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. 2020 Nov 11;42(11):21–23. [Article in German] doi: 10.1007/s35114-020-0296-y

Nachhaltigkeit beginnt in den Kommunen

Oliver Haubner 1,
PMCID: PMC7655141

Kommunen sind der Motor für die gesellschaftlich-nachhaltige Entwicklung, um den Wandel hin zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft zu gestalten. Dabei kann der Beitrag der Kommunen zur Erreichung der Ziele der Agenda 2030 der Vereinten Nationen mit ihren anspruchsvollen 17 Sustainable Development Goals (SDGs) nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Immer mehr Kommunen machen sich auf den Weg, den Paradigmenwechsel und den Generationenvertrag, den die Agenda 2030 beschreibt, aktiv mit Leben zu füllen. Sie gehen die Mobilitätswende an, leisten ihren Beitrag zum Klimaschutz, widmen sich dem Erhalt der biologischen Vielfalt, der Armutsprävention und -bekämpfung oder der Bildung für nachhaltige Entwicklung, um nur einige Beispiele zu nennen. Nachhaltigkeit beginnt in den Kommunen. Das wurde oft genug geschrieben und begründet. Vor Ort - dort, wo die Menschen leben - wird Nachhaltigkeit umgesetzt.

Für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis für Städte und Gemeinden 2021 haben sich - inmitten der Corona-Krise, als die Arbeitsbelastung und die Verantwortung am höchsten waren - 40 Kommunen aller Größenklassen aus fast allen Bundesländern beworben. Elf Städte und Gemeinden in drei Größenkategorien wurden für den Preis nominiert. Die Stadt Eltville am Rhein wurde von der Jury zur nachhaltigsten Kleinstadt 2021 gewählt. Exemplarisch wird nachfolgend beschrieben, wie in dieser Stadt nachhaltiges Handeln langfristig und konsequent an der Agenda 2030 und den SDGs ausgerichtet wird.

Deutschlands nachhaltigste Kleinstadt 2021

In Eltville am Rhein ist ein ausgewogenes gesellschaftliches Miteinander die Basis für eine handlungsfähige und zukunftsfähige Stadt. Kreatives Engagement, gepaart mit globaler Verantwortung schafft das Fundament für nachhaltige Entwicklung und die Lebensqualität künftiger Generationen. Die hessische Kommune im Rhein-Taunus-Kreis mit ihren rund 17.000 Einwohnern zeichnet sich durch eine hohe Wirtschaftskraft aus. Geprägt durch die Nähe zu den Rhein-Main-Zentren Wiesbaden und Frankfurt am Main zählt Eltville zu den attraktivsten Wirtschafts- und Dienstleistungsstandorten in der Region. Aber trotz der ständig wachsenden baulichen Entwicklung hat sich die Stadt ihren historischen Charme bewahrt.

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Konsequente Orientierung an der Agenda 2030

Die Zukunft der Stadt an den Nachhaltigkeitszielen der Agenda 2030 auszurichten ist für Bürgermeister Patrick Kunkel eine der wichtigsten Herausforderungen für eine verantwortungsvolle Stadtentwicklung. Eltville gehört für ihn zu der "Einen Welt" und diese Verantwortung prägt das lokale Handeln. Kommunen sind der Motor für die gesellschaftlich-nachhaltige Entwicklung, um den Wandel hin zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft zu gestalten. In der Stadt wird deutlich: Bei der Umsetzung der SDGs kommt es auf das konkrete Engagement vor Ort an.

Grundlage des Nachhaltigkeitsverständnisses in Eltville ist der partizipativ erarbeitete "Eltville 2030-Entwicklungsplan". Institutionell verankert ist die Koordinierung aller Aktivitäten in der verwaltungsinternen Nachhaltigkeits-AG "Eltville 2030".

Die weltweiten Klimaproteste "Fridays for Future" haben dem Klimaschutz innerhalb kurzer Zeit die längst erforderliche Aufmerksamkeit beschert und die Politik massiv unter Zugzwang gesetzt. In Eltville ist daraus die Bewegung #YCFF - Your City for Future entstanden.

Angegliedert an das Jugendzentrum Eltville sind Jugendliche aktiv eingeladen, ganz konkret für ihre Stadt zu überlegen, welche Maßnahmen und Veränderungen hin zu mehr Klimaschutz und zu nachhaltigem Tun sie beitragen können. Schon beim ersten Treffen im April 2019 sind handfeste Vorschläge entstanden, die der Kinder- und Jugendbeirat beraten und an den Magistrat weitergegeben hat. Die Idee beispielsweise, "Elterntaxis" einfach abzuschaffen, wurde kurzerhand umgesetzt. Die morgendlichen chaotischen Verkehrszustände vor dem Schulzentrum mit ihrem nicht unerheblichen Gefahrenpotenzial gehören jetzt der Vergangenheit an. Die Initiatoren von #YCFF bei der Stadt Eltville gehen noch einen Schritt weiter: Ziel sollte es sein, dass im Sinne des Klimaschutzes gar kein Kind mehr zur Schule gefahren wird. Auch die Trenn-Mülleimer, die im Stadtgebiet eingeführt wurden, gehen auf das Ideenkonto der Jugendlichen, ebenso wie die Förderung des Radverkehrs und die dauerhafte Sperrung der Altstadt für Pkw, um sie vollständig zur Fußgängerzone zu machen.

Für den Bürgermeister hat die Einbindung der Jugendlichen in die lokalen Entscheidungsprozesse schlicht mit Respekt zu tun. Junge Menschen, die sich für den Klimaschutz einsetzen, sollen sich von der Politik vor Ort ernst genommen fühlen. Keine Idee, kein Thema soll von der Agenda gewischt werden.

Global nachhaltige Kommune

Im Dezember 2017 wurde die Musterresolution "Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung: Nachhaltigkeit auf kommunaler Ebene gestalten" des Deutschen Städtetages und des Rates der Gemeinden und Regionen Europas (RGRE) unterzeichnet. Dem ging ein einstimmiger Beschluss der Eltviller Stadtverordnetenversammlung voraus - ein deutliches Bekenntnis der Politik, den Prozess der weiteren Stadtentwicklung immer auch an den Zielen der Nachhaltigkeit zu messen.

In Eltville ist man stolz, Fairtrade-Town zu sein. Seit dem Frühjahr 2020 hat die Stadt eine eigene Koordinatorin für kommunale Entwicklungspolitik. Sie ist Ansprechpartnerin für alle Fragen rund um die Koordination und Umsetzung des entwicklungspolitischen Engagements in der Stadt. Sie erarbeitet den nachhaltigen Stadtentwicklungsplan und kümmert sich um Belange der fairen Beschaffung und die zukünftige Partnerschaftsarbeit mit dem Globalen Süden.

Soziale Nachhaltigkeit in der FamilienStadt Eltville

Im Fokus der "FamilienStadt" Eltville ist vor allem die soziale Dimension der Nachhaltigkeit. Mit einem umfassenden Bildungs-, Betreuungs- und Beratungsangebot für alle Alters- und Zielgruppen schafft die Stadt tragfähige Strukturen und geht auf individuelle Bedürfnisse ein. Soziale Einrichtungen wie unter anderem die beiden Mehrgenerationenhäuser und der Jugendtreff, aber auch digitale Angebote wie das Soziale Familien-Netzwerk Rheingau holen die Eltviller Bürgerinnen und Bürger ab.

Das Mehrgenerationenhaus Eltville, dessen Trägerschaft die Stadt Anfang 2019 übernommen hat, ist ein Leuchtturm für den sozialen Zusammenhalt - ein Begegnungsort, an dem das Miteinander der Generationen aktiv gelebt wird. Menschen jeden Alters und jeder Herkunft sind willkommen und können durch ihr Engagement aktiver Teil der Stadtgemeinschaft werden. Quartiersentwicklung erfolgt damit sozialraumorientiert, niedrigschwellig und generationenübergreifend.

Klimaschutz für mehr Nachhaltigkeit

Die Einstellung eines Klimaschutzmanagers ist ein weiterer Nachweis, dass sich Eltville den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen verpflichtet fühlt. Mittlerweile geht der Ausbau der Photovoltaik auf städtischen Liegenschaften voran und eine umfängliche Potenzialanalyse wurde erstellt. Regelmäßig können die Bürgerinnen und Bürger eine Solarenergieberatung in Anspruch nehmen. Fernwärme-Quartierskonzepte wurden entwickelt. Auch das Umrüsten auf LED steht ganz oben auf der Agenda. Damit hat die Stadt Erfahrung. Durch das Förderprogramm des Landes Hessen zur Umrüstung der Straßenbeleuchtung auf energieeffiziente LED-Technik konnte Eltville bis 2018 rund 1.600 Leuchten modernisieren. Das macht im Ergebnis eine Stromersparnis von bis zu 80 Prozent.

Eltville ist in vielen Initiativen im Bereich Biodiversität aktiv. Private bienenfreundliche Balkone und Gärten wurden prämiert, zahlreiche städtische Initiativen zur Ansiedlung von Wildbienen ins Leben gerufen, städtische Grünflächen werden insektenfreundlich ohne Glyphosat bewirtschaftet.

Themenfeld Wirtschaft und Arbeit

Seit 2019 findet in Eltville ein intensiver CSR-Prozess zur Vernetzung der ortsansässigen Unternehmen mit Vereinen, Stiftungen, dem Ehrenamt und gemeinnützigen Mittlerorganisationen statt. Im halbjährlich stattfindenden Eltviller Wirtschafts-Dialog erarbeiten Unternehmen mit anderen Akteurinnen und Akteuren Empfehlungen für die lokale Wirtschaft und den regionalen Handel. Um den Auswirkungen der Corona-Pandemie für den örtlichen Handel zu begegnen, wurde die Initiative "Eltville liefert" gestartet und - gemeinsam mit der Stadt Oestrich-Winkel - der Rheingau-Marktplatz ins Leben gerufen. Auch in anderen Bereichen legt Eltville großen Wert auf interkommunale Zusammenarbeit. Die Stadt im Rheingau setzt auf sanften Tourismus - auch hier wird auf die Kooperation mit Städten in der Region und europäischen Partnern gebaut.

Digitaler Bürgerdialog

Als eine von zehn ausgewählten Pilotkommunen in Deutschland wird Eltville von der Bertelsmann Stiftung bei der Durchführung eines digitalen Bürgerdialogs unterstützt. Bis zu 60 interessierte Bürgerinnen und Bürger hatten damit Anfang September 2020 die Möglichkeit, sich in eine Online-Diskussion zu Fragen der Stadtentwicklung einzubringen. Zentrale Fragestellungen: Wie kann sich Eltville zukunftsorientiert und krisenfest weiterentwickeln? Wie hat sich die Bedrohung durch das Corona-Virus auf die Stadtgesellschaft ausgewirkt und wie müssen vor diesem Hintergrund die Weichen künftiger nachhaltiger Entwicklung gestellt werden? Der digitale Bürgerdialog ist ein weiterer Schritt, um in einem breit angelegten Partizipationsprozess eine ausdifferenzierte Handlungsstrategie für die nachhaltige und resiliente Stadt "Eltville 2030" zu entwickeln.

Eltville 2030 - nachhaltig und resilient in die Zukunft

Eltville am Rhein hat sich im Frühjahr 2020 entschlossen, sich zum vierten Mal, nach 2016, 2017 und 2018, um den Deutschen Nachhaltigkeitspreis zu bewerben. Die Bewerbung zeigt den vorbildlichen Beitrag der Stadt zur kommunalen Transformation und macht deutlich, dass durch das jahrelange deutliche Bekenntnis zur nachhaltigen Stadtentwicklung und den SDGs resiliente Strukturen geschaffen wurden, die sich in der Corona-Krise bewährt und bezahlt gemacht haben. Die Verantwortlichen in Eltville haben die aktuell geführte Diskussion um die Beschaffenheit einer nachhaltigen "Post-Corona-Stadt" aufgegriffen und damit gezeigt, dass in der Krise, die uns unvorbereitet in nahezu allen Bereichen unseres Lebens erschüttert hat, auch eine ungeahnte Chance steckt. Denn genau jetzt haben wir die Gelegenheit, gemeinsam die widerstandsfähige, nachhaltige Stadt der Zukunft zu skizzieren.

Der Artikel erscheint in ähnlicher Form in der Publikation: "Oliver Haubner, Stefan Kuhn: Instrumente für kommunales Nachhaltigkeitsmanagement. Eine Einführung, Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2020".

Kompakt.

  • Die Kommunen sind der Schlüssel zur Erreichung der Ziele der Agenda 2030 und der Umsetzung der SDGs.

  • Alle 17 SDGs sind potenziell relevant für die Kommunen - in unterschiedlicher Intensität.

  • Nachhaltigkeit in Kommunen ist Querschnittsaufgabe und Chefsache.

Oliver Haubner

ist Senior Project Manager, Programm Lebenswerte Kommune, bei der Bertelsmann Stiftung. oliver.haubner@bertelsmann-stiftung.degraphic file with name 35114_2020_296_Figb_HTML.jpg


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