Die Behandlung psychisch erkrankter Mütter und Väter mit Kindern im Alter bis zu sechs Jahren fand bislang wenig Beachtung, obwohl für diese Gruppe wichtige Indikationen bestehen und sich entsprechende Therapien als sehr erfolgreich erweisen. So zeichnet sich ein vielfach höherer Bedarf an Präventionsmaßnahmen ab, als es Angebote gibt.
Die stationäre Mutter/Vater-Kind-Behandlung in der Psychiatrie hat in den letzten zehn Jahren an Bedeutung gewonnen. Dies betrifft insbesondere die spezifische Behandlung postpartaler Erkrankungen bei Müttern mit Kindern im Säuglingsalter. Dagegen wurden Mütter und Väter mit etwas älteren Kindern im Kindergarten- oder Vorschulalter bislang wenig beachtet - obgleich für diese Gruppe wichtige Indikationen bestehen und sich solche Behandlungen sowohl für die Mütter und Väter als auch für die Kinder als sehr erfolgreich erwiesen haben. Niedergelassene Praxen profitieren deutlich von einem solchen stationären Angebot, da während des Aufenthalts eine multiprofessionelle Weichenstellung vorgenommen werden kann, die den ambulanten Sektor deutlich entlastet. Dass der Bedarf für diese spezifische Versorgung hoch ist, wird im Folgenden anhand von Zahlen aus der Literatur und eigenen Erhebungen aufgezeigt.
Bedarfszahlen aus der Literatur
Weltweit leiden 10-20 % der Kinder unter einer psychischen Störung [1], in Deutschland sind es etwa 10 % [2]. Angesichts der zunehmenden weltweiten Probleme (Klimakrise, COVID-19 und andere) muss eher mit einer Zu- als einer Abnahme psychischer Krankheiten gerechnet werden. International betrachtet sind 23-32 % der erwachsenen, psychiatrisch stationär aufgenommenen Patienten Kinder psychisch kranker Eltern [3].
In Deutschland gibt es etwa 2,6 Millionen Kinder mit psychisch kranken Eltern [3], anderen Quellen zufolge sind es 3 bis 4 Millionen [4]. Experten gehen von rund 3,8 Millionen Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren aus, bei denen im Laufe eines Jahres ein Elternteil psychisch erkrankt, wie das Familienministerium in einer Antwort auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken angab [5, 6]. Darunter seien leichte, aber auch sehr ernsthafte Erkrankungen und Süchte. Etwa 500.000 bis 600.000 dieser Kinder seien jünger als drei Jahre [6]. Demnach dürften zirka 3,2 Millionen drei Jahre oder älter sein.
Bei 2,65 der 3,8 Millionen Kinder unter 18 Jahren haben die Eltern die Diagnose Alkoholmissbrauch oder -abhängigkeit und schätzungsweise 6,6 Millionen Kinder leben bei einem Elternteil mit riskantem Alkoholkonsum [5]. Rund 60.000 Kinder haben, Schätzungen zufolge, ein opiatabhängiges Elternteil [5]. Das Dunkelfeld wird als sehr hoch angesehen. Etwa 37.500 bis 150.000 Kinder haben pathologisch glücksspielsüchtige Eltern, meist sind es die Väter [5]. Für andere Drogen oder auch Verhaltenssüchte liegen hingegen noch keine Zahlen vor.
Die Folgen sind Entwicklungsdefizite und -verzögerungen sowie Schul- und Leistungsprobleme [3]. Um eine Prävention dafür anzubieten, schätzt Röhrle einen acht bis 16 Mal höheren Bedarf an Präventionsangeboten als es verfügbare Plätze gibt [3]. Es werden 250 Familien pro Jahr durch die Beratungsstelle AURYN in Leipzig betreut; bei 400 Stellen wären demnach 100.000 Familien versorgt. Wenn 25-50 % der Kinder psychisch kranker Eltern psychische Probleme haben, wären jedoch 800.000 bis 1,6 Millionen Präventionsplätze notwendig. Die Kosten-Nutzen-Analyse würde positiv ausfallen: Für 1 €, der in die Prävention flösse, würde am Ende ein Gewinn von 20 € stehen, als Folge ausbleibender Krankheitskosten und der Vermeidung von Sekundärkosten [3]. Zudem ist Prävention nach dem Bundeskinderschutzgesetz von 2012 ein aktuell vorangetriebenes Thema.
Bedarfszahlen aus eigenen Erhebungen
Am Psychiatrischen Zentrum Nordbaden (PZN) in Wiesloch blickt man neben der Behandlung von postpartalen Erkrankungen auch auf eine nunmehr 20-jährige Erfahrung in der Behandlung von Müttern und Vätern mit zwei- bis sechsjährigen Kindern zurück. Für letztere Zielgruppe wurden verschiedene Erhebungen durchgeführt. So zeigt sich ein hoher Bedarf dieser Patientengruppe, der sich neben vollen Wartelisten durch Anfragen aus dem ganzen Bundesgebiet bestätigt. Eine Erhebung zu den behandelten Fällen innerhalb von zwölf Jahren [7] ergab, dass das bundesweite Therapieangebot zu 37 % von Patienten aus einem 50-Kilometer-Umkreis genutzt wurde, während 44 % zwischen 50 und 150 Kilometer von Wiesloch entfernt wohnten und 17 % von weiter als 150 Kilometer anreisten. Die Diagnoseverteilung war wie folgt: 42 % hatten eine affektive Störung, 27 % eine Persönlichkeitsstörung, 15 % eine Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis und 15 % eine neurotische Störung. Unter Einschluss der Nebendiagnosen litten insgesamt 52 % unter einer Persönlichkeitsstörung beziehungsweise 31 % unter einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung, was auch an der Spezialisierung der Station in ihren Anfangsjahren lag. Suchterkrankungen wurden ausgeschlossen.
In einer Erhebung von 2017 wurde das Aufkommen der telefonischen Anfragen ausgewertet. Von im Durchschnitt sieben Anfragen pro Woche konnten zwei bis drei neue Interessenten mit Kindern im Alter von zwei bis sechs Jahren auf die Warteliste gesetzt werden. Ablehnungen hatten unterschiedliche Gründe, des Öfteren fehlte die Eigenmotivation, zum Beispiel, wenn Auflagen durch andere Institutionen im Vordergrund standen. Wären somit die Kapazitäten vorhanden, könnten pro Jahr 130 Mütter mit ihrem Kind behandelt werden. Für ein noch spezialisierteres Angebot, beispielsweise mit angegliederter Kinder- und Jugendpsychiatrie und einer Kinderbetreuungseinrichtung, könnten möglicherweise bis zu 300 Mütter und Väter pro Jahr behandelt werden. In unserer Klinik können wir dieses Spezialangebot derzeit pro Jahr für 25 bis 30 Mütter und Väter mit Kind im Kindergarten-/Vorschulalter anbieten.
In einer weiteren Untersuchung wurde die elektronische Krankenakte für alle Patienten des Krankenhausbereichs (Kliniken für Allgemeinpsychiatrie und Klinik für Sucht und Entwöhnung) des PZN analysiert, in Bezug auf die Behandlungsfälle innerhalb eines Jahres (Mai 2016 bis April 2017). Es hatten 20 % der aufgenommenen Patienten bis zum Alter von 64 Jahren, also 1.405 Patienten, minderjährige Kinder.
Ein weiterer Berechnungsansatz geht von den bekannten Prävalenzen relevanter psychischer Störungen in der Allgemeinbevölkerung aus. In Tab. 1 wird eine Übersicht über diese Prävalenzen gegeben, mit groben Schätzungen des jeweils zu erwartenden Prozentsatzes betroffener Elternteile mit Kindern. Dafür wurde vorausgesetzt, dass 20 % der stationären Patienten minderjährige Kinder haben. Da erfahrungsgemäß bislang fast nur Mütter den Weg in die Mutter/Vater-Kind-Behandlung gefunden haben, wird zusätzlich der Prozentsatz für psychisch kranke Mütter in eckigen Klammern dargestellt.
| Diagnose (Elternteil) | Punktprävalenz (Männer : Frauen) | Geschätzter Prozentsatz betroffener Eltern [Mütter] mit minderjährigem Kind in Deutschland* | Geschätzte Anzahl betroffener Eltern [Mütter] mit minderjährigem Kind im PZN-Einzugsgebiet** |
|---|---|---|---|
| Alkoholabhängigkeit | 5 % der männlichen, 2 % der weiblichen Bevölkerung [33] |
0,7 % = 579.000 [0,2 % = 242.000] |
8.600 [3.600] |
| Schizophrenie | 0,3 % (1 : 1) [34] |
0,06 % = 50.000 [0,03 % = 25.000] |
740 [370] |
| Depression | 3-7 % (2 : 1) [33, 34] |
1,4 % = 1,2 Millionen [0,9 % = 744.000] |
17.200 [11.100] |
| Bipolare affektive Störung (Bipolar-I und Bipolar-II) | 1,5 % (1 : 1) [35] |
0,3 % = 248.000 [0,15 % = 124.000] |
3.700 [1.800] |
| Angststörungen | 7 % (2 : 1) [33] |
1,4 % = 1,2 Millionen [0,9 % = 744.000] |
17.200 [11.100] |
| Zwangsstörungen | 1-2 % [33] bzw. 3,8 % (1 : 1) [36] |
0,8 % = 682.000 [0,4 % = 314.000] |
10.100 [4.700] |
| (Partielle) PTBS |
2,3 % (2,7 %) [37] (2 : 1) [33, 34] |
0,5 % = 413.000 [0,3 % = 276.000] |
6.100 [4.100] |
| Somatoforme Störungen | bis zu 3-6 % [38] |
1,2 % = 990.000 [0,6 % = 496.000] |
14.700 [7.400] |
| Persönlichkeitsstörungen | 11 % [33] |
2,2 % = 1,8 Millionen [1,1 % = 909.000] |
26.700 [13.500] |
| AD(H)S | zirka 4 % (1 : 1) [33] |
0,8 % = 660.000 [0,4 % = 331.000] |
9.800 [4.900] |
| Gesamt |
7,8 Millionen [4,2 Millionen] |
114.800 [62.600] |
* ausgehend von 82,67 Millionen Einwohnern in Deutschland im Jahr 2016
** ausgehend von 1.228.521 Einwohnern im Jahr 2016
PZN = Psychiatrisches Zentrum Nordbaden; PTBS = posttraumatische Belastungsstörung; AD(H)S = Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
Anhand der Prävalenzzahlen ist somit in Deutschland von 7,8 Millionen psychisch erkrankten Elternteilen beziehungsweise 4,2 Millionen Müttern mit mindestens einem minderjährigen Kind auszugehen. Umgerechnet auf das Einzugsgebiet des PZN (etwa 1.200.000 Einwohner) würde dies ungefähr 123.500 psychisch erkrankten Elternteilen beziehungsweise 67.700 Müttern mit mindestens einem minderjährigen Kind entsprechen.
Selbstverständlich muss berücksichtigt werden, dass sich nicht alle Patienten in stationäre Behandlung begeben. Da in der eigenen Erhebung von 1.405 stationären Patienten mit minderjährigen Kindern die Rede ist, also von lediglich 1,1 % der geschätzten 123.500 Patienten, ist davon auszugehen, dass sich die restlichen 98,9 % Patienten, die ebenfalls minderjährige Kinder haben, in dem erfassten Jahr nicht in stationärer Behandlung befanden.
Schließlich ist zu bedenken, dass bei den errechneten Prävalenzzahlen auch Patienten mit Kindern unter zwei Jahren und im Alter von sieben bis 18 Jahren einbezogen sind. Nimmt man eine lineare Verteilung über die Altersstufen an, dann wären im Einzugsgebiet des PZN etwa 20.600 Eltern von Kindern im Alter von zwei bis vier Jahren betroffen (davon 11.300 Mütter) und etwa 41.200 Eltern mit Kindern im Alter von zwei bis sieben Jahren (22.600 Mütter). Nur ein Teil dieser Patienten erfüllt die Indikationskriterien für eine stationäre Behandlung innerhalb eines Jahres. Entsprechend der obigen Berechnung wären es 1,1 %, was knapp 250 Müttern mit Kind entspricht. Hier wiederum erfüllt auch nur ein Teil die Indikation für eine spezifische Mutter-Kind-Behandlung.
Insgesamt wären somit pro Jahr 130 bis 300 Mutter/Vater-Kind-Dyaden für eine Versorgungsregion pro 1,2 Millionen Einwohner für eine auf Mütter und Väter mit zwei- bis sechsjährigen Kindern ausgerichtete psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung geeignet, das heißt, 110 bis 250 Mutter/Vater-Kind-Dyaden pro 1 Million Einwohner.
Aspekte zur Wirksamkeit
Eine gemeinsame stationäre Behandlung kann sowohl behandelnd als auch präventiv wirken. Die Zahlen zur Effektivität einer störungsspezifischen Behandlung bei Erwachsenen ergeben sich aus den einschlägigen Studien zu den entsprechenden Störungen. Wie sieht es aber mit den Auswirkungen der Behandlung auf die Interaktion und auf die Prävention aus? Es ist bekannt, dass alle psychiatrischen Erkrankungen von Eltern während der gesamten Kindheits- und Jugendphase bedeutsamen Einfluss auf die psychische Entwicklung haben können, sodass auch in deutlich über die Säuglingsphase hinausgehenden Kindheitsphasen von einem hohen Bedarf an Mutter-Kind-Behandlungen ausgegangen werden muss, was aus klinischer Sicht bestätigt werden kann. Umgekehrt ist im Hinblick auf bereits psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche schon seit den 1990er-Jahren bekannt, dass intrafamiliäre Beziehungsdynamiken eine wichtige prognostische Bedeutung für die kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung haben [8]. Auch können sich Bindungsstörungen über drei Generationen fortsetzen und erst bei den Enkeln symptomatisch werden [9]. Insbesondere eine mangelnde elterliche Fürsorge korreliert mit einer reduzierten Ich-Stärke der Patienten [10].
Aus Untersuchungen zu Mutter/Vater-Kind-Behandlungen wissen wir, dass diese Behandlungsform nicht nur bei postpartalen Erkrankungen wirksam ist [11], sondern auch bei Müttern mit älteren Kindern, insbesondere auch hinsichtlich der Mutter-Kind-Interaktion [12] und damit auch der Prävention.
Für die Kinder psychisch kranker Eltern besteht ein mindestens zwei- bis dreifach höheres Risiko (siehe [3] und die Metaanalysen [13, 14, 15, 16]) oder sogar ein mehr als vierfach höheres Risiko [17, 18], selbst zu erkranken. Entsprechend groß ist die gesamtgesellschaftliche Bedeutung. Umgekehrt beträgt die Häufigkeit von psychischen Erkrankungen bei Eltern von kinder- und jugendpsychiatrischen Patienten einer Querschnittsstudie zufolge 48,3 % [17].
Die Wirksamkeit von Mutter/Vater-Kind-Behandlungen wird durch viele Studien zu anderen Interventionsverfahren gestützt, die dieser Behandlung in vielerlei Hinsicht ähneln und bereits signifikante Präventionseffekte gezeigt haben. So ergab eine Metaanalyse von Siegenthaler et al. zu solchen Programmen für die mitbetreuten Kinder ein durch um 40 % reduziertes Risiko, ebenfalls an einer psychischen Erkrankung zu erkranken [19]. Eine weitere Metaanalyse ergab mittlere Effekte für Wirksamkeitsbefunde von Interventionen für die Kinder psychisch kranker Eltern [20]. Gleichzeitig weiß man, dass die Qualität der Mutter-Kind-Interaktion auch bei älteren Kindern einen bedeutsamen Schutzfaktor im Sinne einer Prävention psychischer Belastungen darstellt [21, 22, 23, 24, 25, 26]. Auch bei schweren somatischen Erkrankungen wie Brustkrebs führt ein Mutter-Kind-Interventionsprogramm zu einer verbesserten Gesundheit der Mutter und der Kinder [27].
Schließlich existieren zahlreiche Studienbefunde, die indirekt auf eine Wirksamkeit einer Mutter-Kind-Behandlung hindeuten, zum Beispiel Untersuchungen zu Risikofaktoren [28] sowie zu Schutzfaktoren und Resilienz [29, 30]. Es ist deshalb davon auszugehen, dass Mutter/Vater-Kind-Behandlungen über die Verbesserung der Eltern-Kind-Interaktion neben der Therapie des Elternteils auch zu einer Prävention von psychischen Erkrankungen der Kinder führen [31], insbesondere, wenn die drei Komponenten des Expertenkonsensus [17] berücksichtigt sind, nämlich
eine effektive Behandlung der Erkrankung der Eltern,
psychoedukative Interventionen,
die Gewährleistung spezifischer (psychiatrischer/psychotherapeutischer/sozialpädagogischer) und individualisiert angepasster Hilfen.
Während Prä-Post-Effekte bereits für die Mutter/Vater-Kind-Behandlung für sowohl Mütter/Väter als auch die Interaktion zu Kindern bis zum Schulalter existieren, gibt es noch keine Langzeitanalysen hinsichtlich des direkten präventiven Effekts der Mutter/Vater-Kind-Behandlung auf die Kinder. Da es sich aber um einen stationären, multimodalen und multiprofessionellen Ansatz handelt, also eine hohe therapeutische Intensität besteht, sind noch höhere Effektstärken als bei den familienbasierten Interaktionsansätzen zu erwarten.
Zusammengenommen kann daher davon ausgegangen werden, dass eine stationäre Mutter/Vater-Kind-Behandlung für ältere Kinder, die sich in ihrem Aufbau an den bisherigen Forschungsergebnissen und dem Expertenkonsensus orientiert, neben dem primären therapeutischen Effekt einen Präventionseffekt zeigen wird. Weitere Langzeitstudien könnten unter Bezug auf Einzelaspekte und Wirkfaktoren die Effektivität untermauern. Eine Evaluationsforschung in natura ist jedoch erst möglich, wenn es überhaupt solche Mutter-Kind-Behandlungseinheiten gibt, die entsprechend longitudinal untersucht werden können.
Ökonomische Aspekte und Konsequenzen
Der Bedarf ist als sehr groß einzuschätzen, insbesondere auch für psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlungen von Eltern mit Kindern im Klein- bis Schulkindalter [7], die gesamtgesellschaftliche Bedeutung ebenfalls. Unabhängig davon besteht aber durch den präventiven Effekt auf die Kinder auch ein ökonomischer Nutzen auf lange Sicht, da die Kosten psychiatrischer Erkrankungen für die Gesellschaft hoch sind [32].
Die Prävention ist zudem zusätzlich gesetzlich verankert: Seit 2012 ist das Gesetz zur Stärkung eines aktiven Schutzes von Kindern und Jugendlichen (Bundeskinderschutzgesetz, BKiSchG, vom 1. Januar 2012) inkraftgetreten, das die Prävention und die Intervention im Fokus hat. Zwar gibt es auch seit Mitte 2015 das neue Präventionsgesetz, dieses wurde allerdings von den Krankenkassen bislang nur zugunsten der erwachsenen Patienten, nicht jedoch für die betroffenen Kinder umgesetzt [6].
Finanziert wird eine Mutter/Vater-Kind-Behandlung, wenn aufgrund der elterlichen Erkrankung eine Beziehungsstörung zum Kind besteht und wenn eine gemeinsame stationäre Aufnahme indiziert ist, um psychiatrischen Auffälligkeiten beim Kind präventiv zu begegnen.
Leider ist die Finanzierung der stationären Mutter/Vater-Kind-Behandlung bislang in keiner Weise kostendeckend. Der aktuelle Operationen- und Prozedurenschlüssel beispielsweise sieht nur ein vergleichsweise geringes Zusatzentgelt für Mütter und Väter mit Kindern vor, und dies zudem nur für Kinder bis zum Alter von vier Jahren. Manche Erkrankungen der Eltern werden aber erst relevant, wenn die Kinder schon älter sind. Beispielsweise brauchen Patienten mit Zwangsstörungen oft viele Jahre, bis sie überhaupt den Weg zu einem Arzt finden. Gerade aber Kinder im Kindergarten- und Vorschulalter (drei bis sechs Jahre) haben einen großen Wissensdrang. Sie bedürfen einer besonderen Unterstützung in der Interaktion und einer guten Psychoedukation. So wissen wir von erwachsen gewordenen Kindern psychisch kranker Eltern, dass sie sich als Kind vor allem aufklärende Gespräche zur Erkrankung ihres Elternteils gewünscht hätten, sowie Unterstützung darin, die Situation emotional zu verarbeiten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich im Vorschulalter die Wahrnehmung nach außen weiter öffnet und differenziert. Auch mit der Weiterentwicklung der Sprache stellen sich dem Kind mehr Fragen zu Themen, die es selbst betreffen, und die es zuallererst an die eigenen Eltern als Hauptbezugspersonen richtet. Zudem unterliegen Kinder in diesem Alter häufig dem sogenannten magischen Denken - um hier der Entwicklung falscher Grundannahmen, die mit Schuldgefühlen oder Gewissenskonflikten einhergehen können, entgegenzuwirken, ist eine kindgerechte Aufklärung besonders wichtig.
Ein weiteres Problem ist, dass sich bei Kindern bis zum Schulalter bereits ein ungünstiger Teufelskreislauf in der Eltern-Kind-Interaktion gebildet haben kann: Die psychisch kranke Mutter würde einerseits gerne eine stationäre Behandlung in Anspruch nehmen, kann dies jedoch nicht, da sie dann die ohnehin geschwächte Beziehung zu ihrem Kind gefährden könnte. Auf der anderen Seite verstärkt sich durch eine ausbleibende Behandlung die Symptomatik der Mutter und gegebenenfalls auch des Kindes. Dies beeinflusst sich gegenseitig, ohne dass eine Lockerung der gemeinsam verfestigten Strukturen in Sicht ist, da eine rein ambulante Behandlung oft nicht ausreichend intensiv ist. Auch eine stationäre kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung führt oft nur zu einer einseitigen Lösung, wird aber der Interaktionsproblematik weniger gerecht. Gerade aber bei Müttern und Vätern mit psychiatrischen Diagnosen führen meist erst vollstationäre Behandlungen in einer Fachklinik weiter.
Setting
Die Behandlung ist durch ihr störungsspezifisches Therapieangebot klar von rein präventiven Ansätzen abzugrenzen, wie zum Beispiel Mutter-Kind-Kuren. Auch werden, im Gegensatz zu einem reinen Rooming-in-Setting, kindgerechte Therapiebausteine angeboten. Neben der Behandlung der Mutter beziehungsweise des Vaters steht die Eltern-Kind-Beziehung im Fokus. Dabei folgen auf eine diagnostische Einschätzung der Mutter/Vater-Kind-Beziehung eine (fach-) therapeutisch unterstützte Stärkung der Beziehung und Bindung, zum Beispiel durch begleitete Mutter/Vater-Kind-Aktivitäten.
Die Zugangsform ist rein elektiv und erfolgt nach einem ambulanten Vorgespräch. Dagegen sollten fremdmotivierte, ausschließlich diagnostische oder gar gutachterliche Interessen (etwa eine Überprüfung der Erziehungsfähigkeit) bereits im Vorgespräch ausgeschlossen werden, da solche Aspekte die therapeutische Beziehung und den Behandlungscharakter einer psychotherapeutisch geprägten Station stark beeinträchtigen und damit den Sinn einer Mutter/Vater-Kind-Behandlung ins Gegenteil verkehren würden.
Unserer Erfahrung nach ist ein kindgerecht gestaltetes psychotherapeutisch-psychosomatisches Setting sehr gut geeignet für eine Mutter/Vater-Kind-Behandlung mit Kindern im Kindergarten- und Vorschulalter. Die Mutter/Vater-Kind-Behandlung hat eine primär therapeutische Zielsetzung mit zusätzlichen präventiven Aspekten. Spezifische Fachkräfte, zum Beispiel spezifisch geschulte Ergotherapeuten, Kinderkrankenschwestern oder Erzieher sowie der Sozialdienst unterstützen die Mutter/Vater-Kind-Behandlung in großem Maße. Zudem ist empfehlenswert, dass Zeiten der Kinderbetreuung gewährleistet werden, damit die Mutter beziehungsweise der Vater auch psychotherapeutische Einzeltherapien sowie Fachtherapien wahrnehmen kann.
Eine kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung ist dabei nicht unbedingt erforderlich, da nicht jedes Kind bereits eine psychische Störung entwickelt hat. Es kann jedoch ein Screening durchgeführt werden, um festzustellen, ob ein Kind kinder- und jugendpsychiatrisch vorgestellt werden müsste. Sollte bei einem Kind bereits eine Störung vorbekannt sein, wäre im Einzelfall abzuwägen, ob eine Mutter/Vater-Kind-Behandlung in einem erwachsenenpsychotherapeutischen Setting sinnvoll ist, beziehungsweise unter welchen Bedingungen. Beispielsweise gibt es Kliniken, die erwachsenenpsychiatrische Stationen sowie kinder- und jugendpsychiatrische Stationen unter einem Dach vereinen und gemeinsame Anknüpfungspunkte bieten (z. B. in Göppingen und Waldmünchen).
Fazit für die Praxis
Der Versorgungsbedarf von Familien mit psychisch erkrankten Elternteilen ist groß: Die Zahl der Kinder psychisch kranker Eltern wird in Deutschland auf drei bis vier Millionen geschätzt. Die stationäre Mutter/Vater-Kind-Behandlung in der Psychiatrie stellt dabei einen wichtigen ergänzenden Baustein in der Versorgungslandschaft dar, der eine intensive Behandlung und Weichenstellung zum weiteren ambulanten Prozedere ermöglicht. Sie hat eine sowohl therapeutische als auch eine präventive Wirksamkeit und nicht zuletzt einen hohen gesamtgesellschaftlichen (auch ökonomischen) Nutzen. Darüber hinaus sehen wir eine dringende ethische Notwendigkeit, den Betroffenen diese Therapieform nicht vorzuenthalten. Jedoch ist die Finanzierung bislang nicht kostendeckend und generiert eine Schieflage zwischen Bedarf und Angebot. Insbesondere Mütter und Väter mit Kindern mit Kindern, die älter als vier Jahre sind, werden nicht berücksichtigt. Aufgrund unserer Schätzung wären für eine stationäre psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung von Müttern und Vätern mit zwei- bis sechsjährigen Kindern pro Jahr und pro 1 Million Einwohner 110 bis 250 Mutter/Vater-Kind-Dyaden geeignet - wenigstens aber 25 Dyaden sollte ein Behandlungsplatz angeboten werden können.
Prof. Dr. med. Stefan Gebhardt.
Klinik für Allgeeinpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosoatik II
Psychiatrisches Zentru Nordbaden,
Heidelberger Straße 1a,
69168 Wiesloch
E-Mail: Stefan.Gebhardt@pzn-wiesloch.de
Dipl.-Psych. Milena Nestor.
Klinik für Allgeeinpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosoatik II,Psychiatrisches Zentru Nordbaden, Wiesloch
Dipl.-Psych. Verena Wörner.
Klinik für Allgeeinpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosoatik II,
Psychiatrisches Zentru Nordbaden,
Wiesloch
Prof. Dr. med. Helmut Vedder.
Klinik für Allgeeinpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosoatik II,
Psychiatrisches Zentru Nordbaden, Wiesloch
Electronic supplementary material
Danksagung
Unser Dank gilt: Dr. med. Peter Brenk, Jana Haizmann, Stephanie Hoss, Claudia Klock, Dr. med. Julia Mai, Katharina Muhm, Andreas Peters, Daniela Salat, Orsolya Uicz
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