Patienten mit einem Nierenzellkarzinom der Stadien cT1b bis cT2b haben wohl kein erhöhtes Progressionsrisiko, wenn die Tumor-Operation pandemiebedingt bis zu drei Monate verschoben wird. Das legen Daten aus einer retrospektiven US-Studie mit fast 30.000 nephrektomierten Patienten nahe.
Die partielle oder totale Nephrektomie gilt als die kurative Therapie der ersten Wahl beim lokal begrenzten Nierenzellkarzinom (NCC). Sie gehört aber auch zu den Eingriffen, die bei drohender Überlastung der Klinikkapazitäten im Verlauf der Corona-Pandemie als "nicht dringlich" und daher möglicherweise verschiebbar eingestuft werden.
Bei Patienten mit einem NCC im Stadium cT1a, also einem auf die Niere begrenzten Tumor von weniger als 4 cm Durchmesser, ist das Verschieben der Operation nach der bisherigen Datenlage unbedenklich. Studien haben nachgewiesen, dass hier die Überwachung durch einen Urologen genügt. Unsicherheit gibt es dagegen bei zwar noch lokal begrenzten, aber umfangreicheren Tumoren (cT1b bis cT2b). Hier stellt sich die Frage, ob man eine Progression in ein nicht mehr kurativ behandelbares Stadium riskiert, wenn man die Operation zu lange hinauszögert.

US-amerikanische Urologen haben diese Fragestellung anhand der Daten von knapp 30.000 bereits nephrektomierten NCC-Patienten der Stadien cT1b bis cT2b rückblickend untersucht. Die Daten stammen aus einem US-Krebsregister, der NCDB (National Cancer Database).
Wie die Ärzte zeigen konnten, war im Hinblick auf das Fortschreiten der Erkrankung ein Hinausschieben der Nephrektomie um mehrere Monate offenbar unbedenklich.
So hatten Patienten, die erst nach ein bis drei Monaten operiert wurden, kein signifikant höheres Risiko, in ein Tumorstadium mit Gefäßinfiltration (pT3a) vorzurücken als Patienten mit Nephrektomie innerhalb eines Monats. Das galt prinzipiell für alle drei Diagnosestadien (cT1b: 9,3 % gegenüber 8,9 %; cT2a: 23,8 % vs. 24,9 %; cT2b: 30,1 % vs. 33,1 %). Sogar eine noch längere Wartezeit schien das Progressionsrisiko nicht nennenswert zu erhöhen.
Allerdings war der Anteil der Patienten mit größeren Tumoren, die erst nach mehr als drei Monaten operiert worden waren, relativ gering (cT2a: 370 Patienten, cT2b: 123 Patienten), was die Aussagekraft zumindest für die cT2-Patienten schmälert.
Auf das Gesamtüberleben - in der Studie ein sekundärer Endpunkt - schienen verlängerte Wartezeiten von bis zu drei Monaten ebenfalls keinen starken Einfluss zu haben, obwohl die Resultate in diesem Punkt teilweise widersprüchlich ausfielen: Ein Verschieben des Eingriffs war zum Beispiel bei cT1b-Läsionen mit leicht, aber immerhin signifikant verschlechterten Überlebensraten assoziiert - nicht aber bei cT2-Tumoren.
Fazit: Sollte aufgrund der Corona-Pandemie ein Hinausschieben der Nephrektomie erwogen werden, sind den Autoren dieser Studie zufolge nicht nur Tumorhistologie und Wachstumsverhalten zu berücksichtigen, sondern auch Begleiterkrankungen und natürlich auch die klinikeigenen Kapazitäten und Ressourcen. In der Studie waren Faktoren wie höheres Alter, männliches Geschlecht, ein Charlson-Komorbiditäts-Index ab 2 und ein größerer Tumorumfang sowohl mit dem Fortschreiten des Tumors als auch mit schlechteren Überlebensraten assoziiert. Patienten mit nicht klarzelligen Karzinomen hatten dabei in allen drei Gruppen ein signifikant geringeres Progressionsrisiko.
Srivastava A et al. Delaying Surgery for Clinical T1b-T2bN0M0 Renal Cell Carcinoma: Oncologic Implications in the COVID-19 Era and Beyond. Urol Oncol. 2020; https://doi.org/10.1016/j.urolonc.2020.10.012
