Derzeit werden wir mit immer neuen Alarmmeldungen und Einschränkungen konfrontiert. Als Selbstständige und Arbeitgeber sollten wir eine Einschätzung der Lage durchführen und eventuelle Maßnahmen zum richtigen Zeitpunkt ergreifen und zwar so, dass wir sie über ausreichende Zeit beibehalten können. Zu drastische Maßnahmen lassen sich nicht durchhalten, zu früh ergriffene Maßnahmen verpuffen sinnlos.
Starten wir mit einer historischen Rückblende. Die "Spanische Grippe" 1918/19 verursachte weltweit zwischen 27 und 50 Millionen Todesfälle [1], bei einer damals zwar kriegsgeschwächten, aber mit 1,6 Milliarden Menschen deutlich kleineren Weltbevölkerung als heute. Sie verlief in insgesamt drei Wellen über einen Zeitraum von einem Jahr. Man geht von damals 426.000 Toten für Deutschland aus [1].
Empfehlenswerte Podcasts
Es gibt aktuell hörenswerte Podcasts zur Corona-Pandemie im NDR, die maßgeblich vom Leiter der Virologie der Charité, Prof. Dr. Christian Drosten, bestritten werden [2]. In diesen Podcasts wird auf eine aktuell wegweisende Studie des Imperial College, London, zur Beeinflussung der Fallzahlen verwiesen [3]. Die Wissenschaftler stellen nichtpharmakologische Ansätze der Beeinflussung der Pandemie vor. Sie betrachten häusliche Isolation, Heimquarantäne, soziale Distanzierung der Senioren oder der ganzen Bevölkerung und Schulschließung. Dabei graduieren sie die Wirksamkeit der Interventionen in Abschwächung und Unterdrückung. Abschwächung nutzt einzelne Maßnahmen, um die Welle zu verzögern und damit die Überforderung des Gesundheitssystems zu vermindern. Sie kann die Todeszahlen halbieren. Die Unterdrückung der Welle verlangt eine Kombination von Maßnahmen und ist einschneidender. Die Autoren merken an, dass die Unterdrückung der Infektion in China und Südkorea zumindest derzeit gelungen ist, jedoch mit hohen sozialen und ökonomischen Kosten.
Modellrechnungen zur Corona-Pandemie
Die Basisannahmen der Simulationsberechnung [3] werden von Drosten [2] bestätigt beziehungsweise gering modifiziert: Beginn der Pandemie im Januar 2020, erwartete Durchseuchung 81 %. Zwei Drittel der Fälle bemerkt innerhalb eines Tages die Erkrankung und isoliert sich selbst. Die Infektion ist in 0,9 % der Fälle letal, 4,4 % werden im Krankenhaus behandelt, davon 30 % auf der Intensivstation. Die Berechnung der Interventionseffekte wird als konservativ (d. h. pessimistisch) bezeichnet, die Dauer der Interventionen zur Abschwächung wird mit drei, die der Unterdrückung mit fünf Monaten angenommen.
Die Modellierung der Pandemie ohne Eindämmungsmaßnahmen geht von einem Maximum der Mortalität in Großbritannien für Mitte Juni aus, Deutschland dürfte einen Monat früher liegen. Wenn man die Zahlen für Großbritannien umrechnet, würde das aufgrund der Bevölkerungszahl für Deutschland 640.000 Todesfälle bedeuten. Das Gesundheitssystem Großbritanniens würde zusammenbrechen, denn die Zahl der benötigten Intensivbetten wäre 30 mal so hoch wie die reale Kapazität.
Hochinteressant wird in der Studie [3] gezeigt, dass bestimmte Maßnahmen unterschiedliche Auswirkungen auf Hospitalisierung und Todesrate haben: Schulschließung reduziert die Inanspruchnahme der Intensivstationen, erhöht aber die Todesrate. Der Zeitpunkt der Inkraftsetzung der Maßnahmen (bei einer Dauer von drei Monaten) ist relevant: Ein späterer Start der Restriktionen wirkt besser. Die Autoren schlagen als "Trigger" die Belegung der Intensivstationen vor. Erst ab einer kritischen Zahl soll die Restriktion greifen.
Abschwächen oder unterdrücken?
Nachdem die reinen Abschwächungsmaßnahmen nicht ausreichend wirksam sind, um einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu verhindern, müssen Maßnahmen der Infektionsunterdrückung (Dauer fünf Monate) erwogen werden. Die Daten zeigen die Wirksamkeit der Maßnahmen, jedoch nach deren zwangsläufigem Ende auch eine zweite Erkrankungswelle im kommenden Winter.
In einem Interview mit der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 20. März 2020 sagte der Virologe Drosten: "Wir müssen vielleicht davon ausgehen, dass wir gesellschaftlich ein Jahr im Ausnahmezustand verbringen müssen. Aber man wird wahrscheinlich nicht alle Maßnahmen genauso weiterführen, wie man sie jetzt gestartet hat. Man wird nachjustieren können und müssen. Man muss dann einzelne Dinge zurückfahren. Aber während der ersten Phase von jetzt bis zur Woche nach Ostern muss man wirklich konsequent handeln und gleichzeitig die Fallentwicklung beobachten." [4]
Praxisschließung keine gute Idee
Zusammenfassend muss konstatiert werden, dass die Pandemie absolut gefährlich und disruptiv ist. Maßnahmen der Risikominderung sind unbedingt notwendig, um die Zahl der Todesfälle und die Überforderung des Gesundheitswesens zu vermindern. Die Schließung der Praxen wäre keine gute Idee. Sie würde zwar deutlich machen, wie wichtig wir sind, aber um den Preis der sofortigen Dekompensation des Systems. Allerdings ist die Zeitachse deutlich länger als zunächst angenommen. Der Zeitpunkt der Implementierung von Maßnahmen ist wichtig, denn sie müssen drei bis fünf Monate durchgehalten werden. Ohne einen Impfstoff wird eine zweite Welle auf uns zu rollen, die so heftig wie die erste ausfallen wird. Daher hat der Virologe Drosten zu Recht eine beschleunigte Zulassung von Impfstoffen mit Risikoübernahme durch den Staat gefordert [2]. Abgewogen werden muss für die politischen und unternehmerischen Entscheidungen der direkte Gesundheitsschutz gegen ökonomische und gesellschaftliche Faktoren, denn unser System wird nur weiter funktionieren, wenn die Bürger die Maßnahmen mittragen und in der Lage sind, das benötigte Geld zu verdienen und die gesamten Produktionsketten zur Versorgung des Lebens am Laufen zu halten [5].
Prof. Dr. med. Wolfgang Freund.
Arzt für Neurologie und Diagnostische Radiologie, Psychotherapie Waaghausstraße 9 88400 Biberach
E-Mail: freund@neurologie-biberach.de
Literatur
- 1.Maybaum T. Ein Virus - Millionen Tote. Deutsches Ärzteblatt Medizin Studieren SS 2018: 36 (www.aerzteblatt.de/int/article.asp?id=197155)
- 2.Drosten C, Henning K. Wir brauchen Abkürzungen bei der Impfstoffzulassung. Coronavirus update Folge 16 (https://www.ndr.de/nachrichten/info/coronaskript132.pdf) Zugriff 23.3.2020
- 3.Ferguson NM et al. Impact of non-pharmaceutical interventions (NPIs) to reduce COVID-19 mortality and healthcare demand. Imperial College London 16.3.2002 (https://doi.org/10.25561/77482)
- 4.Schumann F. Wir müssen jetzt die Fälle senken. Sonst schaffen wir es nicht. Zeit Online 20.3.2020; https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-03/christian-drosten-coronavirus-pandemie-deutschland-virologe-charite
- 5.Wissmann H: Alle Macht dem Virus? Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.3.2020, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/welche-folgen-das-coronavirus-fuer-unsere-gesellschaft-hat-16686351.html

