Skip to main content
Springer Nature - PMC COVID-19 Collection logoLink to Springer Nature - PMC COVID-19 Collection
. 2020 Sep 21;73(10):59–61. [Article in German] doi: 10.1007/s41906-020-0786-8

Wissenschaft Aktuell

PMCID: PMC7490235  PMID: 32952311

Personalmangel größte Herausforderung.

Die Corona-Pandemie hat die Krankenhäuser im Frühjahr vor größte Herausforderungen gestellt. Wie gut waren Pflegende darauf vorbereitet? Diese Frage wurde jetzt für die Region Berlin-Brandenburg untersucht. Die Ergebnisse sollen auch als Handlungsempfehlung für eine "zweite Welle" dienen. Um fehlende systematische Informationen zu liefern, führte ein Team um Johannes Gräske, Alice Salomon Hochschule Berlin, im April eine Online-Erhebung aus dem Blickwinkel des Pflegemanagements durch. Befragt wurden Pflegedienstleitungen aus Berliner und Brandenburger Kliniken zu strukturellen Kapazitäten, vorgenommenen Anpassungen, Personalsituation, Schutzausrüstung und Schulungsmaßnahmen. 31 Krankenhäuser haben geantwortet. Die Rücklaufquote lag trotz pandemiebedingter Herausforderungen bei rund 31%. Im Hinblick auf die strukturelle Kapazität verlief die Einrichtung von Teststationen an Krankenhäusern, der Umfrage zufolge, weitestgehend problemlos. Auch Maßnahmen zum Aufbau zusätzlicher Isolations- und Beatmungskapazitäten haben innerhalb kürzester Zeit gegriffen. Lediglich bei Probentransport und Ergebnisübermittlung zwischen Teststationen und Laboren gab es Probleme. Hier könnte ein Mehr an Digitalisierung helfen, so die Studie.

Unzufrieden mit der Personalsituation: Rund die Hälfte der Krankenhäuser gab an, nicht über ausreichend Personal zu verfügen. Dabei hatte die Mehrheit der Häuser Maßnahmen zur Umverteilung von Personal ergriffen. Für die künftige Pandemieplanung sollten daher Strategien entwickelt werden, wie Personal - temporär und situationsbezogenen - ohne größere Hürden zwischen Krankenhäusern verteilt werden kann.

In Bezug auf die Schutzausrüstung hatte die Mehrzahl der Krankenhäuser keine Engpässe zu verzeichnen. Die Erfahrungen zeigen aber, dass eine Bevorratung nicht zuverlässig erfolgt, vor allem durch den Bezug aus dem Ausland. Zur Vorbereitung des Personals hatte ein Großteil der Pflegedienstleitungen Schulungen zur Intensivpflege und Pflege von beatmungspflichtigen Patienten angeboten. Um künftig die Versorgung mit qualifizierten Fachkräfte sicherzustellen, sei auch ein Personalpool mit Pflegenden, die zwischen peripheren Stationen und Intensivstationen rotieren, denkbar. Außerdem fordert Gräske eine deutliche Abkehr von bisherigen Abläufen angesichts der Hinweise auf Personalmangel und der Bevorratung mit Schutzausrüstung. (ne)

Gräske J (2020) COVID-19 Pandemie in Berlin und Brandenburg: Eine Ist-Analyse in Krankenhäusern aus Sicht des Pflegemanagements. ash-berlin.eu

Wie viel ist zu viel?

US-Forscher haben Angaben der Health and Retirement Study (HRS) ausgewertet, einer seit 1992 laufenden Longitudinalstudie, an der eine repräsentative Auswahl von US-Bürgern im mittleren und höheren Alter teilnimmt und sich alle zwei Jahre untersuchen lässt. Berücksichtigt wurden rund 20.000 Teilnehmer, bei denen sowohl Angaben zum Alkoholkonsum als auch die kognitive Leistung erfasst wurden. Die Kognitionstests erfassten Erinnerung, mentalen Status sowie kristalline Intelligenz. Zusammen ergaben sie einen Summenscore mit maximal 35 Punkten.

graphic file with name 41906_2020_786_Fig1_HTML.jpg

Wie sich zeigte, befanden sich Teilnehmer mit geringem bis moderatem Alkoholkonsum - maximal acht Drinks à 14 g Alkohol (entsprechend einem kleinen Bier oder einem Glas Wein) pro Woche - am seltensten in der unteren und am häufigsten in der oberen Gruppe bei den kognitiven Tests. Verglichen mit Niemalstrinkern war für sie die Wahrscheinlichkeit für konsistent schlechte Kognitionstests um 36% geringer.

Der kausale Zusammenhang bleibt laut Autoren unklar - vielleicht trinken geistig fitte Leute im Schnitt einfach mehr Alkohol, was nicht bedeutet, dass Alkohol den geistigen Fähigkeiten nützt. (mut)

Zhang R et al. JAMA Netw Open 2020;3(6):e207922;

Schlechtes Gehör - mehr Amyloid im Hirn.

Altersbedingter Hörverlust ist mit vermehrten Amyloid-Ablagerungen im Gehirn assoziiert. 98 Probanden (Durchschnittslter 65 Jahre) absolvierten Hörtests und unterzogen sich einer kombinierten Positronenemissions- und Computertomografie. Schlechtes Hören war mit einer höheren Last an Beta-Amyloid, einem Kernmerkmal des Morbus Alzheimer, assoziiert. Ob hierbei ein kausaler Zusammenhang besteht, ist unklar. Dass Hörverlust zur Demenzentwicklung beiträgt, könnte beispielsweise durch die soziale Isolation durch das beeinträchtigte Gehör erklärt werden. (de)

Laryngoscope 2020; https://doi.org/10.1002/lary.28859

Risiko für Senioren besonders hoch.

Wissenschaftler um Eric Zou von der University of Oregon (USA) warnen, dass die atmosphärischen Veränderungen bei Unwettern bei anfälligen Personen zu einer Zunahme von medizinischen Notfällen führen können. Die Forscher haben über eine Zeit von 14 Jahren die atemwegsbedingten Konsultationen von Notaufnahmen von mehr als 46 Millionen US-Amerikanern im Alter über 65 ausgewertet. In diesem Zeitraum waren insgesamt über 820.000 schwere Gewitter über die USA hinweg gezogen. Jeweils am Tag vor einem solchen Ereignis war in der betroffenen Region ein Peak von Atemwegsnotfällen festzustellen. Im Vergleich zum Ausgangsniveau erhöhte sich die Zahl der Notfallambulanzkontakte im Mittel um 1,8 pro eine Million Personen.

Chronisch kranke Senioren besonders gefährdet: Bei den Patienten mit Asthma (rund 10% der Kohorte) bzw. COPD (ca. 25%) kamen 6,3 bzw. 6,4 Fälle hinzu, bei den an Asthma und COPD Erkrankten (7%) 9,4 Extrafälle, jeweils pro eine Million Personen. Das entsprach Risikozunahmen von 1,1-1,2%. Betrachtete man die drei Tage vor und nach einem Gewitter kam man insgesamt auf 5,3 zusätzliche respiratorische Notfälle pro eine Million Senioren; bei den vorerkrankten Patienten erhöhten sich die Zahlen um 22,6, 22,4 und 33,8 pro eine Million.

Die Forscher vermuten, dass Gewitter-assoziierte Atemwegserkrankungen bei älteren Menschen vor allem durch den vorausgehenden Anstieg von Feinstaubkonzentration und Temperatur verursacht werden. (rb)

Zou E et al. Emergency Visits for Thunderstorm-Related Respiratory Illnesses Among Older Adults. JAMA Intern Med 2020

Keine ruhige Minute ...

Pflegende Angehörige sind hohen Belastungen ausgesetzt

Im Rahmen ihrer Dissertation hat Anja Münch in 16 qualitativen Interviews die Lebenssituation von pflegenden Angehörigen im Ruhestand untersucht. Die zu Pflegenden sind Menschen mit unterschiedlichen Formen der Demenz in verschiedenen Stadien. Ein Fokus der Untersuchung liegt dabei auf der sozialräumlichen Unterscheidung zwischen der "häuslichen Pflegearena" und der "Arena der Öffentlichkeit". Unter "häuslicher Pflegearena" wird hier die eigene Wohnung oder das eigene Haus verstanden, als "Arena der Öffentlichkeit" sämtliche außerhäuslichen Aktivitäten, wie Arztbesuche, Restaurantbesuche oder Reisen. In beiden Arenen finden sich vielfältige Herausforderungen für pflegende Angehörige.

Hoher Druck durch Öffentlichkeit

Münch arbeitet für die "Arena der Öffentlichkeit" heraus, dass durch Blicke anderer Menschen aufgrund des Verhaltens der Menschen mit Demenz ein hoher Druck auf pflegende Angehörige aufgebaut wird und diese dadurch beginnen, die Öffentlichkeit zu meiden. Sie erleben sich dabei selbst als sozial unerwünscht und ziehen sich gemeinsam mit dem Pflegebedürftigen immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. In der häuslichen Pflegearena wird eine mitunter belastende Nähe beschrieben. Professionelle Distanz fehlt zwangsläufig bei pflegenden Angehörigen und Ruhephasen können ohne zusätzliche Unterstützung durch andere Angehörige oder professionelle Unterstützung nicht erfolgen. Durch die professionelle Beratung zur Pflege in der Häuslichkeit kann zusätzlicher Druck auf pflegende Angehörige aufgebaut werden, die Pflege weiter selbst zu leisten. Durch die gut gemeinte Ausstattung mit Hilfsmitteln, um auch schwerst Pflegebedürftige in der gewohnten Umgebung zu versorgen, kann es zu einer psychischen Überforderung der pflegenden Angehörigen kommen. Diese setzen dann beispielsweise bereits getroffene Entscheidungen zur Nutzung eines anderen Pflegesettings nicht um.

Münch A. Räume des Pflegens. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 5 (2020) 389-394

Kommentar: Die Belastungssituation pflegender Angehöriger im Ruhestand ist bisher viel zu wenig untersucht worden. In der Arbeit von Münch zeigt sich, dass der Grundsatz "ambulant vor stationär" auch zu unerwünschten Folgen führen kann. Wenn sich in einer Beratungssituation pflegende Angehörige gedrängt fühlen in einer für sie belastenden Situation zu verweilen, kann das nicht der richtige Weg sein. Die psychische und physische Belastungssituation der pflegenden Angehörigen muss stärker in der Beratung berücksichtigt werden. Gerade auch, wenn diese so sozialisiert sind, dass sie ihre Belastung auch auf Nachfrage kaum zur Sprache bringen. Für den öffentlichen Raum zeigt sich immer wieder, wie wenig Toleranz und Akzeptanz Menschen mit Demenz entgegengebracht wird. Trotz der intensiven Aufklärungsarbeit von Initiativen wie der Alzheimer-Gesellschaft oder der Schulung von DemenzPartnern ist es noch nicht gelungen, eine Akzeptanz für das Verhalten von Menschen mit Demenz in breitere Gesellschaftsschichten zu bringen. Es ist zu wünschen, dass die gerade anlaufende Nationale Demenzstrategie einen Beitrag dazu leistet.

Arbeitsstress erhöht das Risiko für PAVK.

Dass sich hohe Anforderungen bei geringen Gestaltungsmöglichkeiten am Arbeitsplatz ("job strain") negativ auf Herz und Gefäße auswirken und das Risiko für Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall steigen lassen, ist bekannt. Nun haben Forscher aus London herausgefunden, dass ein nervenaufreibender Job auch die Gefahr einer Klinikeinweisung wegen peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK) in die Höhe treibt. Ihre Befunde basieren auf den Daten aus elf prospektiven Kohortenstudien. 23,4% der insgesamt 139.132 Frauen und Männer im Durchschnittsalter von 38 bis 49 Jahren berichteten zu Studienbeginn über negativen Arbeitsstress. Innerhalb einer Beobachtungszeit von median zwölf Jahren waren 667 Arbeitnehmer wegen einer PAVK in stationärer Behandlung gewesen. Dies entspricht je nach Studie 0,2-1,8% der Teilnehmer.

Hohes Risiko: Personen mit vermehrter Belastung am Arbeitsplatz waren in der multivariaten Analyse aller Studien 1,4-mal mehr gefährdet als Arbeitnehmer, die keinen Stress im Job empfanden. Als Kovarianten gingen in die Auswertung folgende Faktoren ein: Alter, Geschlecht, sozioökonomischer Status, Body-Mass-Index, Nikotin- und Alkoholkonsum sowie körperliche Aktivität. Wurde zusätzlich ein Diabetes berücksichtigt, änderte dies nicht viel an den Ergebnissen.

Die Autoren sehen in dem Stress am Arbeitsplatz einen möglicherweise von den bekannten Risiken unabhängigen Faktor, der die Wahrscheinlichkeit einer stationären Behandlung wegen PAVK in ähnlicher Weise erhöht wie die eines Infarkts oder Schlaganfalls. (cs)

Heikkilä K et al. J Am Heart Assoc 2020; 9: e013538

Beatmung beendet - und dann?

Viele Intensivpatienten leben ohne lebenserhaltende Maßnahme weiter

Intensivpatienten, bei denen lebenserhaltende Maßnahmen beendet oder bewusst gar nicht erst eingesetzt wurden, leben oft noch überraschend lange. In einer finnischen Studie lebte jeder Vierte nach einem Jahr noch. Deutlich höher als erwartet sind offenbar die mittelfristigen Überlebenschancen von Intensivpatienten, bei denen sich das behandelnde Team bewusst gegen lebenserhaltende Maßnahmen entscheidet. Nach Daten der retrospektiven Studie konnten insgesamt 71% von 2444 Patienten nach einem solchen Entschluss aus der Intensivstation entlassen werden, knapp die Hälfte überlebte den Klinikaufenthalt und immerhin jeder Vierte auch das darauffolgende Jahr.

Präklinischer Zustand entscheidend

Günstigen Einfluss hatten ein ursprünglich guter körperlicher Zustand und das Fehlen von schweren Begleiterkrankungen laut APACHE-II-Score (Acute Physiology And Chronic Health Evaluation) bzw. SAPS-II (Simplified Acute Physiology Score) sowie eine relativ niedrige Pflegeintensität, gemessen mit dem vereinfachten TISS-76 (Therapeutic Intervention Scoring System). In die Studie einbezogen waren erwachsene Patienten aus 25 Intensivstationen, deren Daten in einem Register gesammelt wurden. Die Intensivmediziner um Jan Adamski vom Satakunta Central Hospital in Pori hatten differenziert zwischen lebenserhaltenden Maßnahmen, die gar nicht erst begonnen wurden, und solchen, die man nach einer gewissen Zeit abgebrochen hatte. Dazu zählten die Behandlung mit Vasopressoren, die (maschinelle) Beatmung, Nierenersatztherapie und/oder kardiopulmonale Wiederbelebung. Die Entscheidung, eine bereits begonnene Maßnahme zu beenden, wurde in der Studie deutlich seltener getroffen als der Entschluss, dem Patienten solche Maßnahmen von vornherein zu ersparen. Im ersten Fall lagen die Überlebensraten bei 43%, 18% bzw. 5% (für Intensivstation, Klinikaufenthalt bzw. 1-Jahres-Überleben nach Entlassung), im zweiten waren es deutlich mehr mit 82%, 61% und 32%.

graphic file with name 41906_2020_786_Fig8_HTML.jpg

Überlebenschance auch für Betagte

Was die Forscher überraschte: Das Alter der Patienten schien für das Weiterleben in diesem Zusammenhang kaum eine Rolle zu spielen. Eine Erklärung hierfür könnte sein, dass es Ärzten bei jüngeren Patienten generell mehr widerstrebt, sich gegen eine lebenserhaltende Maßnahme zu entscheiden. "Der Entschluss dagegen wird bei Menschen unter 80 nur dann gefällt, wenn die Prognose extrem schlecht ist", so Adamski und sein Team. In der Studie lag das Verhältnis bei 12% gegenüber 36% bei den betagten Intensivpatienten. Unter den verschiedenen Diagnosen hattenneurologische Störungen die besten Erfolgsaussichten im Hinblick auf das Überleben, wenn man sich von vornherein gegen eine lebenserhaltende Maßnahme entschieden hatte. Unter diesen Umständen hatten außerdem Patienten, die aus chirurgischen Stationen kamen, bessere Karten als solche, die zuvor auf einer anderen Station überwacht wurden.

Die Autoren betonen, dass man die Ergebnisse nicht auf Patienten übertragen könne, bei denen entschieden werden muss, ob man sie in eine Intensivstation aufnimmt. In der vorliegenden Studie sei es außerdem lediglich um das Überleben gegangen, nicht um die Lebensqualität. Was die behandelnden Ärzte jeweils zur Entscheidung gegen eine lebenserhaltende Maßnahme gebracht hatte, geht aus den Registerdaten nicht hervor. (eo)

Adamski J et al. Intensive care patient survival after limiting life-sustaining treatment . The FINNEOL national cohort study. Acta Anaesthesiol Scand 2020.


Articles from Pflege Zeitschrift are provided here courtesy of Nature Publishing Group

RESOURCES