Werden Probleme psychischer Gesundheit aus Unsicherheit nicht angesprochen, vergeht wertvolle Zeit. Im neu etablierten Mental Health First Aid Ersthelfer-Kurs lernen Teilnehmer auf Betroffene zuzugehen und Erste Hilfe zu leisten. Ersthelfer können ein Wegweiser im lokalen Gesundheitssystem sein. Dieses Programm könnte ein wichtiger Beitrag zur Entstigmatisierung psychischer Störungen sein.
Was ist Mental Health First Aid (MHFA)?
Prof. Dr. Michael Deuschle: Fast alle Menschen machen einen Erste-Hilfe-Kurs, beispielsweise bei der Ausbildung zum Führerschein. Probleme psychischer Gesundheit sind aber noch häufiger als Herzstillstände und schwere Blutungen. Dennoch kommt es sehr häufig vor, dass Angehörige ahnen, dass bei einer Person ein Problem psychischer Gesundheit vorliegt, aber aus Unsicherheit das Thema nicht ansprechen, sodass wertvolle Zeit verloren geht. Im zwölfstündigen MHFA-Ersthelfer-Kurs lernen die Teilnehmer, wie man Probleme der psychischen Gesundheit erkennt, auf Betroffene zugeht und gegebenenfalls Erste Hilfe leistet.
Wo kommt das Konzept MHFA her und wo wird es schon gelebt?
Deuschle: Das Konzept wurde im Jahr 2000 von Betty Kitchener und Anthony Jorm in Australien entwickelt. Mittlerweile gibt es MHFA in 27 Ländern und mehr als 3 Millionen Menschen haben einen Kurs besucht. Besonders verbreitet ist MHFA in Australien, dem Vereinigten Königreich und den USA.
Was war Ihr Anliegen, das Konzept auf Deutschland zu übertragen?
Deuschle: In Deutschland gibt es eine recht gute Versorgung für Menschen mit psychischen Störungen. Wir legen in Deutschland großen Wert auf Früherkennung, weil dies bei fast allen Störungen günstig für die Prognose ist. Allerdings kommen die wenigsten Patienten auf eigene Veranlassung in eine Früherkennungsambulanz. Häufig muss eine nahestehende Person den Betroffenen Unterstützung und Information geben. Hier setzt MHFA Ersthelfer an: Ersthelfer stellen keine Diagnose und machen keine Behandlung, aber sie erkennen Probleme psychischer Gesundheit, sind geschult darin diese Probleme anzusprechen und sind ein Wegweiser im lokalen Gesundheitssystem.

Was sind die zentralen Ziele des Konzepts?
Deuschle: Ähnlich zur Ersten Hilfe für körperliche Gesundheit, geht es darum, Laien als Ersthelfer auszubilden. Diese lernen Anzeichen und Symptome einer psychischen Störung zu erkennen, Gefahrensig-nale zu erkennen und in Krisen unmittelbar Beistand zu geben, sowie den Betroffenen Wege ins professionelle Versorgungssystem aufzuzeigen. Die Ersthelfer sollen natürlich nicht Diagnosen stellen oder behandeln.
An wen richtet sich das Konzept und wie kann man Ersthelfer werden?
Deuschle: Jeder Erwachsene kann Ersthelfer werden. Viele Ersthelfer haben eine betroffene Person im persönlichen Umfeld, die sie unterstützen möchten, aber fühlen sich hilflos. Um Ersthelfer zu werden muss man einen zwölfstündigen Ersthelferkurs über die Homepage www.mhfa-ersthelfer.de (demnächst verfügbar) buchen. Der Kurs wird von qualifizierten Instruktoren angeboten, entweder viermal drei Stunden oder zweimal sechs Stunden.
Wie kann man Instruktor werden?
Deuschle: Die Instruktoren werden von uns sorgfältig ausgewählt. Die wichtigsten Kriterien sind "Wissen über psychische Störungen und ihre Behandlung" sowie "Erfahrung in der Unterstützung von Menschen mit psychischen Störungen". Bisher sind die meisten Instruktoren psychologische Psychotherapeuten oder Ärzte, die in der Psychiatrie arbeiten. Es kommen aber beispielsweise auch Fachpflegekräfte oder andere Personen, die die oben genannten Kriterien erfüllen, infrage. Zum Instruktor wird man durch einen fünftägigen Kurs auf den man sich ebenfalls über die Homepage www.mhfa-ersthelfer.de bewerben kann.
Was möchten Sie Fachärzten raten, wie sie mit der Tätigkeit der Helfer umgehen sollten?
Deuschle: Es gibt ja auch Empowerment bei den Angehörigen. Wenn Angehörige lernen, angemessen mit ihren betroffenen Familienangehörigen oder Freunden zu sprechen, werden sie oft eine fachärztliche Vorstellung empfehlen. So wird es häufig auch zu einem Kontakt zwischen Ersthelfer und Behandler kommen. Manchmal wird der Behandler beim Betroffenen eine ernsthafte psychische Störung feststellen, in anderen Fällen eher eine Krise.
MHFA ist etwas anderes als somatische Erste Hilfe. Wie wird für eventuell belastete Ersthelfer gesorgt?
Deuschle: Mental Health First Aid ist ja zunächst für das eigene Umfeld bedeutsam. Das bedeutet, dass der Ersthelfer nicht mit mehr Menschen mit psychischen Störungen zu tun hat, aber geübter mit den Betroffenen umgeht. Wenn er sich selbst belastet fühlt, weiß er über das Hilfesystem sehr gut Bescheid. Es gibt Hinweise, dass die Teilnahme an einem MHFA-Ersthelfer-Kurs die eigene psychische Gesundheit verbessert.
Wann rechnen Sie mit einem Start in Deutschland?
Deuschle: Geplant war der Start im Mai 2020. Wegen COVID-19 müssen wir die Kurse vorübergehend in einem E-Learning- und Online-Format geben. Die Vorbereitung dieses Programmes sollte im Juli abgeschlossen sein.
Was ist die Vision des Projektes MHFA Ersthelfer?
Deuschle: In Australien haben 3 % der Bevölkerung einen Kurs absolviert. Auch wir wollen, dass Mental Health First Aid so selbstverständlich wird wie ein Erste-Hilfe-Kurs für körperliche Gesundheit. Wenn wir viele Menschen erreichen, ist es zugleich ein wichtiger Beitrag zur Entstigmatisierung psychischer Störungen.
Das Interview führte Frau Dr. Roth-Sackenheim.
Prof. (apl.) Dr. med. Michael Deuschle.
Leitender Oberarzt
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit
J5, 68159 Mannheim
E-Mail: michael.deuschle@zi-mannheim.de
