Analgetika
- Bluttransfusionen nur nach strenger Indikation, z. B. bei Organversagen Austauschtransfusionen, aplastische Krisen
- Hydroxyharnstoff-Therapie kann die Mortalität bei häufigen Schmerzkrisen senken
- 5-Azacytidin reaktiviert Transkription von γ-Globin
α-Thalassämie
Vorkommen überwiegend in Südostasien, im Mittleren Osten und Mittelmeerraum
α-Globine werden von 2 Genloci kodiert (insgesamt 4 Genkopien)
α-Kettenproduktion durch defekte α-Globingene vermindert
Klinik
- abhängig von der Zahl intakter Genkopien
- α-Thalassaemia minima (3 intakte Genkopien): klinisch und hämatologisch unauffällig
- α-Thalassaemia minor (2 intakte Genkopien): leichte Anämie, klinisch unauffällig
- HbH-Krankheit (1 intakte Genkopie): Bildung von Hämoglobin H (ββ/ββ); hämolytische Anämie mit Splenomegalie
- Hb Barts (γγ/γγ) (keine intakte Genkopie): nicht lebensfähiger Fetus, Hydrops fetalis
Diagnostik
Hb-Elektrophorese
genetischer Nachweis
Therapie
siehe nächstes Kapitel β-Thalassämie (Abschn. 7.1.8), abhängig von der klinischen Ausprägung
β-Thalassämie
häufigste Thalassämie; vor allem im Mittelmeerraum verbreitet
autosomal-rezessiv vererbte β-Globin-Synthesestörung mit verminderter HbA1-Synthese (αα/ββ) und kompensatorisch erhöhter Synthese von HbF (αα/γγ) und HbA2 (αα/δδ)
intra- und extramedulläre Hämolyse infolge ineffektiver Erythropoese
Klinik
- Heterozygote: Thalassaemia minor
- evtl. diskrete Milzvergrößerung
- leichte Anämie
- Homozygote: Thalassaemia major (Cooley-Anämie)
- bereits im Säuglingsalter manifest
- schwere hämolytische Anämie
- Hepatosplenomegalie
- Wachstumsstörungen (»Bürstenschädel« durch erweiterte Markräume infolge einer Knochenmarkhyperplasie)
- ggf. sekundäre Hämosiderose durch wiederholte Transfusionen mit entsprechenden Folgeschäden
Diagnostik
hypochrome mikrozytäre Anämie (MCH und MCV ↓)
Hämolysezeichen: Retikulozytose, LDH↑, Haptoglobin↓, Bilirubin↑
Eisen und Ferritin ↔/↑
verstärkte osmotische Resistenz der Erythrozyten
Blutausstrich: Targetzellen, basophile Tüpfelung
- Hb-Elektrophorese
- Thalassaemia minor: HbF↑, HbA2↑
- Thalassaemia major: HbF↑↑, HbA2↑
Therapie
Thalassaemia minor: keine Therapie erforderlich
- Thalassaemia major
- kausal: kurative Therapie durch allogene Knochenmark-/Stammzelltransplantation
- symptomatisch: regelmäßige Bluttransfusionen (Hb-Zielwert >10 g/dl); Eisenelimination mit Deferoxamin (Desferal®) s. c. oder Deferasirox (Exjade®) bzw. Deferipron (Ferriprox®) p. o.
Paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie (PNH, Marchiafava-Anämie)
Erkrankung vorwiegend zwischen 25. und 45. Lebensjahr
erworbene Mutation des PIG-A-Gens (X-Chromosom), das für die Biosynthese des PIG-(Phosphatidyl-Inositol-Glykan-)Ankerproteins verantwortlich ist
klonale Erkrankung der pluripotenten hämatopoetischen Stammzelle
fehlerhafte Bindung (Verankerung) komplementregulierender Membranfaktoren auf der Zellmembran → komplementvermittelte Hämolyse↑
Abfall des Blut-pHs in der Nacht begünstigt Hämolyse
Klinik
Hämolyse, Zytopenie, Thrombosen
überwiegend nächtliche Hämolyse führt zu dunklem Morgenurin
unspezifische Anämie-/Hämolysesymptome
schubweiser Verlauf, evtl. hämolytische Krisen
Neutropenie, Thrombozytopenie
Hepatosplenomegalie
- Komplikationen
- Thrombosen: Pfortader, Lebervenen, zerebrale Gefäße, Milzvene
- Übergang in aplastische Anämie, myelodysplastisches Syndrom oder AML
Diagnostik
Hämolysezeichen: Hämoglobinurie, LDH↑, Haptoglobin↓, indirektes Bilirubin↑
durchflusszytometrischer Nachweis PIG-verankerter Membranproteine (z. B. CD55, CD59) oder direkt des PIG-Ankers
Säurehämolysetest (Ham-Test): komplementvermittelte Hämolyse nach Ansäuerung einer Blutprobe, ggf. Zuckerwassertest
molekulargenetischer Nachweis der Mutation des PIG-A-Gens
Therapie
bei Bedarf leukozytendepletierte Erythrozytenkonzentrate
Antikoagulation mit Cumarinen zur Thromboseprophylaxe
zur Vermeidung hämolytischer Krisen frühzeitige Antibiotikagabe
bei hämolytischen Krisen niedrig dosiert Kortikoide
Blockierung des Komplementsystems mit monoklonalen Antikörpern gegen C5 (Eculizumab, Soliris®)
ggf. allogene Stammzell-/Knochenmarktransplantation
Hämolytische Transfusionsreaktionen
etwa einmal unter 1000 transfundierten Konserven
Fehltransfusion im AB0-System (hämolytische Sofortreaktionen)
Antikörper gegen Kidd-, Kell- und Duffy-Antigen, Titer meist unterhalb der Nachweisgrenze (verzögerte hämolytische Transfusionsreaktion)
Klinik
- Sofortreaktion
- Fieber, Schweißausbruch, Schüttelfrost
- Dyspnoe
- Blutdruckabfall
- Übelkeit, Erbrechen
- Kopf- und Rückenschmerzen
- Urtikaria, Flush
- Schock, akutes Nierenversagen, disseminierte intravasale Gerinnung
- verzögerte Transfusionsreaktion
- eine bis mehrere Wochen nach der Transfusion kommt es zu Fieber, Hb-Abfall und leichtem Ikterus
Diagnostik
Rotfärbung von Urin und Plasma (freies Hämoglobin)
Hämolysezeichen: LDH↑, Haptoglobin↓, indirektes Bilirubin↑
Hb-Abfall nach Transfusion
Therapie
Transfusion sofort beenden
Volumensubstitution
Natriumbikarbonatlösung zur Prophylaxe eines akuten Nierenversagens, ggf. Dialyse
antiallergische Therapie
Morbus haemolyticus neonatorum
Rh-Erythroblastose: bei rh-negativer Frau und Rh-positivem Fetus, fetomaternaler Erythrozytenübergang im Rahmen vorangegangener Schwangerschaften führt zur Sensibilisierung der Mutter (Bildung von Anti-D-IgG-Antikörpern)
AB0-Erythroblastose: plazentagängige IgG-Antikörper bei Blutgruppe A/B des Kindes und 0 der Mutter
Klinik
Rh-Erythroblastose: hämolytische Anämie des Feten, Kernikterus, Hydrops congenitus universalis, Tod
AB0-Erythroblastose: leichte Hämolyse ohne intrauterine Schäden
Diagnostik
positiver direkter Coombs-Test, Anämie, Retikulozytose, unkonjugiertes Bilirubin↑ beim Fetus
positiver indirekter Coombs-Test bei der Mutter
Therapie
Rh-Erythroblastose: Austauschtransfusion beim Kind (intrauterin), vorzeitige Entbindung
AB0-Erythroblastose: postnatale Phototherapie (zur Vermeidung eines Kernikterus)
Anti-D-Prophylaxe der Mutter
Autoimmunhämolytische Anämie durch inkomplette Wärmeautoantikörper (IgG)
70 % aller autoimmunhämolytischen Anämien (AIHA)
idiopathisch
- sekundär
- Non-Hodgkin-Lymphome
- systemischer Lupus erythematodes, Kollagenosen
- Virusinfekte
- Induktion durch Medikamente, z. B. Betalaktamantibiotika
Bindung der IgG-Wärmeautoantikörper an Erythrozyten bei Körpertemperatur mit konsekutiver Phagozytose und Abbau im RHS
Klinik
allgemeine Anämiesymptome
evtl. hämolytische Krisen
Diagnostik
Hämolysezeichen: LDH↑, Haptoglobin↓, indirektes Bilirubin↑, Retikulozytose
direkter Coombs-Test positiv; indirekter Coombs-Test nur bei sehr hohen Antikörpertitern positiv (Sättigung der Erythrozyten mit Autoantikörpern)
indirekte Hinweise: BSG↑↑, erschwerte Blutgruppenbe-stimmung
Ausschluss einer anderen Grunderkrankung, z. B. NHL oder SLE
Therapie
Kortikosteroide (Prednison)
evtl. Immunsuppressiva (Azathioprin, Cyclophosphamid, Ciclosporin A, Rituximab)
evtl. hochdosiert Immunglobuline
bei chronischen Verläufen und überwiegend lienaler Hämolyse ggf. Splenektomie
zurückhaltende Indikation für Bluttransfusionen (Hb <7 g/dl)
Autoimmunhämolytische Anämie durch Kälteagglutinine (IgM)
15 % aller autoimmunhämolytischen Anämien (AIHA)
Bindung der IgM-Kälteagglutinine an Erythrozyten bei niedrigen Temperaturen und Komplementaktivierung (Temperatur der Akren bei normaler Außentemperatur ausreichend!)
idiopathisch (Kälteagglutininkrankheit)
- sekundär
- akutes Kälteagglutininsyndrom: passagere polyklonale IgM-Vermehrung meist 2–3 Wochen nach Mykoplasmen-Infektion, spontane Remission innerhalb von 4 Wochen
- chronisches Kälteagglutininsyndrom: monoklonale IgM-Vermehrung meist bei B-Zell-Lymphomen (z. B. M. Waldenström)
Klinik
Akrozyanose bei Kälteexposition
schubweise nach Kälteexposition intravasale Hämolysen mit Hämoglobinurie
allgemeine Anämiesymptome
Diagnostik
bei Raumtemperatur BSG↑↑, bei 37°C normal
Nachweis der Kälteagglutinine
indirekte Hinweise: Autoagglutination der Erythrozyten bei Raumtemperatur erschwert die Blutentnahme, Erythrozytenzählungen, Blutausstriche und die Kreuzprobe
Differenzialdiagnose
Raynaud-Syndrom
Therapie
Kälteschutz
evtl. Immunsuppressiva bei ausgeprägter hämolytischer Anämie (Cyclophosphamid, Chlorambucil)
ggf. Plasmapherese
Kortikosteroide und Splenektomie sind therapeutisch unwirksam
zurückhaltende Indikation für Bluttransfusionen (Hb <7 g/dl)
Thromboembolieprophylaxe bei ausgeprägter akuter Hämolyse
Autoimmunhämolytische Anämie durch bithermische Hämolysine (IgG)
idiopathisch
postinfektiös
akut nach viralem Infekt (meist im Kindesalter)
chronischer Verlauf bei Lues
Klinik
Diagnostik
- Donath-Landsteiner-Test
- Bindung bithermischer Autoantikörper und Komplementfaktoren an Erythrozyten bei tiefen Temperaturen
- konsekutive Hämolyse im Rahmen der Wiedererwärmung
Therapie
Renale Anämie
hyporegeneratorische Anämie infolge eines Erythropoetinmangels bei chronischer Niereninsuffizienz (Serumkreatinin >3,5 mg/dl; Kreatinin-Clearance <30 ml/min)
zusätzlich verkürzte Erythrozytenlebenszeit durch Urämiegifte
Klinik
Café au lait-Farbe der Haut infolge anämischer Blässe und der Ablagerung von Urochromen
allgemeine Anämiesymptome
Symptomatik der Nierenerkrankung
Diagnostik
normochrome, normozytäre Anämie (MCH normal)
Retikulozyten↓
fehlende kompensatorische Erhöhung des Erythropoetinspiegels (Erythropoetin niedrig bis normal)
Differenzialdiagnose
Eisenmangelanämie
megaloblastäre Anämie
Therapie
Erythropoetin (Ziel-Hb: 10–12 g/dl)! Cave unter Erythropoetin gehäuftes Auftreten von Thrombosen und Embolien bei Hb >12 g/dl Nierentransplantation! Cave Ausschluss und ggf. Therapie eines Eisenmangels (erworben durch Blutverluste im Rahmen der Dialyse)
Aplastische Anämie (Panmyelopathie)
Bi-/Trizytopenie durch hämatopoetische Insuffizienz
gehäuftes Auftreten in der Adoleszenz, zu Beginn des Seniums, während der Schwangerschaft (Hormonumstellung)
teilweise Assoziation zu HLA-Antigenen (HLA-DR2)
Ätiologie
angeboren: Fanconi-Anämie
- erworben
- idiopathischer, autoimmunologischer Stammzellschaden (>70 % aller Fälle)
- sekundär
- medikamentös: NSAR, Goldpräparate, Colchicin, Allopurinol, Thyreostatika, Phenytoin, Sulfonamide, Chloramphenicol (dosisabhängige versus dosisunabhängige Knochenmarkschädigung)
- toxisch: Benzol
- Virusinfekte, z. B. Epstein-Barr-Virus, Hepatitis-Viren, Parvo-Virus B19
- ionisierende Strahlung
Klinik
allgemeine Anämiesymptome
Granulozytopenie: Infektanfälligkeit (bakteriell, mykotisch), Nekrosen, Fieber
Thrombozytopenie: Blutungszeichen (Petechien, Nasen-/Zahnfleischbluten)
Diagnostik
Blutbild: Panzytopenie, Retikulozyten↓
Knochenmarkhistologie: zellarmes/aplastisches Knochenmark, Fettmark, lymphoplasmozytoide Hyperplasie>Memo Knochenmarkzytologie allein zur Diagnosestellung nicht ausreichend!
Differenzialdiagnose
myelodysplastisches Syndrom (klonale Stammzellerkrankung)
Leukämien und maligne Lymphome (Knochenmarkinfiltration)
Osteomyelosklerose (Knochenmarkfibrose)
megaloblastäre Anämie (Vitamin-B12-/Folsäuremangel)
Hypersplenismus (»Pooling«)
systemischer Lupus erythematodes (antinukleäre Antikörper)
Therapie
Erythrozyten- und Thrombozytensubstitution (leukozytendepletiert)
Infektionsprophylaxe/-therapie
Transplantation allogener hämatopoetischer Stammzellen
- immunsuppressive Therapie
- Anti-Thymozyten-/Lymphozytenglobulin
- Prednisolon
- Methotrexat, Ciclosporin A, Cyclophosphamid
Akute Leukämien (inkl. myelodysplastische Syndrome)
Akute myeloische und lymphatische Leukämie
neoplastische Transformation und Proliferation hämatopoetischer Stammzellen/unreifer Vorläuferzellen der Hämatopoese
Bildung von Fusionsgenen durch Translokationen
- Ätiologie der Stammzellschädigung
- HTLV 1 oder 2
- Benzol, Zytostatika, ionisierende Strahlen
- Trisomie 21 (Down-Syndrom), Klinefelter-Syndrom (XXY)
- Übergang in AML bei myelodysplastischem Syndrom und myeloproliferativen Neoplasien
akute lymphatische Leukämie (ALL) überwiegend im Kindesalter, akute myeloische Leukämie (AML) überwiegend im Erwachsenenalter
Klinik
unspezifische Allgemeinsymptome: Fieber, Nachtschweiß, Abgeschlagenheit (kurze Anamnese)
Anämiesymptomatik, Infektanfälligkeit, Blutungen infolge der Verdrängung der normalen Hämatopoese
Lymphknotenschwellungen (30 %), Spleno-/Hepatomegalie (häufiger bei Kindern)
leukämische Haut-/Organinfiltrationen im fortgeschrittenen Stadium
Knochen-/Gelenkschmerzen bei kindlicher ALL
Meningeosis leucaemica bei ALL, evtl. Infiltrate am Augenhintergrund
hypertrophische Gingivitis (AML M4 und M5)
Verbrauchskoagulopathie: DIC und sekundäre Hyperfibrinolyse (AML M3)
Diagnostik
im Blutbild: häufig Anämie, Thrombozytopenie und/oder Granulozytopenie
durch erhöhten Zellumsatz Harnsäure↑ und LDH↑
im Knochenmark und ggf. im Blutausstrich: undifferenzierte Blasten mit großen atypischen Nukleolen und schmalem basophilem Zytoplasmasaum, Auerstäbchen (Myeloblasten-Leukämie), Faggot-Zellen (Auerstäbchen in Bündeln bei Promyelozyten-Leukämie)
Blastenanteil im Knochenmark bei ALL >25 % und bei AML >20 % (nach WHO-Klassifikation) bzw. >30 % (nach FAB-Klassifikation)
Hiatus leucaemicus: Fehlen der mittleren Entwicklungsstufe der Granulopoese
Liquordiagnostik bei ALL und AML M5 obligat
- WHO-Klassifikation der AML
- AML mit spezifischen zytogenetischen Aberrationen
- AML mit Multiliniendysplasie (nach MDS und ohne vorangegangenes MDS)
- AML und MDS, therapieinduziert
- AML ohne weitere Spezifizierung
Klassifikation der akuten myeloischen Leukämie anhand morphologischer Charakteristika und Zytochemie (Tab. 7.3)
Differenzierung verschiedener Subtypen der akuten lymphatischen Leukämie mittels morphologischer und zytochemischer Kriterien (Tab. 7.4)>Memo FAB-Einteilung der ALL ist nicht mehr klinisch relevant!
| Subtyp | Morphologie | Zytochemie | |
| M0 | Minimal differenzierte AML | Undifferenzierte Blasten | POX-negativ (<3 %), MPO jedoch immunologisch nachweisbar |
| M1 | AML ohne Differenzierung | Selten Granula | POX-positiv (>3 %) |
| M2 | AML mit Differenzierung | Azurophile Granula, evtl. Auerstäbchen | POX-positiv (>30 %) |
| M3 | Promyelozyten-Leukämie | Hypergranuläre Promyelozyten, Bündel von Auerstäbchen | POX-positiv (>90 %) |
| M4 | Akute myelomonozytäre Leukämie | Myelozytäre und monozytoide Blasten, >3 % Eosinophile (M4eo+) | POX-positiv, Esterase-positiv (>25 %) |
| M5 | Akute monozytäre Leukämie | Monoblasten, Promonozyten | Esterase-positiv (>80 %) |
| M6 | Erythroleukämie | Unreife Erythroblasten | |
| M7 | Megakaryoblasten-Leukämie | Unreife Blasten | |
| Subtyp | Morphologie | Zytochemie | |
| L1 | Kindlicher Typ | Überwiegend kleine Blasten | PAS-positiv, POX- und Esterase-negativ |
| L2 | Erwachsenen-Typ | Heterogene Zellpopulation | |
| L3 | Burkitt-Typ | Überwiegend Blasten | |
Zytogenetik und Molekulargenetik>Memo Zytogenetik ist wichtigster Prognosefaktor!- PML/RARalpha-Fusionsgen bei akuter Promyelozyten-Leukämie (AML M3) typisch; das RARalpha-Protein vermittelt die Interaktion mit Retioninsäure; Transretioninsäure führt zur Ausdifferenzierung der Leukämiezellen zu reifen Granulozyten und stellt deshalb Therapieoption dar
- bcr/abl-Gen bei Philadelphia-Chromosom (Ph)-positiver ALL kodiert für ein Fusionsprotein mit erhöhter Tyrosinkinaseaktivität
- TEL/AML1-Fusionsgen ist die häufigste zytogenetische Veränderung bei kindlicher ALL
Immunphänotypisierung nach morphologischen und zytologischen Kriterien>Memo Immunphänotypisierung unterstützt FAB-Klassifikation.
>Memo Leukozytenzahl ist diagnostisch nicht richtungsweisend (↑/↔/↓)!
Differenzialdiagnose
| Merkmal | AML | ALL |
| Auerstäbchen | Positiv bei bestimmten FAB-Typen, v. a. M2 und M3 | Fehlen |
| Myeloperoxidase | Meist positiv (unterschiedlicher Anteil der Blastenpopulation) | Negativ |
| Unspezifische Esterase | Häufig positiv, v. a. M4 und M5 | Negativ |
| PAS-Reaktion a | Positiv bei M6 | Häufig positiv (bis 50 %) |
| TDT-Expression b | Selten positiv (5–10 % der Blastenpopulation) | Positiv |
|
a Perjodsäure-Schiff-Reagens zur Anfärbung glykogenhaltiger Zellbestandteile b Expression der terminalen Deoxynukleotidyltransferase (TDT) | ||
Mononukleose (im Blutbild lymphozytäre Reizformen)
aplastische Anämie, Myelodysplasie, megaloblastäre Anämie
>Memo Differenzierung der akuten Leukämien nach ALL und AML hat therapeutische und prognostische Bedeutung (Tab. 7.5).
Therapie
Therapieziel: anhaltende komplette Remission mit Normalisierung des Blutbildes und des Knochenmarks
Polychemotherapie (Remissionsinduktion, Konsolidierung, Remissionserhaltung)>Memo Therapieschemata variieren in Abhängigkeit vom zytogenetischen Risiko.- ALL im Kindesalter
- Induktion: z. B. Prednison, Vincristin, Daunorubicin, L-Asparaginase
- Konsolidierung: wie Induktionstherapie
- Erhaltung: Methotrexat oder 6-Mercaptopurin über mindestens 24 Monate
- bei ZNS-Beteiligung: Methotrexat intrathekal und ggf. Schädelbestrahlung
- Knochenmark-/Stammzelltransplantation (z. B. in der 2. Remission)
- AML im Erwachsenenalter
- Induktion: z. B. TAD-Regime (Thioguanin, Cytarabin [Ara-C], Daunorubicin), ggf. HAM-Regime (Ara-C, Mitoxantron)
- Konsolidierung: wie Induktionstherapie
- Transplantation allogener hämatopoetischer Stammzellen oder allogene Knochenmarktransplantation bei AML in Remission <50. Lebensjahr und Vorliegen eines HLA-kompatiblen Spenders, in Verbindung mit einer Konditionierungstherapie (intensive Zytostatikatherapie und Ganzkörperbestrahlung 10 Gy)
- Komplikation: »graft versus host disease«; akut (<3 Monate): mit Erythrodermie, Enteritis und Hepatitis; chronisch (>3 Monate): kollagenoseähnliche Haut-/Schleimhautveränderungen, Cholestase; Prophylaxe: Immunsuppressiva, z. B. Ciclosporin A, MTX, Tacrolimus; Therapie: Prednisolon, Antilymphozytenserum, monoklonale Antikörper gegen T-Zellen
Tyrosinkinaseinhibitor Imatinib (Glivec®) bei Ph-positiver ALL
- supportive Therapie
- Infektprophylaxe, z. B. selektive Darmdekontamination, Hygiene
- Breitbandantibiotika bei neutropenischem Fieber
- Erythrozyten-/Thrombozytenkonzentrate
- bei drohender Uratnephropathie Flüssigkeit, Harnalkalisierung und Allopurinol
- Prognose (abhängig von der initialen Leukozytenzahl, dem Lebensalter und der Zytogenetik)
- Langzeitüberlebensrate bei AML 50 %
- Langzeitüberlebensrate bei kindlicher ALL 70–80 % und bei Erwachsenen-ALL 30–40 %
- Auftreten von Sekundärneoplasien möglich
- klinisches Follow-up/Nachsorge, unter anderem hinsichtlich therapieassoziierter Folgeerkrankungen (Organtoxizität)
Myelodysplastische Syndrome (MDS, früher: Präleukämien)
heterogene Gruppe klonaler neoplastischer Erkrankungen der hämatopoetischen Zellen
qualitativ veränderte Zellproliferation im Knochenmark und Zytopenie des peripheren Blutes
häufig Übergang in akute myeloische Leukämie (präleukämische Syndrome)
Erkrankungsgipfel nach dem 70. Lebensjahr
meist unklare Ätiologie, sekundäres myelodysplastisches Syndrom induziert durch Zytostatika, radioaktive Strahlung, Benzol
Klinik
in 20 % der Fälle asymptomatischer Zufallsbefund
im Verlauf durch Zytopenie: unspezifische Anämiesymptome, erhöhte Infektanfälligkeit, Blutungsneigung
Hepato-/Splenomegalie
Diagnostik
im Blutbild: Erythrozytopenie, Bizytopenie, Panzytopenie
Knochenmark: meist erhöhte Zelldichte, Erythropoese und Granulozytopoese zeigen Reifungsstörungen (Ringsideroblasten, Anisozytose, Poikilozytose bzw. hypogranulierte Granulozyten), evtl. übersegmentierte, unterschiedlich große Megakaryozyten
Chromosomenanalyse (50 % der Fälle zeigen Aberrationen)>Memo Die WHO-Klassifikation (unterscheidet 8 Untergruppen nach morphologischen und zytogenetischen Kriterien; RAEB-T und CMML sind ausgegliedert) ermöglicht bessere Aussagen zur Prognose, ist aber in der klinischen Praxis schwieriger zu handhaben!zum Ausschluss von Differenzialdiagnosen: Ferritin, LDH, Vitamin B12, Folsäure, Erythropoetin, Säurehämolysetest
FAB-Klassifikation der myelodysplastischen Syndrome (Tab. 7.6)
| Typ | Blutbild | Knochenmark | Übergang in AML | Mittleres Überleben (Monate) a |
| Refraktäre Anämie (RA) | Blasten <1 %, Anämie, Retikulozytopenie | Blasten <5 %, normo-/hyperzellulär, Dyserythropoese | 10–20 % | 50 |
| Refraktäre Anämie mit Ringsidero-blasten (RARS) | Wie bei refraktärer Anämie | >15 % Ringsideroblasten | 10–20 % | 50 |
| Refraktäre Anämie mit Exzess von Blasten (RAEB) | Blasten <5 %, mindestens Bizytopenie | 5–20 % Blasten | 40–50 % | 11 |
| Refraktäre Anämie in Transformation (RAEB-T) | Blasten >5 %, fakultativ mit Auerstäbchen | 20–30 % Blasten, fakultativ mit Auerstäbchen | 60–75 % | 5 |
| Chronisch myelomonozytäre Leukämie (CMML) | Monozytose >1000/µl | Vermehrung monozytärer Vorstufen | 20–30 % | 11 |
| a Prognose hängt nicht nur vom FAB-Subtyp ab; klinische Prognosebestimmung anhand des IPSS (International Prognostic Scoring System) basierend auf dem Blastenanteil im Knochenmark, dem Karyotyp und dem Ausmaß der Zytopenie. | ||||
Differenzialdiagnose
myeloproliferative Neoplasien
Haarzell-Leukämie
akute Leukämien
aplastische Anämie, megaloblastäre Anämie, paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie! Cave RAEB-T mit einem Blastenanteil >20 % gilt gemäß WHO-Definition als AML!nutritiv-toxische oder reaktive Knochenmarkveränderungen
Hyperspleniesyndrom
Therapie
palliative Chemotherapie bei Organomegalie oder Hyperleukozytose mit Hydroxycarbamid, Melphalan, Cytosin-Arabinosid
Polychemotherapie bei RAEB und RAEB-T mit Induktionsprotokollen der AML
5-Azacytidin (Vidaza®, Inhibition der DNA-Methyltransferase)
allogene Knochenmark-/Stammzelltransplantation nach (nicht-)myeloablativer Konditionierung
- supportive Therapie
- Transfusion von Thrombozyten-/Erythrozytenkonzentraten
- Wachstumsfaktoren: EPO, G-CSF
- Breitbandantibiose bei unklarem Fieber
- Eisenchelatoren, z. B. Deferasirox (Exjade®) p. o. bei sekundärer Siderose
Myeloproliferative Neoplasien
- klonale Proliferation myeloischer Stammzellen (Fähigkeit zur Ausdifferenzierung bleibt erhalten)
- chronische myeloische Leukämie (CML)
- Polycythaemia vera
- essenzielle Thrombozythämie
- Osteomyelofibrose
- gemeinsame Klinik
- initiale Vermehrung aller drei Zellreihen
- Splenomegalie
- Knochenmarkfibrosierung
- evtl. extramedulläre Blutbildung (Leber, Milz, Lymphknoten)
- evtl. terminaler Blastenschub
IFN-α als mögliche gemeinsame Therapieoption
Chronische myeloische Leukämie (CML)
Häufigkeitsgipfel zwischen 40. und 60. Lebensjahr, bei Kindern sehr selten
monoklonale Stammzellentartung
mögliche Ätiologie: ionisierende Strahlung, Benzol
Protoonkogen c-abl (auf Chromosom 9) lagert sich an den bcr-Locus des Chromosoms 22 an (Philadelphia-Chromosom)
das aberrante Genprodukt des Fusionsgens bcr/abl besitzt Tyrosinkinaseaktivität und wirkt proliferationsfördernd
Klinik
- Krankheitsverlauf
- chronisch stabile Phase über 3–5 Jahre: Leukozytose, Splenomegalie
- Akzelerationsphase: 10–30 % Blasten im Blut/Knochenmark, Basophilie >20 %, Anämie, Thrombozytopenie
- Blastenkrise: Myeloblasten und Promyelozyten >30 % im Blut/Knochenmark oder lymphatische Blastenkrise (v. a. bei IFN-α-Vorbehandlung)
unspezifische Allgemeinsymptome: Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Fieber, Nachtschweiß
Thromboembolien durch initiale Thrombozytose und leukämische Thromben mit konsekutiven Milzinfarkten, Zentralvenenthrombose der Retina etc.
Knochenmarkinsuffizienz durch Myelofibrose
Blutungen infolge der Thrombozytopenie
Diagnostik
durch erhöhten Zellumsatz Harnsäure↑ und LDH↑
Diff-BB: Leukozytose mit Linksverschiebung (bis >500.000/µl), granulopoetische Vorstufen bis zum Myeloblasten, Basophilie, Anämie, initial Thrombozytose, später Retikulozytose infolge extramedullärer Blutbildung
Knochenmark: Hyperplasie der Myelopoese
Zytochemie: alkalische Leukozytenphosphatase↓↓↓
Zytogenetik: Philadelphia-Chromosom, bcr/abl-Fusionsgen
Differenzialdiagnose
leukämoide Reaktionen im Rahmen schwerer bakterieller Infektionen
Osteomyelosklerose
Therapie
bei bcr/abl-positiver CML Tyrosinkinaseinhibitoren, z. B. Imatinib (Glivec®), Dasatinib (Sprycel®), Nilotinib (Tasigna®)
IFN-α als Dauertherapie, initial in Kombination mit Hydroxyurea oder Cytarabin
konventionelle Chemotherapie mit Hydroxycarbamid
Polychemotherapie des Blastenschubs wie bei akuter Leukämie
allogene Knochenmarktransplantation oder periphere Stammzelltransplantation nach (nicht-)myeloablativer Konditionierungstherapie bei Hochrisikopatienten (<55. Lebensjahr)
- supportive Therapie
- Breitbandantibiotika bei Infekten
- Erythrozyten-/Thrombozytenkonzentrate
- Flüssigkeit, Harnalkalisierung und Allopurinol zur Prophylaxe einer Hyperurikämie
- Leukozytapharese bei Gefahr leukämischer Thromben
Polycythaemia vera
autonome Proliferation überwiegend der Erythropoese, aber auch der Thrombo- und Granulozytopoese
Häufigkeitsgipfel 60. Lebensjahr
Klinik
hyperproliferative Frühphase und panzytopenische Spätphase
Rötung des Gesichts (Plethora) und der Extremitäten, evtl. Zyanose der Lippen
schmerzhafte Rötung/Überwärmung der Füße (Erythromelalgie)
Pruritus
Kopfschmerz, Schwindel
Müdigkeit, Abgeschlagenheit
Ohrensausen, Sehstörungen
Hypertonie
Splenomegalie
- Komplikationen
- Thromboembolien
- hämorrhagische Diathese
- Knochenmarkinsuffizienz durch Übergang in Osteomyelofibrose
- Entwicklung einer akuten Leukämie
Diagnostik
im Blutbild: Hkt↑, Hb↑, Erythrozyten↑, Thrombozyten↑, Leukozyten↑
BSG↓
Knochenmark: Überwiegen der Erythropoese (mit Eisenverarmung)
Ausschluss einer sekundären Polyglobulie: pO2 arteriell, EPO-Spiegel, Herz-/Lungenbefunde, Abdomensonographie
molekulargenetischer Nachweis einer JAK2-Mutation
Differenzialdiagnose
sekundäre Polyglobulien: paraneoplastisches Syndrom, Nierenerkrankungen, Sauerstoffmangel, Hämoglobinstörung, exogenes Erythropoetin, Hormonstimulation
Therapie
regelmäßige Aderlässe mit Ziel-Hkt <45 %! Cave keine Substitution des Eisenmangels zur Vermeidung der weiteren Stimulation der Erythropoese!IFN-α
ASS bei Thrombozytose, evtl. Anagrelid (Xagrid®, Reservemittel)
evtl. myelosuppressive Therapie mit Hydroxycarbamid nach thromboembolischen Komplikationen, bei Thrombozyten >1.000.000/µl und symptomatischer Splenomegalie! Cave leukämogenes Risiko nach Behandlung mit Hydroxycarbamid- supportive Therapie
- Flüssigkeit, Harnalkalisierung und Allopurinol zur Prophylaxe einer Hyperurikämie
- Antihistaminika bei Juckreiz
Essenzielle Thrombozythämie
neoplastische monoklonale Proliferation der Thrombozytopoese
Klinik
thromboembolische Komplikationen
hämorrhagische Diathese bei nicht funktionsfähigen Thrombozyten
im Verlauf Splenomegalie
Diagnostik
Thrombozyten dauerhaft >600.000/µl
hyperplastisches Knochenmark: gesteigerte Megakaryopoese mit abnorm großen, ausgereiften Megakaryozyten
durch erhöhten Zellumsatz Harnsäure↑ und LDH↑
molekulargenetischer Nachweis einer JAK2-Mutation
Differenzialdiagnose
andere myeloproliferative Neoplasien
reaktive Thrombozytose durch Entzündung, Infektion, maligne Erkrankungen oder nach Splenektomie
Therapie
- bei symptomatischen Patienten oder bei asymptomatischer Thrombozytose >1.000.000/µl:
- Hydroxyurea und ASS (100 mg/d)
Anagrelid (Xagrid®) führt zur Verzögerung der Megakaryozytenreifung! Cave unter Therapie mit Anagrelid erhöhte Inzidenz thromboembolischer Ereignisse!- IFN-α
- evtl. allogene Stammzelltransplantation bei jungen Patienten
Osteomyelosklerose (Osteomyelofibrose)
hochgradige Markfibrose, extramedulläre Blutbildung, Splenomegalie
meist nach dem 40. Lebensjahr
Klinik
unspezifische Allgemeinsymptome: Gewichtsabnahme, Abgeschlagenheit, Fieber
Splenomegalie, evtl. leichte Hepatomegalie
- Komplikationen
- thrombozytopenisch bedingte Blutungen
- Infektionen
- terminaler Blastenschub
Diagnostik
im Blutbild: hyperproliferative Frühphase (mit Leukozytose und Thrombozytose, meist normale Erythrozytenzahlen) und panzytopenische Spätphase (mit leukoerythroblastischem Blutbild infolge extramedullärer Blutbildung und Poikilozytose)
Knochenmark: trockenes Markaspirat (»Punctio sicca«), histologisch Myelofibrose
Zytochemie: alkalische Leukozytenphosphatase↑ (bei CML ↓)
molekulargenetischer Nachweis einer JAK2-Mutation
Therapie
IFN-α
Thalidomid oder Lenalidomid (Revlimid®), evtl. kombiniert mit niedrig dosiertem Prednisolon
Ruxolitinib (Inhibitor der Januskinasen JAK1 und JAK2, Jakavi®)
Milzbestrahlung, evtl. Splenektomie bei Hypersplenismus! Cave extramedulläre Blutbildung!allogene Blutstammzelltransplantation bei jungen Patienten
ggf. Erythrozytenkonzentrate bei Anämie
ggf. ASS bei Thrombozytose
Maligne Lymphome und multiples Myelom
M. Hodgkin (Lymphogranulomatose)
zwei Häufigkeitsgipfel: um das 25. und 60. Lebensjahr
♂:♀ = 3:2
monoklonales B-Zell-Lymphom mit großen einkernigen Hodgkinzellen und mehrkernigen Sternberg-Reed-Riesenzellen (CD30-positiv)
initial lokalisierte Lymphknotenerkrankung, im fortgeschrittenen Stadium Systemerkrankung
- histologische Formen
- lymphozytenreich 5–10 %
- nodulär-sklerosierend 60–80 %
- gemischtzellig 15–20 %
- lymphozytenarm (diffus fibrosierend/retikulär) 1–5 %
Klinik
- schmerzlose Lymphknotenvergrößerung
- zervikal (70 %)
- mediastinal (30 %), evtl. Hustenreiz
- abdominell (5 %)
B-Symptomatik: Fieber (Pel-Ebstein-Fieber: wellenförmiger Verlauf), Nachtschweiß, Gewichtsverlust (>10 % des Körpergewichts)
Müdigkeit, Leistungsschwäche
Pruritus
evtl. Hepato-/Splenomegalie
Diagnostik
Lymphknotenhistologie
absolute Lymphozytopenie, evtl. Eosinophilie (30 % aller Fälle), evtl. Anämie
BSG↑, LDH↑
Staging: Lymphknotenstatus, Röntgen-Thorax, CT-Thorax, Abdomensonographie, CT-Abdomen, Knochenmarkbiopsie (Histologie/Zytologie), evtl. Szintigraphie, evtl. PET, evtl. Leberbiopsie
Stadieneinteilung nach der Ann-Arbor-Klassifikation (Tab. 7.7)
- Prognosefaktoren (erhöhtes Risiko)
- BSG↑ (Stadium A: ≥50 mm/h; Stadium B: ≥30 mm/h)
- extranodaler Befall
- Befall von ≥3 Lymphknotenregionen
- großer Mediastinaltumor
Therapieüberwachung: Lungenfunktion, EKG, Echokardiographie
| Stadium | Befall |
| I | Befall einer Lymphknotenregion (I/N) oder eines extralymphatischen Organs (I/E) a |
| II | Befall von ≥2 Lymphknotenregionen (II/N) oder lokalisierter Befall eines extralymphatischen Organs mit Befall von ≥1 Lymphknotenregion (II/E) auf der gleichen Seite des Zwerchfells |
| III | Befall von ≥2 Lymphknotenregionen (III/N) oder lokalisierter Befall extralymphatischer Organe und Lymphknoten (III/E) beidseits des Zwerchfells ± Milzbefall |
| IV | Disseminierter Befall eines/mehrerer extralymphatischer Organe (z. B. Lunge, Leber, Knochenmark) mit oder ohne Befall des lymphatischen Systems |
| Zusätze | |
| A | Ohne Allgemeinsymptome |
| B | Mit Fieber (>38°C) und/oder Nachtschweiß und/oder Gewichtsverlust (>10 % innerhalb von 6 Monaten) |
| a ! Cave exklusiver Leberbefall ist immer Stadium IV | |
Differenzialdiagnose
Non-Hodgkin-Lymphome
Tumoren anderer Genese, Metastasen
Infektionskrankheiten, z. B. EBV, HIV, Tbc
bakterielle Lymphadenitis
Sarkoidose
Therapie
im Stadium I/II ohne Risikofaktoren: Polychemotherapie (z. B. 2× ABVD) + Strahlentherapie (30 Gy, »involved field«)
im Stadium I/II mit Risikofaktoren: Polychemotherapie (z. B. 4× ABVD) + Strahlentherapie (30 Gy, »involved field«)
im Stadium IIB mit Risikofaktoren oder III und IV: Polychemotherapie (z. B. 6× BEACOPP) + Strahlentherapie (initialer Bulktumor/Restlymphome)
ABVD-Schema: Adriamycin, Bleomycin, Vinblastin, Dacarbazin (Wiederholung d 29)
BEACOPP-Schema: Bleomycin, Etoposid, Adriamycin, Cyclophosphamid, Oncovin (Vincristin), Procarbazin, Prednison (Wiederholung d 22)
Rezidivtherapie (im Rahmen klinischer Studien): »Salvage«-Chemotherapie, Hochdosischemotherapie mit autologer Stammzelltransplantation, Brentuximab vedotin (Antikörper-Wirkstoff-Konjugat, Adcetris®)
- Komplikationen
- primäre Therapieversager (10 %), Frührezidive (15 %), Spätrezidive (15 %)
- posttherapeutische Folgen der Bestrahlung: Pneumonitis, Perikarditis, Parästhesien der oberen Extremität (Lhermitte-Syndrom), Lähmungen und radikuläre Symptomatik (A. spinalis anterior-Syndrom)
- posttherapeutische Folgen der Chemotherapie: Kardiomyopathie durch Anthrazykline, Lungenfibrose durch Bleomycin
Zweitneoplasien (15 % aller Fälle innerhalb der ersten 20 Jahre nach Abschluss der Therapie)>Memo Konservierung von Sperma bei noch unerfülltem Kinderwunsch vor Therapiebeginn
Non-Hodgkin-Lymphome (NHL)
heterogene Gruppe maligner klonaler Neoplasien des lymphatischen Systems
leukämische Manifestation in 30 % der NHL
gehäuft in höherem Lebensalter
- Ursache meist unbekannt, mögliche Ätiologie
- Immundefekte
- Infektionen: HTLV 1 bei T-Zell-Lymphomen, EBV bei Burkitt-Lymphom, Helicobacter pylori bei MALT-Lymphomen
- radioaktive Strahlung
pathogenetisch relevant sind chromosomale Translokationen mit Entstehung von Fusionsgenen
WHO-Klassifikation der malignen Non-Hodgkin-Lymphome unterteilt in Vorläufer-B-Zell-Neoplasien, reifzellige B-Zell-Neoplasien, Vorläufer-T-Zell-Neoplasien, reifzellige T-Zell- und NK-Zell-Neoplasien
Gruppierung der malignen Non-Hodgkin-Lymphome nach klinischer Bedeutung (Tab. 7.8)
| B-Zell-Typ (80 %) | T-Zell-Typ (20 %) |
| I. Indolente Lymphome | |
| Chronische lymphatische Leukämie/kleinzelliges lymphozytisches Lymphom | T-Zell-, großgranuläre lymphozytische Leukämie |
|
Lymphoplasmozytisches Lymphom Immunozytom (M. Waldenström) |
Mycosis fungoides Sézary-Syndrom |
| Haarzell-Leukämie | »Smoldering« und chronische adulte T-Zell-Leukämie/Lymphom |
| Marginalzonen-B-Zell-Lymphomesplenischnodal (monozytoid)extranodal (MALT-Lymphom) | |
| Follikuläre Keimzentrumslymphome Grad I und II | |
| II. Aggressive Lymphome | |
| B-Zell-Prolymphozyten-Leukämie | T-Zell-Prolymphozyten-Leukämie |
| Multiples Myelom | Peripheres T-Zell-Lymphom, unklassifiziert |
| Mantelzell-Lymphom | Angioimmunoblastisches T-Zell-Lymphom |
| Follikuläres Keimzentrumslymphom Grad III | Angiozentrisches Lymphom |
| Diffuses großzelliges B-Zell-Lymphom | Intestinales T-Zell-Lymphom |
| Mediastinales (thymisches) großzelliges B-Zell-Lymphom | Anaplastisches großzelliges T- und Null-Zell-Lymphom |
| Hochmalignes Burkitt-ähnliches B-Zell-Lymphom | |
| III. Sehr aggressive Lymphome | |
| Vorläuferzell-B-lymphoblastisches Lymphom/Leukämie | Vorläuferzell-T-lymphoblastisches Lymphom/Leukämie |
|
Burkitt-Lymphom Akute B-Zell-Leukämie |
Adultes T-Zell-Lymphom/Leukämie |
| Plasmazell-Leukämie | |
Klinik
Lymphknotenschwellungen, Splenomegalie, seltener Hepatomegalie
B-Symptomatik: Fieber, Nachtschweiß, Gewichtsverlust
Knochenmarkinfiltration mit Anämie (Müdigkeit, Schwäche), Leukozytopenie (Infektanfälligkeit), Thrombozytopenie (Blutungsneigung) und leukämischer Ausschwemmung der Lymphomzellen ins Blut
evtl. Organbefall
kutane Manifestationen (Ekzeme, Knoten) vor allem bei T-Zell-Lymphomen
monoklonale Gammopathien bei B-Zell-Lymphomen
Diagnostik
Lymphknotenhistologie
Staging: Lymphknotenstatus, Röntgen-Thorax, CT-Thorax, Abdomensonographie, CT-Abdomen, Knochenmarkbiopsie (Histologie/Zytologie), evtl. Szintigraphie, ggf. Leberbiopsie und gastroenterologische Diagnostik, Liquordiagnostik bei Burkitt-Lymphom und lymphoblastischem NHL
molekulare Diagnostik
- Prognosefaktoren (erhöhtes Risiko)
- LDH↑
- mehrere extranodale Herde
- reduzierter Allgemeinzustand (Karnofsky-Index <80 %)
Stadieneinteilung nach der Ann-Arbor-Klassifikation (Tab. 7.9)
| Stadium | Befall |
| I | Befall einer einzelnen Lymphknotenregion (I/N) oder isolierter extralymphatischer Befall (I/E) |
| II | Befall von ≥2 Lymphknotenregionen (II/N) oder Vorliegen lokalisierter extranodaler Herde (II/E) und Befall ≥1 Lymphknotenregion auf einer Seite des Zwerchfells |
| III | Befall von ≥2 Lymphknotenregionen (III/N) oder Befall von lokalisierten extranodalen Herden (III/E) und Lymphknotenbefall auf beiden Zwerchfellseiten |
| III1 | Subphrenische Lokalisation, beschränkt auf Milz, zöliakale und/oder portale Lymphknoten allein oder gemeinsam |
| III2 | Subphrenische Lokalisation mit Beteiligung paraaortaler, mesenterialer, iliakaler und/oder inguinaler Lymphknoten allein oder gemeinsam |
| IV | Diffuser oder disseminierter Befall extralymphatischer Lokalisation (z. B. Knochenmark, Leber, Lunge) mit oder ohne Lymphknotenbeteiligung |
| Zusätze | |
| A | Ohne Allgemeinsymptome |
| B | Mit Fieber (>38°C) und/oder Nachtschweiß und/oder Gewichtsverlust (>10 % innerhalb von 6 Monaten) |
Therapie
- indolente (niedrigmaligne) Lymphome
- im Stadium I/II (lokalisiert): Radiotherapie, Chemotherapie (CHOP) mit kurativer Intention, evtl. »watch and wait«
- im Stadium III/IV (generalisiert): »watch and wait«, ggf. Polychemotherapie (z. B. CHOP) mit palliativer Zielsetzung bei rascher Progredienz mit hämatopoetischer Insuffizienz und Organdestruktionen oder anderen Komplikationen
- CHOP-Schema: Cyclophosphamid, Doxorubicin, Oncovin (Vincristin), Prednison
- Anti-CD20-Antikörper (Rituximab)
- Radioimmuntherapie mit Ibritumomab-Tiuxetan (Zevalin®) bei CD20-positivem, follikulärem NHL
- bei älteren Patienten evtl. Chlorambucil-Monotherapie
- aggressive (hochmaligne) Lymphome
- 6–8× CHOP (Wiederholung d 14/21), ergänzt um Rituximab (R-CHOP)
- Schädelbestrahlung und Methotrexat intrathekal bei lymphoblastischen NHL
- evtl. Hochdosischemotherapie mit autologer Stammzelltransplantation
- Prognose
- mittlere Überlebenszeit beim indolenten NHL 2–10 Jahre, nur im lokalisierten Stadium heilbar
- aggressive NHL verlaufen unbehandelt rasch letal, behandelt Heilung in 50 % der Fälle (ungünstigere Prognose im Stadium III/IV, bei Vorliegen von Risikofaktoren und in höherem Alter)
Chronische lymphatische Leukämie (CLL)
indolentes, meist leukämisch verlaufendes B-Zell-Lymphom
immuninkompetente B-Lymphozyten
häufigste Leukämieform, mit dem Alter zunehmende Inzidenz, ♂ > ♀
»gutartigste« Leukose
Klinik
häufig asymptomatisch, ggf. Leistungsminderung, Nachtschweiß
derbe, indolente Lymphknotenschwellungen (anfangs nur bei 50 % der Patienten, im weiteren Verlauf obligat)
Stadieneinteilung anhand des Hb-Wertes, der Thrombozytenzahl und der Zahl vergrößerter Lymphknoten (Tab. 7.10)
| Stadium | Kriterien | Mittlere Überlebenszeit (in Monaten) |
| A |
Hb >10 g/dl, Thrombozyten >100.000/µl <3 vergrößerte Lymphknotenregionen |
>120 |
| B |
Hb >10 g/dl, Thrombozyten >100.000/µl ≥3 vergrößerte Lymphknotenregionen |
60 |
| C | Hb <10 g/dl und/oder Thrombozyten <100.000/µl | 24 |
evtl. Hepato-/Splenomegalie
Hautaffektionen, z. B. Erythrodermie, Urtikaria, knotige Infiltrate, Juckreiz, Herpes zoster/simplex, Mykosen
Mikulicz-Syndrom: Parotisschwellung, Tränendrüsenbefall
- Komplikationen
- Antikörpermangelsyndrom mit Infektneigung
- autoimmunhämolytische Anämie durch Wärmeautoantikörper
- Hypersplenismus
- zelluläres Hyperviskositätssyndrom
- Organinfiltration
- Zweitmalignome
- Transformation in sekundär hochmalignes Non-Hodgkin-Lymphom (Richter-Syndrom)
Diagnostik
Leukozytose, Lymphozytenanteil↑ (70–95 %), Lymphozytenzahl↑ (>10.000/µl)
im Blutausstrich Gumprecht-Kernschatten (gequetschte Zellkerne)
Lymphozyteninfiltration des Knochenmarks >30 %
B-CLL-Immunphänotyp: CD5, CD19, CD23; Leichtkettenrestriktion (kappa oder lambda)
evtl. monoklonale Immunglobuline, inkomplette Wärmeautoantikörper
chromosomale Veränderungen in mehr als 80 % aller Fälle
Therapie
keine Therapie bei smoldering CLL (Stadium A, noduläres Knochenmarkinfiltrationsmuster, Verdopplungszeit der Blutlymphozyten >12 Monate, absolute Lymphozytenzahl <30.000/µl, Hb normal)
- symptomatische Patienten im Stadium B und alle Patienten im Stadium C
- konventionelle Chemotherapie
- >65. Lebensjahr: Chlorambucil (Leukeran®) bis Leukozytenzahl <20.000/µl, alternativ Bendamustin (Ribomustin®)
- <65. Lebensjahr: Purinanaloga, z. B. Fludarabin
- evtl. Fludarabin, Cyclophosphamid und Rituximab bei fortgeschrittener CLL
- bei Therapieresistenz: Anti-CD52-Antikörper (Alemtuzumab, MabCampath®), myeloablative Hochdosischemotherapie mit autologer Stammzelltransplantation, allogene Stammzelltransplantation nach dosisreduzierter Konditionierung (»Graft-versus-Leukämie-Effekt«)
- palliative Therapiemaßnahmen
- Strahlentherapie bei Splenomegalie oder großen Lymphomen
- Antibiotikatherapie bei Infekten infolge des Antikörpermangels
- Glukokortikosteroide bei autoimmunhämolytischer Anämie
- Splenektomie bei Hypersplenismus
Haarzell-Leukämie
indolentes Non-Hodgkin-Lymphom der B-Zellreihe
♂ > ♀, Altersmedian 50.–55. Lebensjahr
Klinik
Panzytopenie infolge diffuser Knochenmarkinfiltration und Markfibrose
Splenomegalie (Hyperspleniesyndrom)
erhöhte Infektanfälligkeit
Diagnostik
im Blutausstrich feine, filamentöse (»haarige«) Zytoplasmaausläufer an den Leukämiezellen
Zytochemie: Tartratresistenz der sauren Phosphatasereaktion (95 % der Fälle)
Immunphänotypisierung: CD11c und CD103 positiv
indirekter Hinweis: Punctio sicca bei Knochenmarkaspiration
Differenzialdiagnose
Osteomyelosklerose
myelodysplastisches Syndrom
Therapie
Chemotherapie mit Purinanaloga (Pentostatin, Desoxycoformycin, Nipent®; Cladribin, 2-Chlorodesoxyadenosin, Leustatin®) (kurative Intention!)
IFN-α
Anti-CD20-Antikörper (Rituximab) als Rezidivtherapie oder bei Refraktärität
ggf. Splenektomie bei Milzruptur
Gastrointestinale Lymphome
histologische Klassifikation (Tab. 7.11)
| B-Zell-Lymphome | Marginalzonenzell-Lymphom (MALT-Typ) |
| Immunoproliferatives Syndrom des Dünndarms (atypisches monoklonales IgA ohne Leichtketten) | |
| Mantelzell-Lymphom | |
| Burkitt-/Burkitt-ähnliche Lymphome | |
| T-Zell-Lymphome | (Nicht)Enteropathie-assoziierte T-Zell-Lymphome |
MALT (»mucosa associated lymphatic tissue«)-Lymphome sind in 60 % aggressiv und in 40 % indolent.
MALT-Lymphome sind die häufigsten primär extranodalen Lymphome (35 %), etwa 2 % aller malignen Neoplasien des Gastrointestinaltraktes.
in 50 % der Fälle API2/MLT-Fusionsgen durch Translokation
- Ätiologie
- meist unbekannt
- chronische Infektion mit Helicobacter pylori
- Komplikation im Rahmen einer Zöliakie bzw. Sprue
Klinik
symptomlos/-arm
erst im Spätstadium Schmerzen, Inappetenz, B-Symptomatik
evtl. Blutungen, Perforation, Ileus, Malabsorption
Diagnostik
endoskopische Untersuchung einschl. Probenentnahme (Histologie)
Röntgen-Dünndarm, CT, MRT
ggf. explorative Laparotomie
Knochenmarkbiopsie (Zytologie)
Therapie
in Abhängigkeit vom Stadium Breitbandantibiotika, chirurgische Intervention, Anti-CD20-Antikörper (Rituximab), Chemotherapie, Radiotherapie>Memo im Stadium I/E kann ein niedrigmalignes MALT-Lymphom des Magens unter H.-p.-Eradikationstherapie ausheilen!
Kutane T-Zell-Lymphome
meist T-Helferzell-Lymphome
Mycosis fungoides (kutan), Sézary-Syndrom (generalisiert)
Klinik
- Mycosis fungoides
- prämykosid: Erytheme (scharf begrenzt mit feiner Schuppung), Juckreiz
- infiltrativ: Verdickung der Haut durch Infiltration der Herde (Plaques), gesamtes Integument
- mykosid: halbkugelige Tumoren mit Erosionen und Ulzerationen
- im fortgeschrittenen Stadium systemische Ausbreitung mit Organbefall
- Sézary-Syndrom
- diffuse Erythrodermie mit starkem Juckreiz
- Hyperkeratosen palmoplantar
- Alopezie und Onychodystrophie
- Lymphknotenschwellungen
- leukämisches Blutbild mit Sézary-Zellen
Diagnostik
- Histologie
- Lymphozytenanhäufung intraepidermal (Pautrier-Mikroabszesse)
- atypische T-Lymphozyten mit zerebriformer Einschnürung der Zellkerne (Sézary-Zellen/Lutzner-Zellen)
- große basophile Zellen mit großen Nukleolen (Mycosiszellen)
Immunhistochemie
Molekularbiologie
Therapie
PUVA-Therapie (Psoralen und UVA-Bestrahlung der Haut)
Photopherese (Psoralen und extrakorporale UVA-Bestrahlung von Leukozyten)
Chemotherapie
bei Mycosis fungoides IFN-α oder Ganzkörper-Elektronenbestrahlung
Multiples Myelom
ab dem 40. Lebensjahr; Häufigkeitsgipfel zwischen dem 60. und 70. Lebensjahr
monoklonale neoplastische Proliferation plasmazellulär differenzierter B-Lymphozyten
- pathologische Bildung monoklonaler Immunglobuline oder nur kappa- bzw. lambda-Leichtketten (Paraprotein)
- IgG-Plasmozytom: 60 %
- IgA-Plasmozytom: 20 %
- IgD-Plasmozytom: 1 %
- κ-/λ-Leichtketten-Plasmozytom: 15 %
- Schwerkettenkrankheit, nichtsekretorische Plasmozytome
Klinik
unspezifische Allgemeinsymptome: Müdigkeit, Gewichtsverlust, subfebrile Temperaturen, Nachtschweiß
osteolytische Herde (Prädilektionsstellen: Schädel, Rippen, Wirbel, Becken, Femur, Humerus) mit Knochenschmerzen infolge pathologischer Frakturen
evtl. Querschnittslähmung durch Wirbelkörperfrakturen
hyperkalzämische Krisen
Panzytopenie durch Knochenmarkinfiltration
Antikörpermangelsyndrom mit Infektanfälligkeit
nephrotisches Syndrom/Niereninsuffizienz bei Myelomniere durch Ablagerung der Paraproteine in den Nierentubuli
Hyperviskositätssyndrom mit Durchblutungsstörungen
Amyloidose
evtl. Polyneuropathie durch Paraproteine
selten Plasmazell-Leukämie
Diagnostik
BSG↑↑↑(>100 mm/1 h)! Cave keine signifikante BSG-Erhöhung bei Leichtketten-Plasmozytomen!M-Gradient in der Serumeiweißelektrophorese (fehlt bei Bence-Jones-Myelom)
Bence-Jones-Proteinurie! Cave kein Nachweis von Bence-Jones-Proteinen über Urinteststreifen!Immunfixation und Immunephelometrie
Hyperkalzämie
Anämie
Knochenmarkbiopsie: Plasmazellnester im Knochenmark, Plasmazellanteil >15 %
Stadieneinteilung anhand des Hb-Wertes, des Serumkalziums, der Zahl der Osteolysen und der Paraproteinkonzentration (Tab. 7.12)
Einteilung in prognostische Subgruppen durch Bestimmung des Serumalbumins und des β2-Mikroglobulins im Serum (Tab. 7.13)
Röntgen: Schädel (»Schrotschussschädel«), osteolytische Herde in Wirbelkörpern, Rippen, Becken und langen Röhrenknochen (Myelomherde speichern häufig nicht in der Skelettszintigraphie)
MRT und CT>Memo MRT und CT haben eine höhere Sensitivität beim Nachweis von Myelomherden als konventionelles Röntgen!
| Stadium | Kriterien | Plasmazellmasse (× 1012/m2 KOF) | Mittlere Überlebenszeit (Monate) |
| I |
1. Hb >10 g/dl 2. Serumkalzium normal 3. maximal eine solitäre Osteolyse 4. Paraproteinkonzentration – IgG <5 g/dl – IgA <3 g/dl – Bence-Jones-Proteinurie <4 g/24 h Alle Kriterien müssen erfüllt sein. |
<0,6 | 64 |
| II | Weder Kriterien des Stadiums I noch des Stadiums III erfüllt | 0,6–1,2 | 32 |
| III |
1. Hb <8,5 g/dl 2. Serumkalzium erhöht 3. ausgedehnte Knochenläsionen 4. Paraproteinkonzentration – IgG >7 g/dl – IgA >5 g/dl – Bence-Jones-Proteinurie >12 g/24 h Mindestens eines dieser Kriterien muss erfüllt sein. |
>1,2 | 12 |
| Zusatz A | Normale Nierenfunktion (Kreatinin <2 mg/dl) | ||
| Zusatz B | Gestörte Nierenfunktion (Kreatinin ≥2 mg/dl) | ||
| Stadium | Serumkonzentration | Medianes Überleben (Monate) |
| I | β2-Mikroglobulin <3,5 mg/l und Albumin >3,5 g/dl | 62 |
| II | Weder Stadium I noch Stadium III | 44 |
| III | β2-Mikroglobulin >5,5 mg/l | 29 |
Differenzialdiagnose
solitäres Plasmozytom
sekundäre monoklonale Gammopathien, z. B. CLL, Autoimmunerkrankungen
monoklonale Gammopathie unbestimmter Signifikanz (MGUS)
degenerative Wirbelsäulenerkrankungen
Therapie
- ab Stadium II
- >65. Lebensjahr: Chemotherapie mit Melphalan, Prednison und Bortezomib (Velcade®, Proteasominhibitor)
- <65. Lebensjahr
- nach Induktionstherapie (z. B. mit Bortezomib und Dexamethason) Hochdosischemotherapie mit Melphalan und autologe Stammzelltransplantation
- nicht-myeloablative Konditionierungstherapie und allogene Stammzelltransplantation
Thalidomid oder Nachfolgesubstanz Lenalidomid (Revlimid®), evtl. in Kombination mit Dexamethason
- palliative Maßnahmen
- Bisphosphonate einmal monatlich, z. B. Pamidronat (Aredia®), Zoledronat (Zometa®)
- bei Frakturgefahr lokale Bestrahlung von Knochenherden, evtl. operative Fixierung
- suffiziente Schmerztherapie
- bei Antikörpermangelsyndrom ggf. IgG-Substitution, frühzeitige Antibiose bei Infekten
- bei Hyperviskositätssyndrom Plasmapherese
Immunozytom (M. Waldenström)
B-Zell-Immunozytom, lymphoplasmozytoides Lymphom
Bildung monoklonaler IgM-Globuline
Klinik
Osteoporose (keine Osteolysen, keine Hyperkalzämie)
hämorrhagische Diathese durch Thrombozytenaggregation und Bindung von Gerinnungsfaktoren
Hyperviskositätssyndrom mit akralen Durchblutungsstörungen, evtl. Sehstörungen
evtl. autoimmunhämolytische Anämie durch Kryoglobuline
evtl. Lymphknotenschwellungen und Hepatosplenomegalie
Diagnostik
BSG↑↑↑
Immunfixation: monoklonale IgM-Globuline
Knochenmarkbiopsie: lymphoplasmozytoide Zellinfiltration! Cave Jodhaltige Kontrastmittel können zum akuten Nierenversagen führen!
Therapie
palliative Therapie mit prinzipiell schlechterem Ansprechen als beim multiplen Myelom, z. B. Kombinationstherapie mit Rituximab und Bendamustin
im Rezidiv: Purinanaloga, z. B. Fludarabin
Hämostaseologische Erkrankungen
Thrombozytopenien/-pathien (ca. 70 % der Fälle)
Koagulopathien (ca. 20 %)
vaskulär hämorrhagische Diathesen (ca. 10 %)
Thrombozytopenie
- Bildungsstörung
- aplastische Störung (Megakaryozyten↓)
- angeboren: Fanconi-Anämie
- erworben: medikamentöse, chemisch-toxische, physikalische, infektiöse, immunologische Knochenmarkschädigung; leukämische/karzinomatöse Infiltration des Knochenmarks; Osteomyelosklerose
- Reifungsstörung (Megakaryozyten↔/↑)
- Vitamin-B12-/Folsäuremangel
- Umsatzsteigerung (Megakaryozyten↑)
- gesteigerte Thrombinaktivität, z. B. DIC
- Autoantikörper
- akut postinfektiös: meist bei Kindern nach respiratorischen/gastrointestinalen Infekten, selbstlimitierender Verlauf, ggf. Gabe von Immunglobulinen
- medikamentös induziert, z. B. Cotrimoxazol
- heparininduziert (HIT I: mäßige Thrombozytopenie 1–5 Tage nach Beginn der Heparingabe [selten <100.000/µl] infolge einer Thrombozytenaktivierung durch direkte Wechselwirkungen mit Heparin; HIT II: Abfall der Thrombozytenzahl 5–20 Tage nach Beginn der Heparingabe um mehr als 50 % [in 0,5–3 % der Fälle] infolge einer Antikörper-vermittelten Thrombozytenaktivierung [Anti-Heparin/Plättchenfaktor(PF)-4-Antikörper])
- sekundär bei SLE, malignen Lymphomen etc.
- chronisch idiopathische Thrombozytopenie (ITP)
- Alloantikörper
- Posttransfusionsthrombozytopenie/-purpura: Sensibilisierung gegen »human platelet antigen« (Glykoprotein IIb/IIIa)
- passive Alloimmunthrombozytopenie: Transfusion der Antikörper
- neonatale Alloimmunthrombozytopenie: fetomaternale Inkompatibilität der Antikörper
Hypersplenismus
Klappenersatz mit mechanischer Prothese
- thrombotische Mikroangiopathien
- hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS, Gasser-Syndrom)
- EHEC-Infektionen (enterohämorrhagische E. coli, Shigatoxin-bildend), aber auch nicht-infektiöse Ursachen
- mikroangiopathische hämolytische Anämie (Fragmentozyten >1 %), Thrombopenie und Nierenversagen
- symptomatische Therapie, keine Antibiose, keine Motilitätshemmer, ggf. Dialyse
- thrombotisch-thrombozytopenische Purpura (Moschcowitz-Syndrom)
- angeborener Mangel an Von-Willebrand-Faktor spaltender Protease (ADAMTS-13) oder sekundär erworben durch ADAMTS-13-Antikörper
- HUS und neurologische Symptome, z. B. Krampfanfälle
- Plasmapherese, evtl. immunsuppressive Therapie
Klinik
petechiale Blutungen, Purpura
Diagnostik
Thrombozyten↓ (<140.000/µl) mit verlängerter Blutungszeit
Ursachenabklärung
Differenzialdiagnose
Pseudothrombozytopenie, z. B. durch EDTA-abhängige Agglutinine (Thrombozytenaggregate im Blutausstrich, Thrombozytenzahl im Citratblut normal), Kälteagglutinine, Riesenplättchen
Therapie
therapeutische Substitution von Thrombozytenkonzentraten (Zielwert bei größeren Blutungen >50.000/µl bzw. bei kleinen Blutungen >20.000/µl)>Memo keine prophylaktische Substitution von Thrombozytenkonzentraten bei ITP!bei heparininduzierter Thrombozytopenie (HIT II) keine Thrombozytengabe, Absetzen des Heparins, Gabe von Danaparoid (Orgaran®) oder Argatroban (Argatra®)
Idiopathische thrombozytopenische Purpura (ITP, Immunthrombozytopenie)
Milz ist Hauptbildungsort der Autoantikörper und Hauptabbauort der Thrombozyten
Klinik
petechiale Blutungen
Epistaxis
keine Splenomegalie
Komplikation: intrazerebrale Blutung
Diagnostik
isolierte Thrombozytopenie (Ausschlussdiagnose)
Anti-Thrombozyten-IgG-Antikörper nachweisbar
Plättchenüberlebenszeit↓ (technisch sehr schwieriger Nachweis mittels 51Cr- oder 111In-markierten Thrombozyten)
im Blutausstrich Riesenthrombozyten
im Knochenmark Megakaryozytopoese↑
Blutungszeit↑, Quick und PTT normwertig
Differenzialdiagnose
medikamentös induzierte Thrombozytopenien
sekundäre Immunthrombozytopenien
Pseudothrombozytopenien
Therapie
Substitution von Thrombozytenkonzentraten bei Blutungen und Thrombozytenzahlen <20.000/µl
Prednison initial 2 mg/kg KG/d (alternativ Dexamethason 40 mg/d für 4 Tage, gefolgt von Prednison), bei Remission anschließendes Ausschleichen über 2–3 Monate
vorübergehende RHS-Blockade mittels Immunglobulinen
Splenektomie nach sechsmonatiger, erfolgloser Behandlung
Elimination der B-Lymphozyten mittel Anti-CD20-Antikörpern (Rituximab)
Thrombopoetin-Rezeptoragonist (Thrombozytopoese↑), z. B. Romiplostim (Nplate®) oder Eltrombopag (Revolade®)
evtl. Immunsuppressiva
Thrombozytopathien
Störung der Thrombozytenfunktion bei normaler Thrombozytenzahl
angeborene Thrombozytopathien, z. B. Thrombasthenie Glanzmann-Naegli
medikamentös bedingte Thrombozytopathien, z. B. ASS, Clopidogrel, Dextrane
gestörte Thrombozytenfunktion durch Urämiegifte, monoklonale Antikörper (multiples Myelom), im Rahmen einer essenziellen Thrombozythämie oder Polycythaemia vera
Klinik
Nachblutungen nach Trauma und Operation
nur selten Spontanblutungen bei reiner Thrombozytopathie
Diagnostik
Thrombozytenzahl normwertig
verlängerte Blutungszeit
Therapie
kausale Therapie bei bekannter Ursache
sorgfältige Blutstillung
ggf. Gabe von Thrombozytenkonzentraten
Koagulopathien
- angeboren
- Hämophilie
- Von-Willebrand-Syndrom
- zahlreiche andere Koagulopathien
- erworben
- Leberschaden mit Störung der Gerinnungsfaktorsynthese
- Vitamin-K-Mangel, z. B. bei Malabsorption, Verschlussikterus oder unter Therapie mit Vitamin-K-Antagonisten
- Immunkoagulopathien, z. B. Hemmkörperhämophilie durch Isoantikörper, Autoantikörper im Rahmen von Immunkrankheiten
- Verbrauchskoagulopathien
- Hyperfibrinolyse, z. B. reaktiv bei disseminierter intravasaler Gerinnung
Hämophilie (Bluterkrankheit)
Hämophilie A (80 %): Faktor-VIII-Aktivitätsmangel (Faktor VIIIC)
Hämophilie B (20 %): Faktor-IX-Aktivitätsmangel (Christmasfaktor)
X-chromosomal rezessive Vererbung, Neumutationen in etwa 30 % der Fälle
bei Konduktorinnen (heterozygote Frauen) etwa 50 % Aktivität des Faktors VIII ohne/mit geringer Symptomatik
Schweregradbeurteilung symptomatischer Hämophilien anhand der Faktorenaktivität (Tab. 7.14)
| Schweregrad der Hämophilie | Faktorenaktivität | Anteil der Patienten |
| Schwer | <1 % | 55 % |
| Mittelschwer | 1–5 % | 20 % |
| Mild | 6–45 % | 20 % |
Klinik
Nabelschnurblutungen
großflächige Hautblutungen und subkutane Blutungen
Muskel- und Gelenkblutungen mit Muskelatrophien, Kontrakturen, chronischer Synovitis, Gelenkversteifungen (betroffen sind v. a. die Kniegelenke)
postoperative/posttraumatische Nachblutungen
- Komplikationen
- Arthrosen und Ankylosen
- Asphyxie bei Blutungen im Mundbodenbereich
- intrazerebrale Blutungen (25 % aller Todesfälle)
- früher: Infektionsrisiko durch verunreinigte Faktorenkonzentrate, z. B. Hepatitis B/C, HIV (heute: gentechnisch hergestellter Faktor VIII oder virusfreie humane Faktoren mittels SD(»solvent/detergent-treated«)-Aufreinigung)
- Induktion einer Antikörperbildung gegen substituierte Faktor-VIII-Präparate (Therapieoptionen: Immuntoleranzentwicklung durch Dosiserhöhung, rekombinantes aktiviertes Faktor-VIIa-Präparat [Eptacog alpha, NovoSeven®], Wechsel von humanem zu porcinem Faktor VIII, FEIBA® mit Faktor-VIII-Inhibitor-Bypassing-Aktivität angereicherte Humanplasmafraktion)
Diagnostik
Bestimmung von Faktor VIII bzw. IX
meist positive Familienanamnese
! Cave normale Blutungszeit bei verlängerter Gerinnungszeit (PTT↑, Quick normwertig)!
Therapie
sorgfältige Blutstillung
Desmopressin (Minirin®) bei leichter Hämophilie A: Freisetzung von Faktor VIII und vWF aus Endothelzellen
- Substitution von Gerinnungsfaktoren
- Faktor VIII (antihämophiles Globulin A): 1 IE/kg KG erhöht den Faktor-VIII-Spiegel um 2 %, HWZ ca. 12 h (Zielwert vor Operationen oder bei schwerwiegenden Blutungen: >50 %)
- Faktor IX (Christmasfaktor, antihämophiles Globulin B): 1 IE/kg KG erhöht den Faktor-IX-Spiegel um 0,5–1,5 %, HWZ ca. 24 h
Von-Willebrand-Jürgens-Syndrom
Mangel des Von-Willebrand-Faktors (Teil des Faktor-VIII-Komplexes) mit gestörter Adhäsionsfähigkeit der Thrombozyten und sekundärer plasmatischer Gerinnungsstörung durch verminderte Faktor-VIIIC-Aktivität
häufigste angeborene Gerinnungsstörung (in Westeuropa 1–2 % der Bevölkerung)
autosomal-dominante Vererbung
genauere Differenzierung des Von-Willebrand-Jürgens-Syndroms anhand der Pathogenese (Tab. 7.15)
| vWS-Variante | Pathogenese | Anteil der Patienten |
| Typ I | Quantitative Verminderung des vW-Faktors | 80 % |
| Typ II | Qualitativer Defekt des vW-Faktors | 15–20 % |
| Typ III | vW-Faktor fehlt, <0,1 % der Norm (autosomal-rezessiver Erbgang) | 0,5–5 % |
| Plättchentyp | vWF-Rezeptordefekt der Thrombozytenmembran |
Klinik
meist nur geringe spontane Blutungsneigung bei Typ I, stärkere Blutungsneigung bei Typ II und III möglich
Schleimhautblutungen, z. B. Epistaxis (hämophile und petechiale Blutungen)
Diagnostik
positive Familienanamnese
Blutungszeit↑
PTT↑, Quick normal
verminderter oder funktionell defekter vW-Faktor
außerdem Bestimmung des Faktors VIII und des Ristocetin-Cofaktors
vWF-Multimer-Analyse
Therapie
sorgfältige Blutstillung
Desmopressin (Minirin®)! Cave Der therapiebedingt aus dem Endothel freigesetzte vWF weist beim Subtyp 2B die gleichen funktionellen Anomalien auf wie der plasmatische vWF, weshalb Desmopressin in diesem Fall kontraindiziert ist!Substitution von virusinaktivierten Faktor-VIII/vWF-Konzentraten prophylaktisch vor Operationen bzw. bei Blutungskomplikationen
Disseminierte intravasale Gerinnung (DIC, Verbrauchskoagulopathie)
pathologischer Verbrauch von Gerinnungsfaktoren und Thrombozyten bei generalisierter Gerinnungsaktivierung mit nachfolgender hämorrhagischer Diathese und sekundärer Hyperfibrinolyse
Mikrothromben in der Endstrombahn
- direkte Gerinnungsaktivierung (durch Prothrombinaktivatoren)
- Komplikationen in der Geburtshilfe, z. B. Fruchtwasserembolie
- Operation thrombokinasereicher Organe (Pulmo, Pankreas, Plazenta, Prostata)
- akute Promyelozyten-Leukämie (AML M3 nach FAB), Tumorzerfall, hämolytische Krisen
- indirekte Gerinnungsaktivierung (durch Mediatoren)
- Septikämie (meist gramnegative Bakterien, Waterhouse-Friderichsen-Syndrom im Rahmen einer fulminanten Meningokokkensepsis)
- Purpura fulminans (postinfektiöse, großflächige Hautblutungen mit zentralen Nekrosen infolge von Mikrothrombosierungen)
- Kontaktaktivierung
- körperfremde Oberflächen, z. B. extrakorporaler Kreislauf
- Mikrozirkulationsstörungen im Schock
Klinik
meist akuter, lebensbedrohlicher Verlauf; sehr selten sind chronische Verläufe bei Malignomen
hämorrhagische Diathese
Fieber, Hypotension, Azidose, Hypoxie, Proteinurie
evtl. Symptomatik einer ursächlichen Erkrankung
- Komplikationen
- Thrombosen und Lungenembolien
- Schock
- Multiorganversagen (akutes Nierenversagen, ARDS)
Diagnostik
Thrombozyten↓
Fibrinogen↓, AT III ↓! Cave Fibrinogen-Erhöhung in der Schwangerschaft, bei Infektionen und TumorenPTT↑, Quick↓
Fibrinmonomere nachweisbar
D-Dimere↑ (Fibrin-Fibrinogen-Spaltprodukte) bei sekundärer Hyperfibrinolyse
Therapie
Therapie der auslösenden Erkrankung
in der Aktivierungsphase (selten möglich!) low-dose Heparin (10.000–15.000 IE/d i. v.)
- bei manifester DIC
- AT-III-Substitution (Zielwert: >70 % der Norm)
- FFP (»fresh frozen plasma«)
ggf. Thrombozytenkonzentrate, falls Thrombozyten <20.000/µl! Cave Thrombosierungsgefahr in der Mikrozirkulation wird durch Thrombozytenkonzentrate gefördert!- ggf. Fibrinogen, falls Fibrinogen <1 g/l
- evtl. PBSB
- Erythrozytenkonzentrate bei schweren Blutungen mit Hb-Abfall
- keine Heparingabe
nach Ablauf der DIC Heparingabe bei reaktiver Hyperkoagulabilität
Therapie der Komplikationen
Vaskuläre hämorrhagische Diathesen
- angeborene Vaskulopathien
- Osler-Weber-Rendu-Erkrankung (hereditäre hämorrhagische Teleangiektasie): autosomal-dominant vererbte Störung der Extrazellulärmatrix der Endothelzellen (Mutation im Endoglin-Gen oder im Gen für die Aktivin-Rezeptor-ähnliche Kinase ALK 1); Teleangiektasien der Haut, der Nase und des Zahnfleisches; Blutungen in den Gastrointestinaltrakt, urogenital und pulmonal, evtl. Leberzirrhose
- Ehlers-Danlos-Syndrom: autosomal-dominant vererbte Bindegewebserkrankung mit leichter Verletzbarkeit des Gefäßsystems und der Haut sowie überstreckbaren Gelenken; leichte und spontane Blutungen
- erworbene Vaskulopathien
- Kortikosteroid-Langzeittherapie, Cushing-Syndrom
- Skorbut (Vitamin-C-Mangel)
- Purpura senilis (bei atrophischer Altershaut)
- Purpura Schoenlein-Henoch (Vaskulitis allergica, anaphylaktoide Purpura)
Klinik
petechiale Blutungen, hämorrhagische Maculae an Gesäß und distalen Unterschenkelstreckseiten
Diagnostik
Prüfung der Kapillarresistenz (Rumpel-Leede-Test positiv)
Thrombozytenzahl und Gerinnungsfaktoren normwertig
evtl. verlängerte Blutungszeit
Differenzialdiagnose
Angiopathien
Thrombozytopathien/-penien
Therapie
abhängig von der Grunderkrankung
bei angeborenen Vaskulopathien keine spezifische Therapie
Immundefizienzen
- primäre B-Zelldefekte mit Antikörpermangel, u. a.
- selektiver IgA-Mangel (häufigste primäre Immundefizienz, Prävalenz 1:700)
- autosomal-rezessive und X-chromosomale Agammaglobulinämie
- »common variable immunodeficiency« (CVID)
- IgG-Subklassen-Defizienz
- Hyper-IgM-Syndrom
- primäre T-Zelldefekte mit primär zellulärem Immundefekt, u. a.
- Di-George-Syndrom (kombiniert u. a. mit Hypoparathyreoidismus)
- MHC-Klasse-II-Defizienz
- CD8-T-Zell-Defizienz
- T-Zell-Rezeptor-Defizienz
- primäre schwere kombinierte (T- und B-Zell) Immundefekte (»severe combined immunodeficiency«, SCID)
- Adenosin-Desaminase-(ADA-)Mangel
- CD45-Defizienz
- RAG1/2-Defizienz
- X-linked SCID
- erworbene und sekundäre Immundefekte, u. a.
- infektiös (z. B. HIV/AIDS)
- bei Immunsuppression, Chemotherapie, Radiatio
- bei Tumorerkrankungen und hämatopoetischer Insuffizienz
- bei Malnutrition, Proteinverlust, Diabetes mellitus, Lebererkrankungen
- Granulozytenfunktionsstörungen
Klinik
Leitsymptom: rezidivierende bakterielle und andere Infektionen
klinischer Schweregrad abhängig vom Ausmaß der Immundefizienz: lebensbedrohliche Infekte im frühen Kindesalter (SCID), rezidivierende Infekte im Erwachsenenalter (CVID), überwiegend asymptomatisch (IgA-Mangel)
- B-Zelldefekte mit Antikörpermangel
- überwiegend bakterielle Infektionen sinopulmonal und gastrointestinal
- chronische gastrointestinale Infekte (Lambliasis)
- mögliche Komplikationen: Autoimmunerkrankungen, Lymphome
- T-Zelldefekte und kombinierte T-/B-Zelldefekte
- schwere Infektionen mit intrazellulären Erregern, Pilzen, Viren
- chronische therapieresistente Diarrhöen
- Thymus-/Lymphknotenhypoplasie, Lymphopenie, Hypogammaglobulinämie
- ggf. Hepatosplenomegalie
bei seltenen Immundefizienzsyndromen auch dermatologische Störungen, Wachstumsstörungen oder andere assoziierte Erkrankungen
Diagnostik
sorgfältige Anamnese
Differenzialblutbild, Blutausstrich
Serumimmunglobuline (IgG, IgM, IgA, IgE), Impfantikörper (u. a. Tetanustiter)
T-Zelldefekte: Lymphozytenfunktionstest (Mitogenstimulation)
Immunfluoreszenzanalyse (FACS) u. a. CD19, CD4, CD8
Monozyten-Makrophagendefekte: O2-Radikalbildung
Therapie
- symptomatische Therapie
- Infektionsprophylaxe bzw. frühzeitige Antibiotikatherapie
- Immunglobulinsubstitution
- ggf. Enzymsubstitution (z. B. ADA)
- Kausaltherapie in seltenen Fällen möglich
- Stammzell-/Knochenmarktransplantation
- Gentherapie (experimentell, z. B. ADA-Defizienz)
Amyloidose
heterogene Gruppe von erworbenen oder hereditären Erkrankungen mit Störung der intrazellulären Proteinfaltung mit der Folge intrazellulärer Ablagerung von »Amyloid-Protein« (antiparallele β-Faltblattstruktur)
- WHO-Klassifikation der Amyloidose je nach Typ des Amyloid-Proteins bzw. dessen Vorstufe
- AA (Serum-Amyloid A)
- AB (β2-Mikroglobulin)
- AE (endokrin, Peptidhormone)
- AL (λ-/κ-Leichtketten)
- ATTR (Transthyretin)
- AS (Senium)
erworbene Amyloidose assoziiert mit multiplem Myelom (AL-Amyloidose) oder chronischen Infektionen (z. B. Tuberkulose), chronisch entzündlichen Erkrankungen (z. B. Arthritis, CED) oder familiärem Mittelmeerfieber (AA-Amyloidose)
Klinik
breites klinisches Bild mit unterschiedlichem Schweregrad (asymptomatisch bis letal) je nach Organmanifestation
evtl. Symptomatik einer zugrunde liegenden Erkrankung
- systemische/generalisierte Amyloidosen
- AL-Amyloidosen (Immunglobulin-assoziiert): Herz, Niere, Leber, Milz, Magen-Darmtrakt, Zungenmuskulatur, Gefäße
- multiples Myelom, M. Waldenström
- benigne monoklonale Gammopathien
- primäre Amyloidose ohne gestörte Immunglobulinproduktion
- AA-Amyloidosen (sekundäre Amyloidose): Niere, Leber, Milz, Magen-Darmtrakt, Nebennieren
- chronische Infektionen, z. B. Osteomyelitis, Tuberkulose
- chronische, nicht-infektiöse Entzündungen, z. B. rheumatoide Arthritis, CED, Kollagenosen
- maligne Tumoren
- familiäres Mittelmeerfieber
- AP/ATTR-Amyloidose (hereditäre/familiäre Amyloidosen, autosomal-dominanter Erbgang): peripheres somatisches und autonomes Nervensystem (familiäre Amyloid-Polyneuropathie), Magen-Darmtrakt, Auge, Herz
- AB-Amyloidose (β2-Mikroglobulin-assoziiert): Sehnenscheiden, Ligamente, Knochen, Gefäße
- Langzeithämodialyse
- lokalisierte Amyloidosen
- Typ-2-Diabetes: Inselamyloid im Pankreas
- M. Alzheimer: Alzheimerplaques im Gehirn
- seniles kardiales Amyloid
nephrotisches Syndrom, Proteinurie, Niereninsuffizienz
Herzinsuffizienz, Reizbildungs-/-leitungsstörungen
sensomotorische Polyneuropathie, autonome Neuropathie
Organomegalie, Makroglossie
Diagnostik
klinischer Verdacht ausschlaggebend, vor allem bei bestehender Grunderkrankung
Diagnosestellung nach Schleimhautbiopsie (Rektum, Mundschleimhaut)
histologisch typisches Färbeverhalten: durch Kongorot rötlich anfärbbar, polarisationsmikroskopisch Doppelbrechung mit Farbumschlag nach grün (Dichroismus)
monoklonale Immunglobuline und Leichtketten im Urin und Serum
Transthyretin im Serum
immer auch Ausschlussdiagnostik einer Grunderkrankung
Therapie
Behandlung einer evtl. Grunderkrankung
spezifische Therapie von Organkomplikationen
bei familiärem Mittelmeerfieber Colchicin-Dauertherapie
bei AA-Amyloidose konsequente antiinflammatorische/antibiotische Behandlung, sonst keine spezifische Therapie verfügbar
bei AL-Amyloidose und multiplem Myelom Chemotherapie und Stammzelltransplantation möglich
