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. 2020 Aug 13;68(8):568–577. [Article in German] doi: 10.1007/s15011-020-3266-y

Hautärzte im Homeschooling

Digitale FOBI bringt Dermatologie-Spektrum an heimischen Rechner

Wolfgang Hardt 1,
PMCID: PMC7399031

EUSKIRCHEN - Kurzweilig, praktisch, lehrreich - die mit großer Spannung erwartete erste FOBI in digitaler Form war ein voller Erfolg. Das lag nicht nur an zahlreichen authentisch wirkenden Live-Vorträgen, sondern auch an einem spannenden Programm, aus dem die insgesamt 2.650 Teilnehmer ohne Ortswechsel schöpfen konnten.

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Die Schlussworte am Sams- tagmittag von Tagungs- präsident Prof. Lars French machten es deutlich: Das Gelingen der 27. Fortbil-dungswoche für praktische Dermato- logie und Venerologie in digitaler Form war keine Selbstverständlichkeit. "Ich bin erleichtert", gab der Direktor der Universitätshautklinik München unum- wunden zu. Tatsächlich hatte er drei Tage zuvor bei der Eröffnung deutlich angespannter gewirkt. Nun aber lagen insgesamt 467 Vorträge in 105 Sitzungen mit bis zu 14 parallelen Strängen hinter ihm und den Teilnehmern. Manche klei- neren Kurse wurden laut French sogar besser besucht als in den letzten Jahren bei der Präsenzveranstaltung.

Zum Erfolg beigetragen haben die vielen live gehaltenen Vorträge, was der FOBI Digital Authentizität verlieh. Vorab aufgenommene Beiträge wirkten hinge- gen häufig zu glatt. Dass die Technik nicht immer mitspielte, tat dem positiven Eindruck keinen Abbruch. Doch so sehr das digitale Format auch zum konzent- rierten Lernen vor dem heimischen Bild- schirm einlädt, es kann die vielen persön- lichen Gespräche, die eine große Fortbil- dungsveranstaltung ausmachen, nicht er- setzen. Der Austausch bei Leberkäs und Bier fehlte, wie der Tagungspräsident be- merkte. Kein Wunder, dass French hofft, sich in zwei Jahren persönlich zur FOBI wiederzutreffen - nach einer Impfung.

Thematisch hatte die diesjährige Ver- anstaltung einmal mehr das gesamte Spektrum der Dermatologie zu bieten. In den vergangenen zwei Jahren habe sich viel im Fachgebiet getan, so French. Rund 50.000 Publikationen mit dem Schlagwort "skin disease" innerhalb die- ses Zeitraums legen darüber eindrucks- voll Zeugnis ab. Dazu zählen auch Ver- öffentlichungen zu den Hautmanifes- tationen bei COVID-19 wie vaskulä- re Veränderungen an Zehen und Fin- gern.

Neu im diesjährigen Kongresskonzept waren sowohl die am letzten Tag ange- botenen What's-New-Sessions als auch die jeden Nachmittag durchgeführten Kurse zum praktischen Krankheitsma- nagement, in denen besonders praxis- relevante Themen aufgearbeitet wur- den und bei denen der BVDD-Vorstand einen erheblichen Anteil hatte - insbe- sondere beim allgegenwärtigen Thema Digitalisierung.

Bei der Kommunikation gilt digital vor analog.

Dr. Ralph von Kiedrowski, niederge- lassener Dermatologe aus Selters und BVDD-Vorstandsmitglied, veranschau- lichte anhand von Beispielen aus der ei- genen Praxis, wie Digitalisierung den Arbeitsalltag erleichtern kann. Bei ihm stellt sich nicht die Frage ob, sondern wie viel digitale Praxis geht.

Er erinnerte daran, dass viele Derma- tologen sie zwar noch kennen, die Papier- akte aber längst passé ist. Die meisten Praxen arbeiten mit Praxisverwaltungs- systemen. Trotzdem führen viele Praxen noch beide Formen der Buchhaltung. Das bringt vielleicht ein gewisses Gefühl an Sicherheit mit sich, aber von Kie- drowski zufolge auch Gefahren und vor allem Mehrarbeit. Für ihn gilt bei der Kommunikation und der Dokumenta- tion digital vor analog.

"In meiner Praxis arbeiten wir aus- schließlich papierlos. Fremdbefunde, die Patienten mitbringen, oder von Kolle- gen oder Krankenhäusern übermittelt werden, werden sofort eingescannt und Papier wird nicht mehr angenommen", berichtete von Kiedrowski. Auch For- mulare oder allgemeine Informations- blätter füllen seine Patienten ausschließ- lich am Tablet aus.

Den Vorteil sieht er darin, dass alles, was dokumentiert wird, direkt im Sys- tem abgelegt werden kann und die Ar- beitszeit mit sinnvoller Tätigkeit gefüllt wird. "Ordner durch die Gegend tragen, Alphabete durchsuchen, das gehört durch die Digitalisierung der Vergan- genheit an."

Weiterhin werden digitale Systeme im Bereich der Diagnostik genutzt. PASI- oder EASI-Bögen können als beschreib- bare PDF in die eigene Software integ- riert und so vom Patienten über die Webseite ausgefüllt und zugemailt oder vom Praxispersonal genutzt werden, um die Schwere einer Psoriasis innerhalb kürzester Zeit mit einem entsprechen- den Score zu versehen.

Auch digitale Anwendungen, die beispielsweise auflichtmikroskopische Bilder direkt mit entsprechender Grafik der Patientenakte zuordnen und anhand von KI-Systemen eine Auswertung lie- fern, erleichtern die diagnostische Arbeit in der Praxis.

Zudem sieht von Kiedrowski große Vorteile in der Online-Terminverein- barung. Hier kann der Patient direkt sehen, wann ein Termin frei ist, und auswählen, ob er in eine Spezialsprech- stunde oder Hautkrebsvorsorge möchte. Zusätzlich können durch das System auch freie Terminzeiten, die durch Ter- minabsagen entstehen, schneller durch neue Patiententermine überbucht wer- den.

"Wir vergeben mittlerweile 60 Prozent der Termine über ein Onlinetool, wel- ches in unsere Webseite eingebunden ist", so der Dermatologe. Diese Entlas- tung des Personals führt zu mehr ver- fügbarer Zeit für die Patienten.

"Die einzelne Leistung muss nicht auskömmlich sein".

Möglichkeiten der wirtschaftlichen Pra- xisoptimierung stellte BVDD-Präsident Dr. Klaus Strömer vor. Zu klären sei, welches Spektrum in einer hautärztli- chen Praxis angeboten werden sollte. Die gesamte Breite des Faches abzudecken, sei kein Muss, so Strömer, aber die Kern- bereiche sollten abgedeckt werden, das heißt die Leistungen, die 80 Prozent der Fachkollegen in ihren Praxen anbieten. Dazu zählen die Allergologie, kleinere Operationen und die Wundversorgung.

Grundsätzlich gilt, dass notwendige Leistungen nicht unter dem Verweis der Unwirtschaftlichkeit verweigert werden dürfen. "Die Gesetzgebung besagt ganz deutlich, dass man nur im Mittel ein auskömmliches Einkommen in der Pra- xis haben muss. Die einzelne Leistung muss nicht auskömmlich sein", erklärte Strömer. Welche Leistungen rentabel sind, hänge von der Praxisstruktur und vom Honorarverteilungsmaßstab ab, dem man unterliege.

Darüber hinaus sollten verschiedene Faktoren, wie beispielsweise Sonderver- träge für das ambulante Operieren oder die Umweltmedizin, Zusatzhonorare für bestimmte Zusatzqualifikationen oder die Budgetauslastung, beachtet werden. Ein weiterer Faktor sei die Personalaus- lastung. Strömer zufolge sollte bei einem normalen Praxisspektrum auf circa 650 Patienten eine Vollzeitkraft kommen.

Zudem spielt die Geräteauslastung in der Praxis eine Rolle. Es mache wenig Sinn, ein Gerät anzuschaffen, das nur sehr selten genutzt wird. Eine Lösung sei in diesem Fall beispielweise eine Geräte- gemeinschaft mit anderen Praxen. All diese Faktoren geben Aufschluss darü- ber, wie man wirtschaftlich arbeiten kann.

Zusätzlich zeigte der Verbandspräsi- dent, wie eine renditeorientierte Praxis- führung funktioniert. Hierbei gilt es , verschiedene Szenarien zu betrachten und die Praxisführung zu analysieren. Unter dem Strich steht jedoch das Ziel der Gewinnsteigerung. Dies könne man erreichen, indem man mehr IGe-Leis- tungen anbietet. Hier sei darauf zu ach- ten, nur Leistungen anzubieten, die ei- nen Nutzen sowohl für den Patienten als auch für den Dermatologen haben. Auch eine zeitweise Einstellung einer Praxis- assistenz kann hilfreich sein sowie Praxismarketing durch Anzeigen in der lokalen Presse.

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Darüber hinaus wirken sich Services, die Patienten einen Mehrwert bieten, positiv aus. Dazu zählen Internetpräsen- tationen oder Servicebroschüren. Eine Analyse der bestehenden Verträge, des Personalbedarfs und der Personalkosten sowie günstigere Einkäufe durch Ein- kaufsgemeinschaften oder Gruppenta- rife sind weitere Möglichkeiten, um die eigene Praxis wirtschaftlich zu optimie- ren.

Kostenintensive Psoriasistherapie: Nicht zu verordnen ist keine Option.

Was können, was dürfen Dermatolo- gen verordnen? Diese Frage klärte mit Blick auf kostenintensive Psoriasisme- dikamente Prof. Matthias Augustin, Direktor des Instituts für Versorgungs- forschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen am UKE. Entscheidend sei, dass zugelassene Indikation, Leit- linien und Wirtschaftlichkeitsgebot keine Gegensätze sind, sondern ineinan- der spielen. "Am Ende muss und kann für jeden Patienten die individuell beste Entscheidung in der Therapie mit Psori- asis-Arzneimitteln stehen", so Augus- tin.

Grundsätzlich erfolge eine Verord- nung im Spannungsfeld zwischen der medizinischen Notwendigkeit und ei- ner Reihe an Regelungen, die beachtet werden müssen. Arzneimittelrichtlinie, OTC-Regelung, Off-Label-Use, Negativ- liste, regulatorische Prüfebenen bei den KVen, Arzneimittellisten und neuer- dings der bundeseinheitliche Medika- mentenplan - all das bremse Dermato- logen aus, das medizinisch Bestmögliche zu tun.

Hinzu komme das Problem von Un- kenntnis und Unsicherheit, welches zum Vermeidungsverhalten führt und so zu einem Kreislauf des Nichtverordnens, insbesondere dort, wo starke Repres- sionen herrschen. Die Folge seien gro- ße Unterschiede bei der Biologikaver- ordnung in den einzelnen Bundeslän- dern. "Dem kann man Sachgerechtigkeit und Kenntnis in der Verordnung entge- genstellen", betonte Augustin und ver- wies auf den "Leitfaden zur Verordnung von Arzneimitteln in der vertragsärzt- lichen dermatologischen Therapie", der sämtliche Aspekte der sachgerechten Verordnung und eine ausführliche Dar- stellung der Einschränkungen zusam- menfasst.

Für die Behandlung der Psoriasis und Psoriasis-Arthritis steht dem Dermato- logen eine ganze Palette an zugelasse- nen Arzneimitteln zur Verfügung, zur- zeit 31 systemische Therapien. Bei der Auswahl spielt zunächst Einordnung des Wirkstoffes als First- oder Second-Line- Medikament eine Rolle. Zusätzlich be- einflussen verschiedene Kriterien, wie die Festlegung des klinischen Typs, Schweregrad der Erkrankung oder Komorbidität, die Entscheidung bei der Verordnung. Hinzu kommen Wünsche des Patienten und die Frage der Wirt- schaftlichkeit. Diese Entscheidung sei enorm schwierig. "Die Vielfalt überbli- cken nur spezialisierte Dermatologen", so Augustin. Bezüglich dieser Problema- tik verwies er auf die Expertise "Einsatz von Systemtherapeutika und Biologika in der leitliniengerechten Therapie der mittelschweren bis schweren Psoriasis vulgaris", die in Zusammenarbeit der Psoriasisnetze, des BVDD und der DDG als Entscheidungshilfe für Hautärzte erarbeitet worden ist und im Herbst in einer Neuauflage erscheinen soll.

Schließlich muss das Medikament der Wahl dem altbekannten "WANZ"-An- spruch entsprechen, sprich es soll wirt- schaftlich, ausreichend, notwendig und zweckmäßig sein. Diese Punkte seien immer zu beachten, können aber laut Augustin nicht immer eingehalten wer- den, wenn es zum Beispiel keine zugelas- senen Medikamente gibt.

Das Ziel der Systemtherapie bei Pso- riasis hat sich in den letzten Jahren ver- schoben und liegt inzwischen bei der weitgehenden Erscheinungsfreiheit und Wiederherstellung der Lebensqualität. "Ein PASI über 90 ist heute ein realisti- sches Ziel", unterstrich Augustin. Daran müsse sich eine Therapie messen las- sen. Nicht zuletzt Patientenbedürfnisse wie "weniger Nebenwirkungen", "kein Jucken", "keine Belastung in der Part- nerschaft" könnten in die Argumentati- on pro Systemtherapie einfließen. Sozi- alrechtlich habe jeder Patient mit einer schweren Erkrankung, auch mit Blick auf "weiche Kriterien", das Recht auf eine adäquate Systemtherapie und auch auf ein Biologikum, wenn nur dieser Schritt hinreichenden Nutzen und Wirk- samkeit erwarten lässt.

Beruflicher Hautkrebs: Deutschland ist Meldungsweltmeister.

"Machen Sie weiter so, es ist extrem wichtig, dass die Verdachtsmeldungen erfolgen, wenn wir Verbesserungen für die Betroffenen erreichen wollen", lobte Prof. Swen Malte John das Engagement der Fachgruppe bei Patienten mit be- rufsbedingtem Hautkrebs. Noch liegen die konkreten Daten für 2019 nicht vor. Doch Schätzungen zufolge haben die Verdachtsmeldungen auf die BK 5103 im vergangenen Jahr erstmals die 10.000er-Marke geknackt.

In 2018 gab es gut 9.900 Meldungen, wie der Leiter der Abteilung Dermatolo- gie, Umweltmedizin und Gesundheits- wissenschaften an der Universität Osna- brück berichtete. Damit belegt heller Hautkrebs in Deutschland die dritte Position bei den Meldungen von Berufs- krankheiten, die zweite Position bei den anerkannten Berufskrankheiten und den ersten Platz bei den beruflichen Krebs- erkrankungen.

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Anders sieht es beim Blick über den heimischen Tellerrand hinaus aus. Zwar dürfte laut John die Dimension des Pro- blems berufsbedingter Hautkrebs durch Sonne in anderen europäischen Ländern ähnlich sein. "Nur deren offiziellen Zah- len zeigen das bisher nicht", so John. In immerhin acht weiteren EU-Ländern kann Hautkrebs als Berufskrankheit an- erkannt werden. Aber die Meldungen feh- len. Das liegt seiner Einschätzung nach an den im Vergleich mit Deutschland nicht vorhandenen Möglichkeiten der Liquidation der Meldungen und der an- schließenden Versorgung der Patienten.

Um die Situation zu verbessern, sind auf europäischer und internationaler Ebene Bemühungen im Gang mit dem Ziel, die Häufigkeit der Erkrankung zu demonstrieren und damit die Basis für die erforderliche dermatologische Prä- vention und Versorgung zu schaffen. Zu den ersten Erfolgen zählt eine Erweite- rung des ICD-11, der ab dem 1. Januar 2022 gelten wird: Erstmals kann dann die berufliche Verursachung von Haut- krebs gesondert kodiert werden. Das gilt auch für das Basaliom und für das Melanom.

"Das wird wesentlich dazu beitra- gen, dass die weltweite Epidemiologie erheblichen Vorschub erfährt und man die tatsächliche Größenordnung dieser Erkrankung besser abschätzen kann", erläuterte John. Darüber hinaus hat die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) in ihrer Liste der Berufskrankheiten die Vorgaben für die Anerkennung von be- ruflichem Hautkrebs durch UV-Strah- lung präzisiert.

Wie hoch die Gefahr durch die UV-Exposition ist, wurde bereits auf europä- ischer Ebene gezeigt durch Dosimetrie- messungen bei Arbeitern in der Bau- industrie beispielsweise in Dänemark, Italien, Kroatien und Rumänien. Dabei wurde regelmäßig mehr als die fünffache Dosis des Grenzwertes von 1,3 SED, den die WHO vorgibt, erreicht. Hoffnungs- voll blickt John auf den "Europe's Bea- ting Cancer Plan 2020", mit dem der Krebs besiegt werden soll. In diesem steht explizit, dass Gesetzesänderungen angedacht sind, die die Exposition ge- genüber UV-Strahlung betreffen. "Es ist ein großer Erfolg, dass es den dermato- logischen Fachgesellschaften gelungen ist, die EU auf das Thema UV-Strah- lung und Hautkrebs aufmerksam zu machen", freute sich John.

KI - "Wer Müll füttert, bekommt Müll zurück".

Schlagzeilen wie "KI gewinnt gegen Dermatologen" kennt mittlerweile jeder. Doch wie gut sind die Syste- me wirklich und welchen Nutzen können Dermato- logen aus dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz und digitalen Anwendungen ziehen? Dr. Sebastian Krammer von der Hautklinik der LMU München schaffte hier einen Überblick.

"KI ist eine Unterstützung, ersetzt aber nicht den Facharzt", betonte Krammer. Der Einsatz solcher Systeme könne aber durchaus die Sicherheit verbes- sern. "Wenn die KI eine andere Diagnose stellt als der Arzt, denkt der Arzt zweimal über seine Meinung nach", so der Dermatologe. Das Potenzial, welches die Systeme Dermatologen zur Verfügung stellen, sollte Krammer zufolge auch genutzt werden, um die klini- sche Praxis zu optimieren. Zusätzlich bekomme man darüber hinaus die Möglichkeit, neue Erkenntnisse über Krankheiten zu erhalten, da neuartige Muster mittels KI identifiziert werden können, die zuvor gar nicht als solche wahrgenommen wurden.

Doch wie entsteht ein KI-Modell? Dazu bedarf es einer präzisen Vorbereitung. Nicht nur eine ausrei- chende Rechenleistung ist notwendig, um das System aufzubauen. Alle notwendigen Daten müssen in aus- reichender Anzahl und qualitativ hochwertig, unter Einhaltung aller datenschutzrechtlicher und ethi- scher Aspekte, vorhanden sein. Zu beachten sei, dass alle Daten ein einheitliches Format, einheitliche Grö- ße und gleiche Belichtung haben. Diese vorhandenen Daten werden in ein Trainingsset und ein Testset eingeteilt. Dabei dürfen im Testset nicht die gleichen Bilder vorkommen, wie im Trainingsset. Krammer empfiehlt einen Statistiker hinzuzuziehen, mit dessen Hilfe die Daten statistisch sinnvoll eingeteilt werden.

Mit den vorbereiteten Daten wird der Algorithmus trainiert. Dabei findet der Computer selbst nach be- stimmten Kriterien und Mustern eine Klassifizierung. Mit den Testdaten wird der so trainierte Algorithmus überprüft. Eine Optimierung des Algorithmus kann im Anschluss manuell durchgeführt werden, indem man Kriterien verändert, einfügt oder herausnimmt.

Was sich zwar simpel anhört, birgt auch Probleme. Immer noch fehlen laut Krammer Daten in ausrei- chender Qualität und Quantität. Dies liege an der feh- lenden tiefgehenden Digitalisierung. "Wer Müll in ein System füttert, der wird auch Müll wiederbekom- men", verdeutlicht der Dermatologe. Wer also digita- lisiert, muss darauf achten, hochwertige Daten zu be- kommen. Zudem ist Digitalisierung ein andauernder Prozess, der danach verlangt, "up to date zu bleiben und in Digitalisierung immer wieder zu investieren, um neuen Anforderungen gerecht zu werden", so sein Fazit.

Aktinische Keratosen: Übergang zum Krebs verhindern.

Aus seinem Sprechzimmer in Wupper- tal gab Prof. Thomas Dirschka einen Überblick zu epithelialen Hauttumoren. Dabei ging er auf die aktuellen Leitlini- en zum Basalzellkarzinom (BCC) sowie zu aktinischer Keratose (AK) und Plat- tenepithelkarzinom (PEK) ein.

Die gesamte Therapie des BCC fußt laut Dirschka auf der Einteilung zwi- schen hohem oder niedrigem Rezidiv- risiko. Die 2019 veröffentlichte S2k- Leitlinie hält fest, dass Tumore, die sich im Gesicht oder in der Haarzone befin- den und über sechs Millimeter groß sind, sowie Tumore im Bereich des Kapillitium, die über zehn Millimeter groß sind, oder an den Extremitäten, die über 20 Millimeter Größe aufwei- sen, immer eine hohes Rezidivrisiko haben. Dies gilt zudem für Tumore mit schlecht definierter Begrenzung, für Lokalrezidive und wenn bestimmte histopathologische Wachstumsformen vorliegen - sklerodermiform, infiltra- tiv, metatypisch oder mikronodulär. Auch Tumore auf Radioderm und sol- che, die ein perineurales Wachstum aufweisen, werden als Tumore mit ho- hem Rezidivrisiko eingestuft.

Weist ein Tumor keines dieser Krite- rien auf, so wird er als Tumor mit nied- rigem Rezidivrisiko eingestuft. Diese können bei einer Tumordicke bis zwei Millimeter mit nicht operativen Verfah- ren wie PDT, Laser oder Imiquimod und 5-FU behandelt werden. Eine Exzision mit Schnittrandkontrolle sei jedoch auch immer möglich. Hat der Tumor eine Dicke über zwei Millimeter, sollte die Exzision als Maßnahme präferiert werden. "Ist eine Operation nicht mög- lich, greift man auf die Radiatio zurück", so Dirschka. Wenn möglich sollten Tumore mit hohem Rezidivrisiko im- mer operativ behandelt werden. Dabei sei eine Schnittrandkontrolle oder ein erhöhter Sicherheitsabstand zu beach- ten.

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Eine Besonderheit bestehe bei beson- ders ausgedehnten, lokal fortgeschritte- nen BCC. Hier empfiehlt der Dermato- loge, den Tumor in einem Tumorboard zu besprechen, sodass die bestmögliche Therapieoption gefunden wird.

Ein ebenso sehr verbreitetes Verfahren sei die Kryochirurgie. Dieses Verfahren sieht die Leitlinie als Zweitlinientherapie im Bereich des Rumpfes und der Extre- mitäten vor. Im Gesicht-, Kopf- oder Halsbereich solle sie nicht eingesetzt werden.

Anschließend stellte Dirschka wesent- liche Aspekte der S3-Leitlinie zu AK und PEK vor, die in diesem Jahr veröffent- licht worden ist. So stellt die Leitlinie unter anderem klar, dass die klassische AK keiner histologischen Diagnostik bedarf, wenn ein typischer klinischer Befund vorliegt. Als wesentliche Aufga- be der Therapie einer AK sieht Dirschka die Verhinderung des Übergangs in ein PEK an. "Bis heute ist es schwierig zu sagen, welche AK in ein PEK übergeht, da es keine klaren Marker gibt, die eine Wahrscheinlichkeit angeben können", erklärte der Wuppertaler Dermatologe. Er empfiehlt, alle AKs zu behandeln und nachzusorgen, um bei Patienten einen Übergang in ein PEK zu verhindern.

Therapieziel beim PEK ist es, den Tumor operativ zu beseitigen, möglichst mit R0-Resektion. Hier weist die Leit- linie darauf hin, dass bei größeren Tumoren ein Wundverschluss erst dann erfolgen sollte, wenn der Tumor ganz entfernt wurde. Damit soll sichergestellt werden, dass die Zuordnung der Wund- ränder möglich ist. Andernfalls könne es vorkommen, dass nicht mehr erkenn- bar ist, wo ein möglicher Tumorrest verblieben ist.

TNF-α verringert Risiko für schwere COVID-19-Verläufe.

"Gefährden wir unsere Patienten durch eine systemische Therapie bezüglich eines schweren Verlaufs einer COVID-19-Infektion?" Auf diese Frage ging Prof. Jörg Prinz, stellvertretender Direk- tor und leitender Oberarzt der Universi- tätshautklinik München, ein und erin- nerte bei einem Blick auf die Pathoge- nese der Psoriasis und von COVID-19, dass "alle Aspekte, die von einer syste- mischen Psoriasistherapie erfasst wer- den, gleichzeitig notwendig sind, um uns gegen Infektionen zu schützen". Insofern gehe die Blockade der proentzündlichen Mediatoren durch Biologika und die Immunsuppression durch Ciclosporin oder Methotrexat bei Psoriasis mit ei- nem zwar Präparate-abhängig unter- schiedlichen, aber dennoch sichtbar er- höhten Risiko für virale, bakterielle und zum Teil auch opportunistische Infek- tionen einher. Darüber hinaus erfasst die Psoriasistherapie Zelltypen und Zyto- kinmuster der Immunantwort gegen COVID-19.

Vor diesem Hintergrund haben bereits im März verschiedene rheumatologische und dermatologische Fachgesellschaf- ten, darunter PsoBest, Empfehlungen er- arbeitet, wie man mit Systemtherapien in Zeiten von COVID-19 verfahren soll- te. Demnach sollten laufende systemi- sche Therapien fortgesetzt werden. Vor- sichtig sollten Ärzte allerdings sein bei Therapien mit TNF-α-Inhibitoren und Ciclosporin, heiß es zu diesem Zeit- punkt. Neuindikationen für eine Sys- temtherapie sollten gründlich abgewo- gen und im Fall einer nachgewiesenen COVID-19-Infektion sollte eine wei- tere Medikamentenapplikation bis zum Ausheilen der Infektion ausgesetzt wer- den.

Inzwischen gibt es weitere Erkennt- nisse aufgrund von Fallberichten und Registerdaten, darunter aus dem inter- nationalen Register PsoProtect sowie aus einem Rheumatologischen COVID-19-Register der Global Rheumatology Alliance. Eine erste Auswertung der Daten zeigt laut Prinz, dass die Risiko- faktoren für eine Hospitalisierung und damit für einen schweren COVID- 19-Verlauf vor allem eine systemische Glukokortikosteroidtherapie, ein Alter von über 65 Jahren und das Vorliegen von Begleiterkrankungen sind.

"Interessanterweise ist die Therapie mit konventionellen systemischen, ge- zielten und biologischen DMARDs nicht mit einem erhöhten Risiko für schwe- re Verläufe von COVID-19-Infektionen verbunden", betonte Prinz. Das Risiko für schwere Verläufe werde durch eine TNF-α-Blockade sogar verringert. "Also gerade der therapeutische Weg, der am Anfang besonders kritisch gesehen wur- de, hat das geringste Risiko für schwere COVID-19-Infektionen", so Prinz. In der Summe lasse sich folgern, dass die Systemtherapie der Psoriasis, so wie sie im klinischen Alltag eingesetzt wird, die Patienten keinem derzeit erkennbar er- höhten Risiko für schwere Infektions- verläufe mit COVID-19 aussetzt.


Articles from Der Deutsche Dermatologe are provided here courtesy of Nature Publishing Group

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