Die aktuelle COVID-19-Pandemie verleiht der Thematik "Online-Videosprechstunde" für viele niedergelassene und klinische Kollegen eine neue Bedeutung. An der Klinik für O und U des Bundeswehrkrankenhauses Berlin wird ihr Einsatz in einem Sonderforschungsprojekt in Zusammenarbeit mit dem Cyber Innovation Hub der Bundeswehr erforscht.

Trotz vieler Fortschritte der digitalen Medizin in Forschung und Entwicklung sowie auch neuer gesetzlicher Rahmenbedingungen (u. a. das "Digitale Versorgung Gesetz" vom 9. Dezember 2019) haben sich Angebote wie die Online-Videosprechstunde (O-VS) bis vor wenigen Wochen, vor Beginn der COVID-19-Pandemie, nur zögerlich im Alltag der meisten Ärzte durchgesetzt. Die Klinik für O und U des Bundeswehrkrankenhauses (BwKrhs) Berlin hat mit einem Sonderforschungsprojekt zur Etablierung der O-VS in der Schnittstelle Klinik-Truppenärzte-Patienten seit 2019 die Weichen für eine wissenschaftliche Untersuchung dieser digitalen Ergänzung der Patientenbehandlung im Sanitätsdienst der Bundeswehr gestellt.
Hintergründe zur O-VS
Die O-VS ist eines der sicherlich interessantesten "Werkzeuge" für eine digitale Erweiterung des Arzt-Patienten-Kontakts und wird heute von mehreren zertifizierten Unternehmen in Deutschland angeboten. Dieser Artikel kann nicht die Breite der Thematik mit einer Erörterung der gesetzlichen Rahmenbedingungen, der Hintergründe zur technischen Ausstattung und des allgemeinen Ablaufs sowie von Vergütungsaspekten abdecken, deshalb wird an dieser Stelle auf das in der AG Digitalisierung (DGOU) entstandene PDF-Dokument "Online-Videosprechstunde in Zeiten von COVID-19" auf der Homepage der DGOU (siehe Link unten) verwiesen.
Sonderforschungsprojekt "O-VS versus ambulante Vorstellung"
Um militärischen Patienten zum Beispiel für postoperative Verlaufskontrollen teils lange Anfahrtswege zu ersparen (Einzugsgebiet BwKrhs Berlin: von Nordbayern bis Rügen) und zugleich Truppenärzten der hausarztähnlichen regionalen Sanitätseinrichtungen eine schnellere Konsultation bei orthopädisch-unfallchirurgischen Krankheitsbildern zu ermöglichen, soll im Rahmen eines Sonderforschungsprojekts des Sanitätsdienstes der Bundeswehr der Nutzen der O-VS untersucht werden. Als effektiver Partner im Planungs- und Durchführungsprozess stand der Klinik für O und U dabei der Cyber Innovation Hub der Bundeswehr (CIHBw) zur Seite, über den auch die Finanzierung der technischen Ausstattung sowie die Vertragsvereinbarungen mit einem zertifizierten O-VS-Anbieter erfolgten.
Mitte 2019 wurde die Studie begonnen mit dem Schwerpunkt auf einer technischen Etablierung und der Nachsorge von bekannten Patienten im Vergleich "O-VS versus ambulante Vorstellung", wobei der digitale Kontakt über die privaten Endgeräte der Patienten erfolgte. Seit März 2020 nun werden Truppenärzte (das heißt das Hausarztäquivalent) mit mobiler Tablet-/internetgestützter Kommunikation ausgestattet. Über den ursprünglich angedachten Nutzen der unkomplizierten konsiliarischen Patientenvorstellung und somit Verbesserung der ambulant-klinischen Zusammenarbeit hinaus ermöglicht dies in Zeiten der COVID-19-Pandemie zusätzlich, Patientenbewegungen und -kontakte so "hygienisch-ökonomisch" wie möglich zu gestalten: Bei erhaltener enger Patientenbetreuung sollen Arzt-Patienten-Kontakte auf medizinisch klar indizierte und gut vorbereitete Termine konzentriert werden.
Das Projekt soll neben subjektiven Daten wie einer Evaluation der Akzeptanz der O-VS unter den beteiligten Patienten und Ärzten auch objektive Ergebnisse erzielen, wie die Bestimmung von Anfahrtswegen oder reisebedingten Abwesenheitszeiten vom Arbeitsplatz, aber auch Aussagen zur Verwertbarkeit erhobener Befunde hinsichtlich einer Behandlungskonsequenz ermöglichen.
Ausblick
Aktuell steht die Etablierung eines belastbaren Behandlungsnetzes und fester Abläufe mit der Erhebung der festgelegten Studienparameter bei dem Sonderforschungsprojekt im Vordergrund. Absehbar ist jedoch das Potenzial einer Ausweitung des O-VS-Angebots auf andere Fachbereiche und Indikationen. Mit seinen Daten und vor allem der Gewinnung objektiver praktischer Erfahrungswerte kann dieses Projekt einen wichtigen Beitrag für den Einsatz der O-VS für Kliniken gerade auch an der Schnittstelle zum niedergelassenen Bereich darstellen. Dass der echte Patientennutzen einer O-VS im Fachgebiet O und U mit den essenziellen haptischen Eindrücken direkter Untersuchungen noch durchaus kontrovers diskutiert wird, unterstreicht dabei die Wichtigkeit der Erhebung von Studiendaten.
Innerhalb der DGOU sollte es ein Ziel sein, die Gewinnung und den Austausch von Daten zwischen Kliniken und auch Praxen zu unterstützen, um einen möglichen Nutzen der O-VS für die O und U auf einer breiten Evidenzbasis beurteilen zu können. Eine Kontaktmöglichkeit für Interessierte innerhalb der Fachgesellschaft ist hier auch die AG Digitalisierung der DGOU unter: digitalisierung@dgou.de.
Mehr Informationen: https://dgou.de/news/covid-19-spezial/detailseite/artikel/coronavirus-hoch-zeit-fuer-die-online-videosprechstunde/
OSA Dr. Katharina Estel.
Oberstabsarzt
Bundeswehrkrankenhaus
Berlin
OFA PD Dr. David Back.
Oberfeldarzt
Bundeswehrkrankenhaus
Berlin
Leiter DGOU-Sektion
Digitalisierung

