Ein positiver Test auf SARS-CoV-2 und eine nachgewiesene Pneumonie sollte laut italienischen Ãrzten keine absolute Kontraindikation für eine notfallmäÃige operative Versorgung einer Oberschenkelhalsfraktur sein.
Ein Team um Dr. Francesco Catellani von der Humanitas-Gavazzeni-Klinik Bergamo berichtet über 16 Patienten mit proximaler Femurfraktur nach häuslichem Sturz, die bei Aufnahme in die Klinik positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden. Alle hatten erhöhte Temperatur und berichteten über Atemnot, die sich bereits in der Woche vor Klinikeinweisung entwickelt hatte. Das Lungen-CT zeigte bei allen die für die COVID-19-Pneumonie typischen Milchglastrübungen und Konsolidierungen. Dennoch entschieden sich die Orthopäden zur Operation, wenn die Körpertemperatur < 38 °C und die Sauerstoffsättigung (sO2) im peripheren Blut > 90 % lag. Bei lateralen Oberschenkelhalsfrakturen wählte man die Osteosynthese mittels Marknagel bei medialen die Implantation einer Endoprothese. Um bei diesen besonders vulnerablen Patienten eine Sedation zu vermeiden und gleichzeitig den Einsatz von Opioiden zu minimieren, entschied man sich für eine Regionalanästhesie mit Blockade des N. femoralis.
Alle bis auf zwei Patienten erhielten Sauerstoff über eine Venturi-Maske, dennoch verstarben drei auf Station, bevor die Operation durchgeführt werden konnte. Zehn von 13 Patienten konnten innerhalb von 24 Stunden nach der notfallmäÃigen Aufnahme operiert werden (drei wurden wegen Einnahme eines direkten Thrombininhibitors verschoben). Neun der 13 operierten COVID-19-Patienten überlebten den Eingriff. Unter Sauerstofftherapie konnte teilweise eine Verbesserung der sO2-Werte erzielt werden. Die respiratorischen und hämodynamischen Parameter hatten sich im Mittel nach einer Woche stabilisiert.
Fazit: Auch bei Senioren ist es nicht immer sinnvoll, orthopädische Eingriffe wegen akuter COVID-19-Symptome zu verschieben. Catellani und Mitarbeiter sehen ihre Ergebnisse als Erfolg: Die Operation habe in den meisten Fällen dazu beigetragen, die Patienten insgesamt zu stabilisieren und ihr Wohlbefinden zu steigern. Sie seien in der Lage gewesen, aufrecht im Bett oder Rollstuhl zu sitzen, was sich möglicherweise positiv auf die Atemparameter ausgewirkt habe. Dass eine frühzeitige Operation der Femurhalsfraktur bei Ãlteren grundsätzlich von Vorteil ist, assoziiert auch die Literatur mit einer deutlich geringeren Sterblichkeit. Entscheidende Faktoren sind - neben früher Mobilisierung und verkürzter Liegezeit - geringerer Blutverlust, bessere Schmerzkontrolle und verbesserte Lebensqualität.
Catellani F et al. Treatment of proximal femoral fragility fractures in patients with COVID-19 during the SARS-CoV-2 outbreak in northern Italy. J Bone Joint Surg Am 2020; doi:10.2106/JBJS.20.00617
