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. 2020 Nov 11;31(11):28–29. [Article in German] doi: 10.1007/s15016-020-7562-2

Nehmen psychische Erkrankungen durch die COVID-19-Pandemie zu?

Christa Roth-Sackenheim 1,, Christian Vogel 2
PMCID: PMC7652050

Wir verfügen bisher aus dem Bereich der ambulanten Versorgung in den psychiatrischen Praxen nicht über valide Daten, um die Frage zu beantworten. Daher können wir hier nur gesammelte Eindrücke und Erfahrungen der Kolleginnen und Kollegen wiedergeben.

Die COVID-19-Pandemie und deren soziale Auswirkungen spielen eine Rolle für den Verlauf psychischer Erkrankungen und können auch spezifische psychopathologische Phänomene auslösen. Im ambulanten Bereich bestätigen sich im Wesentlichen Ergebnisse einer in der Psychiatrischen Klinik der TU München durchgeführten Untersuchung mit einem standardisierten Fragebogen, der im Rahmen der Anamnese von 196 Patienten im Zeitraum vom 6. bis 17. April 2020 zum Einsatz kam. Patienten aus allen Diagnosegruppen fühlten sich in ähnlichem Maße von den Kontaktbeschränkungen betroffen, wobei dies am stärksten von Patienten mit Abhängigkeitserkrankungen empfunden wurde. Andererseits fiel auf, dass Patienten mit Psychosen weniger Ängste aufgrund der Konfrontation mit der Pandemie angaben. Dies galt sowohl für Ängste vor Infektion, Zukunftsängste wie auch finanzielle Sorgen [1].

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Jürgen Ziesalek referiert in einem Aufsatz im Deutschen Ärzteblatt vom 22. Mai 2020 Untersuchungen aus China, in denen ein initial erhöhter ambulanter und telepsychiatrischer Beratungsbedarf festgestellt worden ist, ähnlich wie bei der SARS-Epidemie vor einigen Jahren [2]. Im Zusammenhang mit der SARS-Epidemie fanden sich in Untersuchungen aus Singapur und Hongkong eindeutige Zunahmen der Prävalenz von psychischen Störungen insgesamt und Traumafolgestörungen im Speziellen.

Nach Mitteilungen psychiatrischer Kolleginnen und Kollegen ist derzeit in den Praxen eine Häufung von Angststörungen zu beobachten und eine Verschlechterung bei Angststörungen, affektiven Erkrankungen mit begleitender Angstsymptomatik und bei Patienten mit schon bestehenden Traumafolgestörungen. Eine Bestätigung besonderer Belastung bei Suchtkranken liegt nicht vor, was möglicherweise daran liegt, dass diese ohnehin selten in psychiatrischen Praxen, sondern meist in anderen Institutionen der Suchthilfe oder gar nicht fachspezifisch behandelt werden.

Laut der am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf durchgeführten COPSY-Studie, in der 1.040 Kinder und Jugendliche zwischen elf und 17 Jahren sowie 1.500 Eltern befragt wurden, gaben 71 % der Teilnehmer an, sich psychisch stark belastet zu fühlen, vor der Pandemie war es nur ein Drittel. Bei 24 % gab es Hinweise auf eine Angststörung, vor der Pandemie waren es 14 % [3].

Wissenschaftler des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit haben das psychische Befinden der Mannheimer Bevölkerung in einer Stichprobe während des Lockdowns im April 2020 erhoben und mit dem Befinden der Menschen im Jahr 2018 verglichen. Sie konnten die Annahme, dass psychische Erkrankungen als Folge des Lockdowns zugenommen hätten, auf Basis ihrer Daten nicht beweisen. Die Arbeit ist in der Fachzeitschrift Psychiatrische Praxis erschienen [4] und wurde auch im Deutschen Ärzteblatt aufgegriffen [5].

Jonathan P. Rogers et al. veröffentlichten eine Metaanalyse zu den Folgen der Pandemie auf die psychische Gesundheit [6]. Sie werteten zwölf Studien mit knapp 1.000 Patienten zu COVID-19 und 60 Studien zu SARS-CoV und MERS-CoV aus. Bei SARS- und MERS-Patienten traten in der Akutphase bei 28 % ein Delir auf, im weiteren Verlauf bei je einem Drittel Depressionen oder Angstzustände. Auch nach Entlassung entwickelten zirka 10 % der Patienten depressive Symptome, je 12 % Ängste oder Schlafstörungen, jeder Fünfte klagte über Fatigue oder Gedächtnisstörungen. Erste Studiendaten zu COVID-19 bestätigen laut Rogers diese Entwicklungen.

Welche Patientengruppen sind besonders gefährdet?

Nach den vorliegenden Daten sind alle Diagnosegruppen betroffen. Besonders gefährdet sind wahrscheinlich Patienten mit der Leitsymptomatik Angst, möglicherweise auch Suchtkranke.

Nach einer initial verringerten Inanspruchnahme der Praxen aufgrund mangelnder Hygieneausstattung und sozialer Isolationsmaßnahmen ist in naher Zukunft mit einer erhöhten Inanspruchnahme des psychiatrischen Versorgungssystems zu rechnen, was sich bereits abzeichnet. Dabei sind sicher auch neue Versorgungsmodelle wie telepsychiatrische Krisenintervention und Videokonsultationen hilfreich, die in der vergangenen Akutphase der Pandemie bereits genutzt wurden und die bald evaluiert werden sollten. Diese Interventionen erweitern den ambulanten Radius.

Zunehmend wichtig wird die Primär- und Sekundärprävention zur Früherkennung und -behandlung, insbesondere bei Risikogruppen wie COVID-19-Betroffenen und deren Familien sowie für medizinisches Personal. Daten aus China und Italien sprechen eindeutig für massive Belastungen der zuletzt genannten Gruppe. In einer Selbstauskunft medizinischen Personald in China nannten 72 % allgemeine Belastungssymptome, 50 % depressive Symptome, 45 % Angstsymptome und 34 % Schlafstörungen.

Nehmen Suizide durch die COVID-19-Pandemie zu?

Aufsehen erregte der Suizid der New Yorker Notfall- und Intensivmedizinerin Dr. Lorna M. Breen Ende April 2020. Es wurde ein Zusammenhang zwischen ihrer beruflichen Tätigkeit und der Pandemie angenommen, da sie nicht unter einer psychiatrischen Vorerkankung litt. Zitiert wird auch ein Leiter der Notaufnahme eines Krankenhauses in der Nähe von San Francisco mit den Worten: "Wir haben in vier Wochen so viele Suizidversuche wie sonst in einem Jahr."

Im Mai 2020 sprach Michael Tsokos, Rechtsmediziner der Berliner Charité, im FOCUS über das Phänomen der "Corona-Suizide", unter anderem auch in Bezug auf den Suizid des hessischen Finanzministers Ende März 2020 [7]. Er berichtete über acht Suizide zwischen März und Mai 2020, in denen die COVID-19-Pandemie und die Angst davor als zumindest mitauslösend gewertet wurde. Alle Personen waren nicht infiziert.

Eine Zunahme aller besonders mit dem Symptom Angst assoziierten Krankheitsbilder kann bereits jetzt beobachtet werden und wird wahrscheinlich im weiteren Verlauf stärker. Ansteigen wird wahrscheinlich auch die Zahl der Patienten mit Traumafolgestörungen, insbesondere auch unter medizinischem Personal. Dabei sind nicht nur die posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) und die komplexe PTSD zu beachten, sondern auch andere vorwiegend mit verschiedenen Formen von Angst gekennzeichneten reaktiven Störungen. Dabei ist der Schweregrad, insbesondere auch das Risiko von Suizidalität schwer voraussehbar. Hier gelten im Übrigen für Diagnose und Therapie die etablierten Leitlinien für Angststörungen und andere Krankheitsbilder.

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Literatur (Auswahl)


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