Jetzt hinschauen und lernen Die Pandemie hat die Pflege nach wie vor im Griff - auch wenn jetzt mehr Routine eingekehrt ist und sich einiges eingespielt hat. Doch viele Fragen stellen sich im Nachhinein: Was hat Corona mit der ambulanten Versorgung gemacht? Welche Defizite waren spürbar? Ein Blick auf die Strukturen und Punkte, an denen wir arbeiten müssen.
Was bedeutet das Coronavirus für die Arbeit der Mitarbeiter in der ambulanten Pflege? Gibt es positive Nebeneffekte? Wie sind die Patienten mit der Pandemie umgegangen? Und wie war die Zusammenarbeit mit pflegenden Angehörigen? Es gibt viele Fragen, die sich im Zusammenhang mit der Pandemie stellen. Eine entscheidende ist jedoch: Waren und sind wir künftig auf Krisenfälle, wie wir sie jetzt erleben, vorbereitet? Vor allem hierauf soll eine Antwort gegeben werden. Denn nur, wenn alle an einem Strang ziehen, können Krisen bewältigt werden. Gerade hier gab es ein großes Manko. Festzuhalten bleibt: Die Herausforderungen der Corona-Pandemie waren und sind für die ambulante Pflege nichts Neues. Die Profession Pflege ist auch auf die Aufgaben in Sachen Hygiene gut vorbereitet - wenn sie denn alle hierfür notwendigen Hilfsmittel zur Verfügung hat, etwa Schutzmaterialien, die an allen Ecken und Enden fehlten. Die Situation war doppelt prekär, für die Mitarbeiter und für die Patienten.
Im "Untergrund": Unterstützung der Kassen fehlte
Heute, viele Monate nach dem Ausbruch der Pandemie sind alle namhaften und beteiligten Institutionen, Verwaltungen und Behörden endlich an Bord. Die meisten von ihnen reden jetzt sehr konkret über das, was sie noch im März und bis in den Mai hinein selbst nicht wussten oder lieber nicht wissen wollten. Sie sprechen über Anforderungsprofile, Notwendigkeiten, Zusammenhänge und Verpflichtungen für die ambulante Pflege. Viele Ämter, Behörden, Abteilungen der Ministerien, Kassen, Sozialhilfeträger und Institutionen waren über Wochen und Monate "abgetaucht", im Home office..., und immer gut geschützt mit all dem Schutzmaterial, das in der direkten Pflege nicht vorhanden war. Heute stellen sie ihren - positiven - Beitrag heraus, bei der Bewältigung der Gesamtaufgabe COVID-19.
Der ambulanten Pflege ist jedoch nicht zum Lachen zumute. Denn sie sah sich plötzlich mit dem Sicherstellungsauftrag, der den Kassen obliegt, konfrontiert. Auf dessen Erfüllung haben die Kassen immer wieder hingewiesen - ohne dass sie dafür sorgen, dass dem auch immer nachgekommen werden konnte.
Ein Beispiel: In einem Schreiben der AOK-Nordost vom 28.04.2020 heißt es auf die Mitteilung eines ambulanten Pflegedienstes, dass in einer betreuten Seniorenwohnanlage einige COVID-19-Fälle bestehen und die Versorgung nicht sichergestellt werden kann: "Sollte es Ihrem Pflegedienst nach der Entlassung aus dem Krankenhaus nicht möglich sein, die Versorgung der Patienten sicherzustellen, erinnern wir Sie an die vertraglichen Voraussetzungen." Es folgen Ermahnungen, wie und wo überall die Sicherstellung vertraglich geregelt ist. Am Ende des Schreibens heißt es: "Sollte es bei der Überleitung der Patienten zu Schwierigkeiten kommen, bitten wir Sie darum, Ihren Berufsverband um Unterstützung zu bitten." So sah teilweise gelebte Hilfe seitens der Kassen aus, zumindest in Berlin.
Abseits der Pflege: meist schlecht vorbereitet
Unbestritten, die Pandemie erfordert einen "Spagat": die Entscheidung zwischen dem notwendigen Schutz des Personals und der Gewährleistung von Versorgungssicherheit, also die Aufrechterhaltung der Kapazitäten durch ambulante Pflegedienste. Zu Beginn der COVID-19-Pandemie zeigte sich, wie schlecht vor allem große Institutionen, Gesundheitsämter, Kranken- und Pflegekassen, Sozialhilfeträger, vor allem aber auch der Katastrophenschutz auf ein Geschehen dieser Art vorbereitet waren. Enttäuschend war, wie wenig Verständnis hier teilweise für die Situation vor Ort vorhanden war. Vielleicht auch, weil man selbst keine Lösungen hatte, und auch Angst, selbst in die Verantwortung genommen zu werden. Verbunden mit: "Hoffentlich kann die ambulante Pflege das!" Sie konnte nicht nur - sie hatte keine Wahl, sie musste.
Lediglich die Landes- und die Bundespolitik sind hier positiv zu erwähnen. Sie haben in den ersten Wochen mit den Anbietern zusammen fast in täglicher Abstimmung und in partnerschaftlichem Miteinander für praktikable Lösungen und die Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit gesorgt. Gefragt war Innovation und ein effektives Handeln zwischen Politik und Leistungsanbietern. Angehörige und Patienten gestalteten in bewundernswerter Weise diesen Prozess mit viel Verständnis mit. Gleichfalls positiv war, wie unkompliziert es dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen und der Bundespolitik mit Beteiligung der Leistungserbringerverbände gelang, Lösungen für finanzielle Ausgleiche zu finden und Risiken pragmatisch zu finanzieren. Hier haben die Beteiligten gezeigt, dass es kreative, vor allem aber praxisnahe, wirkungsvolle Instrumente gibt und man sie gemeinsam finden und anwenden kann, wenn man will.
Ambulante Pflege hat geleistet
Wie hat die Bewältigung der ersten Phase der Corona-Pandemie die ambulante Pflege verändert? Die Mitarbeiter in ambulanten Diensten - und insgesamt der Profession Pflege - haben tagtäglich den "Tanz auf dem Vulkan" bewältigt, ohne wirklichen Schutz, mit viel Kreativität, vor allem aber mit Engagement und selbstlosem Einsatz. Dagegen war - um es nochmals zu betonen - das Risiko für die genannten Institutionen um ein Vielfaches geringer. Die ambulante Pflege hat geleistet. Auch die Solidarität der Einrichtungen untereinander und die Unterstützung der Berufs- und Arbeitgeberverbände haben enorm dazu beigetragen, dass die ambulante Pflege zum allergrößten Teil funktioniert hat.
Klare Strukturen und Prozesse sind gefragt
Ambulante Pflegedienste sind vielfach kleine und mittelständische Einrichtungen, die in bemerkenswerter Weise schnell, unkompliziert, vor allem aber zielgenau und mit viel Praxisnähe den erwähnten Spagat zwischen dem Schutz der Mitarbeiter und der Gewährleistung von Versorgungssicherheit geschafft haben. Wer heute darüber spricht, warum diese Unternehmen in der kritischsten Phase keine Pandemiepläne hatten, die passgenau für alle Fragen Lösungen boten, geht weltfremd und praxisfern durch diese Welt.
So war und ist eine der Herausforderungen, dass die meisten Pflegedienste seit Wochen und Monaten keine oder nur begrenzte Kapazitäten für neue Patienten hatten beziehungsweise haben. Andererseits sagten mit Beginn der Pandemie plötzlich viele Patienten oder Angehörige ab, zum einen aus Angst vor Infektionen, zum anderen weil sie die Versorgung selber übernehmen wollten, da sie durch Homeoffice-Regelungen zuhause waren und auch das Geld für die Versorgung brauchten.
Die ambulante Pflege braucht dringend Antworten auf entscheidende Fragen. Die Leistungsanbieter müssen lernen, professionelles Handeln noch klarer und deutlicher nach außen darzustellen. Pflegerisches, medizinisches, vor allem aber unternehmerisches Handeln muss gelernt und weitergebildet werden. Entscheidungen während der ersten Pandemie-Phase, die mit Intuition und Empathie getroffen wurden, brauchen in Zukunft klare Strukturen und Prozesse. Dabei soll die Empathie nicht in den Hintergrund geraten, sondern die Erkenntnisse und Strukturen leitend begleiten.
Lehren aus der Corona-Pandemie
Obwohl die ambulante Versorgung seit Jahren nicht auskömmlich finanziert ist, obwohl Kostenträger in Berlin, egal ob Kranken-, Pflegekassen oder Sozialhilfeträger, keine Sonntags-, Feiertags-, Nacht- oder Spätdienstzuschläge in der ambulanten Pflege zahlen, gab es immer wieder Mitarbeiter, die auch zu ungünstigen Zeiten die Versorgung übernehmen. Das wird auf Dauer nicht gelingen. Wenn wir in Deutschland nicht schnellstmöglich flächendeckend die ungünstigen Arbeitszeiten, die die Work-Life-Balance wesentlich beeinflussen, mit Zuschlägen von bis zu 150 Prozent entlohnen, werden wir den totalen Zusammenbruch der Versorgung spürbar erleben. Wir müssen finanzielle Anreize schaffen, damit auch bislang ungünstige Arbeitszeiten Attraktivität erhalten.
Die Corona-Pandemie hat in vielen Betrieben einen engeren Zusammenhalt, ein neues Wir-Gefühl entwickelt. Dieser Zusammenhalt, diese Kraft des gemeinsamen Handelns darf nicht unendlich strapaziert, vor allem aber nicht ausgenutzt werden. Mitarbeitende der ambulanten Dienste waren und sind jeden Tag vor Ort im Hotspot, in Familien mit ungewissen möglichen Infektionsketten. Sie tun trotz der Gefahren ihren Dienst, sind motiviert, freundlich und erledigen mit viel Empathie und hoher Fachkompetenz ihre Arbeit.
Blick in die Zukunft
Es ist zu hoffen, dass die nun wieder stattfindenden MDK-Prüfungen sich nicht darauf reduzieren, exzessiv Pandemie-Konzepte zu prüfen und etwa festzustellen, dass einige Dienstversammlungen und Protokolle in dieser Zeit nicht ordentlich geführt wurden. Es war eine richtige und gute Entscheidung, die zusätzliche Belastung - nämlich die Qualitätsprüfung - auszusetzen. Nun ist die Zeit gekommen für partnerschaftliches Miteinander, für einen Austausch, für ein gemeinsames Ringen um Lösungen und für das Anknüpfen an bewährte und bilateral sinnvolle Strategien. Und diese auf den Prüfstand zu stellen. Das gilt beispielsweise für manche Verordnungs- und Genehmigungswege. Hier haben die letzten Monate gezeigt, dass manches auch unbürokratischer gehen kann.
Das Bestreben der Kassen und Kostenträger sollte darin bestehen, mehr Vertrauen in die ambulanten Pflegedienste zu haben. Diese haben gezeigt, was sie leisten können. Die Mitte August aufgekommene einseitige Meinung, die fehlenden Qualitäts-Prüfungen hätten zu einem massiven Qualitätsverlust in den Einrichtungen geführt, ist dafür weder hilfreich noch zielführend. Wer ambulante Versorgung langfristig sichern will, muss diese finanziell und strukturell fördern. Aktuell scheint es, dass auf der Kostenträgerseite sehr schnell viel vergessen wird. Die Rückkehr zum Status vor Corona läuft, anstatt die Chancen und Erfahrungen der letzten Monate zu nutzen. Wieder wird über Rahmenverträge, über Entgeltsteigerung getrennt nach Sozialsystemen verhandelt. Es gibt keine gemeinsame Intention der Kostenträger für eine nachhaltige Entgelterhöhung und vor allem nicht für die Zahlung der genannten Zeitzuschläge, zumindest nicht in Berlin. Ein "Bergauf" für die ambulanten Pflegedienste ist damit mehr als schwierig.
Mit am deutlichsten hat die Corona-Krise gezeigt, dass wir ohne eine Digitalisierung der Pflege das 21. Jahrhundert nicht bestreiten können. So sind viele Kostenträger bis heute nicht in der Lage, Verordnungen digital zu transportieren und Genehmigungsverfahren zu verkürzen. Im papierlosen Arbeiten, in der Schaffung von Schnittstellen, im digitalen Informationsaustausch liegt die Zukunft der Pflege - durch Innovation, Entschlackung, vor allem aber durch Entbürokratisierung. Rechnungsbelege, Leistungsnachweise, sechsfache Unterschriften, das bergeweise Versenden von Papier: dies alles muss endlich der Vergangenheit angehören.
Bewusst geworden ist uns allen auch, dass wir künftig mehr auf Hygiene, auf den Umgang untereinander und auf das Infektionsgeschehen insgesamt achten müssen. Hier liegen auch Chancen, sowohl für die Industrie, für die Wirtschaft, für Gesundheitseinrichtungen und die beteiligten Institutionen und Behörden. Es gilt, die Erfahrungen der bisherigen Corona-Pandemie ehrlich aufzuarbeiten und zu evaluieren. Das ist notwendig, um die durch die Analyse gewonnenen Erkenntnisse zu nutzen, um die Gesundheits- und Pflegeversorgung in Deutschland weiter auszubauen, sie zu optimieren und nachhaltig weiterzuentwickeln.
Fazit.
Die COVID-19-Pandemie hat deutlich gezeigt, wie schlecht vor allem große Institutionen, Gesundheitsämter, Kranken- und Pflegekassen, Sozialhilfeträger, vor allem aber der Katastrophenschutz auf so eine Pandemie vorbereitet waren.
Es ist Zeit für ein partnerschaftliches Miteinander, für Austausch, ein gemeinsames Ringen nach Lösungen und für das Anknüpfen an bewährte und bilateral sinnvolle Strategien.

