Internationale Konsortien haben die bisher zwei größten Real-World-Studien zu COVID-19 ("coronavirus disease 2019") bei Krebs auf die Beine gestellt und Zwischenergebnisse auf dem virtuellen ASCO 2020 vorgestellt. In beiden Studien konnten die Forscher unabhängige Faktoren identifizieren, die mit der Mortalität der Patienten assoziiert waren.
In die TERAVOLT-Studie (Globales Konsortium Thoracic Cancers International COVID-19 Collaboration) mit aktuell 400 Lungenkrebspatienten werden mit SARS-CoV-2-infizierte thorakale Krebspatienten aufgenommen [Horn L et al. ASCO. 2020;Abstr LBA111]. Wohingegen in der Studie CCC-19 (COVID-19 and Cancer Consortium) fortlaufend Patienten mit verschiedenen Krebserkrankungen und COVID-19 beobachtet werden (aktuell 928 Patienten).
Laut Guiseppe Curigliano, European Institute of Oncology und Universität von Mailand, Italien, sind in beiden Studien nach Adjustierung folgende unabhängige Faktoren mit der Mortalität der infizierten Krebspatienten assoziiert gewesen: höheres Alter, Anzahl der Komorbiditäten, ECOG-Performancestatus ≥ 2, aktive Krebserkrankung und eine Chemotherapie allein oder in Kombination mit anderen Therapien. So litten 31 % der Patienten mit thorakalen Malignitäten in der TERAVOLT-Studie an einer oder mehreren Komorbiditäten, meist an Bluthochdruck (53,2 %), COPD (31,2 %), vaskulären Erkrankungen (22 %), Diabetes (19,9 %) oder Niereninsuffizienz (10 %), präsentierte Leora Horn, Vanderbilt University, Nashville, TN/USA. Zusätzlich verwies Jeremy Lyle Warner, ebenfalls von der Vanderbilt University, darauf, dass in der CCC-19-Studie Patienten mit einer fortschreitenden Krebserkrankung ein mehr als 5-fach erhöhtes Mortalitätsrisiko im Vergleich zu Patienten mit einem Tumor in Remission haben. Die nach Alter, Geschlecht, Raucherstatus und Obesität adjustierte Odds Ratio (pAOR) betrug signifikant 5,20 (95 %-Konfidenzintervall [95 %-KI] 2,77-9,77).
Zudem scheinen die bereits vor der COVID-19-Diagnose angewendeten Therapien den Verlauf der Erkrankung zu beeinflussen. In der TERAVOLT-Studie waren die Daten hierzu signifikant: Die vor der COVID-19-Diagnose verabreichte Chemotherapie allein oder in Kombination mit Immuncheckpointinhibitoren wäre mit einem erhöhten Risiko für Tod verbunden gewesen (Hazard Ratio [HR] 1,71; 95 %-KI 1,12-2,63; p = 0,025), während Immuntherapie und Tyrosinkinaseinhibitoren dies nicht gewesen waren (HR 1,04; 95 %-KI 0,56-1,933; p = 0,025), fasste Horn zusammen. So eindeutig waren die Daten in der CCC-19-Studie nicht, allerdings zeigte sich auch dort eine Tendenz, die den negativen Einfluss der Chemotherapie unterstützt (pAOR 1,47; 95 %-KI 0,84-5,26; nicht signifikant).
Ebenso wiesen Patienten, die vor ihrer SARS-CoV-2 Infektion Steroide (entsprechend Prednison > 10 mg) und Antikoagulantien eingenommen hatten, ein erhöhtes Mortalitätsrisiko auf. Von den gestorbenen Lungenkrebspatienten hatten 23,4 % zuvor Steroide und 27 % Antikoagulantien eingenommen, von den geheilten nur 14,2 bzw. 18,3 %.
Darüber hinaus könnten auch bestimmte Medikamente den Verlauf der COVID-19-Erkrankung verschlechtern. In der CCC-19-Studie war die Gabe von Hydroxchloroquin kombiniert mit Azithromycin signifikant mit einer erhöhten Sterblichkeit assoziiert (pAOR 2,93; 95 %-KI 1,79-4,79). Risiko oder Vorteil von Hydroxychloroquin müssten in randomisierten Studien geklärt werden, forderte Warner.
Bericht von der virtuellen Jahrestagung der American Society of Clinical Oncology (ASCO) vom 29. bis 31. Mai 2020
