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. 2020 Jun 18;7(3):26–29. [Article in German] doi: 10.1007/s41964-020-0283-1

Gezielte Schnitte

Thomas Roser 1,
PMCID: PMC7299669

Varteks schneidert fleißig am Turnaround. Der Textilgigant aus Kroatien mit namhaften Kunden wie Hugo Boss fertigt in Innovation, Schnelligkeit und Qualität, damit die Kehrtwende passt.

Trotz Virus-Krise hofft Varteks auf bessere Zeiten. Das Traditionsunternehmen aus Kroatien stand vor zwei Jahre kurz vor dem Aus. Dann aber ist es geglückt, sich in der schwierigen Modebranche mit frischem Kapital und innovativem Konzept doch noch neue Märkte und Kunden zu erschließen. Statt Tweedstoffen läuft jetzt leichte Baumwolle unter tackernden Nadeln: Selbst in lähmenden Corona- Zeiten schnurren Nähmaschinen fleißig beim Textilgiganten Varteks in Varaždin. Die ersten 70.000 Gesichtsmasken im Wert von 100.000 Euro habe man der Polizei und Altersheimen gespendet, berichtet Vorstandschef Tomislav Babić stolz: "Für eine Firma, die vor Kurzem vor dem Bankrott stand, ist das ein enormer Betrag." Trotz Kurzarbeit und Produktionsdrosselung werde Varteks die Covid-19-Pandemie "mit weniger Verlusten als viele Konkurrenten" überstehen, ist der 45-Jährige überzeugt: "Wir werden aus dieser Krise stärker und mit einem größeren Marktanteil herauskommen, als wir in sie hineingeraten sind."

Die "Schnelligkeit bei der Anpassung an eine neue Situation" bezeichnet der ehemalige Investmentbanker als wichtigste Voraussetzung für das Management eines Unternehmens in der Transformation: "Das Zweite ist die Kreativität, neue Wege zu entwickeln, und den Mut, diese auch umzusetzen. Und natürlich viel Arbeit - ohne die erreicht man nichts." Der Mann mit dem offenen Hemdkragen weiß, wovon er spricht. Noch vor zwei Jahren schien das Flaggschiff der kroatischen Textilindustrie gewissermaßen klinisch tot - und unvermeidlich in den Bankrott zu schlittern. Das Unternehmen sei "praktisch erledigt" gewesen, sagt Babić im Rückblick.

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"Das mutigste, riskanteste Manöver der kroatischen Wirtschaftsgeschichte"

Dass sich damals der heutige Aufsichtsratsvorsitzende und Hauptinvestor Nenad Bakić bereitfand, mit einer Kapitalspritze den Neuanfang zu wagen, bezeichnet Babić als "das mutigste, aber auch riskanteste Manöver der kroatischen Wirtschaftsgeschichte": "Er übernahm eine völlig heruntergekommene Firma und setzte auf ein Konzept, von dem alle dachten, dass es angesichts der viel billigeren Arbeitskraft in Asien und der Türkei nicht verwirklichbar sei: die Produktion hochwertiger Mode in Europa."

Die Anfänge der turbulenten Geschichte von Varteks gehen bis ins Königreich Jugoslawien zurück. Unter dem Namen Tivar wurde die Firma 1918 zunächst als Stoffproduzent gegründet. Schon Ende der 20er Jahre mauserte sich Tivar mit einem Netz von 190 Niederlassungen zu einem der führenden Kleidungshersteller des Königreichs. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Tivar im sozialistischen Jugoslawien zu Varteks - und weitete seine Produktion aus. Zu den besten Zeiten arbeiteten bei der Modegröße, die sich auf Anzüge, Mäntel, Kleider, Röcke und Stoffe spezialisiert hatte, mehr als 11.000 Mitarbeiter.

Kroatien sei in Jugoslawien als "fortschrittlichere Republik schon früh nach Westen orientiert" gewesen - auch in der Mode, so Babić. Varteks beschäftigte die besten Mode-Designer und unterhielt mehr als 200 Filialen: "Es gab in Jugoslawien keine Konkurrenz, die sich mit Varteks hätte messen können."

Lange einträgliche Kooperation mit US-Hersteller Levi Strauss

Nicht nur im sozialistischen Osteuropa erschloss sich das Unternehmen bald wichtige Exportmärkte: Mit hochwertigen, aber günstigen Anzügen stieß Varteks selbst in Großbritannien auf eine gute Nachfrage. Im Jahr 1983 begann eine für Varteks lange sehr einträgliche Kooperation mit Levi Strauss & Co.: Über ein Vierteljahrhundert ließ der US-Hersteller seine "Levi's"-Jeans für den osteuropäischen Markt in Varaždin schneidern. Der Kroatienkrieg zwischen 1991 und 1995 sowie der anschließende Zerfall Jugoslawiens zerstörten die angestammten Märkte des Unternehmens. Mit der Herstellung von Uniformen für die Streitkräfte Kroatiens überbrückte Varteks den Krieg: Bis heute kleidet das Unternehmen die Armee und Polizei im Adria-Staat ein.

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Bis heute Anzüge als Auftragsarbeit fürs deutsche Mode-Label Hugo Boss

Zudem begann 1995 die Kooperation für das deutsche Mode-Label Hugo Boss, für das Varteks bis heute Herrenanzüge als Auftragsarbeit fertigt. "Für uns ist diese langjährige Zusammenarbeit eine der größten Anerkennungen unserer Qualität - und ein Beweis, welche hochwertige Ware wir produzieren", sagt Babić.

Nach dem Kroatienkrieg habe sich Varteks auch dank der Auftragsarbeit für andere internationale Modegrößen "zunächst sehr gut" gehalten. Die Zahl der Beschäftigten hatte sich zwar auf 3.500 Mitarbeiter reduziert: "Doch die Firma war intakt, verfügte über einen guten Marktanteil und operierte erfolgreich", wie Babić beschreibt.

Doch die Weltwirtschaftskrise von 2008/2009 traf nicht nur Kroatien, sondern auch Varteks mit voller Wucht. Von 2009 bis 2014 wies der Küstenstaat fünf Jahre lang in Folge ein Minuswachstum auf. Auch in Varaždin brachen bald alle Dämme. Der langjährige Geschäftspartner Levi Strauss kündigte 2009 die Kooperation mit Varteks auf und verlagerte die Produktion aus Kostengründen nach Asien.

Zusätzlich zur sinkenden Kaufkraft auf dem Heimatmarkt erschwerte verstärkte Konkurrenz das Geschäft: Mit dem EU-Beitritt von Kroatien 2013 und der Eröffnung neuer Shopping-Zentren drängten westliche Modeketten wie H&M, Zara oder Peek & Cloppenburg ins Land. "Es war für Varteks unmöglich, preislich mit in Bangladesh gefertigten Billiganzügen zu konkurrieren", begründet Babić.

Varteks trudelte in eine Abwärtsspirale, in der ein freier Fall kaum aufzuhalten schien. Die unrentabel gewordene Stoffproduktion wurde 2010 eingestellt. Die Belegschaft schrumpfte auf noch 1.100 Mitarbeiter. Dennoch häufte das Unternehmen zwischen 2008 und 2018 mehr als 100 Millionen Euro Verluste an. "Selbst gesunde Unternehmen können derart hohe Verluste nicht aushalten", sagt Babić. Das Minus glich Varteks mit dem Verkauf der Filialen aus seinem Immobilienimperium zunächst aus. Aber, wie Babić zu bedenken gibt: "Wenn alles bergab geht, verschwinden irgendwann die besten Leute. Vor allem unser Mode-Design hatte zu leiden."

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Zinsfreie Kredite vom Teilhaber, weil Banken den Dienst versagten

Die Kehrtwende begann 2018, als Investor Nenad Bakić seine Beteiligung an Varteks von sechs auf 17 Prozent erhöhte und mit einer Kapitalspritze von 20 Millionen Kuna (2,6 Millionen Euro) auf 47 Prozent steigerte. Bakić gewährte dem Unternehmen schließlich selbst zinsfreie Kredite von insgesamt 45 Millionen Kuna (sechs Millionen Euro), weil die Banken ihren Firmenkunden Varteks nicht mehr bedienen wollten.

Das radikale Umkrempeln der Unternehmensstrategie und des Managements sollten Varteks aber erst den ersehnten Neustart ermöglichen. Investor Bakić übernahm Anfang 2019 befristet auf ein Jahr selbst das Ruder im Vorstand und leitete mit dem Aufbau eines neuen Managements die Wende ein.

"Wir haben das Management von der Spitze bis in die mittlere Führungsebene völlig umgekrempelt", berichtet Babić, der im vergangenen Jahr als Entwicklungschef ins Unternehmen eintrat und zu Jahresbeginn 2020 den Vorstandsvorsitz übernahm, als Bakić wieder in den Aufsichtsrat wechselte. Dem vorherigen Management habe es "an Vision und Mut" für Varteks gefehlt, bemängelt Babić: "Wir begannen, uns um neue Wege zu bemühen. Wir beschleunigten Entscheidungsprozesse, beseitigten administrative Hürden, stellten praktisch alle Geschäftssegmente völlig neu auf."

Immer kürzere Modezyklen mit acht statt zwei Kollektionen pro Jahr begünstigen nach Ansicht des neuen Varteks-Managements den Trend, dass die Produktion näher zum Kunden und damit zurück nach Europa verlagert wird. Verstärkt setzt auch Varteks auf Produktion und Vertrieb hochwertiger Eigenprodukte über das eigene Verkaufsnetz.

"Wichtig ist heute vor allem Qualität, und dass neue Mode so schnell wie möglich in die Läden gelangt", unterstreicht Vorstandschef Babić: "Unser Vorteil ist, dass wir in unserem eigenen Hinterhof produzieren. Wir können sehr schnell auf neue Trends und Marktbedürfnisse reagieren. Die Zeitspanne von der Idee bis zu Realisierung ist bei uns sehr kurz. Wir erhöhen die Produktion, wenn ein Artikel gut läuft - zwei Tage später ist er im Laden."

Nicht nur Design und Stoffe haben sich bei Varteks völlig verändert, seit eine neue Kreativdirektorin eingestiegen ist. Auch die erst auf 22 Filialen geschrumpfte Ladenkette ist nun zu einem Netz von 30 Läden ausgebaut. Pfiffige Marketing-Kampagnen und zudem der durchs Land rollende "Modebus" haben den Absatz 2019 um 60 Prozent erhöht. In dem Bus können Kunden nicht nur Varteks-Kleidung anprobieren, sondern werden auch mit deren Bestellung über den Webshop vertraut gemacht. Die eigenen Marken gehen gut im Einzelhandel und im neuen Webshop.

"Auftragsarbeit immer weniger profitabel"

In der Produktion müht sich Varteks, den Schwerpunkt auf die profitablere Herstellung eigener Kleidermarken zu verlegen: Seit 2018 ist deren Umsatzanteil von 40 auf 70 Prozent gewachsen. Heimische Textilproduzenten, die nur auf Auftragsarbeit setzten, könnten den allmählichen Anstieg des Lohnniveaus und des Lebensstandards "nicht überleben", prognostiziert Babić: "Mit steigenden Löhnen wird die Auftragsarbeit immer weniger profitabel."

Auftragsarbeit für Kunden wie Hugo Boss und J. Lindeberg sichern nur bei Varteks zusätzlich den Cashflow und die Arbeitsplätze ab, erklärt er, warum die Firma dennoch weiter auf beide Segmente setzt: "Wir haben die Auftragsarbeit zwar nicht reduziert, aber den Absatz unserer eigenen Kleidermarken vergrößert." Die geplante Expansion nach Serbien und Slowenien hat Varteks noch nicht abgeblasen, aber wegen der Virus-Krise vorläufig auf Eis gelegt. Mit dem Hilfsprogramm der Regierung, die während der Kurzarbeit die Minimallöhne bezahlt und Kreditgarantien übernimmt, bleibt die Unternehmensführung für die Zeit nach der Krise positiv gestimmt. Und die eigene Kundennähe scheint ein zusätzliches Faustpfand, wie Babić betont: "Wenn die Läden aufgehen, sind wir besser gerüstet als die Konkurrenten, die Importeure ihrer Waren sind: Die werden Schwierigkeiten haben, im Sommer rechtzeitig ihre Lager zu füllen."

Die Löhne der Branche seien "generell gering", räumt Babić ein. Doch vorbei seien die Zeiten, in denen sich Varteks-Beschäftigte mit dem gesetzlichen Mindestlohn von derzeit 3.650 Kuna netto (482 Euro) zufriedengeben: "Große Gehaltssprünge können wir uns nicht leisten. Aber wir wollen, dass unsere Mitarbeiter zufrieden sind - und sie zu guter Arbeit stimulieren."

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Veränderung bei Varteks wertet Gewerkschaft positiv

Auch die Textilgewerkschaft bewertet die Veränderungen bei Varteks positiv: Der Abbau von Arbeitsplätzen sei gestoppt, sogar Stellen seien in den neuen Filialen geschaffen worden, fasst Nenad Leček als Vorsitzender der nationalen Gewerkschaft TOKG zusammen. Als besonders erfreulich wertet er, dass im vergangenen Jahr "erheblich" in die Klimatisierung der Werkshalle investiert wurde: "Wir glauben, dass Varteks mit der neuen Strategie und den eingeleiteten Veränderungen eine Perspektive hat." Die Stärkung der eigenen Marken sei Treiber für Veränderungen, glaubt Leček: "Wir sind uns bewusst, dass der Umschwung angesichts der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie nicht leichtfallen wird. Das größte Problem ist die Liquidität - und die könnte sich durch die Corona-Krise noch verschlechtern."

Mit dem Verkauf von drei Vierteln des Firmengeländes will die Varteks-Unternehmensführung jetzt die Mittel beschaffen, die zum Begleichen der Altschulden und für neue Investitionen fehlen. Babić sieht mit den "Trends zur Rückkehr der Mode nach Europa und zu lokalen Marken" auch mehr "Licht für die Zukunft", wie er sagt: "Wir sind Teil einer Erfolgsgeschichte: In Ex-Jugoslawien gibt es nicht viele Fälle, die dafür stehen, dass eine fast bankrotte Großfirma zu neuem Leben erweckt wurde."

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Moderiese aus Kroatien mit 102-jähriger Tradition.

Herrenanzüge, Mäntel und elegante Geschäftskleidung für Frauen sind das Kerngeschäft von Kroatiens Modegigant Varteks in Varaždin. Das Unternehmen wurde unter dem Namen Tivar 1918 gegründet und im sozialistischen Jugoslawien in Varteks umbenannt. Exportmärkte in Ost und West wurden in den 70er und 80er erschlossen. Jeans für das börsennotierte US-Handelsunternehmen Levi Strauss & Co. fertigte Varteks zwischen 1993 und 2008. Die bis heute erfolgreiche Kooperation mit Hugo Boss startete 1995, als Kroatien unabhängig wurde. Der Niedergang von Varteks begann mit der Weltwirtschaftskrise ab 2008. Doch neu aufgestellt mit frischem Kapital, Management und Konzept gelang dem Konzern vor zwei Jahren der Turnaround: Varteks setzt seitdem verstärkt auf Eigenmarken, die über die eigene Ladenkette vertrieben werden.

www.varteks.com

Kompakt.

  • Den Trend zur Rückkehr der Textilproduktion aus asiatischen Billiglohnländern nach Europa beflügelt zusätzlich die Corona-Krise.

  • Die Nachfrage nach einer kunden- und marktnahen Produktion in der Branche verstärken die immer kürzeren Modezyklen.

  • Das damit einhergehende, vor allem schnellere Anpassen an veränderte Situationen, mehr Kreativität und mehr Mut bei der Realisierung von Ideen und Umsetzungswegen sind also für Unternehmen im Umbruch entscheidend.

Thomas Roser,

Balkan-Berichterstatter in Belgrad seit Jahren auch für "return", ist wegen der Corona-Krise wie alle Serben zum Hausarrest verdonnert. So konnte er nicht wie früher schon einmal ins kroatische Varaždin reisen, sondern musste dieses Firmenprofil via Telefon und Internet schneidern.graphic file with name 41964_2020_283_Figb_HTML.jpg


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